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	<title>Laufen-mit-frauschmitt &#187; Frankfurt-Marathon</title>
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	<description>Laufen zum Lesen und Hören.</description>
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		<title>Der Puschel-Marathon.</title>
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		<pubDate>Mon, 26 Oct 2009 22:16:29 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Beim Puschel Marathon handelt es sich nicht etwa um einen Landschaftslauf in &#214;sterreich („Der Kaiser f&#228;hrt heuer wieder zur Kur nach Puschl“). Es ist vielmehr eine besondere Ausdauersportart. Sie wird von denjenigen ausge&#252;bt, die mehrere Stunden am Streckenrand Marathonl&#228;ufer anfeuern und sich dabei eines Puschels bedienen. Vor einigen Jahren kaufte ich in einem Fachgesch&#228;ft f&#252;r Clownsbedarf einen riesengro&#223;en, raschelnden Cheerleader-Puschel. Er ist pink. Sehr pink. (...)]]></description>
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<p>Beim Puschel Marathon handelt es sich nicht etwa um einen Landschaftslauf in &#214;sterreich („Der Kaiser f&#228;hrt heuer wieder zur Kur nach Puschl“). Es ist vielmehr eine besondere Ausdauersportart. Sie wird von denjenigen ausge&#252;bt, die mehrere Stunden am Streckenrand Marathonl&#228;ufer anfeuern und sich dabei eines Puschels bedienen. Vor einigen Jahren kaufte ich in einem Fachgesch&#228;ft f&#252;r Clownsbedarf einen riesengro&#223;en, raschelnden Cheerleader-Puschel. Er ist pink. Sehr pink. Ich wollte bei einer Marathonveranstaltung ein paar Menschen zujubeln und brauchte ein passendes Utensil.</p>
<p>Aus leidvoller eigener Erfahrung wei&#223; ich, dass nicht alles, was zum Anfeuern angeboten wird, auch daf&#252;r geeignet ist. Als ich einmal in Hamburg Marathon lief, hatte der damalige Sponsor Hansaplast Tr&#246;ten verteilt. Genaugenommen waren es Plastikmundst&#252;cke mit einer aufgesteckten Papprolle. Sie machten etwa das Ger&#228;usch, das Luftballons fabrizieren, wenn man den Gumminippel auseinanderzieht, w&#228;hrend die Luft entweicht. Widerlich. Bei Kilometer 10 hatte ich das Gef&#252;hl, dass jedes Kind in ganz Hamburg mit dieser Tr&#246;te ausgestattet war und die Strecke beschallte. Bei Kilometer 20 war ich mir sicher, dass auch die Eltern je eine Tr&#246;te besa&#223;en. Bei Kilometer 30 wusste ich, dass jedes Kind vier Tr&#246;ten hatte, und die Eltern, Gro&#223;eltern, Onkel, und Tanten auch. Es ging mir nicht gut bei diesem Lauf und ich litt zus&#228;tzlich an vier Stunden schrillem F&#252;&#252;pen. Ich denke, der ber&#252;hmte „Mann mit dem Hammer“ sollte in „der Mann mit der Tr&#246;te“ umbenannt werden. Sponsoren sollten bedenken, was sie tun. Ich habe nie wieder ein Hansaplast-Produkt gekauft.</p>
<p>Ich habe vieles ausprobiert beim Anfeuern: eine kleine Glocke (war zu leise und ging nach einer Stunde kaputt), Topfdeckel (war lustig, ruinierte aber auf Dauer die Deckel), rufen (macht nach einer Stunde heiser). Obendrein ist beim pers&#246;nlichen Anfeuern noch etwas anderes wichtig: es muss auch dann noch wahrgenommen werden, wenn der Ger&#228;uschpegel der Umgebung gro&#223; ist. So kam ich auf den Puschel. Er kann nicht nerven, denn er macht kein stresserzeugendes Ger&#228;usch. Er ist weithin sichtbar (wenn man ihn &#252;ber dem Kopf schwenkt) und so wird man auch von den L&#228;ufern in der Menge gefunden. Und er l&#246;st Heiterkeit aus. Das durfte ich heute beim Frankfurt Marathon wieder einmal feststellen.</p>
<p style="text-align: left;"><a href="http://www.laufen-mit-frauschmitt.de/wp-content/uploads/2009/10/Bild-9.png"><img class="size-full wp-image-2013 aligncenter" style="margin-top: 2px; margin-bottom: 2px;" title="Bild-9" src="http://www.laufen-mit-frauschmitt.de/wp-content/uploads/2009/10/Bild-9.png" alt="Bild-9" width="302" height="402" /></a><br />
Ich beziehe am Morgen meinen traditionellen Standplatz, p&#252;nktlich 10 Minuten vor dem Start. Er liegt an der Mainzer Landstra&#223;e, dort, wo die L&#228;ufer vier mal vorbeikommen: bei km 1, 3, 35 und 41. Zwischendurch kann man an die Alte Oper watscheln, um dort noch einmal L&#228;ufer bei km 6 zu sehen. Mehr L&#228;ufereindr&#252;cke bei weniger logistischem Aufwand sind kaum machbar. Die einzige Schwierigkeit besteht darin, dass man sich entscheiden muss: w&#228;hrend die einen L&#228;ufer noch bei km 1 sind, kommen andere schon bei km 3 auf der gegen&#252;berliegenden Seite vorbei. Gleiches gilt f&#252;r 35 und 41. Hier muss man die Anfeuerungskr&#228;fte nach Bedarf verteilen: die Langsamen brauchen mehr Zuspruch.</p>
<p>Wer Marathonlaufen liebt und schon einmal an der Strecke stand, wird es best&#228;tigen: es gibt kaum etwas aufregenderes, als den Moment, wenn sich der Hubschrauber n&#228;hert und das erste Polizeifahrzeug auftaucht. Dann folgen meistens mehrere Motorr&#228;der, ein paar Fahrr&#228;der und dann das wichtigste: das Auto mit der magischen Uhr auf dem Dach. Hinter dem Auto laufen Menschen, die das gleiche tun, das man selbst so oft tut. Und doch sieht es ganz anders aus. Dunkelh&#228;utige M&#228;nner schweben vorbei, mit gl&#228;nzenden, sehnigen Waden, mit Flatterhosen und d&#252;nnen Tr&#228;gerhemdchen, mit sch&#246;n geformten Hinterk&#246;pfen und gro&#223;en Z&#228;hnen. Man sieht sie vorbeifliegen und f&#252;hlt sich sofort wie ein Germkn&#246;del neben einer Vanilleschote.</p>
<p><a href="http://www.laufen-mit-frauschmitt.de/wp-content/uploads/2009/10/Frankfurt-Marathon-1.jpg"><img class="alignnone size-full wp-image-2016" title="Frankfurt-Marathon 1" src="http://www.laufen-mit-frauschmitt.de/wp-content/uploads/2009/10/Frankfurt-Marathon-1.jpg" alt="Frankfurt-Marathon 1" width="512" height="384" /></a></p>
<p>Niemand in der Menge ruft „Wilfred!“, „Henry!“ oder „Joseph!“ obwohl es auf den Startnummern steht. Der Menge ist es im Grunde egal, welcher der Schwarzen gewinnt. In Frankfurt ist das besonders ausgepr&#228;gt. Denn dort starten viele Elitel&#228;ufer. Man will die Konkurrenz und man will den Streckenrekord. Sie sind alle phantastisch. Sie sind alle Elite. Aber sie sind nicht wie Paul Tergat oder Haile Gebrselassie. Sie sind keine Stars. Sicher k&#246;nnen sie gut damit leben. Aber mir tut es leid. Ich suche mir immer einen aus, den ich besonders anfeure. Auch mit Namen.</p>
<p style="text-align: left;"><a href="http://www.laufen-mit-frauschmitt.de/wp-content/uploads/2009/10/Frankfurt-Marathon-5.jpg"><img class="aligncenter size-full wp-image-2018" title="Frankfurt-Marathon 5" src="http://www.laufen-mit-frauschmitt.de/wp-content/uploads/2009/10/Frankfurt-Marathon-5.jpg" alt="Frankfurt-Marathon 5" width="512" height="384" /></a><br />
W&#228;hrend der Hubschrauber noch &#252;ber uns steht, rei&#223;t das Feld weit auseinander. Wenn man noch einen Kaffee trinken muss, sollte man das jetzt tun. Ich habe immer eine Thermoskanne Kaffee dabei. Als Fan an der Strecke muss man wach und warm bleiben. Zum Gl&#252;ck ist es heute nicht kalt – bei 15 Grad l&#228;sst es sich gut eingepackt lange stehen. Dann wird es spannend: jetzt kommen die, die nicht mit Laufen ihr Geld verdienen und trotzdem abenteuerlich schnell sind. Ich erkenne ein paar L&#228;ufer aus der Region. Wie schnell sie sind! F&#252;r meinen Puschel haben sie &#252;berhaupt keinen Blick. Es ist der erste Kilometer, man ist noch damit besch&#228;ftigt, sich auf die kommenden Stunden zu konzentrieren. Manche konzentrieren sich so sehr, dass sie grimmig aussehen. Sie runzeln die Stirn und gr&#252;beln.</p>
<p style="text-align: center;"><a href="http://www.laufen-mit-frauschmitt.de/wp-content/uploads/2009/10/Frankfurt-Marathon-6.jpg"><img class="aligncenter size-full wp-image-2027" title="Frankfurt-Marathon 6" src="http://www.laufen-mit-frauschmitt.de/wp-content/uploads/2009/10/Frankfurt-Marathon-6.jpg" alt="Frankfurt-Marathon 6" width="512" height="384" /></a></p>
<p style="text-align: left;">War die Entscheidung f&#252;r das T-Shirt richtig? H&#228;tte man nicht doch besser das Singlet nehmen sollen? H&#228;tte es statt der Kappe nicht auch ein Tuch getan? St&#246;rt da gerade etwas im Schuh? War der erste Kilometer zu optimistisch angegangen? L&#228;ufer, die deutlich unter drei Stunden laufen, sehen meistens nicht besonders entspannt aus. Doch dann entdecke ich das erste bekannte Gesicht, das sehr entspannt aussieht und ich bin wieder zufrieden. Es ist gar nicht so einfach, an eine Wand aus stirnrunzelnden L&#228;ufergesichtern hinzupuscheln. Jenseits der drei Stunden-Marke wird es langsam anders. Der Frauenanteil ist zwar nach wie vor verschwindend, aber es gibt sie. Sie sind gebr&#228;unt, tragen Z&#246;pfchen und Triathlon-Oberteile. Hauteng nat&#252;rlich.  Die Schuhe sind neongelb oder orange. Neben ihnen laufen M&#228;nner mit dunklen Sonnenbrillen und ihr Gesichtsausdruck sagt: Seht her! So schnell l&#228;uft sie nur, wenn ich sie begleite!</p>
<p style="text-align: left;">Ich puschle und puschle. Alle drei Minuten muss ich den Arm wechseln, sonst wird es zu anstrengend. Das Feld wird jetzt immer entspannter. Man redet viel miteinander. Nervt&#246;tend sind nur die Staffell&#228;ufer: sie zerst&#246;ren den Rhythmus des Feldes. Mehrfach rennt ein Staffell&#228;ufer &#252;ber den Bordstein auf meine Verkehrsinsel, so dass ich mich in Sicherheit bringen muss. Sie rempeln und holzen. Ich wei&#223;, warum Veranstalter Staffeln m&#246;gen. Sie machen den Marathon auch bei denen popul&#228;r, die die ganze Strecke nicht schaffen. Sie halten die Teilnehmerzahlen hoch und tragen den guten Ruf des Marathons in die Familien, Freundeskreise und B&#252;ros. Aber viele haben leider immer noch nicht begriffen, dass 6-Kilometer-L&#228;ufer an diesem Tag nicht der Nabel der Welt sind. Mich macht das sauer.</p>
<p style="text-align: left;"><div style='float:right; width:200px;' ><div class='stb-info_box' style="color:#696969; border-top-color: #f4a460; border-left-color: #f4a460; border-right-color: #f4a460; border-bottom-color: #f4a460; background-color: #f5f5f5; "><em>Zu viel Text am Bildschirm? </em><a href="http://www.laufen-mit-frauschmitt.de/wp-content/uploads/2009/10/Puschel-Marathon.pdf" target="_blank"><em>Hier</em></a><em> gibt&#8217;s ein PDF zum Ausdrucken.</em></div></div></p>
<p style="text-align: left;">Jetzt finde ich immer mehr bekannte Gesichter und das macht mich dann wieder ganz froh. Man kann Albernheiten rufen und etwas zur&#252;ck gerufen bekommen. Eine Sekundenbegegnung hat im Marathon eine andere Bedeutung, als im normalen Leben. Sie brennt sich sofort auf die innere DVD, die den Marathon beschreibt. Treffen an der Strecke sind wie ein Foto, das man sich sp&#228;ter innerlich immer wieder anschauen kann. Deshalb gebe ich mir M&#252;he. Die L&#228;ufer sollen ein sch&#246;nes Foto bekommen.</p>
<p style="text-align: left;">Langsam taucht der Ballon mit dem Vier-Stunden-Zugl&#228;ufer auf. Er schart einen riesigen Pulk Menschen um sich. Nein, hier in der Enge zu laufen w&#228;re mir zu anstrengend. Aber die L&#228;ufer, die danach kommen sind mir besonders lieb. Sie werden immer dicker, immer weiblicher und immer &#228;lter. Und sie sind immer w&#228;rmer angezogen. Und sie l&#228;cheln mehr. Viele sind gewillt, heute einfach nur Spa&#223; zu haben, das kann man deutlich merken. Sie winken mir und lachen &#252;ber das pinkfarbene Unget&#252;m am Ende meines Armes.</p>
<p style="text-align: left;"><a href="http://www.laufen-mit-frauschmitt.de/wp-content/uploads/2009/10/Frankfurt-Marathon-7.jpg"><img class="aligncenter size-full wp-image-2028" title="Frankfurt-Marathon 7" src="http://www.laufen-mit-frauschmitt.de/wp-content/uploads/2009/10/Frankfurt-Marathon-7.jpg" alt="Frankfurt-Marathon 7" width="512" height="384" /></a><br />
An der F&#252;nf-Stunden-Marke sieht man besonders viele Veteranen. &#196;ltere Herren, die vermutlich abenteuerlich viele Marathons hinter sich haben. Sie laufen oft ein bisschen krumm, blinzeln (weil sie nat&#252;rlich keine coole Sonnenbrille tragen), und sind auff&#228;llig d&#252;nn angzogen. Die Frage „Bist Du ein Mann oder eine Maus?“ muss man diesen Herrschaften nicht stellen. Sie sehen aus, als h&#228;tten sie schon jeden ihrer Zehenn&#228;gel einmal bei einem Lauf  verloren. Ich denke, sie m&#252;ssen die Brustwarzen nicht mehr abkleben, weil sie inzwischen keine mehr haben. Diese Laufwesen sind perfekt an das Laufen durch St&#228;dte angepasst. Ich nenne sie „Zausel“ und habe gr&#246;&#223;ten Respekt vor ihrer Leistung.</p>
<p style="text-align: left;">Ganz am Ende des Feldes kommt Peter. Er ist heute Zugl&#228;ufer f&#252;r 5:59 und hat damit die Mission, alle Sch&#228;flein m&#246;glichst vor dem Zielschluss in die Festhalle zu bringen. Viel Begleitung hat er nicht, aber das kann sich ja &#228;ndern.</p>
<p style="text-align: left;"><a href="http://www.laufen-mit-frauschmitt.de/wp-content/uploads/2009/10/Frankfurt-Marathon-3.jpg"><img class="aligncenter size-full wp-image-2020" title="Frankfurt-Marathon 3" src="http://www.laufen-mit-frauschmitt.de/wp-content/uploads/2009/10/Frankfurt-Marathon-3.jpg" alt="Frankfurt-Marathon 3" width="512" height="384" /></a><br />
Nach etwa einer halben Stunde ist auch der letzte L&#228;ufer bei Kilometer 1 vorbeigekommen. ich drehe mich herum und schaue mir einen gro&#223;en Teil des Feldes noch einmal an, w&#228;hrend es Kilometer 3 passiert. Ein Nichtl&#228;ufer w&#252;rde sich vielleicht fragen, worin um alles in der Welt, hier der Reiz liegt. Das kann ich mir aussuchen. Ich kann mir das ganze Feld als eine riesengro&#223;e Lauf-Modenschau vorstellen. „Streetwear“ sozusagen. Nie werde ich mehr Kombinationen von Jacken, Shirts, Hosen und Str&#252;mpfen sehen, als hier. Ich kann die Tchibo-Passform mit der von Nike vergleichen und feststellen, dass Adidas-Jacken immer ein bisschen kurz sind. Ich sehe, wie schwarze Kompressionsstr&#252;mpfe bei kleinen Frauen wirken (besser als wei&#223;e) und dass es jetzt immer mehr pinkfarbene gibt. Das macht Spa&#223;. Ich kann mich aber auch auf die Kost&#252;me konzentrieren und darauf hoffen, dass bald eine laufende Sebamed-Flasche vorbeil&#228;uft. Oder Michel mit einem Riesen-Baguette unter dem Arm. Ich kann mich dar&#252;ber freuen, dass es Menschen gibt, die in einem Kuhkost&#252;m laufen und dabei einen Rucksack in Form von „Shaun dem Schaf“ tragen. Und ich kann die Frauen mit lilafarbenem Haar z&#228;hlen, die gestern offensichtlich noch auf einer Halloween-Party waren.</p>
<p style="text-align: left;">Ebenso gut k&#246;nnte ich mich auf orthop&#228;dische Aspekte konzentrieren. O-Beine betrachten, h&#252;pfende Vorfu&#223;l&#228;ufer, stampfende Entenf&#252;&#223;ler oder kraftvolle Beine-in-die-Luft-Werfer. Es gibt endlos viele M&#246;glichkeiten, das Feld zu betrachten. Am liebsten sind mir Gesichter. Aber das wird erst bei Kilometer 35 richtig spannend.</p>
<p style="text-align: left;">Ich warte wieder bis Peter vorbei ist und ziehe zur Alten Oper. Etliche Zuschauer machen das gleiche. Von weitem h&#246;rt man schon die Einpeitscher-Musik an der hr-B&#252;hne („Let’s get loud!“).  Hier sehe ich nur noch das letzte Viertel des Feldes und schon jetzt ist abzusehen, dass sich einige schwer tun werden. Bereits bei Kilometer 6 sieht man hochrote K&#246;pfe und h&#246;rt schweren Atem. Mit diesen L&#228;ufern m&#246;chte ich nicht tauschen.</p>
<p style="text-align: left;">Es ist ganz nett, ein wenig Musik und Moderation zu haben. Aber vier Stunden wollte ich hier nicht stehen. Auch als Zuschauer braucht man seine nachdenklichen Minuten. Wo ist Peter? Ah, da. Jetzt kann ich ja wieder gehen.</p>
<p style="text-align: center;"><a href="http://www.laufen-mit-frauschmitt.de/wp-content/uploads/2009/10/Frankfurt-Marathon-4.jpg"><img class="aligncenter size-full wp-image-2021" title="Frankfurt-Marathon 4" src="http://www.laufen-mit-frauschmitt.de/wp-content/uploads/2009/10/Frankfurt-Marathon-4.jpg" alt="Frankfurt-Marathon 4" width="512" height="384" /></a></p>
<p style="text-align: left;">Dann kriege ich noch ein St&#252;ck des Mini-Marathons der Kinder mit. Kinder anfeuern ist viel einfacher als Erwachsene. Leider reagieren die allerdings so unmittelbar auf Motivation, dass sie sich sofort &#252;bernehmen und dann gleich wieder gehen m&#252;ssen. Einmal zu kr&#228;ftig gerufen und der kleine L&#228;ufer hechtet sich die Seele aus dem Leib – f&#252;r die n&#228;chsten 20 Meter. „Hau rein!“, w&#228;re also die falsche Ansage. Hier muss man eher ma&#223;voll vorgehen und die Regieanweisung am besten gleich mitliefern: „Sch&#246;n langsam durchlaufen, du hast es gleich geschafft!“ Oder bei denen, die schon gehen: „Du kannst bestimmt schon wieder ein St&#252;ckchen laufen! Ist nicht mehr weit.“ Das klappt ganz gut.</p>
<p style="text-align: left;">Jetzt hab ich mir einen Kaffee und einen Riegel verdient. Manchmal habe ich auch Streuselkuchen dabei, aber das hat heute nicht geklappt. Jetzt kann ich mich kurz auf den Randstein setzen und mich f&#252;r die kommenden Aufgaben st&#228;rken.</p>
<p style="text-align: center;"><a href="http://www.laufen-mit-frauschmitt.de/wp-content/uploads/2009/10/Marathon-Imbiss.jpg"><img class="aligncenter size-full wp-image-2022" title="Marathon-Imbiss" src="http://www.laufen-mit-frauschmitt.de/wp-content/uploads/2009/10/Marathon-Imbiss.jpg" alt="Marathon-Imbiss" width="512" height="384" /></a></p>
<p style="text-align: left;">In einer halben Stunde geht es weiter und dann wird es keinen Moment mehr geben, an dem man guten Gewissens ausruhen kann. Wieder k&#252;ndigen der Hubschrauber und das magische Auto mit der Uhr die Elite an. Zwei M&#228;nner haben sich abgesetzt – mein Favorit ist nicht dabei. Der mit dem blauen Hemd, Gilbert, fletscht ein wenig die Z&#228;hne. Er sieht angestrengt aus. Robert neben ihm wirkt lockerer. Aber was wei&#223; man schon &#252;ber kenianische Gesichter bei km 35? Vielleicht l&#228;uft Gilbert einfach immer so.</p>
<p style="text-align: left;"><a href="http://www.laufen-mit-frauschmitt.de/wp-content/uploads/2009/10/Frankfurt-Marathon-8.jpg"><img class="aligncenter size-full wp-image-2023" title="Frankfurt-Marathon 8" src="http://www.laufen-mit-frauschmitt.de/wp-content/uploads/2009/10/Frankfurt-Marathon-8.jpg" alt="Frankfurt-Marathon 8" width="512" height="384" /></a><br />
Man muss es 5 Stunden-L&#228;ufern einmal zum Trost sagen: schnelle L&#228;ufer sehen bei km 35 auch oft nicht mehr gut aus. Hier werden Z&#228;hne gefletscht, Augenbrauen hochgezogen und Salz aus den Augen gerieben. Auch die Schnellen m&#252;ssen k&#228;mpfen. Sie haben Kr&#228;mpfe und machen Gehpausen. Ein &#196;thiopier weit vorne geht. Er sieht nicht so aus, als wollte er das Rennen fortsetzen. Aber die Abk&#252;rzung zur&#252;ck zur Messe nimmt er auch nicht. Er geht einfach weiter, als w&#252;rde ihm die Entt&#228;uschung jede logische &#220;berlegung rauben. Hier kann mein Puschel absolut nichts mehr tun. Das sind f&#252;r mich die schwierigsten Momente. Was ruft man jemandem zu, der mit schmerzverzerrtem Gesicht an einem vorbei humpelt? „Du siehst gut aus“? „Ist nicht mehr weit“? Beides w&#228;re gelogen. Es ist bei km 35 noch verdammt weit, wenn es einem schlecht geht. Und wenn es einem schlecht geht, ich meine, richtig schlecht, dann kann man Zuschauer auch hassen. Man kann sie daf&#252;r hassen, dass sie gerade etwas trinken, was man selbst gern h&#228;tte. Dass sie da sind, wo man sie nicht haben will. Dass sie nicht da sind, wo man sie haben will. Und am meisten hasst man sie, wenn sie da stehen und einen mit regungslosem Gesicht anstarren. Man kann als Zuschauer nicht stundenlang ununterbrochen klatschen, br&#252;llen oder klappern. Aber man muss irgendetwas tun. Sonst muss man nach Hause gehen. Man darf nicht regungslos Leute anstarren, das ist einfach nicht fair. Man kann l&#228;cheln und nicken und jemandem zuzwinkern, eine kleine Verbeugung machen. Das macht nicht viel M&#252;he und sagt doch, dass man noch im Spiel ist. Und nicht nur ein verst&#228;ndnisloser Voyeur von anderer Leute Qual. Wenn es einem als L&#228;ufer gut geht, ist es egal – aber wie vielen L&#228;ufern geht es bei km 35 richtig gut? Ich will noch im Spiel sein und ich will nicht gehasst werden. Ich will helfen.</p>
<p style="text-align: left;">Ich puschle, l&#228;chle und nicke.  Die Frau eines L&#228;ufers aus dem Runners World Forum gesellt sich zu mir und wir scannen das Feld nach bekannten Gesichtern. Ich f&#252;hle mich wie ein Kind, das Wimmelbilder guckt. „Wo ist Walter?“ hei&#223;t eine Kinderbuchreihe. „Wo ist Gregor?“, „Wo ist Kathrin?“ „Wo ist Joe?“, „Wo ist Daniela?“ Wo sind denn all die anderen?</p>
<p style="text-align: left;">Prominenz kommt vorbei. „Lumi!“ Luminita Zaituc verdient eine extra W&#252;rdigung. Sie ist schlie&#223;lich so alt wie ich und l&#228;uft beinahe doppelt so schnell. Naja, jedenfalls fast.</p>
<p style="text-align: left;">Das Feld ist jetzt auch deutlich zu riechen. Das ist in Ordnung. Wer 35 Kilometer gelaufen ist, hat ein gutes Recht, zu miefen. Salzkrusten zeichnen sich auf Schl&#228;fen und T-Shirts ab. Die ersten blutigen Brustwarzen sind zu sehen, Singlets werden zu abenteuerlichen, Borat-artigen Konstruktionen geknotet, um empfindliche Brust frei zu legen. Ein L&#228;ufer hat den Kragen seines T-Shirts im Mund. Ein anderer mit einer wei&#223;en Tight hat sich einen un&#252;bersehbaren blutigen Wolf gelaufen. Was tragen diese Menschen nur alle im Training?</p>
<p style="text-align: left;">Auf der anderen Seite, bei km 41, geht jetzt ein Raunen durch die Zuschauer. Der f&#252;hrende ist im Anmarsch. Gilbert hat Robert abgeh&#228;ngt. Er fletscht immer noch die Z&#228;hne. Vielleicht sollte ich das auch mal probieren, es macht anscheinend schnell. Robert folgt bald darauf. Das war es wohl.</p>
<p style="text-align: center;"><a href="http://www.laufen-mit-frauschmitt.de/wp-content/uploads/2009/10/Frankfurt-Marathon-11.jpg"><img class="aligncenter size-full wp-image-2024" title="Frankfurt-Marathon 11" src="http://www.laufen-mit-frauschmitt.de/wp-content/uploads/2009/10/Frankfurt-Marathon-11.jpg" alt="Frankfurt-Marathon 11" width="512" height="384" /></a></p>
<p style="text-align: center;"><a href="http://www.laufen-mit-frauschmitt.de/wp-content/uploads/2009/10/Frankfurt-Marathon-12.jpg"><img class="aligncenter size-full wp-image-2025" title="Frankfurt-Marathon 12" src="http://www.laufen-mit-frauschmitt.de/wp-content/uploads/2009/10/Frankfurt-Marathon-12.jpg" alt="Frankfurt-Marathon 12" width="512" height="384" /></a></p>
<p style="text-align: center;"><a href="http://www.laufen-mit-frauschmitt.de/wp-content/uploads/2009/10/Frankfurt-Marathon-13.jpg"><img class="aligncenter size-full wp-image-2026" title="Frankfurt-Marathon 13" src="http://www.laufen-mit-frauschmitt.de/wp-content/uploads/2009/10/Frankfurt-Marathon-13.jpg" alt="Frankfurt-Marathon 13" width="512" height="384" /></a></p>
<p style="text-align: left;">Jedes bekannte Gesicht, das ich im Feld entdecke, ist eine Freude. In meinem Wimmelbildbuch darf ich eine Seite umschlagen. Mindestens ebenso sch&#246;n ist es, wenn die L&#228;ufer mich entdecken. Sie rufen meinen Namen und dann muss ich schnell reagieren. Wo, wo, wo? Da! Wir haben uns gefunden – yeah! Manche gr&#252;&#223;en mich, obwohl ich sie gar nicht kenne. Egal. Schon ist wieder jemand kurz von seinem Schmerz abgelenkt. Kathrin muss ich verpasst haben. Sie sollte l&#228;ngst hier sein, der 3:30-Luftballon ist vorbei. Wie schade. Und dann sehe ich sie pl&#246;tzlich doch, inmitten der tausenden unbekannten verschwitzten Gesichter. Ich freue mich enorm. Gefunden! Es l&#228;uft nicht so gut. Kann man tr&#246;sten? Nein. Ein entt&#228;uschter L&#228;ufer ist w&#228;hrend des Laufs untr&#246;stlich. Bestenfalls vern&#252;nftig. Man kann nur da sein.</p>
<p style="text-align: left;">Viele L&#228;ufer sehen wild entschlossen aus. Nicht jeder hat gerade ein Tief. Manche lachen und begr&#252;&#223;en ihre pers&#246;nlichen Groupies. Obwohl hier nicht viele stehen. Mein Standplatz ist ein Geheimtipp. Immer mehr L&#228;ufer lachen auch &#252;ber den rosa Puschel. Jemand l&#228;uft extra zu mir her&#252;ber und sagt mit gebrochenem Deutsch: „Das sieht sehr sch&#246;n aus.“ Besonders jetzt, wo die L&#228;ufer immer langsamer werden, ist Zeit da f&#252;r Begegnungen. „Das rosa Ding hab ich doch vorhin schon gesehen!“ „Ich stand ja auch vorhin schon hier!“  Und immer mehr Leute rufen aus dem Feld: „Du stehst ja immer noch da!“ und ich rufe: „Ich musste doch auf dich warten, wo bleibst du denn!“ Wir kennen uns gar nicht, aber das ist ganz egal. Mit etwas Gl&#252;ck werden sie sich noch einen Kilometer lang dar&#252;ber freuen (die Gedanken flie&#223;en z&#228;h beim Marathon). Ein gutes inneres Foto f&#252;r sp&#228;ter.</p>
<p style="text-align: left;">Joe taucht auf und erz&#228;hlt, dass er bei km 32 Party gemacht und Bier getrunken hat und sich deshalb leider heute versp&#228;tet. Auch das gibt es. Es gibt alles. Verdorbene M&#228;gen, verkrampfte Oberschenkel, gezerrte Waden, und Gl&#252;ck. Unendliches Gl&#252;ck, dass das hier alles m&#246;glich ist. Man kann es durch die Salzkrusten sehen. Vor allem, wenn ich mich umdrehe und die L&#228;ufer bei km 41 betrachte. Noch einen Kilometer. Was ist ein Kilometer gegen die 41 zur&#252;ckliegenden und die unz&#228;hligen Trainingskilometer davor? Ein Pups. Er bl&#228;ht sich auf, als w&#228;re er der wichtigste, der l&#228;ngste und der schwerste Kilometer. Der letzte Kilometer ist ein Blender. Aber die L&#228;ufer lassen sich nicht blenden. Sie wissen im Grunde ihres Herzens, dass sie diesen Kilometer auf einer halben blutigen Zehe nach Hause laufen. Und das kann man in den Gesichtern sehen. Manchmal entgleiten die Gesichtsz&#252;ge schon jetzt. Z&#228;hne zusammenbei&#223;en, lachen und heulen liegt sehr nah beieinander.</p>
<p style="text-align: left;">Jetzt wird das Feld langsam l&#246;chrig. Man kann f&#252;r einzelne L&#228;ufer die Welle machen. Namen rufen. Uga-Aga-Uga tanzen. &#196;ltere Damen laufen mit Stil. „Oh, Dankesch&#246;n f&#252;r die Anfeuerung!“ Mir tut der R&#252;cken weh. Seit Vier-einhalb Stunden stehe ich jetzt hier. Ich kann jetzt nicht gehen, wo noch so viele langsame L&#228;ufer unterwegs sind. Wenn die kommen, die am meisten Anfeuerung brauchen, leeren sich die Stra&#223;en. Zum Gl&#252;ck wird es heute nicht auch noch k&#252;hl, wie sonst oft. Und wieder: „Stehst du da immer noch?“ „Du l&#228;ufst ja auch immer noch, was soll ich machen?“ Manchmal wollen L&#228;ufer nicht gest&#246;rt werden. Sie sind in sich gekippt und versuchen einfach nur, sich vorw&#228;rts zu bewegen. Dann bin ich still und l&#228;chle und nicke. Jetzt warte ich nur noch auf Peter, den Schlussl&#228;ufer. Nach &#252;ber f&#252;nf Stunden puscheln geht nichts mehr. Ich muss nach Hause. Peter hat einen asiatischen Laufveteranen neben sich. Ich freue mich, die beiden zu sehen. Auch, weil sie meinen Feierabend bedeuten. Und dann laufe ich ein bisschen mit. Das Tempo ist langsam genug f&#252;r einen Menschen mit Thermoskanne im Rucksack. Wir sind ein lustiges Trio. Der unverdrossene, wild entschlossene Asiate, der gro&#223;e Mann mit dem Luftballon und die kleine Frau mit einem rosa Puschel um den Hals. Fast einen Kilometer laufe ich mit. Ich w&#252;nschte, ich h&#228;tte Laufschuhe an und keine Daunenweste, sondern Laufsachen. Ich w&#252;rde jetzt so gerne mitlaufen und auch ins Ziel kommen. Aber der Puschel-Marathon in Frankfurt hat eben nicht ein gro&#223;es Ziel, sondern 12.000 kleine.</p>

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