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Ein Hoch auf uns.

Di, Jul 15, 2014

Schnipsel

Ein Hoch auf uns.

„Wir sind eine Mannschaft mit einem geilen Team“, sagte Thomas Müller nach dem 7:1 gegen Brasilien. Unabhängig von dem etwas eigenwilligen Satzbau postulierte er damit etwas, was ihm alle Sportjournalisten bestätigen: Das gute Teamspiel hat Deutschland zum Weltmeister gemacht.

Läufer nicken dazu weise und stimmen ebenfalls zu – aber nicht unbedingt aus eigener Erfahrung. Denn der Läufer läuft nicht im Team. Nicht einmal, wenn er mit anderen läuft. Niemand gibt ihm entscheidende Pässe, verteidigt für ihn. Und wenn er 15 km läuft, sagt hinterher niemand: „Was ist dieser Mann heute gelaufen!!“ Alles muss er selber machen. Mit der Zeit hat ihm das den Ruf eingebrockt, ein verschrobener Einzelkämpfer zu sein. Man kennt das ja. Manager, die sich selbst beweisen wollen, laufen einen Marathon. Egomanen, sozial kaum kompatibel. Sonst würden sie ja Handball spielen. Oder nett kicken, wie andere Jungs auch. Mädchen würden Volleyball spielen oder nach dem Zumba mit den Freundinnen in der Umkleide herumquietschen. Stattdessen behandeln sie einsam ihre Blutblasen wie Reinhold Messner im Basiscamp. Sind Läufer wirklich solche Solisten?

Alleine laufen 2

Sieht man sich die extremsten ihrer Sorte an, bekommt man Zweifel. Ultraläufer sind bekloppt, sonst würden sie nicht liebend gern mehr als 42 km zu Fuß im Laufschritt auf sich nehmen. Aber nichts lieben diese Bekloppten so sehr, wie die Gesellschaft von anderen Bekloppten. Vermutlich, um sich zu versichern, dass sie bestenfalls mittelbekloppt sind, denn es gibt IMMER einen, der noch behämmerter ist. Ultraläufer treten gern in Rudeln auf und das Ultralaufen lieben sie vor allem deshalb, weil man dabei so langsam ist, dass man sich unterwegs in aller Ruhe kennenlernen und Freundschaft schließen kann. Die Nacht ist noch jung? Der Lauf ist noch lang! Auch Marathonläufer neigen schon zur Rudelbildung. Das Weizenbier hernach schmeckt eben besser mit anderen. Nun ist eine Pastaparty zwar nicht eben das, was sich herkömmliche Menschen unter einer ordentlichen Sause vorstellen und bei Apfelschorle mit verkochten Nudeln haben sich noch die wenigsten verbrüdert. Das müssen Läufer aber auch nicht, denn sie duzen sich ohnehin. Wer trinkt schon mit der eigenen Familie Bruderschaft? Bin ich mit meiner Cousine ein Team? Wir sind doch sowieso miteinander verbandelt.

Läufer sind ein bisschen wie Motorradfahrer, die auf einsamen Strecken die Hand zum Gruß heben, wenn sie sich begegnen, weil sie umeinander wissen. Es ist eine Verbundenheit, die Fußballspieler und Handballer nicht kennen. „You’ll never walk alone“ bedeutet für uns „You’ll never run alone.“

Wer ein guter Teamspieler sein will, auf dem Fußballplatz und im Leben, braucht sein persönliches Campo Bahia. Einen Ort an den er sich zurückziehen kann, an dem er in sich gehen kann und Kraft schöpfen. An dem Ruhe herrscht und er sich selbst aushalten lernt. Für den Läufer ist das die Strecke. Wenn er davon zurückkehrt, kann er seine Energie wieder ganz in den Dienst einer Mannschaft stellen, zuhause und im Job. Das Laufen macht den Läufer zu einem besseren Teamplayer. Und die gewinnen ja bekanntlich gern mal Herzen und Pokale.

Bild: © joexx – photocase.de

7Antworten um “Ein Hoch auf uns.”

  1. Jörg Says:

    Schöner und treffender Artikel.
    Es gibt aber noch eine Ausnahme: die seltenen aber häufiger werdenden Staffeln.

  2. calceola Says:

    Das ist aber wirklich ein sehr schöner Text. Genau so ist es, Training macht man gern allein (manchmal im Lauftreff), aber zum Spiel (Wettkampf) dann gerne mit anderen. Dabei weiß man gerade im Ultralauf um die Qualitäten und Geschwindigkeiten des anderen und in der Regel gönnt man die auch.

    Auf der Strecke grüßen gehört dabei zum guten Ton wie ich finde, wobei das auf der Außenalsterstrecke wahrscheinlich etwas problematischer ist als bei mir im Wald.

  3. Jürgen Says:

    Der Text des Jahres!!!!!! :-)

  4. whiteytah Says:

    Ein schöner treffender Text, obwohl ich sogar noch etwas weiter gehen möchte.
    Läufer sind auf das Team nicht angewiesen, aber ein Läufer ist immer für das Team da wenn es ihn braucht! Was meine ich damit? Wir trainieren meist alleine (außer im Lauftreff vielleicht) und auch die Strecke bewältigen wir für uns selbst, aber wann immer etwas passiert, es einem Läufer nicht gut geht, ein Schwächeanfall droht oder was auch immer passiert, gibt es Läufer die stehen bleiben und sich kümmern, die sich des Läufers mit dem Problem annehmen. Immer.

    Ich finde, dass Läufer hervorragende Teamplayer sind! Auch beim Laufen.


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  1. […] Übrigens:Ein Hoch auf uns der beste Text zum Thema Laufen denn ich je gelesen haben. […]

  2. […] Und es ist schön, auf andere zu treffen, die ähnlich motiviert sind. Die ehrenwerte Frau Schmitt hat es einmal sehr schön formuliert: […]

  3. […] an eine Mannschaft auszuüben. Eine Ego-Sportart ist es deshalb beileibe nicht, wie ich auch hier schon einmal geschrieben habe. Das Gemeinschaftsgefühl bei Volksläufen ist groß, weil alle das […]

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