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Das Schwitzen im Walde.

So, Jul 1, 2012

A - F, Eppstein, Eppstein12, Laufberichte

Das Schwitzen im Walde.

Wenn euch jemand erzählt, der Eppsteiner Burglauf sei unvergleichlich, heißt es: aufgemerkt. Es könnte nämlich sein, dass dieser jemand gar nicht den Erlebniswert des Laufs meint. Sondern dass er einfach nur die nackte Tatsache zitiert. Denn der Eppsteiner Burglauf ist unvergleichlich, da gibt es gar nichts dran zu rütteln. Er hat eine Strecke von 7,777 Kilometern (unvergleichlich), findet Freitags abends statt (mindestens unüblich), man rast nach unten auf eine Burg zu, verheddert sich auf Altstadt-Treppen und schleppt sich dann wieder nach oben (total unvergleichlich) und es gibt im Ziel ein Äpplerglas als Belohnung (sowas von unvergleichlich).

Es gibt jedoch einen Trick, wie man der Unvergleichlichkeit des Laufs aus dem Weg gehen kann: man muss ihn immer wieder laufen. Dann kann man Befindlichkeit, Wetter und Ergebnis aus dem letzten Jahr mit dem diesjährigen vergleichen. Vor allem Letzteres – denn mit einer einzelnen Zeit auf 7,777 Kilometern Bergstrecke kann man absolut nichts anfangen. Im vergangenen Jahr haben meine Achillessehnen und ich den Eppsteiner Burglauf geschwänzt. Dieses Jahr müssen wir ran.

Nachdem mich eine liebreizende Laufkollegin vom Bahnhof geholt hat, komme ich trotz 28 Grad noch einigermaßen trocken oben am Sportplatz an. Vergleich: Vor zwei Jahren bin ich zu Fuß hinaufgestiefelt und wäre schon vor dem Start bereit für eine Dusche gewesen. Denn wenn es eines in Eppstein im Überfluss gibt, dann sind es topographische Gegebenheiten. Den Begriff habe ich vor zwei Jahren hier gelernt und er ist eine echte Läufer-Lebenshilfe. Dachte ich vor zwei Jahren noch: „Ach Du heilige Scheiße, ist das steil. Da muss ich jetzt rauf??“, denke ich heute nur „Sieh an, eine topographische Gegebenheit!“. Man läuft da gleich viel würdiger. Schneller nicht, aber die B-Note zählt ja auch.

Obwohl mir nach dem Anpinnen der kuchenblechgroßen Startnummer doch der Schweiß zu rinnen beginnt, mache ich mich warm. Gäbe es einen „Lauf rund um den Hochhofen“, einen „Ätna Lava Run“ oder den „Höllenlauf zum Erdmittelpunkt“ – Läufer würden sich erst mal warm machen. Was soll man auch sonst tun? Würde man sich (oder gar andere) kalt machen, käme es ja gar nicht mehr zum Start.

So aber sind wir alle schön warm, als wir dem Countdown lauschen. Los geht’s. Die Strecke, ist, wie ich schon vor zwei Jahren berichtete, in erster Linie dazu da, die Läufer zu veralbern. Man läuft etwas bergauf, aber nicht lange. Dann ist man im Wald und läuft bergab. Das ist deutlich zu früh, um es als Entspannung wirklich genießen zu können oder gar ordentlich Stoff zu geben. Ob man einen guten oder schlechten Tag erwischt hat, kann man eigentlich nach 2 km noch gar nicht so richtig wissen. Also haushaltet man lieber mit den Kräften. Außerdem weiß man bei jedem Schritt bergab – das muss ich alles wieder rauf. So etwas kann ein wenig bremsen. Ich bevorzuge Gefälle eindeutig in der zweiten Hälfte der Strecke. Aber ätsch – is nich. Als ich unten angekommen bin, laufen bereits salzige Rinnsale an Schläfen und Nasenflügel vorbei. Es ist wirklich sehr warm.

Unten im Ort stehen die Fans und laufen die Heroes. Denn die Schnellen sind jetzt bereits auf der zweiten Runde. Die Glücklichen. Ich erinnere mich nicht mehr ganz genau an den Streckenverlauf, deshalb habe ich extra das Jubiläums-T-Shirt vom Burglauf vor zwei Jahren angezogen. Das wird es wissen. Ich frage mal vorsichtig an, wann es wieder bergauf geht. „Gleich“, sagt das T-Shirt. Es hat vollkommen recht. Die Steigung beginnt ganz harmlos, zieht sich dann ein wenig über das Kopfsteinpflaster, an der Straße entlang und nach einer kleinen Biegung ist es vorbei. Dann wird es gemein. Ich laufe in einer Preislage, in der hier oft gegangen wird. Das ist mehr eine Stil- als eine Geschwindigkeitsfrage: obwohl der Mensch vor mir geht und ich laufe, wird unser Abstand kaum geringer. Es ist einfach zu steil, oder ich zu langsam, wie man es nimmt. Aus den Rinnsalen sind Katarakte geworden. Mein Gesicht wird von Schweiß überspült.

Am Ende der Steigung kommen ein paar Treppenstufen. ich habe mir fest vorgenommen, sie dieses Mal laufend zu nehmen und so geschieht es auch. Noch ein, zwei Kurven, dann sind auch wir auf der zweiten Runde. Immerhin: ein paar Gehende habe ich überholt. „Das war gut“, sagt das T-Shirt. „Das zweite Mal laufen wir die Treppen wieder!“ Tatsächlich weigere ich mich, auch nur einen Schritt zu gehen, obwohl ich die Stufen gar nicht mehr sehen kann. Die Triberger Wasserfälle stürzen jetzt von meiner Stirn und reißen die Wimpern mit nach unten. Ich bin froh, dass das T-Shirt den Weg kennt.

Als wir wieder im Wald sind, atme ich auf. Zwar fühle ich mich hier nach den letzten nassen Tagen wie im tropischen Regenwald. Aber Steigung im Forst – das kenne ich so gut, dass sich mein Läuferherz zuhause fühlt. Das hier kann ich besser als kleine Runden im Ort mit Kopfsteinpflaster und Treppen. „Ich auch“, sagt das T-Shirt. Und so machen wir uns auf den Weg nach oben. Schaukelnd, schnaubend, triefend. Jetzt sind es Niagarafälle in meinem Gesicht und sie schmecken wie das tote Meer. Es brennt in den Augen. Einen Augenblick stelle ich mir vor, dass die Pfützen auf dem Weg von den schnellen Läufern vor mir stammen. Vermutlich ist es auch so. Wer weiß das schon so genau. „Denk keinen Quatsch und lauf“ sagt das T-Shirt. Es ist jetzt so nass, dass es sich schwer anfühlt. „Mach du lieber deinen Job als Funktionsshirt, sonst lass ich nachher die Startnummer an dir dran und dann kriegst du Rostflecken!“ Das T-Shirt sagt jetzt nichts mehr. Ich kämpfe und kämpfe und immer wenn ich denke, jetzt müssten wir oben sein, kommt noch eine Serpentine. „Ist es noch weit?“ frage ich. Doch das T-Shirt zuckt nur mit den Schultern. Es ist jetzt beleidigt.

Aber es kann jetzt nicht mehr weit sein. Tatsächlich. Jetzt kommt wieder dieser alberne Abschnitt, der zu steil ist, um wirklich Gas geben zu können. Bremsen müssen im Endspurt. Ich seufze. Im Ziel angekommen, klopfe ich mir auf die Schulter. Zumindest für Außenstehende muss das so aussehen. In Wahrheit tätschle ich das T-Shirt. Es hat mich ja doch ganz gut geführt.

Hernach gibt es Erdinger Alkoholfrei, Zitronentee und Kuchen (in dieser Reihenfolge). Warum sollte man auch nicht um 21 Uhr Kuchen essen? Auch das ist schließlich unvergleichlich. Aber zurück zum Vergleichlichen: In diesem Jahr, bei meinem 2. Eppsteiner Burglauf, war ich mit 46:10 beinahe eine Minute schneller als vor zwei Jahren. In Eppstein ist eben immer noch Luft (und Waldweg) nach oben.

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9Antworten um “Das Schwitzen im Walde.”

  1. Doris Says:

    Danke, danke Frau Schmitt, für diesen Bericht!

    Mein Gott bin ich froh 🙂 Am Freitag hat mein T-Shirt (vom Frauenlauf Wien 2012) auch zu mir gesprochen. Und ich dachte schon ich werd‘ verrückt und hab das Training abgebrochen und bin nach Hause geflüchtet.

    Aber es scheint, bei Temperaturen über 30 Grad werden die Dinger redselig …..

    So hing es jetzt 2 Tagen im kühlen Bad und schwieg vor sich hin, nur bei der Androhung es zum Auslüften auf den Balkon zu hängen, hat es lautstark protestiert, und schmollt jetzt frisch gewaschen am Wäschetrockner.

    Ich hoffe dein Shirt ist nicht mehr länger beleidigt, und die tollen Kuchen – v.a. die rote Torte mit den weißen Sternen drauf – haben geschmeckt!

    LG aus dem brütenheißen Süden Österreichs
    Doris

  2. Daniel Says:

    Ach, besser kann man es echt nicht beschreiben: Genau so ist der Burglauf und genau deshalb macht man die Quälerei auch jedes Jahr mit. Wegen der Strecke, dem Kuchen, dem Glas und ganz besonders wegen den unglaublich netten Leuten, die das jedes Jahr wieder organisieren, nie hat man das Gefühl, an einer Werbe- und Verkaufsveranstaltung teilzunehmen. Fair und liebenswürdig und, klar, unvergleichlich!

  3. claudia Says:

    Welch Freude, Mittagspause mit Frau Schmitt, hab ich gelacht, als ich während meines kleinen Lunches deinen neuen Bericht las, die stetig zunehmenden Salzbäche, die Korrespondenz mit deinem Schört und, ach, natürlich das Foto mit der fantastischen Kuchen- und Tortenauswahl, das stimmt, da geht auch abends was!! Danke wieder einmal sehr… und liebe grüße!

  4. Nora Says:

    Hallo,

    Ich bin the nur Chinese in Burg-lauf am laeste Freitag. 🙂 Ich bin sehr sehr froh fuer Burg-lauf mit mein Freund.Das mein ernste Langzeit publikum laufen. Ich komme fuer Gesundheit und mein Liebe:-)

    Aber 7.77km burg-lauf ist sehr schwer fuer mich. Klein Uebungen. So ich kann nicht fertig. So ich bin the laeste Person. Aber ich moenste danke fuer alle Anregung von Leute! Vielen Danke wieder.

    Ich bin gut unterhalten hier im Burg-lauf und Deutschland.

    My schlecht Deutsch entschuldigen bitte. 🙂

    Ganz liebe gruesse
    Nora

  5. Wolfgang Says:

    Hallo,

    beim nächsten Eppsteiner-Burglauf wirst Du, mein Schatz, dann etwas schneller Laufen und Sprechen – immer schön üben.

    Lieben Gruß
    Wolfgang

  6. harriersand Says:

    Mann, Frau Schmitt, du ahnst ja nicht, was topographische Gegebenheiten sind, wenn du nicht den Jubilee Marathon Stockholm mitgelaufen bist! Rampen, sage ich nur, Rampen!! Ebene Stellen gab es definitiv nicht.
    Die letzten 15 km quasi nur noch spaziert, denn auch zum Bergablaufen fehlte die Kraft. Und „walken“ konnte man das auch nicht mehr nennen.

    Naja, schicke Medaille, hart erobert. Und im Ziel gab’s Champagner. Auch noch für die Drömelsäcke wie mich.

  7. netzminister Says:

    Die Burg ruft das Bergfräulein, oder ruft der Berg das Burgfräulein? Auch dieses Jahr, am 28. Juni:

    http://www.eppsteiner-burglauf.de/

    Du freust Dich auf topographische Gegebenheiten, die Triberger Wasserfälle, die Eppsteiner!

  8. netzminister Says:

    Hallo Freunde des Burg-Laufs!

    Es geht wieder los.
    Der Berg ruft – die Burg lockt – der Wald kühlt.
    So auch wieder in 2014. Anmeldung ab sofort wieder unter

    http://www.eppsteiner-burglauf.de/

    Und los gehts!


Trackbacks/Pingbacks

  1. […] das schon. In diesem Jahr waren die Lauftemperaturen optimal. Bei 17 Grad muss man nicht so sehr durch den eigenen Schweiß nach oben schwimmen wie sonst. Vielleicht war ich deshalb auf den legendären 7,777 km beinahe 1 1/2 Minuten schneller als im […]

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