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Socken mit Sohle.

Mo, Aug 29, 2011

Produkttests, Schuhe

Socken mit Sohle.

Vor ein paar Tagen las ich einige Fahrberichte der österreichischen „Autorevue“. Nicht, dass ich mich für Autos interessieren würde. Aber die Berichte sind oft so schön und liebevoll und poetisch geschrieben, dass sie jedermann Spaß machen können. So schön, dachte ich, müsste man Schuhkritiken schreiben können. Aber das ist schwierig. Denn Straßenlage, Kurvenverhalten, Beschleunigung und Ausstattung sind bei Autos nun mal so, wie sie sind. Vielleicht geht die Beschreibung einen Schuss ins Subjektive, aber im Großen und Ganzen ist das alles allgemeingültig.

Wie anders ist das bei Laufschuhen! Was der eine als Offenbarung empfindet, ist für den anderen ein Albtraum mit Schnürsenkeln. Schuhkritiken sind vollkommen persönlich – mit einem Schuss ins Objektive. Zumindest gilt das für die Schuhberichte, wie ich sie mag. Ich meine damit natürlich nicht das Kopieren und Einfügen der technischen Ausstattung von der Herstellerwebseite in den eigenen Blog, das hundertfach stattfindet.

Wer mich kennt, weiß, dass ich mich mit technischer Ausstattung ohnehin schwer tue. Vor einiger Zeit bewarb jemand einen Schuh bei Facebook mit diesen Worten.

Facebook Schuhbeschreibung

Solche Beschreibungen lassen mich fassungslos zurück.

Ich will nun also versuchen, weniger über die Technik als über das Gefühl zu schreiben, was der neue Brooks Ghost 4 bei mir hinterlässt – wohl wissend, dass es bei anderen Läufern ein völlig anderes sein kann. Mit dem Brooks Ghost 3 war ich glücklich. Er hat mich als mein erster echter Neutralschuh immer gut über die Strecke getragen und alle anfänglich empfundenen Vorteile haben sich auf Dauer bestätigt. Meine Zipperlein, die ich gerade mit Plantarsehne und Achillessehne habe, sind unabhängig von den Schuhen, das haben mir orthopädische Fußspezialisten bestätigt (dazu bald an anderer Stelle mehr). Nachdem der Ghost 3 nun allmählich reichlich abgelatscht wirkt, habe ich mich für seinen Nachfolger entschieden.

Ghost 4 und der gute alte Ghost 3, der langsam einer Kartoffel immer ähnlicher wird.

Ghost 4 und der gute alte Ghost 3, der langsam einer Kartoffel immer ähnlicher wird.

Die erste Überraschung kam schon im Schuhgeschäft: er war zu groß. Bei Brooks trage ich immer 42 (Asics 41 ½), aber dieses Mal fühlen sie sich zu lang an. Vorne könnte ich mühelos noch einen großen Zeh quer legen. Davon sehe ich lieber ab und versuche die 41er. Das verunsichert mich etwas, aber sie passen. Das heißt, passen ist vermutlich nicht das richtige Wort. Sie umschließen meine Füße, als wären sie aus Metall und das Schuhmaterial magnetisch. Flupp. Sitzt. Die Zehenbox scheint nicht ganz so weit geschnitten zu sein, wie beim Ghost 3, aber obwohl ich ausgeprägte Entenfüße habe, komme ich damit zurecht. Der wesentlichen Unterschied zum Ghost 3 ist jedoch die Dämpfung. In Rück- und Vorfuß verwendet Brooks jetzt die DNA Technologie. Schon wieder so ein unverständliches Kürzel, das habe ich aber ausnahmsweise verstanden. DNA ist eine Dämpfung, die sich dem Laufverhalten des Läufers anpasst. Wie das gehen kann, wird in diesem sehr eindrucksvollen Video erklärt.

Die Sohle im Vorfuß hat Flexkerben, die für mehr Flexibilität sorgen sollen. Mehr noch als beim Vorgänger und mit dem war mein Vorfuß schon sehr auf du und du. Im Laden hopple ich ein bisschen auf und ab, aber im Grunde müsste ich das gar nicht. Ich wusste schon im Stehen, dass ich diese Schuhe nicht mehr hergebe.

Die beiden Geister im Vergleich, auch der neue ist schon hübsch dekoriert.

Die beiden Geister im Vergleich, auch der neue ist schon hübsch dekoriert.

Der Schuh fühlt sich federleicht an. Das könnte natürlich daran liegen, dass er federleicht ist. Er sitzt wie angesaugt am Fuß, als hätte ich ihn maßschneidern lassen. Deshalb habe ich trotz komfortabler Dämpfung nie das Gefühl von zu viel Schuh am Fuß. Laufen kann ich mit dem Vierergeist nicht. Ich rolle. Er ist ganz leise und das passt zu dem sockigen Eindruck, den meine Füße von ihm haben. Man kann wunderbar mit ihm trotten, ohne, dass er ungeduldig anfängt zu quengeln. Andererseits freut er sich mächtig, wenn man ihm etwas Auslauf gönnt. So ein Schuh will ja auch mal gefordert sein. Die Beschleunigung dankt er mit einem perfekten angenehmen Bodenkontakt – das Rollen behält er bei. Der Ghost 4 ist die Sorte Schuh, nach dem man im Schrank sucht, wenn man in Urlaub fährt und einen Schuh braucht, mit dem man einen Dreißiger laufen kann, der eine kurze straffe Einheit mitmacht und mit dem man obendrein kilometerweise durch die Stadt latschen kann. Der Ghost schafft das alles.

Zwar bin ich mit der Farbwahl nicht ganz einverstanden, vor allem, was die Ferse betrifft, aber so von oben ist er schon recht ansehnlich. Außerdem wissen wir ja, dass bei Liebe das Aussehen gar nicht wichtig ist. Wir sind erst einige Wochen zusammen, der Geist und ich, aber es scheint, als wären wir füreinander gemacht. Oder nur er für mich? Ach, egal.

Wer den Ghost 4 mal versuchen sollte:

  • Leichte Überpronierer, die endlich mal einen Neutralschuh auspronieren äh, probieren wollen
  • Läufer, die nicht viel Schuh am Fuß spüren wollen, aber Dämpfung brauchen
  • Jeder Neutralfüßler, der einen perfekten Allrounder für viele Trainingskilometer braucht

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Ein Kommentar um “Socken mit Sohle.”

  1. Jörg Says:

    Aber hellblau, das geht doch gar nicht 😉


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