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Garten Eden Feschthalle.

Do, Sep 27, 2012

Schnipsel

Garten Eden Feschthalle.

Wenn eine leidenschaftliche Fahrradfahrerin in ein Autohaus geht, könnte das an einem Läufer liegen. In meinem Fall ist das zumindest so, denn heute kommt Dieter Baumann in die BMW Niederlassung Frankfurt und deshalb will ich da auch sein. Natürlich ist das alles kein Zufall, Baumann ist bei BMW, weil das der Titelsponsor des Frankfurt Marathons ist (und des Berlin Marathons, aber das ist heute nicht so wichtig) und er spricht beim so genannten Experten Talk, einer Veranstaltungsreihe, bei der Menschen, die etwas über das Laufen zu sagen haben, Gelegenheit dazu bekommen. Ich habe Dieter Baumann schon öfter gesehen und gehört und ich mag seine Leidenschaft, mit der er schwäbelnd auf die Leute einschwätzt. Ohne Zweifel ist er ein überzeugender Botschafter für seinen Sport und davon kann es nie genug geben.

Natürlich hat man bei der BMW Niederlassung keine Fahrradständer, aber darauf war ich gefasst. Trotzdem zeigt es mir von Anfang an, dass ich an einem mir fremden Ort bin. Es sind eine Menge Leute gekommen, über 200 werden es wohl sein und sicher waren viele, wie ich, noch nie hier. Alles wirkt blau-weiß und kühl und hochglänzend, obwohl nur ein einziges Fahrzeug im Raum steht. Bei meinem Streifzug in abgelegenere Gefilde des Autohauses stelle ich mit Erstaunen fest, dass BMW sogar eine Kollektion Laufbekleidung mit dem eigenen Logo anbietet. Heute Abend gibt es erst einmal Getränke und dann kann man den Stand vom Frankfurter Laufshop entern, der ein paar rattenscharfe grellbunte Asics-Laufschuhe präsentiert und damit die Hochglanzwelt erfrischend durchbricht.

Den Abend eröffnet hr-Moderator Marco Schreyl, den man im Hessischen herzhaft als „Dummbabbler“ bezeichnen würde. Auch heute macht er seinem Ruf alle Ehre, aber er tut das, das muss man ihm lassen, nicht ohne Charme und irgendjemand muss ja schließlich die wichtigsten Menschen im Raum vorstellen und der Veranstaltung einen launigen Rahmen geben.

Als erstes geht das Wort an Siegfried Gernandt, Leiter Marketing und Presse bei BMW. Herr Schreyl fragt ihn – völlig zu Recht – was denn BMW mit dem Frankfurt Marathon und dem Laufen zu tun hätte. Herr Gernandt könnte jetzt etwa sagen: „Für einen Langstreckenläufer ist es enorm wichtig, mit seiner Energie zu haushalten. Würde er zu viel verbrauchen, könnte er seine weit gesteckten Ziele nicht erreichen. Gleichzeitig muss er aber auch Leistung zeigen, dynamisch sein. Für unsere Autos gilt das genauso. Sie sind darauf spezialisiert, wenig zu verbrauchen und dabei sportlich zu sein. So entsteht eben das eine Mal Freude am Laufen, das andere Mal Freude am Fahren.“ Herr Gernandt sagt das aber nicht, er sagt nur: „Es gibt da einen Film, den will ich Ihnen zeigen, der bringt das gut zum Ausdruck.“ Dann zeigt er einen Werbespot von BMW. Er ist lustig und die meisten lachen. Er bringt aber überhaupt nichts zum Ausdruck, nicht einmal, warum man Autos von BMW kaufen soll. Seine Botschaft ist „Dynamik auf Knopfdruck“. Dann setzt Herr Gernandt aber doch noch zu einer Erklärung an: „Die Effizienz, das ist es, worum es geht. Die Fahrzeuge von BMW bieten eben diese Effizienz, die efficient dynamics.“ Ich würde mir wünschen, dass Marco Schreyl Herrn Gernandt fragt, ob er läuft, und wenn ja, ob er dabei von Worten wie „Effizienz“ träumt. Aber das macht Marco Schreyl natürlich nicht.

Stattdessen begrüßt er Jo Schindler, den Renndirektor des Frankfurt Marathons, der wie immer freundlich und zurückhaltend in die Runde schmunzelt. Vielleicht schmunzelt er heute noch ein bisschen mehr, denn der Frankfurt Marathon in diesem Jahr könnte wahrlich ein Schmunzelmarathon werden. Alles riecht nach Rekorden, bei den Teilnehmern und bei den Zeiten und den Zuschauern und den Bands und bei allem, was Renndirektoren sonst noch glücklich machen könnte. Man sieht Jo Schindler an, dass er darauf hofft – wie hart er sicherlich dafür arbeitet, sieht man ihm zum Glück noch nicht an.

Dann gilt es nur noch, den wichtigsten Mann des Abends vorzustellen, das ist natürlich Dieter Baumann, der sofort schwungvoll loslegt, das Publikum befragt und aus den Antworten die perfekten Aufhänger für seine Botschaften baut. Es geht um die letzten Wochen vor dem Marathon, um all die kleinen und großen Dinge, die man falsch machen kann, um falschen Trainingsehrgeiz in den letzten Wochen, darum, die nötige Ruhe zu bewahren und sich nicht verrückt zu machen. Es sind viele Binsenweisheiten, die Baumann den Zuhörern eindringlich klar machen will, aber alle erfahrenen Läufer wissen, dass Fehler vorkommen, immer wieder, und dass man sich manche Dinge gar nicht oft genug sagen lassen kann.

Baumann steigt dazu auf ein Podest, damit man ihn auch in der hintersten Reihe noch sehen kann und wirkt jetzt noch mehr wie einer dieser Prediger, die an öffentlichen Plätzen auf Bananenkisten stehen. Baumann warnt vor den Sünden, vor Alkohol, Ernährungsexperimenten, Testrennen und ausgiebigen Marathonmessebesuchen. Aber er spricht auch von der Verheißung, vom Paradies und das heißt bei ihm „Feschthalle“. Jedesmal, wenn Baumann vom Zieleinlauf in der „Feschthalle“ spricht, leuchten seine Augen und die seiner Zuhörer auch.

Alles, was er sagt, ist pure Läuferlebenshilfe und zwar ganz praktische. Bei den Klos am Start, sagt er, dürfe man nicht zimperlich sein, das müsse man „rustikal“ nehmen. Und nie, wirklich niemals dürfe man den Fehler machen, und sich auf der Strecke die Sinnfrage stellen, sein eigener schmerzlicher Fehler beim Hamburg Marathon 2002. Selbst angesichts der Streckenkarte hat der beinahe zarte Mann, der von dem Asics-Logo auf seinem T-Shirt fast erschlagen wird, handfeste Tipps und Hinweise zu bieten, etwa wo man am besten geistige Zäsuren setzen könnte, um sich die Strecke gut einzuteilen. Seine Ausführungen würzt er wie immer mit kleinen Anekdoten aus Heldenzeiten, was aber ganz unaufdringlich daher kommt. Als ihn Marco Schreyl ermahnt, zum Ende zu kommen, formuliert er noch eine kleine Vision. Da er nun Herbert Steffny als Experten-Kommentator bei der Marathon-Übertragung des hr ablöst, könnte er ja vielleicht „der Günter Netzer des Laufens“ werden. Dieser Vergleich wird sicher nie ein großer Läufer, dazu hinkt er viel zu sehr.

Das Publikum genießt noch die anschließende „Pasta Party“ und einige Zuhörer diskutieren heftig eigene Fehler und Erfahrungen. Mich zieht es noch einmal zu den bunten Schuhen, dann setze ich mich auf mein Fahrrad und fahre mit ungeheurer Effizienz und Dynamik nach Hause.

7Antworten um “Garten Eden Feschthalle.”

  1. Uwe Says:

    Hallo Frau Schmitt,

    vor zwei Jahren hieß es noch „Ein Frankfurt Marathon ohne Steffny – undenkbar“. Und nun? „Volle-Kischte-Dieter“ als Nachfolger? Das nimmst Du einfach so kritiklos hin? 😉

    Im Ernst: hast Du eine Ahnung, warum Herbert nicht mehr mitspielt?

    Viele Grüße aus Berlin
    Uwe

  2. admin Says:

    Hallo Uwe,
    nein, ich hab keine Ahnung, warum Steffny nicht dabei ist. Ich kann mir kaum vorstellen, dass er von sich aus einfach die Lust verloren hat, denn es könnte ja um einen Rekord gehen und so ein leidenschaftlicher Läufer und Sportjournalist wie Steffny würde sicher gern einen Weltrekord moderieren und ganz nah dran sein. Vielleicht hat es aber auch private Gründe, wer weiß das schon. Vielleicht glaubt man beim hr, Ralf Scholt und Dieter Baumann sind jünger und dynamischer als Werner Damm und Herbert Steffny. Und es muss ja effizient und dynamisch sein, wegen dem Titelsponsor. 🙂

  3. Angelika Says:

    Hallo Frau Schmitt,
    ich war diese Woche bei einem Vortrag von Herbert Steffny. Anschließend wurden noch ein paar Fragen gestellt. Hört sich nicht so an, dass er freiwillig nicht mehr moderiert. Schade, denn ich höre Herbert Steffny immer gerne zu.

    Grüße
    Angelika

  4. Thomas Heim Says:

    Ich frage mich ernsthaft was den Leuten an einem trockenen, humorlosen, alles wissenschaftlich begründend wollenden Herbert Steffny besser gefällt, als an Dieter Baumann der lustig von der Leber weg schwäbelt. Da ist mir die „Feschthalle“ (in die ich am 28.10. wieder einlaufe) alle mal lieber.

  5. admin Says:

    ’s isch halt Gschmackssach, gell? I mag halt die Stimm vom Herbert scho arg gern.

  6. Sabine Says:

    Der Herr Steffny war in New York. Vielleicht kreuzten sich diverse Termine im Kalender und er konnte deshalb nicht in Frankfurt sein. Ich mag ihn nämlich auch gerne und gegen „wissenschaftlich“ habe ich nichts. Es dient ja der Sache. 🙂

  7. admin Says:

    Steffny ist jedes Jahr in Frankfurt UND New York. Auch dieses Jahr war er in Frankfurt, nur eben leider nicht als Kommentator. Ich muss doch sagen, dass ich ihn dieses Jahr bei der Übertragung sehr vermisst habe. So ein bisschen mehr als: „Ah, des isch schon toll, des zu sehen“ wär ab und zu ganz gut gewesen.


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