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Hinten ist die Ente fett.

Sa, Okt 23, 2010

Schnipsel

Hinten ist die Ente fett.

Für die einen ist Dieter Baumann der Zahnpastaheini, für die anderen ein großer Sportsmann. Da ich zu den letztgenannten gehöre, habe ich mir endlich „Körner, Currywurst, Kenia“ angesehen – das Kleinkunstprogramm, mit dem Baumann seit vergangenem Jahr tourt. Aber sind schwäbische Läuferscherze wirklich komisch?

Ich muss zugeben, meine Erwartungen waren nicht sehr hoch. Mit Ausdauer allein kommt man auf einer Kabarettbühne schließlich noch nicht sehr weit. Und ein guter Läufer ist noch nicht automatisch ein guter Komödiant. Die PUT-Eventbühne auf dem Gelände der Frankfurter Brotfabrik ist eine kuscheliger Veranstaltungsraum mit kaum mehr als 50 Plätzen an kleinen Tischchen. Wir sind also unter uns. Man muss kein Hellseher sein, um festzustellen, dass beinahe alle Zuschauer Läufer sind.

Das Programm beginnt mit dem O-Ton der wunderbaren Reportage zu Baumanns Olympiasieg 1992 („Die Lücke wäre da!“). Wer den Ausschnitt kennt, ist sofort wieder berührt.

Den nächsten vermeintlichen O-Ton übernimmt Baumann dann selbst: als Sportreporter kommentiert er einen Lauf des kenianischen Wunderläufers Said Aouita, ein Mann, der ihn als junger Läufer inspirierte. Die Reportage ist schön geschrieben und perfekt vorgetragen. Schon hat er mich, der Baumann.
Baumann 3
Natürlich gehört auch ein lockeres Introschwätzchen zum Einstieg und wir erfahren, dass Aufzüge und Rolltreppen eigentlich für Läufer gemacht sind. Schließlich trainieren die dauernd und können sich eine kleine Erholungspause gönnen. Für die anderen gilt: Bewegung im Alltag. Und für alle Läufer, die nicht so genau wissen, wie oft sie denn nun eigentlich trainieren sollen, hat Baumann eine großartige Faustregel parat: Man sollte immer an den Tagen laufen, an denen man was isst.

Baumann 1
So plaudert sich Baumann langsam warm, scherzt mit den Zuschauern und pickt sich auch gleich zwei „Opfer“ heraus. Bernd ist einer der wenigen Nichtläufer im Raum und wird fortan mit regelmäßig eingestreuten Gags geneckt. Zum Beispiel errechnet Baumann auch gleich seine Lebenserwartung nach den Erkenntnissen einer Studie. Sie zeigt, wie schnell sich die Lebenserwartung durch ungünstige Faktoren reduzieren kann („Lebensumstand verheiratet – minus 5 Jahre“) Baumann begegnet der Studie mit viel Ironie – aber Hauptsache, man kann Bernd ein bisschen damit verunsichern. Dafür bekommt der tapfere Zuschauer auch einen Trainingsplan („Lebenserwartung plus 10“) Das andere Opfer ist Thomas, ein Marathonläufer, den Baumann immer wieder auf originelle Art und Weise einbindet.

Die große Stärke des Lauf-Komödianten sind aber seine Geschichten. Im Grunde müsste er gar nicht viel parodieren oder spielen (was er aber wirklich gut hinbekommt). Es würde genügen, wenn er einfach nur erzählt. Seine Geschichten aus dem Kenianischen Trainingslager in Nyahururu sind unglaublich komisch, schön pointiert und voller Selbstironie. Allein der tägliche Lauf mit einem kenianischen Tankwart („Ich war in meiner Olympia-Vorbereitung – der auf dem Heimweg“) ist als Geschichte sehr witzig. Zum Höhepunkt wird die Erzählung eines „kleinen Wettlaufs“ mit 150 Teilnehmern – davon einer mit weißer Hautfarbe. Baumann berichtet so farbenreich und voller Energie, dass man die rote Erde Kenias förmlich stauben sieht. Und den abgekämpften weißen Mann, wie er nach und nach durchgereicht wird. Als 84ster erreicht Baumann das Ziel – etliche Plätze hinter dem Militärkoch, der ihn am Abend bekocht und fröhlich fragt, wie denn des Rennen wohl gewesen sei. Wir lernen: „Hinten ist die Ente fett“, was etwa soviel bedeutet wie „Mit einem dicken Ende muss man immer rechnen.“

Damit niemand im Publikum abschlafft, schiebt Baumann ein kleines improvisiertes Fitnessprogramm für alle ein. Der Zuschauer mit dem höchsten Puls bekommt zum Trost eine Tube „Zahnpaschta“. Über 10 Jahre nach der kuriosen Dopingaffäre macht Baumann solche „Spässle“ ohne Bitterkeit, es wirkt ganz und gar nicht verkrampft. Das war nicht immer so.

Nach einer satten Stunde gönnt sich der Künstler eine Pause. Ich bin schon jetzt beeindruckt. Baumann hat das Energielevel bis jetzt unverändert hoch gehalten, viel Power und Fröhlichkeit versprüht. Es macht den Anschein, als wäre das ganz sein Ding. Leut’ beschwätze, Anekdoten erzählen, sich mit seinem Publikum freuen. Auf der Bühne fühlt er sich sichtlich wohl. Das Programm hat einen klaren Spannungsbogen, die Geschichten sind nicht aneinandergereiht, sondern geschickt miteinander verwoben, die Regie ist professionell und abwechslungsreich. Ich freue mich auf den zweiten Teil und wenn ich so die Zuschauer ansehe, bin ich nicht die einzige. Im Publikum finden sich im Übrigen auch Leichtathletik-Reporter Robert Hartmann, der für Baumann den Namen „Der weiße Kenianer“ erfand und hr-Sportreporter Werner Damm. Fachkundige Fans.

In der zweiten Stunde bleibt Baumann in heimischen Gefilden. Er erzählt von den Läufen auf seiner Hausstrecke und dass er oft seltsam angesehen wird, wenn er mit dem Auto fahren will. („Der kann doch laufe!“) Wenn Baumann über das Laufen redet, wirkt es immer ein bisschen so, als würde ein Kind von seinem liebsten Videospiel berichten. Man erwartet beinahe, dass er dabei rote Backen bekommt, so direkt vermittelt sich die Lauffreude und Begeisterung. Dass ein Leistungsläufer zum Genussläufer werden, kann ist gar nicht so selbstverständlich. Wer Baumann zuhört, gewinnt den Eindruck, dass es hier gelungen ist.

Und dann gibt es noch einen Ernährungstipp frei Haus. Baumann hat seine Getreidemühle mitgebracht und demonstriert die Herstellung eines Frischkornbreis. Thomas, der Marathonläufer, muss die mitgebrachte Pampe probieren und spielt wacker mit. Sofort nehme ich mir vor, so etwas auch mal zu versuchen. 80 Gramm Weizen. Gemahlen und eingeweicht. Aha. An den Nebeneffekten den Mühle zweifle ich dann aber dann doch: „Meiner Frau sag ich immer: Schatz, mach dich schon mal bettfertig, ich mahl noch e bissle! Das hat auch was Erotisches, so eine Mühle!“

Baumann und seine geliebte Getreidemühle

Baumann und seine geliebte Getreidemühle

Und dann wird noch einmal alles ausgepackt und äußerst komisch kommentiert, was Freizeitläufer noch so brauchen könnten: „Nasenpflaschter“, Kopfmassagekralle und natürlich die unvermeidlichen Stützstrümpfe.

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Um die zu zeigen, legt Baumann dann noch einen astreinen Strip auf die Bühne. Und auch dabei hat er scheinbar wieder soviel Jux, dass man einfach lachen muss. Was für ein schönes Ende. Eine richtig fette Ente.

Baumann 9

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Dieter Baumann ist 40facher Deutscher Meister über die Distanzen von 1.500 Meter bis 10.000 Meter. In 3.000, 5.000 und 10.000 Meter hält er bis heute den deutschen Rekord. Bei Olympischen Spielen holte er einmal Silber (1988) und einmal Gold (1992) über 5.000 Meter.

Nach seiner aktiven Zeit im Leistungssport arbeitet Baumann heute als Trainer und Berater in Tübingen, sowie als Autor von Kolumnen u.a. für die Runner’s World.

Weitgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit findet sein Engagement im Projekt „Jugend bewegt sich über Grenzen“ statt, das jungen Strafgefangenen über den Laufsport neue Sichtweisen gibt und die soziale Integration fördert.

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[stextbox id=“grey“]Weitere Termine und Infos unter: www.dieterbaumann.de[/stextbox]

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3Antworten um “Hinten ist die Ente fett.”

  1. Kylie Says:

    Ach, was toll, super hautnah berichtet, vielen Dank dafür FrauSchmitt! Als ich darüber nachdachte, wenn wir als Zugpferd für Läufer in unsere Buchhandlung holen könnten und meine Wahl dann auf Steffny fiel, hatte ich auch Dieter Baumann mit genau dem Programm im Visier. Aber ich wusste einfach nicht, ob es funktioniert und ob er Leute „anzieht“. Hätte ich gewusst, dass er sich selbst „auszieht“, na dann! 😉 Schade, jetzt ist der Etat erstmal leer. Hätteste Dir auch mal früher anschauen können! Interessant wäre auch der Gagenvergleich – wieviel es gekostet hätte, Baumann zu buchne, weiß ich nicht. Steffny war aber auch kein Billigheimer;-)

  2. Daniel1063 Says:

    Wusste gar nicht, dass Dieter Baumann unter die Kabarettisten gegangen ist. Für mich zählt er trotz seiner Zahnpasta-Affäre auch weiterhin zu den Sportlern und ich werde mich mal schlau machen, wann der ehemalige Weltklasseläufer mit seiner Show bei mir in der Nähe auf Tour geht. Scheint sich deinem Bericht nach auf alle Fälle zu lohnen.

    Gruß, Daniel.

  3. Jörg Says:

    Klingt doch richtig gut. Werde gleich mal schauen, ob er auch mal irgendwann in der Gegend hier ist.

    Grüße

    Jörg


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