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Der Gedankenmonitor.

Fr, Jun 20, 2014

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Der Gedankenmonitor.

Ein Produkttest von morgen.

Heute ist ein großer Tag. Mein „MindRunner X7 TDL Light“ ist angekommen. Ich bin ziemlich aufgeregt. Endlich hat mal jemand etwas wirklich Hilfreiches auf den Markt gebracht: ein Tool, mit dem man seine Gedanken beim Laufen messen und aufzeichnen kann. Heute schon messe ich Zeit, Puls, Kalorien, Streckenlänge und GPS-Daten während des Laufens, was ungeheuer nützlich ist. Habe ich meinen Lauf nicht registriert, grafisch aufgearbeitet, ausgewertet und analysiert, kommt es mir vor, als wäre ich gar nicht gelaufen. Trotzdem: Das, was ich wirklich bräuchte, wäre ein Gedankenaufzeichner. Eine Art selbsttätiges Diktiergerät, in das ich automatisch all die wichtigen Gedanken einspeisen kann, die ich während des Laufs habe und die ich hinterher brauche. Meeting-Agendas, gedachte Briefe ans Finanzamt, Glückwunschkorrespondenz und unzählige Ideen. Die geradezu genialen Aphorismen, die mir unterwegs immer einfallen (und später wieder entfallen) – jetzt kann ich sie endlich speichern. Ich habe meinen MindRunner X7 TDL Light im Internet bestellt, er hat 899,- Dollar gekostet. Zugegeben, eine Menge Geld. Aber sind wir doch mal ehrlich – Zeit ist Geld und wie viel Zeit kann man mit einem Gedankenmonitor sparen! Endlich ist die Laufzeit optimal genutzt, die Möglichkeiten des Trainings wirklich ausgeschöpft. Dass man das nicht schon früher erfunden hat!

Ich packe den MindRunner X7 TDL Light vorsichtig aus. Er sieht so ähnlich aus wie ein Pulsgurt, nur dass sein Band elastisch ist und mehrere Querverbindungen hat. Man trägt es ganz einfach um den Kopf wie eine Stirnlampe. Man kann es aber auch in eine Kappe integrieren, die dem Paket beiliegt. Wichtig ist, dass die sechs Sensoren an dem Band Hautkontakt haben. Beim ersten Anlegen der Gurte habe ich so meine Schwierigkeiten, was vermutlich an meinen langen Haaren liegt. Ich werfe einen Blick in die Gebrauchsanleitung. „Ondulieren Haaren vermeiden“, steht da. „Wenn Elektroden nicht aufliegen, an der Gurten am positiven Produkten zurren. Wenn zurren, ersucht von Systemeinheit, sonst wirken nicht zurren.“ Der MindRunner kommt aus Asien und die Anleitung ist nicht eben übersichtlich. Aber schwierige Anleitungen bin ich auch von meiner anderen Laufelektronik gewöhnt, deshalb stört mich das kaum. Ich zurre eben die ganze Systemeinheit. Als der MindRunner ordentlich sitzt, werfe ich mich schnell in meine Laufklamotten und starte meinen ersten Lauf. „Wenn Signalleuchte leuchtet, der MindRunner starten bereiten.“ stand in der Anleitung. Also los. Ich habe die Kappe über das Gerät gezogen, weil ich lieber erst einmal nicht mit dem MindRunner auffallen möchte. Später, wenn alle damit laufen, wird es egal sein. Dann wird jeder auffallen, der keinen Gurt über der Stirn trägt.

Ganz schön cool: Die Verpackung des neuen MindRunner.

Der erste Testlauf gerät unspektakulär. Dank der Kappe sitzt der MindRunner ganz gut, nur manchmal jucken die Sensoren an den Schläfen etwas. Daran kann man sich sicher gewöhnen. Ich mache einen schönen 15 Kilometer-Lauf bei bestem Wetter. Irgendwann habe ich einen Stein im Schuh, bin aber zu faul, anzuhalten und den Schuh auszuziehen. Ich hoffe einfach, dass der Stein in einer Schuhnische bleibt und nicht weiter stört – was er manchmal tut, manchmal nicht. Ich denke so an dies und das und freue mich, dass ich ja alles hinterher nachlesen kann.

Nach dem Duschen verbinde ich den MindRunner via USB mit meinem Rechner. Bevor ich aber alle meine Gedanken von heute sehen kann, muss ich eine Software installieren, einen Neustart machen, ein Update der Software machen, mein vollständiges Profil auf einer Plattform eingeben und Spracheinstellungen vornehmen. Das macht mir aber nicht viel aus, ich weiß ja, wie viel Zeit ich künftig mit dem MindRunner sparen werde. Die Software läuft nicht gleich, weil mir zwei Plug-Ins fehlen, aber die sind ja schnell installiert, wenn man weiß, wo man die Plug-Ins findet. Ich weiß es nicht, aber dafür gibt es schließlich Google. Und ein amerikanisches Nutzerforum, in dem ein findiger Nutzer erklärt, wieso der Link bei Google nicht funktioniert. Also, im Prinzip ist alles unkompliziert.

Als ich endlich meine Gedanken sehen kann, bin ich begeistert. Das alles habe ich vorhin noch gedacht, irre! Eine Grafik zeigt mir eine blaue Kurve der positiven Gedanken und eine rote der negativen. Das ist natürlich noch „Beta“, so habe ich z.B. „Ganz schön heiß“ gedacht, was ja eher ein negativer Gedanke ist, das merkt aber der MindRunner nicht, wegen dem Wort „schön“. Meine üblicherweise genialen Laufgedanken sehe ich nicht gleich, weil da dauernd „Stein im Schuh“ steht. Zum Glück kann man ja aber filtern – ich blende einfach alle Gedanken mit dem Wort „Stein“ aus. Danach stelle ich fest, dass ich für ein zufriedenstellendes Ergebnis auch noch alle Gedanken mit „Steinchen“, „Dreckding“, „stört“, „Socken“, „Zeh“ und „Ferse“ ausblenden muss. Ist ja schnell gemacht. Ich suche nach den wichtigen und wertvollen Gedanken. Bei km 7 hat mich ein junger Mann überholt. „Knackarsch“ steht da an der entsprechenden Stelle der Grafik. Peinlich sowas. Ich suche weiter. „Super Wetter.“ steht da. Und „Baum.“ Und „Grüner Rasen und eine Dohle drauf.“ Und „Lustiger Mops mit Frau. Uaah, hässliche Stimme.“ Sowas habe ich gedacht? Nichts Intelligenteres, keine Formulierungen von verblüffender Brillanz? Und dann, plötzlich, bei km 12, steht da auf einmal gar nichts mehr. Erst denke ich an einen Ausfall des MindRunner, aber dann entdecke ich ein „Hoppla!“ Ich erinnere mich, da bin ich ein kleines Bisschen gestolpert. Aber sonst? Nichts! Ich habe einfach nichts gedacht! 900 Dollar für nichts! Ich bin furchtbar enttäuscht und fahre den Computer herunter. So macht das keinen Spaß.

Morgen werde ich wieder einen Lauf machen. Und dann werde ich einfach mal alle Geräte zuhause lassen, sogar die Uhr. Für die Auswertung und Analyse meines Laufs werde ich dann mein zuverlässigstes, liebstes Speichermedium, meinen schnellsten und besten Filter nutzen. Den, der fest auf meinem Hals sitzt. Ganz ohne zurren.

 

Bilder: © file404 – depositphotos.com

Erschienen in der Runner’s World (2012)

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Ein Kommentar um “Der Gedankenmonitor.”

  1. claudia Says:

    kannste mal sehen, was das Läuferhirn alles so produziert nach längerer Laufzeit J ich finde, du solltest den 899-Dollar-MindRunnerXYZ nachts dranstöpseln, denn da fallen einem angeblich die genialsten Briefe und Ideen ein, nur ist frau (ich in dem falle) zu faul zum aufstehen und niederschreiben. Wenn frau es aber geschafft hat, sich aus dem Bette zu hebeln und stift und zettelchen zu finden, ist frau morgens auch meist enttäuscht ob der nächtlich angeblich genialen Hirnleistungen … aber zumindest wüsste doch schon der gesamte freundeskreis auf fazzebuck bescheid, oder hattest du das etwa nicht eingestellt?


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