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Der lange Lauf zu Joschka Fischer.

Sa, Aug 21, 2010

Schnipsel

Der lange Lauf zu Joschka Fischer.

Der erste lange Lauf im Marathontraining ist immer der schwerste. Zumindest denke ich das vorher. Währenddessen denke ich das nie. Hinterher auch nicht. Der Satz „Der erste lange Lauf im Marathontraining ist immer der schwerste.“ ist also glatt gelogen. Was soll nur aus einem Bericht werden, der mit einer Lüge beginnt?

Ich laufe hinunter ans Mainufer. Damit ich nicht aus Versehen zu schnell laufe, atme ich nur durch die Nase. Ich will wenigstens lässig aussehen, wenn ich schon beinahe auf der Stelle trete. Und mit offenem Mund sieht man gleich irgendwie angestrengt aus. Es ist bewölkt in Frankfurt und deshalb reichlich drückend. Aber es ist noch früh und der Uferweg gehört mir. Und natürlich den holländischen Rentnern, die gerade mit der „Calypso“ angelegt haben und jetzt von kehligen Lauten begleitet Richtung Römer stürmen.
Mainufer 2
Auf dem Fluss ziehen ein paar Ruderer ihre Bahnen und das Wasser klatscht rhythmisch an die Uferwand. Im neuen Westhafenviertel wird es noch beschaulicher. Keine Menschenseele ist unterwegs. Doch dann sehe ich plötzlich eine nackte Dame an der Ufermauer stehen. Genaugenommen ist sie nicht völlig nackt. Sie trägt schwarze Highheels und schwarze halterlose Strümpfe. Dazu einen winzigen Stringtanga, an dessen Bändchen jetzt ein Herr im Seidenhemd herumknibbelt. Unter den Taschen, die am Boden liegen ist auch eine Fototasche. Offensichtlich soll das eingeschnürte Huhn für ein erotisches Shooting vorbereitet werden. Ja ja, Frankfurt, denke ich und laufe an der Dame vorbei, die vermutlich auf die Anzeige „Wollen Sie schnell und einfach Geld verdienen?“ geantwortet hat, die mir neulich aufgefallen ist.

Ich laufe weiter und komme am „Hemingway’s“ vorbei, eine In-Bar, die so versteckt liegt, dass man in ihrer Nähe regelmäßig zum Fremdenführer werden kann. Aber heute ist dort niemand. Doch, jetzt kommt mir jemand entgegen. Es ist der Weihnachtsmann. Schau an, der Weihnachtsmann walkt. Wer hätte das gedacht. Als er näher kommt, bin ich ein bisschen enttäuscht. Es ist gar nicht der Weihnachtsmann, nur eine Dame mit feuerrotem Haar und einem weißen Stirnband. Von weitem sah es aus wie eine Weihnachtsmütze. Na ja, man kann sich ja mal täuschen.

Main Neckar Brücke 001

Main Neckar Brücke 2

Jetzt kommt eine kleine Durststrecke. Nicht wörtlich, denn ich habe ja einiges zu trinken mitgenommen. Mehr so mental. Denn ich laufe durch die Gutleutstraße stadtauswärts und dort ist es reichlich trist. Gewerbe, Arbeitersiedlungen, ein Altenheim und das Hauptverteilzentrum der Deutschen Post. An der Straße sitzt ein alter Mann im Rollstuhl und starrt vor sich hin. Er sieht aus wie ein Minenopfer, denn seine Füße sind dick bandagiert. Aus der Größe des Verbands lässt sich unschwer schließen, dass ihm die Zehen fehlen. Diabetes, Raucherfolgen, ich kann es nicht wissen. Ich freue mich nur, dass ich noch alle Zehen habe und sie mich so wacker durch diese Straße tragen. Beim Verteilzentrum hält ein einsamer Bus und spuckt Menschen aus, die in das riesige Gebäude strömen. So so, bei der Post wird also gearbeitet. Sogar Sonntags. Donnerwetter.

Ich bin froh, dass ich jetzt wieder zurück ans Mainufer kann, wo es grün ist und Familien spazierengehen. Nach einer Weile komme ich an einem kleinen Hafen für Sportboote vorbei. Sie sind alle auf Hochglanz poliert und heißen „Große Freiheit“, „Midnight lady“, „Nautilus“ oder auch einfach nur „Renate“. Auf einem Bootssteg sitzen vier Männer und spielen Karten. Kurz vor der Schleuse, bei der ich den Main überqueren will, treffe ich auf zwei Frauen mit einem Mops. „Wenn es so drückend ist, läuft sie wie eine Omma“, sagt die eine zur anderen und deutet dabei auf den Mops. Dabei ist der Hund über jeden Vergleich erhaben. Er läuft einfach nur wie ein Mops und das ist schon erschütternd genug.

mops auf holz

© Andreas Warnecke – Fotolia.com

Am anderen Mainufer herrscht dagegen gerade ein großer Hund. Statt mit gewöhnlichem „Wau wau“ bellt er mit heiserer Stimme unausgesetzt „Werr, werr, werr“. Vielleicht hat er einen Bellfehler, so wie unsereins einen Sprachfehler haben kann. Vielleicht hat er aber auch gestern einfach nur zu lange gefeiert.

Ich schiebe mich weiter im Ententempo und komme dabei an vielen Schwestern im Geiste vorbei, die im Gras etwas dösen, die Schnäbel ins Gefieder gepuschelt. Der nächste Streckenabschnitt ist ein kleiner Härtetest für die Nerven. Denn hier finden sich regelmäßig piktolegasthenische Radfahrer ein. Menschen, die ein Schild, auf dem ein Fahrrad und ein Männchen abgebildet sind, nicht recht zu deuten wissen. Sie denken Fahrrad+Männchen=Fahrradfahrer, also ICH. Alles, was nicht ICH ist, hat auf diesem Weg also nichts zu suchen. So fordern die Piktolegastheniker laufende Menschen immer wieder auf, sich in Luft aufzulösen. Sie sagen: Weg da, dieser Weg ist nur für mich, die ondulierte, sonnenbebrillte, überparfümierte, geschmacklos gekleidete Sonntagsradfahrerin! (Sie sagen das natürlich nicht wörtlich, aber doch wenigstens dem Inhalt nach). Heute habe ich Glück. Ich werde nur beinahe von einem Rentner gerammt, dessen Versuche, den Lenker zu beherrschen, gründlich gescheitert sind.

Bald bin ich wieder auf der Einflugschneise Richtung Innenstadt. Ich halte Ausschau nach dem Café „Senza lizenza“, einem blauen Zirkuswagen, der zu einem Zelttheater gehört, das sich seit ein paar Jahren jeden Sommer am Ufer niederlässt. Tatsächlich, der Wagen ist schon da. Aber leider ist das Café noch nicht geöffnet. Ich hätte dort gerne meine Fläschchen etwas aufgefüllt, denn langsam wird es sehr warm. Also muss ich zur Gerbermühle, dem historischen Ort, an dem schon Goethe seine Fläschchen aufgefüllt hat. Das Gebäude wird zwar gerade umgebaut, aber es gibt dort eine provisorische Bewirtschaftung. Mein Unternehmen glückt, wie geplant. Hier kann ich umdrehen, nach Hause ist es nicht mehr allzu weit.

Goethe

Weil ich etwas Hunger habe und am Ende doch noch etwas schneller werden will, gönne ich mir einen von Dr. Feils Gel Chips. Ich stopfe mir das Riesenmarshmellow in die Backentaschen, die sich daraufhin in gewohnter Hamstermanier ausweiten. Aber es schmeckt. Nach 2 Stunden und 24 Minuten Laufzeit, während mir eine Apfelschorle aufstößt und ich mit einem genmanipulierten Marshmellow kämpfe, treffe ich Joschka Fischer. Gebückt und langsam trottet er vor sich hin, zwei schneidige Leibwächter im Schlepptau. Er trägt die Mütze tief ins Gesicht gezogen und wir schauen uns an. Er runzelt ein wenig die Stirn und vermutlich denkt er „Hoffentlich spricht sie mich nicht an“. Vielleicht aber auch nur: „Die arme Frau hat Mumps“. Ein Staatsmann läuft an mir vorbei und ich empfinde Bedauern. So sieht ein Mann aus, der in Ruhe gelassen werden will. Alt ist er geworden, Frankfurts Joschka, denke ich.

Mainufer 3 Ich mache mich auf den Heimweg. Für heute reicht es. Ich habe nackte Frauen in Highheels getroffen, Männer ohne Zehen, Hunde mit Bellfehler und den Außenminister. Was soll jetzt noch kommen. Vielleicht sollte ich mir einen neuen Merksatz zulegen: Der erste lange Lauf im Marathontraining ist immer der schönste.

(Leider hatte ich damals keinen Fotoapparat dabei. Die Fotos stammen – mit Ausnahme des Mopses – von verschiedenen Läufen zwischen 2007 und 2009 auf der selben Strecke.)

3Antworten um “Der lange Lauf zu Joschka Fischer.”

  1. Daniel1063 Says:

    Was man doch bei einem Lauf so alles erlebt.Unterhaltsamer Bericht, auch wenn er mit einer Lüge begonnen hat. 😉
    Gruß, Daniel.

  2. Manfred Says:

    Mein erster langer langsamer Lauf war auch noch ungeliebt, inzwischen ist diese Art des Laufens meine große Liebe geworden. Man muss langsam Laufen, um weiter zu kommen, und dann hat man auch die Zeit unterwegs viele schöne Erlebnisse einzusammeln … Die Strecke aus Frankfurt hinaus am Main entlang kenne ich vom Weg in Richtung Mainz, schöne Fotos, da kommen Erinnerungen hoch … Danke, für’s Mitnehmen … Demnächst müsste ich eigentlich in meiner Marathonvorbereitung ein paar ungeliebte schnellere Einheiten einbauen … warum eigentlich? Ins Ziel komme ich doch auch ohne … 😉

    Gruß aus Köln, Manfred

  3. Anke Says:

    Ein wirklich tolle Erzählung und eine perfekte Einstimmung auf meinen 32k-Lauf morgen. Der letzte lange Lauf in der Vorbereitung zum Berlin-Marathon.


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