Laufen-mit-frauschmitt http://www.laufen-mit-frauschmitt.de Laufen zum Lesen und Hören. Sun, 27 Aug 2017 17:54:58 +0000 de-DE hourly 1 Laufen zum Lesen und Hören. Laufen-mit-frauschmitt Laufen zum Lesen und Hören. Laufen-mit-frauschmitt http://www.laufen-mit-frauschmitt.de/wp-content/plugins/powerpress/rss_default.jpg http://www.laufen-mit-frauschmitt.de 10 Jahre Laufen mit Frauschmitt http://www.laufen-mit-frauschmitt.de/10-jahre-laufen-mit-frauschmitt/ http://www.laufen-mit-frauschmitt.de/10-jahre-laufen-mit-frauschmitt/#comments Sun, 27 Aug 2017 17:54:58 +0000 http://www.laufen-mit-frauschmitt.de/?p=4875 Heute fand in Egelsbach der Koberstädter Waldmarathon statt. Ich war nicht dabei, aber es ist dennoch ein Anlass, hier zu schreiben. Vor genau 13 Jahren bin ich dort zu einem Marathon gestartet und habe hinterher darüber geschrieben. Damals tat man das gern in einem Laufforum. Ich war zuvor schon einige andere Marathons gelaufen, nie habe ich etwas dazu aufgeschrieben. Dieses Mal war es anders. Ich hatte mich gerade im Forum laufen-aktuell.de unter dem Namen Frauschmitt2004 angemeldet und dort machte man das scheinbar so mit den Laufberichten. Fortan schrieb ich immer über meine Volksläufe und das waren eine Menge. Am 18. Juni 2007 nahm ich all diese Geschichten und packte sie auf eine Webseite. Laufen mit Frauschmitt war geboren. Ich hatte die Seite mit einem Homepage-Baukasten von 1&1 gebastelt. Natürlich wusste ich, dass es Blogs gibt, aber ich dachte, irgendwie wären meine Geschichten nicht geeignet für einen Blog.

Zwei Jahre später machte ich dann aber doch einen richtigen WordPress-Blog daraus, die Zeit von Gästebüchern war gründlich vorbei.

Ich könnte jetzt eine Zahlenschlacht veranstalten, aufzählen, wie viele Beiträge, Kommentare, Bilder, Kaffeebecher und Kuchenstücke diese Seite hat und euch Statistiken um die Ohren kloppen, dass es nur so raucht. Aber es gibt schon viel zu viele Statistiken und Zahlen auf dieser Welt und gerade in Zusammenhang mit Blogs braucht so etwas kein Mensch. Aber dazu später mehr.

Seit längerer Zeit ist es still geworden hier, es gibt kaum neue Beiträge und ich will allen Lesern von Laufen-mit-Frauschmitt berichten, warum das so ist und wie es weiter gehen könnte.

„Mach es zu deinem Projekt“. Die Webseite.

Man muss kein Webnerd sein, um festzustellen, dass dieser Blog der Überarbeitung bedarf. Er ist nicht einmal für die mobile Nutzung optimiert und das Design ist in die Jahre gekommen. Dieser Beitrag wird vermutlich ohne Titelbild bleiben, weil es irgendeinen Fatal error gibt – das Theme ist schon gar nicht mehr kompatibel mit dem neuen WordPress. Tatsächlich habe ich schon vor vielen Monaten ein neues Design ausgewählt und erste Arbeiten vorgenommen. Zum Jubiläum am 18. Juni sollte alles fertig sein. Aber wie sagt der Kabarettist Thomas C. Breuer so schön: „Das Schicksal ist ein Arschgesicht, denn was man will, das macht es nicht.“ Nicht alles klappt so, wie man es gern hätte, manchmal kommen Themen dazwischen, die wichtiger sind. Aufgeschoben ist das alles nicht, ich wünsche mir sehr, dass Laufen mit Frauschmitt neu und schön erstrahlt. Ich würde gern ein paar alte Sachen rauswerfen, die Struktur überarbeiten. Vieles hat sich in 10 Jahren geändert, manches überlebt. Aber ich habe beschlossen, mich deswegen nicht mehr zu kasteien und zu stressen. Es ist wie es ist. Noch immer wird die Seite gefunden und gelesen und das freut mich, auch wenn ich natürlich mit dem Schwebezustand der Seite nicht zufrieden bin.

Never give up. Die Läuferin.

Manchmal werde ich gefragt, ob ich denn überhaupt noch laufe. Tatsächlich bin ich schon lange nicht mehr bei einem Volkslauf gestartet. Ich wäre auch in der Schwerschrittgruppe unterwegs. Ich habe nie ganz aufgehört zu laufen, mit Ausnahme einer schweren Zeit, in der mein Hund nach einer OP zwei Wochen lang beaufsichtigt werden musste. Davon abgesehen bin ich immer gelaufen oder sagen wir getrabt. Mein (menschlicher) Trainingspartner musste sich einer schweren Operation unterziehen und es sah so aus, als würde er nie wieder laufen können. Heute traben wir wieder, ganz langsam. Sieben Kilometer, mit zwei Gehpausen. Die Geschwindigkeit ist mir egal, auch das ist laufen. Mein eigener Radius sind inzwischen die 10 Kilometer. Da ich gesund bin, weiß ich, dass ich das jederzeit wieder ändern kann. Eigentlich war es so geplant, dass mich meine Hündin beim Laufen begleitet. Doch sie ist noch immer ein Sorgenkind, was den Bewegungsapparat betrifft. Derzeit ist nicht daran zu denken. Das bedeutet, dass ich zusätzlich zu den Laufzeiten Gassizeiten einplanen muss und so werden meine Laufeinheiten in der Länge gekappt. Der Tag hat nur 24 Stunden. Das Laufen ist für mich so noch kostbarer geworden. So lange ich nicht volkslaufe, muss ich den Kuchen eben selber backen.

Bin ich ein Influencer? Die Bloggerin.

Viele Leser wissen, dass ich nicht nur hier schreibe, sondern auch auf anderen Blogs, hauptsächlich meinem Hundeblog kommstdu-hierher.de. In den letzten 10 Jahren hat sich das Bloggen sehr verändert. Einerseits macht es Spaß zu sehen, wie professionell Blogs heute aussehen, welch hohe Qualität Fotos haben können, wie schön und aufgeräumt die Gestaltung ist. Doch die Sache hat auch eine Kehrseite und die ist aus meiner Sicht alles andere als schön. Immer mehr Blogger verstehen ihren Blog als Business und das auch dann, wenn sie eigentlich ihre Brötchen als Versicherungsvertreter verdienen. Oder als Bürokauffrau. Nicht, dass ich es ehrenrührig finde, Geld mit einem Hobby zu verdienen. Das ist es nicht. Aber an vielen Orten erlebe ich das Bloggen als einen einzigen Krampf. Menschen drehen in Facebook-Gruppen durch, weil sie 10 Instagram-Follower verloren haben. Sie dokumentieren ihre Fanzahlen auf allen Social Media Plattformen täglich in einer Excel-Tabelle. Sie erstellen Hashtaglisten, mit Hashtags, die besonders erfolgversprechend sind. Sie kaufen Follower oder nutzen Apps, die helfen, die Algorithmen der Plattformen auszutricksen. Sie machen sich Gedanken darüber, ob ein Bild, das geteilt werden soll, einen hohen Blauanteil haben darf. Es klingt nach Satire, aber es ist keine. Es ist Bloggeralltag. Followerzahlen sind eine Währung, die darüber entscheidet, ob man etwas gilt. Ob man Kooperationen „an Land zieht“, womit gemeint ist, dass man von Unternehmen angesprochen wird.

Vielleicht suchen viele Blogger einen materiellen Vorteil, vielleicht geht es auch mehr um das Selbstwertgefühl. Menschen fühlen sich aufgewertet, wenn ihnen ein Unternehmen etwas schenkt. Ich finde das nicht nur ungeheuer traurig. Es nervt mich auch, dass Blogs zu Warenschaufenstern verkommen sind. Dass Inhalte oft längst nicht mehr mit der hübschen Form mithalten können. Dumpfe Werbebotschaften, die uns auf den üblichen Plattformen schon nerven, verfolgen uns jetzt auch dort, wo wir uns eigentlich unbehelligt wähnten, auf privaten Blogs. Auch das, was man „Selbstmarketing“ nennt, nervt mich. Ich habe Instagram-Feeds, die aus nichts anderem bestehen als Bildern von einer Person, noch nie verstanden.

Ich war und bin das nicht, spüre aber den Druck, das zu tun, was „man“ tun muss, um gesehen bzw. gelesen zu werden. Ich bin auf Laufen mit Frauschmitt nur in sehr seltenen Fällen Kooperationen eingegangen. Ich habe z.B. immer gern Schuhe von Brooks getestet, weil sie für meine Füße ideal sind. Für einen solchen Test habe ich unzählige andere abgelehnt. Einmal hat mich jemand überredet und ich finde heute noch, dass es ein Fehler war. Manchmal hat sich nach dem Erscheinen eines Blogposts ein Unternehmen gemeldet: Unser Produkt war in Deinem Blog, warum hast Du nicht nach Mustern gefragt? Wollte ich nicht. Ich hatte das Produkt ja längst gekauft. Heute gilt man als „schön blöd“, wenn man so etwas macht. Aber ich will es so. Der Preis ist weniger Sichtbarkeit. Denn Kooperationen helfen enorm. Die Unterstützung von Unternehmen hilft enorm. Wer sie nicht nutzt, muss immer mehr strampeln. Aber ich bin kein Influencer und will auch keiner sein. Ich will Unabhängigkeit. Es hat sich in 10 Jahren vieles geändert. Aber das, was ich vor fünf Jahren geschrieben habe, gilt im Kern immer noch.

Mein Blogger-Credo habe ich auch an anderer Stelle schon einmal aufgeschrieben: „10 Dinge, die Du beachten solltest, wenn Du es leid bist, 10 Dinge zu beachten.“

Ich hör nix! Die Podcasterin.

Jetzt kommt etwas, das mir ein bisschen peinlich ist. Der Schmittcast ruht. Nicht das ist es, was mir peinlich ist, nein, der Hauptgrund dafür. Klar, es fehlt Zeit, wie man sich denken kann. Einen Schmittcast zu produzieren dauert schnell mal 3 Stunden. Aber selbst wenn ich will, kann ich keinen neuen Schmittcast erstellen. Ich habe als Mac-Userin immer mit GarageBand gearbeitet. Da ging immer easy, fast selbsterklärend. Irgendwann ist dieses Programm allerdings explodiert. Nach einem Update sah es vollkommen anders aus, hatte ein anderes Menü und vermutlich 500 Funktionen mehr. Ich bin kein technischer Idiot, aber ich raff es einfach nicht. Nicht im geringsten. Ich komme überhaupt nicht mehr damit klar. Das heißt, ich müsste mir selbst für die einfachsten Funktionen erst mal ein Tutorial reinziehen. Das hab ich einfach noch nicht geschafft. Einen Schmittcast gibt es also vor allem deswegen nicht, weil ich für das Programm zu doof geworden bin. Voll peinlich.

Schreiben geht immer. Die Autorin.

Ja, ich schreibe noch. Natürlich. Ich lebe davon. Zum Glück nicht von meinen Büchern, sonst würde ich schon unter der Brücke wohnen. Aber ich schreibe ja auch sonst allerhand. Über das Laufen schreibe ich derzeit für die Print-Ausgabe von Laufen.de Dort könnt ihr regelmäßig meine Kolumne lesen.

10 Jahre ist Laufen mit Frauschmitt nun alt. Kaum zu fassen. Aber irgendwie schön. Prost.

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Breaking2 – das bittersüße Spektakel. http://www.laufen-mit-frauschmitt.de/breaking2-das-bittersuesse-spektakel/ http://www.laufen-mit-frauschmitt.de/breaking2-das-bittersuesse-spektakel/#comments Sun, 07 May 2017 19:22:25 +0000 http://www.laufen-mit-frauschmitt.de/?p=4851 Eigentlich hätte ich mir den Wecker stellen müssen. Normalerweise lasse ich mir kaum einen wichtigen Marathonlauf entgehen. Und um 5:45 Uhr an diesem Samstag startete ein besonders wichtiger. Das akribisch vorbereitete „Breaking2“ Projekt von Nike brachte Eliud Kipchoge (PB zuvor 2:03:05), Zersenay Tadese (Weltkrekordhalter im Halbmarathon mit 58:23) und Lelisa Desisa (2:04:45) auf die Strecke. Auf der Formel 1-Rennstrecke in Monza sollte das Vorhaben glücken, dass der erste Mensch einen Marathon in unter 2 Stunden absolviert.

Ausgerechnet Nike.

Wie wir inzwischen alle wissen, ist der Versuch knapp gescheitert. Das Experiment, bei dem nichts dem Zufall überlassen wurde, hat dennoch gleich zwei Sieger hervorgebracht: Eliud Kipchoge, der ein beinahe überirdisches Rennen lief und seine Bestzeit mit 2:00:25 deutlich nach unten verschob und Nike, der ausrichtende Sportartikelhersteller, dessen Logo an diesem Wochenende netzhautverätzend häufig zu zu sehen war. 30 Millionen Euro soll das Ereignis das Unternehmen gekostet haben, eine Summe, die man getrost als nützliche Werbeausgaben verbuchen kann.

Etwas PR kann derzeit auch nicht schaden, machte Nike doch in Sachen „Oregon Projekt“, der Trainingsgruppe um den umstrittenen Coach Alberto Salazaar, keine besonders coole Figur. Als Vorkämpfer gegen Doping kann man Nike wohl eher nicht ansehen. Es ist im Gegenteil von Behinderung der Ermittlungen der Usada die Rede.

Aber ist das Grund genug, ein solches Experiment nicht mit leuchtenden Augen zu verfolgen? Schließlich ist Eliud Kipchoge ein besonders großartiger Läufer unter den großartigen. Wunderbar elegant, ausgestattet mit Nerven aus Stahl, attraktiv, sympathisch und von großer Ausstrahlung. Es ist eine Freude, ihm zu zusehen. Muss ich als Fan des Laufens die Gleichung Höchstleistung = Doping wirklich als gesetzt annehmen? Darf ich nicht mehr Fan sein? Und wo liegt der Unterschied zwischen einem Lauf unter Laborbedingungen und einem gewöhnlichen Marathon?

Kommerz in guter Tradition.

Wer jetzt die zunehmende „Kommerzialisierung“ und das „Unnatürliche“ dieses Wettlaufs gegen die Zeit kritisiert, könnte sich vergegenwärtigen, dass beides eine lange Tradition hat. In seinem kuriosen und spannenden Buch „Läufer und Vorläufer“ skizziert Stephan Oettermann in einer „Kulturgeschichte des Laufsports“ den Weg vom laufenden Boten über die herrschaftlichen Läufer und Jahrmarktsläufer und Kunstläufer bis hin zum Sportler. Mag auch der Sinn und Zweck des Laufens jeweils ein anderer gewesen sein – im Kern geht es immer darum, dass Menschen, die das Talent dazu besaßen, ihren Broterwerb mit dem Laufen bestritten. Ehrgeizige Vorhaben und öffentlichkeitswirksame Spektakel wie „Mann gegen Pferd“ gehörten dazu. Nutznießer waren häufig andere als die Läufer selbst.

Die hehre Reinform des Laufens bei sportlichen Ereignissen aus reiner Leidenschaft ist etwas, was sich Breitensportler leisten können. Für Läufer, bei denen es um Berufung und Beruf geht, ist das etwas anderes. Immer wieder stelle ich fest, dass dem wirtschaftlich erfolgreichen Läufer Argwohn entgegen gebracht wird. Während sich Fußballspieler für aberwitzige Summen anheuern lassen dürfen und ihre Manager so viele Werbeverträge abheften müssen, dass sie kaum noch geradeaus gucken können, soll der Läufer am besten nur für Medaillen laufen, die er sich hernach in die Toilette hängt. Der Ruhm muss reichen.

Für Läufer wie Kipchoge ist es ein Glück, herausfinden zu dürfen, ob ein Marathon unter 2 Stunden für ihn tatsächlich möglich ist und dafür perfekte Bedingungen vorzufinden. Die Wahrscheinlichkeit, dass es bei einem gewöhnlichen Marathon glückt, ist nicht sehr hoch. Es wäre unsportlich, den drei Läufern, die am Samstag angetreten sind, das Unmögliche zu versuchen, ihre große Chance nicht zu gönnen. Natürlich sind es Laborbedingungen, warum auch nicht? Es ist ein Experiment, das viele Läufer inspiriert.

Und wo ist jetzt das Bittere im Süßen?

Und dennoch. Ich habe mir den Wecker nicht gestellt, nur die letzten Minuten des Rennens live gesehen. Warum nicht? An der Versuchsanordnung allein liegt es nicht, an den Läufern schon gar nicht. Es ist zum einen die Reduktion des Laufens auf die Endzeit, die mich nervös macht. Ginge es beim Marathonlaufen nur um die Zeit, dürften Läufe wie der New York City Marathon gar nicht stattfinden. Genau genommen müssten Marathonläufe auf der Bahn statt finden. Ohne Straßenbahnschienen, unwegsame Kurven, Brücken und Hügel. Aber das ist eben das, was das Marathonlaufen von allen anderen Läufen unterscheidet. Etwas, was das Identifikationspotential mit dem Breitensportler so hoch macht. Es wird in freier Wildbahn gelaufen und die Strecke ist nie perfekt. Nicht einmal Berlin.

Nun mag man sagen, für einen Afrikanischen Läufer geht es von Anfang an um nichts anderes als die Zeit. Wenn tausende Läufer ein ähnliches Talent haben wie man selbst, geht es um Sekunden. Die entscheiden, ob du die Chance bekommst, für dich und deine Familie eine Existenz aufzubauen. Genau das ist es, was Doping am Ende nicht nur attraktiv, sondern unerlässlich erscheinen lässt. Deshalb ist mein Verhältnis zur ultimativen Bestzeit ein gespaltenes. Die Rekordjagd produziert strahlende Sieger und ein großes Heer Namenloser, deren sehr gute Zeit angesichts einer glänzenden keinen Pfifferling mehr wert ist. Läufer, die mit Substanzen, die sie nicht kennen, ihre Gesundheit aufs Spiel setzen. Und Läufer, die den Erfolg und Ruhm mit ihrem Leben bezahlen, wie Sammy Wanjiru.

Ich habe Sorge, dass Sponsoren aus dem Blickfeld verlieren, was den Marathonsport so ungeheuer spannend macht. Das nicht Berechenbare, Magische. Einer meiner großen Helden ist Hendrick Ramaala. Der gerne unorthodoxe Tempoverschärfungen einbaute und plötzlich wieder zurückfiel. Und der 2005 in New York für ein großartiges Finish sorgte, als er den Schlusssprint gegen gegen Paul Tergat denkbar knapp verlor. Was für ein Lauf war das, in 2:09!

Und überhaupt, Paul Tergat! 2003 in Berlin! Ja, eine Rekordjagd war das auch – aber wer konnte damit rechnen, dass mit Sammy Korir ein Pacemaker mit um den Sieg kämpfte? Ohne Korir, der viele Kilometer an Tergats Seite lief, wäre so eine Zeit nicht möglich gewesen.

Oder wie war das, als Dire Tune in Boston beinahe falsch lief und sich mit ihrer russischen Konkurrentin ein Sprint-Finish lieferte? Wen interessiert die Zeit von 2:25:24?

Läufer, die sich von hinten nach vorn kämpfen, oder kurz vor dem Ziel aussteigen oder einbrechen, Außenseiter, die niemand auf der Liste hatte, oder Läufer wie Abderrahim Goumri (der 2013 bei einem Autounfall ums Leben kam), der bei vier großen Marathons hintereinander immer „nur“ zweiter wurde. Das ist Marathon. Und Werbung für den Laufsport. Und Werbung für den Laufsport ist Werbung für Laufsportartikel-Hersteller. Ob man das bei Nike weiß?

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Wo bleibt die neue Häuslichkeit? http://www.laufen-mit-frauschmitt.de/die-neue-haeuslichkeit/ http://www.laufen-mit-frauschmitt.de/die-neue-haeuslichkeit/#comments Sun, 28 Aug 2016 16:59:47 +0000 http://www.laufen-mit-frauschmitt.de/?p=4823 Liebe Läufer, wir müssen reden. Es geht nicht, dass ihr euch einfach so einem Trend entgegenstellt. Als könnte man bei Trends so mir nichts dir nichts ausscheren. Scheinbar geht sie euch noch immer vollkommen ab! Die neue Häuslichkeit. Die DIY-isierung von Leben, Heim und Hobby. Noch immer kauft ihr bei Tchibo zwar fleißig die angebotene „Running Gear“, um Heißklebepistole, Zackenschere, Deko-Klebeband und Motivstempel macht ihr einen Bogen. Das kann so nicht weiter gehen.

Als Frau ist mein ästhetisches Empfinden seit Jahren von Pinterest geprägt. Ich esse eigentlich nichts mehr, wenn nicht ein kleiner pastellfarbener Wimpel darin steckt oder eine Manschette darum gelegt wurde. Nur dann weiß ich, dass es auch mit Liebe gemacht wurde. Ein Blick in meinen Feedreader mit meinen liebsten Blogs zeigt, dass heute nichts mehr gekauft, sondern alles (mit Liebe!) selbstgemacht und dekoriert wird. Nicht nur in unseren Wohnungen wird alles behäkelt, beklebt, upgecycelt und gepimpt. Auch alles, was wir essen und anziehen ist inzwischen jederzeit bereit zum Fotoshooting.

Und vor allem: Es ist nicht einfach nur so. Es ist kreativ. Und nachhaltig. Und healthy. Aber auch minimalistisch. Weil wir viel weniger brauchen, als wir denken. Manchmal genügen schon einige Wimpel und etwas Serviettentechnik um Creative Happy Minimal Living zu praktizieren. Das ist natürlich nicht nur auf uns beschränkt. Hundeblogger zeigen selbstgebackene Chia-Kekse, aus Sisal geformte Kotbeutelspender und die selbst geknüpfte Hundeleine. Alle Fotos sehen aus wie aus einem Schöner Wohnen für Hunde.

Und jetzt komme ich zu euch, liebe Läufer. Das geht so einfach nicht. Dass ihr ein (gottlob) verwackeltes Foto eurer Blutblase postet! Würdet ihr wenigstens den Fuß auf einem selbstgesteppten grauen Kissen mit weißen Sternchen auf einem Shabby Chic-Hocker ablegen! Aber nichts. Der Fuß liegt auf dem Boden einer Sporthalle. Einer Sporthalle! Das ist nun wirklich ein ästhetischer Tiefpunkt. Und überhaupt die Bilder. Wege, nichts als Wege! Wald, Wald, Wald und dann wieder Wege. Meistens noch nicht mal mit Vintage-Filter. Es ist das Grauen. Herausgelegte Klamotten auf Betten mit einem Plastik-Läuferbeutel daneben. Unscharfe Fotos von vorbeilaufenden schwitzenden Läufern mit Startnummern auf dem Bauch. Schlecht beleuchtete Bilder von Weizenbiergläsern. Gruppenbilder, auf denen man nicht einen einzigen Menschen erkennt! Geblitzte Aufnahmen von Siegerehrungen und Sportlern mit roten Augen und grell leuchtenden Reflektoren. Handyaufnahmen! Noch nie was von einer ordentlichen DSLR gehört? Und das ist ja nur das Draußen. Wie es bei euch zuhause aussieht – es muss unvorstellbar sein.

Vereinzelt liest man, dass Laufschuhe in der Garage lagern! Dabei wäre es doch wirklich nicht so schwer, einen ordentlichen Ikea-Hack vorzunehmen und etwa die Dunstabzugshaube Kulinarisk zu einem Schuhregal umzubauen. Man könnte auch das alte Kinderbett des Juniors nehmen und mit wenigen Handgriffen (yippie ya ya yippie yippie yeah) zu einem Regal für 25 Paar Schuhe umgestalten (Upcycling! Nachhaltig!). Überhaupt eure Laufschuhe. Ihr kauft die Dinger und das war’s. Keine Strass-Applikationen, keine Stempeltechnik, keine pinkfarbenen Schleifen. Nicht einmal ein Fähnchen, absolut nichts. Schlimm genug, dass ihr die Schuhe nicht selber macht, oder wenigstens im Ofen härtet, ihr pimpt sie ja noch nicht mal kreativ. Aus euren Startnummern macht ihr keinen Mosaikboden, aus den alten Schuhen keine Stehlampen, aus den T-Shirts keine Mützen und aus den Power-Riegeln keine Cake Pops. Ihr näht nix selbst, nicht einmal eure iPhone-Halter. Ihr postet selten Rezepte von grünen Smoothies, stattdessen Bratwürste auf einem Pappteller. Einem weißen Pappteller! Ohne Herzchen! Bei diesen Bildern stimmt nicht einmal das Licht! Und ihr wollt eurer Hobby richtig inszenieren?

Dabei ist es doch wirklich nicht so schwer! Ihr müsst vor allem 3 Dinge beherzigen: a) Mehr Pastellfarben b) Mehr basteln c) Mehr Meer (Maritimes Sylt Vintage Styling). Bislang gibt es bei Pinterest nur wenig Trendiges DIY zum Laufen zu finden. Man ist ja schon dankbar für eine Medaillen-Garderobe. Ein kleiner Lichtblick macht mir allerdings doch Hoffnung: Die Sprüche. Ein Läufer im Sonnenuntergang und darüber in Schreibschrift „It doesn’t matter how slow you go as long as you don’t stop“ – so geht Trend! Hier sind Läufer ganz weit vorne. Es ist also noch nicht alles verloren. Also los: Träumt nicht euer Leben, lebt euren Traum! Pimp your creative healthy happy running life!

Laufsprueche 3

 

Titelbild: @svetikd – istockphoto.de

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Warum ich keine Sportlerin bin. http://www.laufen-mit-frauschmitt.de/warum-ich-keine-sportlerin-bin/ http://www.laufen-mit-frauschmitt.de/warum-ich-keine-sportlerin-bin/#comments Tue, 16 Aug 2016 16:19:50 +0000 http://www.laufen-mit-frauschmitt.de/?p=4815 Als ich jung war, habe ich Sport gehasst. Wegen des Schulsports. Vor allem. Aber nicht nur. Sport war für mich umweht von einer Aura des Humorlosen, einer Atmosphäre, die Fehler nicht verzeiht und in der Präzision und Perfektion erwartet wird. Nun ist Letzteres ja nichts Schlechtes, von einem Piloten oder Chirurgen würde ich Ähnliches schließlich auch erwarten. Aber das ist eine andere Art Präzision, die ohne Heroismus und mentalen Gleichschritt auskommt. So habe ich zwar (nach der Schulzeit) selbst leidenschaftlich gern Sport getrieben, aber jeglichen Anstrich von Militärischem stets gemieden. Ein Spinning-Kurs mit einem Einpeitscher in Front wäre für mich nie in Frage gekommen; um alle Kurse, bei denen einer Gruppe im Befehlston zugerufen wird, was sie zu tun hat, habe ich einen großen Bogen gemacht. Laufen war für mich immer auch die geistige Befreiung von Zwängen, selbst dann, wenn ich Bestzeiten knacken wollte.

Eine Sache fand ich jedoch immer außergewöhnlich am Sport: Die Idee von Sportsgeist. Eine ganz bestimmte Haltung, die soziale Kompetenz und Fairness beinhaltet. Emil Zatopek war ein herausragender Vertreter dieser Haltung, dem man große Empathie und Fairness gegenüber seinen Kollegen wie Konkurrenten nachsagt. Diese altmodische Idee von Sportsgeist habe ich immer gemocht und sie auch gelegentlich bei den Volksläufen auf dem Land wiedergefunden, von denen ich so oft berichtet habe. Immer häufiger frage ich mich allerdings, ob ich einer romantischen Vorstellung anhänge, die mit der Realität nicht kompatibel ist. Immer häufiger zeigt sich für mich das, was ich am Sport immer verabscheut habe: Eine ganz bestimmte Form von Humorlosigkeit, Intoleranz und Missgunst. Sie hat sich schon früher gezeigt, wenn Läufer nicht so funktionierten, wie sie sollten und Fehler gemacht haben. Zum Beispiel als Dieter Baumann 2002 beim Hamburg Marathon ausstieg. Nicht auszudenken, hätte es damals schon ein deutsches Facebook gegeben. Die Hämewelle wäre ein Tsunami gewesen. Selbst Haile Gebrselassie wurde in Foren schon als Memme beschimpft und vor allem als Absahner, der nur das Startgeld einstreichen wollte, wenn er einen Marathon abbrechen musste. Vielleicht klingt es seltsam, aber inzwischen bin ich geneigt zu glauben, dass sich gerade im Sport ein besonders hohes Maß an Unsportlichkeit durch das Kommentieren des Verhaltens anderer finden lässt. Und trotzdem bin ich überrascht und enttäuscht. Erst vor einigen Wochen habe ich etwa überrascht darauf reagiert, dass Läufer andere Läufer bedrohen, weil sie Flüchtlinge willkommen heißen. Heute bin ich verblüfft, wie viel Garstigkeit zwei blonde, fröhliche Mädchen auslösen können, die ihre Popularität genießen.

Anja Scherl, Anja Scherl, Anja Scherl. Amateurin, 40 Stunden-Woche, 44. Platz, 2:37:23. Eine fette Leistung. Respekt. Ich schreibe das jetzt ganz schnell, bevor mir gleich jemand vorwirft, bezeichnenderweise sei in meinem Text überhaupt nicht von Anja Scherl die Rede gewesen. Die viel mehr Beachtung verdient hätte als die blonden Mädchen, die viel langsamer waren, als das, was wir vom Sofa aus bestellt hatten. Genau darum hagelte es nun also Kritik. Im Grunde ist das auch verständlich, denn das ist nun mal das, was wir Deutschen einfach besser können als Marathonlaufen. In Kritik sind wir ungedopte Weltmeister. Unsere Politiker und unsere Sportler kritisieren wir besonders gern. Weil sie es einfach nicht bringen. Und weil sie viel zu viel verdienen. Im Grunde sollten sie alles, was sie tun, ohne finanzielle Zuwendungen tun. Schließlich haben sie ja auch den Ruhm. Sie arbeiten für Deutschland, also für uns. Da werden wir doch wohl auch darüber zu entscheiden haben, was sie verdienen.

Ich habe in den sozialen Netzwerken UND den Medien in den letzten Stunden Ungeheuerliches gelesen. Interessanterweise scheinen die missgelaunten Viel-Poster in den Netzwerken die Medien gar nicht zu verfolgen, denn hier ist immer davon die Rede, man würde die Hahner-Zwillinge völlig zu Unrecht feiern. Dabei wird überhaupt nicht gefeiert, es wird gedroschen. Die WELT kristallisiert sich dabei als Speerspitze des Hahner-Bashings heraus und sondert Artikel ab, die am Rande des Rufmords balancieren, in jedem Fall aber eine Dreckschleuder sind. Wer Freude daran hat, kann jetzt Artikel lesen, die mit „Das falsche Lächeln der deutschen Lauf-Zwillinge“ oder „So machen die Hahner-Zwillinge mit Mittelmaß Kasse“ überschrieben sind, verlinken werde ich diesen verbalen Abfall hier nicht. Nie habe ich mehr Missgunst und Galle in einem Artikel gefunden wie im letzteren.

Auch sonst lesen die aggressiven Kritiker nicht viel. Sie lesen nicht das persönliche Statement der Zwillinge nach dem Lauf

und schon gar nicht werfen sie einen Blick auf die Zwischenzeiten der beiden, die zeigen, welche Zielzeit sie offensichtlich angepeilt hatten und dass es ihnen nicht gelang, das Tempo zu halten, weil die eigene Form für diese Bedingungen nicht ausreichend war. Warum die Form nicht ausreichend war, darüber lässt sich sicher diskutieren. Aber das sollten die berufenen Experten tun, in Ruhe. Ob die Ablenkung zu groß war, wie Katrin Dörre-Heinig sagt und sich die beiden mit ihren vielen Aktivitäten zu sehr verzetteln, ob das Training nicht optimal lief, Verletzungen und Ermüdungen lauern oder ob die beiden einfach am Ende ihrer Möglichkeiten angekommen sind, vermag ich aus der Ferne ganz sicher nicht zu beurteilen und 99% der multiplen Netzfachleute auch nicht. Dennoch hagelt es die vollkommen unbelegten Vorwürfe, man habe es hier mit „Olympiatouristinnen“ zu tun, die den Marathon gemütlich liefen, um am Ende schöne Fotos für das Familienalbum zu bekommen. Und natürlich, um „Kasse“ zu machen. Warum man mit einer „schlechten“ Leistung mehr „Kasse“ machen sollte, als mit einer guten, erschließt sich mir nicht unbedingt.

Ich habe das Rennen verfolgt und gehört, dass 23 Läuferinnen ausgestiegen sind, zum großen Teil, weil sie mit den Temperaturen von bis zu 30 Grad nicht zurecht kamen. Ich habe eine deutsche Läuferin gesehen, die vollkommen am Ende war, als sie ins Ziel kam und zwei weitere, die froh und glücklich waren, beide heil und gemeinsam ins Ziel gekommen zu sein. Ich habe niemanden gesehen, der einem anderen die Show stehlen wollte, niemanden, der diesen Lauf auf einer Arschbacke gelaufen war. Seit sechs Jahren träumen die Zwillinge davon, gemeinsam bei den Spielen antreten und finishen zu können und nun ist es wahr geworden. Wie sollte man dann im Ziel aussehen? Zerknirscht, weil die Zeit nicht so war, wie erhofft? Ich verfolge seit vielen Jahren Marathon-Übertragungen im TV. Ich habe unzählige Sportlerinnen und Sportler sagen hören, sie seien „einfach nur froh und happy“ im Ziel zu sein, ganz gleich wie die Zeit war. Profis sagen da nichts anderes als Hobbysportler. Ausgerechnet von zwei 26-jährigen Mädchen erwartet man Minuten nach einem solchen Ereignis eine messerscharfe selbstkritische Analyse.

Und dann kommen auch noch solche Tiefschläge, wie die einer Kollegin, die zuhause vom Sofa aus den Vogel abschießt und den Mädchen nichtauthentische Selbstvermarktung vorwirft, während sie selbst schon mal ein Bild vom letzten Bikini-Shopping für Facebook raussucht. Auch Läufer sind vor Demenz nicht gefeit, so scheint es, denn sonst könnte man sich ja erinnern, dass man selbst angesichts eines 15. Platzes im 10.000 Meter-Lauf bei Olympia Freudentränen weinte, stolz war, überhaupt durchgelaufen zu sein und die ganze Nacht feiern wollte, weil man schließlich lange genug auf diesen Tag hintrainiert habe.

Ich habe von Läufern und vermeintlichen Sportlern gelesen, die Hahners seien laufende Flaschen, die auf Kosten von „unseren Steuergeldern“ (?) Geld verdienen, sie würden sich die Taschen vollstopfen (eine Formulierung, die schon Dirk Thiele bei Eurosport heimisch werden ließ, zumeist aber in Verbindung mit Negern, oh Pardon, das wäre Thiele sicher niemals herausgerutscht, afrikanischen Läufern), sie seien falsch, würden alle abzocken, sie wären peinlich und sollten sich in Grund und Boden schämen und vor allem hätten sie Deutschland, unser aller Deutschland bis auf die Knochen blamiert. DLV-Sportdirektor Kurschilgen schwurbelte etwas von „Schlag ins Gesicht aller anderen Athleten der deutschen Olympiamannschaft“. Ob wohl auch alle im olympischen Dorf diesen „Schlag“ gespürt haben? Nein, flink wie Windhunde, zäh wie Leder und hart wie Kruppstahl waren die Hahners wohl nicht. Und deshalb, wenn ich das recht verstehe, wohl eine Schande für Deutschland. Und ich weiß wieder, welcher Aspekt an Sport mir schon immer so tief zuwider war. Und weshalb ich früher nie eine Sportlerin sein wollte. Von Sportsgeist und von Fairness, von leben und leben lassen, ist dieser Tage jedenfalls nichts mehr zu spüren.

Eine etwas kürzere, aber sehr gute Einschätzung der Lage gibt es auch bei Kollege Saffti zu lesen: http://saffti.de/bloss-nicht-anders-sein/

Titelbild: ©_jure – istockphoto.de

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Laufen – eine Trendsportart? http://www.laufen-mit-frauschmitt.de/laufen-eine-trendsportart/ http://www.laufen-mit-frauschmitt.de/laufen-eine-trendsportart/#comments Sun, 05 Jun 2016 15:38:42 +0000 http://www.laufen-mit-frauschmitt.de/?p=4789 In der ZEIT erschien im Mai unter dem Titel „Triumph der Verbissenheit“ ein Artikel, der sich mit dem Laufen beschäftigt. Wie so oft bei solchen Texten in großen Medien frage ich mich, ob der Autor tatsächlich über die Sportart schreibt, die mir soviel bedeutet.

Woran liegt das eigentlich, dass Texte über das Laufen so oft entweder eine leicht verstrahlt wirkende Liebeshymne oder eine „No Sports“-Polemik werden? Schon bei den ersten Sätzen weiß man, zu welcher Gruppe der ZEIT-Artikel gehört:

Jetzt laufen sie wieder. Spindeldürre Typen in durchnässten Trikots. Junge Frauen mit neonbunten Kniestrümpfen, am Oberarm das Smartphone. Sie rennen durch Parks, durch Wälder oder, wenn’s sein muss, 15-mal um das heimische Wohngebiet. Es ist wieder Marathonsaison.

 
Es entspricht scheinbar dem Klischee, dass Läufer „spindeldürr“ sind. Sind sie aber nicht. Ich wohne in Frankfurt, einer der Städte, die der Autor später noch besonders ins Visier nimmt. Würde ich eine Statistik über die Figuren der Läufer anfertigen, die mir täglich begegnen würde ich sagen, dass etwa 10% dünn sind. Dann käme eine recht große Gruppe athletischer Läufer, Leute, denen man ansieht, dass sie diverse Sportarten betreiben. Dann kommt eine nochmals große Gruppe „Normalos“, Menschen mit deutlichem Bauchansatz oder einem kräftigen Popo. Und zum Schluss gibt es noch einige unübersehbar übergewichtige Kämpfer mit roten Backen und Laufschritt im Walkingtempo. Ich habe keine Ahnung, wie der Autor auf die Idee kommt, Läufer wären asketische Klappergestelle.

Als ich den zweiten Absatz lese, merke ich schon, wie meine Haut sich zu ersten Unreinheiten formt.

Bis November wird kaum ein Sonntag vergehen, an dem nicht die Ausfallstraßen irgendeiner Großstadt durch Gitter und Gaffer versperrt sind.

 
Ich versuche, den Ausdruck „Gaffer“ besser nicht zu kommentieren, sonst werde ich gallig. Aber das mit den Ausfallstraßen – das ist aber auch ärgerlich. Die gehören doch vom Amtswegen den Autos! Freiheit ist die Freiheit, Sonntags jederzeit dorthin zu brettern, wo man will! Als Autofahrer hat man praktisch das gesetzliche Recht dazu. Was zählt schon das Interesse von 20.000 Menschen, wenn ICH mit meinem Auto die Straße benutzen möchte? Ja, da hatter aber auch Recht, der Herr Daniel Erk.

Dann steht man da und starrt auf diesen nicht enden wollenden Fluss an joggenden Menschen. Der Anblick könnte etwas Meditatives haben. Tatsächlich wirken die Läufer vor allen Dingen: verbissen.

 
Hm. Wenn ich einmal hochrechne, würde ich sagen, dass ich in meinem Leben bereits über 50 Stunden als Gaffer an Marathonstrecken verbracht habe. Ich stehe jedes Jahr in Frankfurt und sehe den Läufern zu. Der Begriff „verbissen“ würde mir als Beschreibung meiner Eindrücke nie einfallen. Er passt auch gar nicht zum Marathon. Durchbeißen, ja das muss man sich manchmal, wenn man gerade ein Tief hat. Auf die Zähne beißen, wenn es weh tut. Ohne Biss kommt kaum ein Marathonläufer ins Ziel. Ich wüsste auch nicht, wie man seine Bestzeit knacken könnte, wenn man 42 km mit einem Liedchen auf den Lippen läuft. Aber stimmt, Bestzeiten sind ja in den Augen von Herrn Erk ohnehin nichts.

Spindeldürre und verbissene Läufer beim Marathon

Spindeldürre und verbissene Läufer beim Marathon


 

Und neu ist auch, wie groß der Andrang bei den großen Marathonläufen ist.

 
Laut Statista hatten wir im Jahr 2005 150.515 Marathon Finisher in Deutschland, im Jahr 2013 waren es 107.000. Danach ging es langsam wieder bergauf, aber von einem neuen Andrang kann nicht die Rede sein. Als Läufer wissen wir, dass einige Läufe hoch in Kurs stehen, dafür wieder andere an Beliebtheit verlieren.

Wie um Himmels willen konnte das passieren? Wie wurde aus dem herrlich unmodischen Waldlauf eine hippe Trendsportart?

 
Ich persönlich bin bekanntermaßen eine großer Fan des „herrlich unmodischen Waldlaufs“. Den gibt es auch immer noch. Zusätzlich gibt es eine Menge neue „Fun-Veranstaltungen“. Ich muss die nicht alle mögen. Aber sie bringen Leute auf die Beine und die haben Spaß dabei. Das ist mir persönlich lieber, als wenn ich mir im Wald einen darauf trommeln kann, dass ich zu einer auserlesenen Elite gehöre. Oder zu einer aussterbenden Spezies .

Wenn Laufen etwas nicht ist, dann eine Fun-Sportart. Was natürlich weder die Sportartikelhersteller noch die Fans davon abhält, Laufen exakt so zu inszenieren. „Run Fleet“ heißen die Laufgruppen, „Berlin Braves“, „Run Pack“ oder „Tide Runners“, und wenn man abends in den angesagten Vierteln von Hamburg, Berlin oder Köln vor einer Bar sitzt, kann man diese kleinen Grüppchen durch die Straßen hasten sehen.

 
Ich bin froh, dass Läufer nicht Herrn Erk fragen müssen, um zu erfahren, was laufen ist oder nicht ist. Ganz offensichtlich macht es den Leuten „Fun“. Ich bin jetzt allerdings ein bisschen verwirrt. Was ist es denn nun – verbissen oder Fun? Und wie sollten sich Lauftreffs denn sonst nennen? „Lauftreff Hamburg“? „Ausdauersportfreunde Berlin“? „TrimmTrab-Fans Köln“? Wäre das dröge genug, damit es dem Bild des Autors von Läufern wieder entspricht? Diese Lauftreffs haben sich gebildet, weil ihre Teilnehmer sich im Turnhallenmief und Leistungsstress eben genau nicht wohl fühlen. Sie wollten einfach nur miteinander laufen. Jeder sollte dazu kommen können, auch Langsame und Anfänger. Wo genau ist das Problem?

Also wird die Funktionskleidung für Läufer mittlerweile in hippen Geschäften der großen Städte angeboten – in den Farben der Saison.

 
Dass ich nicht weiß, welche hippen Geschäfte er meint, könnte daran liegen, dass es in Frankfurt so herzlich wenige hippen Geschäfte gibt. Und die haben keine Funktionsbekleidung. Dass Funktionskleidung ernsthaft in den Farben der Saison angeboten wird, wäre mir neu. Dass sie modisch und modern ist, ist sogar mir aufgefallen. Zum Glück. Zum Glück müssen wir nicht mehr herumlaufen wie Dorfdödel, nur weil wir laufen. Ich wünsche mir die Zeit der Steghosen und sackartigen Männershirts, die wir Frauen früher trugen, nicht zurück.

Eine Umfrage unter den Teilnehmern des Marathons in Frankfurt am Main belegte vor ein paar Jahren, dass mehr als ein Drittel der Teilnehmer Führungskräfte waren. Fast ein Sechstel der Marathonläufer waren sogar Topmanager. Und: Die Läufer mit einem Jahreseinkommen von mehr als 500 000 Euro gehörten zu den schnellsten Teilnehmern und waren im Schnitt 16 Minuten schneller als die Vergleichsgruppen.

 
Frankfurt ist eine Bankenmetropole mit knapp 75.000 Beschäftigten in der Finanz- und Versicherungsbranche. Über 652.000 Menschen arbeiten in dieser Stadt, ist es da wirklich so erstaunlich, dass hier die Anzahl der Manager besonders hoch ist? Und ist es wirklich so verblüffend, dass beruflich erfolgreiche Menschen besonders gut in der Lage sind, ihr Training diszipliniert anzugehen, ihre Ziele zu verwirklichen?

Verbissene Atmosphäre beim Frankfurt Marathon


 

Und genau das ist das Problem mit den gehetzten Menschen in den Parks. Sie rennen nicht zum Ausgleich, nicht zur Erholung oder zur Ertüchtigung. Sie rennen, man kann es nicht anders sagen, tatsächlich um ihr Leben.

 
So, das ist also das Resümee. Während zuvor alles munter durcheinander geworfen wurde. Trend, Fun, City-Lauftreffs, Manager. Buzz-Words, die immer Wasser auf die Mühlen all derer sind, die sich nach der guten alten Zeit sehnen. Kulturpessimismus kommt in der ZEIT einfach immer gut.

Natürlich würden auch mir Dinge einfallen, die ich an Läufern kritisieren könnte. Die haben aber nichts mit hübschen Klamotten oder Fun-Läufen zu tun. Mich würde die Zahlen-Fixiertheit stören, die Gadgets verursachen. Ich mache mir manchmal Sorgen, dass Menschen eher ihrer Uhr vertrauen, als ihrem Körpergefühl. Dass sie verlernen zu hören, was ihnen der Körper sagt. Dass man trinkt, weil es eine App sagt und nicht, weil man Durst hat. Dass die Elektronik zu stark Besitz von uns ergreift. Darüber könnte man als Läufer viel schreiben.

Herr Erk hätte aber auch ein Wort verlieren können über die vielen Lauftreffs, die in diesen Tagen Flüchtlinge einladen oder gar eigens dafür gegründet wurden. Er hätte schreiben können über die starken Seiten des Social Running wie den Wings for live World Run, bei dem 6,6 Millionen Spendengelder gesammelt wurden. Auch das ist das „neue“ Laufen.

Eine neue Leistungsbesessenheit, die zu immer mehr und verbisseneren Marathonläufern führt, kann ich beim besten Willen nicht feststellen. Im Gegenteil: Für immer mehr Läufer zählt das Gemeinschaftserlebnis. Der Rennsteiglauf ist gewiss nicht der größte Kultlauf Deutschlands, weil man dort so gut verbissen hetzen kann. Sondern weil man dort lacht und leidet und scheitert und siegt. Gemeinsam.

Die Zeiten ändern sich. Deswegen haben Lauftreffs englische Namen, Frauen laufen im bunten Kleid, muss das Smartphone für die Selfies beim Laufen dabei sein. Das kann man gut oder schlecht finden. Aber aufhalten oder verändern kann man es gewiss nicht.

Eines aber scheint sich nie zu ändern. Es gibt einen hämischen Vorwurf an alle leistungsorientierten Läufer, den es schon immer gab. Schon in den 1970ern, zu Zeiten des guten alten Waldlaufs. Es ist der überhebliche Vorwurf, der Läufer liefe vor etwas davon oder, in seiner extremsten Form, gar um sein Leben. Egal, wie und wo er läuft, es scheint, als könnte es der Läufer dem verständnislosen Autofahrer einfach nicht recht machen.

 

Bilder:

clindstedt

Frankfurt Marathon 2010 , CC BY-NC 2.0

https://www.flickr.com/photos/cu2nite/albums/72157625156264823

Stephen Topp

London Marathon CC BY-NC 2.0

https://www.flickr.com/photos/mrtopp/albums/72157617306948259

Tomasz Dunn CC BY- 2.0

https://www.flickr.com/photos/tdd/

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Vom Laufen und Mensch bleiben. http://www.laufen-mit-frauschmitt.de/vom-laufen-und-mensch-bleiben/ http://www.laufen-mit-frauschmitt.de/vom-laufen-und-mensch-bleiben/#comments Thu, 17 Mar 2016 20:13:00 +0000 http://www.laufen-mit-frauschmitt.de/?p=4776 Diesen Beitrag wollte ich eigentlich schon am 20. Oktober 2015 schreiben. Aber man glaubt immer, keine Zeit zu haben und dass andere Dinge wichtiger sind. Vielleicht habe ich auch gehofft, dass bald alles besser würde, aber das trat nicht ein. Alles wurde schlimmer. Am 20. Oktober berichtete die Facebook-Seite von laufen.de, man habe leider das Foto eines Läufers entfernen müssen. Der Läufer habe ein T-Shirt mit der Aufschrift „Refugees welcome“ getragen und wurde nun von persönlichen Anfeindungen und Hass überrollt. Wegen der Aufschrift auf einem T-Shirt, die seine Haltung repräsentiert. Der Läufer hat darum gebeten, dass das Foto entfernt wird.

Ich konnte das kaum glauben. Die Anfeindungen kamen aus der Läufer-Community. Aber Läufer würden so etwas doch nicht tun! Ich habe ein hohes Ideal vom Läufer, von Sportsgeist und Miteinander. Laufen ist ein besonderer Sport. Er ermöglicht es, ganz für sich zu bleiben, den Sport ohne Anschluss an eine Mannschaft auszuüben. Eine Ego-Sportart ist es deshalb beileibe nicht, wie ich auch hier schon einmal geschrieben habe. Das Gemeinschaftsgefühl bei Volksläufen ist groß, weil alle das gleiche Ziel teilen. Und es gibt unzählige Geschichten, bei denen Läufer anderen zu Hilfe geeilt sind und ihre eigenen Zeitziele haben liegen lassen. Läufer helfen anderen auf, wenn sie stürzen, sie bleiben bei Kollabierten bis der Rettungswagen kommt, sie leisten erste Hilfe, sie geben von ihrem Getränk ab, sie spenden Menschen Mut und Zuspruch, die sie nicht kennen. Sie stehlen nichts aus Umkleidekabinen, sie feuern die Letzten und Langsamsten an. So sind meine Läufer. Eine altmodische Verkörperung von Sportsgeist. Niemals würden solche Leute jemanden anfeinden, weil er Menschen, die in Not sind, ein Willkommen zuruft. Allerdings muss man sich wohl mit der vielleicht nicht überraschenden, aber deshalb nicht minder schmerzhaften Erkenntnis auseinandersetzen, dass sich auch unter Läufern Arschlöcher befinden können.

Refugees and migrants walking the dusty road in the rain to the reception center of Presevo, Serbia

Es gibt keinen Grund, in die Details der Politik einzusteigen, das ist gewiss auch nicht die Aufgabe dieses Blogs. Es gibt nur eines, was ich sagen will. Mein ganzes Läuferleben hindurch hat mich die Erkenntnis begleitet, mit Glück gesegnet zu sein. Das Glück laufen zu können wie, wann, wo und wie weit ich will. Laufen ist Freiheit, das Glück, gesund zu sein. Jeder Läufer, der einmal ernsthaft erkrankt war, weiß das. Diese Anwesenheit von Glück macht Laufen zu einem Lebensgefühl.

Während dieses Glück körperlich spürbar ist, bleibt ein anderes oft abstrakt. Das unverschämte Glück, in ein Land hineingeboren zu sein, in dem weder Krieg noch Hungersnot herrschen. Es ist nicht unser Verdienst, es ist purer Zufall. Wir haben Schwein gehabt, andere nicht. Wir haben nichts dazu beigetragen. Es gibt auch keinen Grund, sich etwas auf unsere Gene zu trommeln. Ob sich in unserer Ahnenreihe Mörder, Plünderer und Vergewaltiger tummeln, wissen wir nicht. Dass es in unseren Familien eine große Anzahl KZ-Aufseher gegeben haben muss, das wissen wir wohl. Es gibt keinen Grund, besonders Stolz zu sein, dass man als Deutscher geboren wurde. Nicht mehr und weniger, als wenn man Spanier wäre oder Italiener, Türke oder Syrer.

Wir mögen unser Zuhause und das zu Recht. Flüchtlinge mögen ihr Zuhause auch, aber es gibt dort keine Gegenwart und keine Zukunft für sie. Auch Deutsche waren schon auf der Flucht und darauf angewiesen, dass man sie freundlich aufnimmt. Es ist das unterste Level der Menschlichkeit, dass man jemanden, der alles verloren hat, willkommen heißt. Es gehört zum kleinen 1×1 des Menschseins. Wenn man andere deswegen anfeindet, müssen einige Verschaltungen im Oberstübchen nicht mehr richtig funktionieren. Es ist unanständig.

Läufer sind in diesen Tagen besonders gefragt, weil sie so gut integrieren können. Laufen macht uns alle gleich, aus diesem Geist speist sich das großartige Gemeinschaftsgefühl beim Marathon. Wer wir sind, woher wir kommen, was wir verdienen oder welches Auto wir fahren, ist beim Laufen egal. Mit dieser integrativen Kraft müssen wir in die Zukunft sehen. Viele Initiativen und Lauftreffs zeigen, wie es geht. So wie die Organisation CCME, für die sich der Läufer und Pfarrer Thomas W. Stephan seit Jahren engagiert. Das, was uns alle tatsächlich von den Geflüchteten unterscheidet, bringt er auf den Punkt: „Wir laufen zum Spaß – Flüchtlinge um ihr Leben.“

Thematisch dazu passend meine Leseempfehlung auf diesem Blog: Laufen ist Zukunft.

Titelbild: © wabeno – istockphoto.com

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Total aufgebrezelt. http://www.laufen-mit-frauschmitt.de/brezellauf-frankfurt-2015/ http://www.laufen-mit-frauschmitt.de/brezellauf-frankfurt-2015/#comments Sat, 24 Oct 2015 16:57:37 +0000 http://www.laufen-mit-frauschmitt.de/?p=4757 Heute will ich frühstückslaufen. Das habe ich nämlich noch nicht. Gefrühstückt, meine ich. Das Tier bekam dagegen bereits Fisch, was zu seinen Lieblingsmahlzeiten gehört. Damit es nicht gar so brummig ist, wenn ich ohne es laufen gehe. Statt Kaffeeduft und Marmelade hatte ich also heute bislang nur Dorsch in der Nase und jetzt, hier an der Festhalle in Frankfurt die charakteristische Geruchsmischung aus ungewaschenen Laufjacken, Perwoll Sport, Muskel-Fluid und Oh-Mist-ich-hab-vergessen-die-regennassen-Laufschuhe-aus-der-Tasche-im-Auto-zu-nehmen. Volkslaufgeruch.

Dabei ist ein Frühstückslauf gar kein Volkslauf, er ist ein Vorspiel, ein intimes Beisammensein mit gewisser Erregungsstufe. Unabhängig von der Teilnehmerzahl ist man beim Frühstückslauf unter sich. Alles und jeder atmet Marathon, ganz gleich, ob er am nächsten Tag startet, ob er Laufangehöriger ist oder einfach so mittrabt. Das Ereignis des Folgetags wirft, wenn auch nicht seine Schatten, so doch seine Lichtstrahlen voraus – dass es sich um ein sonniges Ereignis handeln muss, versteht jeder, der in das Gesicht von Dieter Baumann schaut. Der macht nämlich mal wieder das, was er neben Laufen besonders gut kann: Faxen. (Also nicht das, was piept und druckt, sondern das andere).

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Hier ist alles vertraut: Die Stimme von Jochen Heringhaus, die Waden von Herbert Steffny, das stille Lächeln von Irina Miktenko, die konzentrierte Ruhe von Renndirektor Jo Schindler, der Blick über die Brille von Fotograf Norbert Wilhelmi, das Outfit vom ungekrönten Anfeuerkönig Michel, die inbrünstige gute Laune von Dieter Baumann und viele der üblichen Verdächtigen. Ich bin stolz, dass es in meiner Stadt so etwas gibt. Einen richtig fetten, internationalen pfeilschnellen Prachtmarathon, der manchmal so familiär anmutet wie ein Zwanziger in Großkrotzenburg. Ob der Frühstückslauf in Berlin auch so schnuffig ist?

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Es fängt ja schon damit an, dass „unser“ Frühstückslauf Brezellauf heißt. Weil die Strecke in Form einer Brezel verläuft. Die von einem Bäckerlehrling in der ersten Woche geformt wurde. Einem blinden Bäckerlehling. Der in der Nacht zuvor sehr sehr viel getrunken hat. Na gut, die Strecke hat nichts von einer Brezel. Der Brezellauf heißt Brezellauf weil … weil… es hernach Brezeln gibt. So. Brezeln für alle. In Berlin war ich mal bei einem Pfannkuchenlauf mit Pfannkuchen für alle und ich war sehr ernüchtert, festzustellen, dass es sich dabei um Berliner handelt, also Kreppel. Nicht etwa frische Eierkuchen. Da ist Frankfurt doch viel klarer. Eine Brezel ist eine Brezel ist eine Brezel. Vielleicht heißt der Brezellauf aber auch so, weil sich einige dafür hübsch aufgebrezelt haben. Selbst Herren tragen Rock. Möglicherweise wird so ein Schuh draus. Das wiederum interessiert einige nicht im mindesten: Ich sehe drei Barfußläufer.

In diesem Jahr ist Reiseveranstalter interAir neuer Sponsor der Brezellaufs und der schmeißt sich richtig ins Zeug. So gibt es im Grunde gleich zwei Brezeln: Eine zum Essen (für alle) und eine am Medaillenband (auch für alle). Ich war aus mehreren Gründen in diesem Jahr volkslaufabstinent, aber ich gehöre in die Gruppe der Anonymen Volksläufer. Meine Neigung zum Gruppentraben werde ich wohl nie mehr ablegen können. Ein Blick auf eine Medaille genügt, und schon sucht meine Uhr einen Satelliten. Wir können nicht anders. Die Uhr und ich. Ein bisschen glücklich macht das schon. Und der Leber schadet’s auch nicht.

Und so ist mir das nachfolgende leistungslose Traben ein Fest. Als ich früher viele Kilometer auf der Autobahn verbracht habe (im Auto, nicht zu Fuß), kannte ich alle neuen Automodelle. Ich wusste, welche Lackfarben im Kommen sind und welche Blinkerformen. So ist es auch beim Volkslaufen: Wenn Kompressionsärmelstulpen hipp sind, sieht man es hier. Man weiß, was es gerade bei Aldi gab und was bei Tchibo. Ob der Asics Noosa Tri aktuell ein Arschgeweihmuster hat und ¾-Hosen mit Schlangenmuster angesagt sind. Endlich bin ich wieder mittendrin und kann mir alles ansehen. Wie hab ich diesen Catwalk, den Catrun vermisst! Und dann das Geräusch! Dieses rhythmische Tappeltappeltappel von aufgeschäumtem umweltschädlichen Gummi-Plastik-Gemisch auf Asphalt! Es ist wunderbar.

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Über 5 km-Strecken muss man nicht viel reden. Ein bisschen Marathon-Strecke ist dabei und wenn man genau hinschaut, kann man sehen, dass bei einigen Läufern die Laufhosen unten etwas ausgebeult sind, weil gerade die Herzen hineingefallen sind. Morgen wird man hier laufen! Und dann bei km 36 sein! Krass, Alter. Und auch ein Stück Mainufer gehört dazu und das ist so heimatlich – für viele von uns. Die meisten Frankfurter haben hier viele Trainingskilometer abgewatzt. Beim Alleinelaufen schafft man es allerdings nie, dass der Holbeinsteg schwingt. Dafür braucht man schon einige dutzend entfesselte Brezelläufer.

Der Frankfurt Marathon, das als kleiner Exkurs und Blutdruckerhöhungsmaßnahme, die bei mir immer funktioniert, hat in diesem Jahr keinen Titelsponsor. Das bedeutet nicht nur, dass bei der TV-Übertragung vermutlich nicht mehr unbedingt 800 mal ein bestimmtes Fahrzeug gezeigt wird, es bedeutet auch, dass uns deutlich gemacht wird, dass wir keine Fußballer sind. Gold-Label des internationalen Leichtathletik-Verbands, Auszeichnung mit dem internationalen „Green award“ als umweltfreundlichster Marathon, ältester deutscher City-Marathon, die Nr. 2 nach Berlin, TV-Übertragung im hr, rekordfähige Strecke – und im ganzen Rhein-Main Gebiet, Deutschlands bärenstarke Wirtschaftsregion mit Finanzwirtschaft, Logistik, IT, will niemand Geld für ein solches Ereignis in die Hand nehmen? Es ist ätzend. Exkurs beendet.

Im Ziel müssen wir ein bisschen anstehen und warten, bis wir an die wie immer köstlichen bunten Rosbacher-Getränke kommen, aber Brezelläufer haben es nicht eilig und bleiben sehr gelassen. Ich ziehe mir die mitgebrachten Jacken an und friere kein bisschen. Dann gehe ich auf die Messe, plaudere hier und da und gebe Geld für ein Funktionsfetzchen aus. Ich muss schließlich im nächsten Jahr wieder auf den Catrun.

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Das ist was für Anfänger. http://www.laufen-mit-frauschmitt.de/das-ist-was-fuer-anfaenger/ http://www.laufen-mit-frauschmitt.de/das-ist-was-fuer-anfaenger/#comments Sun, 11 Oct 2015 16:06:53 +0000 http://www.laufen-mit-frauschmitt.de/?p=4749 Ich laufe seit 16 Jahren. Die Volksläufe habe ich jenseits der Menge 200 aufgehört zu zählen. 9 Marathons waren dabei und so eine Art Ultramarathon, erst im vergangenen Herbst. Und trotzdem. Jetzt bin ich Laufanfänger. Ich schaue sehr genau nach dem Wetter, bevor ich laufen gehe. Und bei 6 km ist oft Schluss. Es ist anstrengend, Laufanfänger zu sein. Man muss auf die Gelenke achten. Und dass man sich nicht überlastet.

Eigentlich könnte ich weiterlaufen wie früher und meine Anfängerstunden zusätzlich nehmen. Aber das klappt oft nicht so recht. Weil ich zusätzlich zum Laufen ja auch noch täglich eine Stunde walken muss. Es ist verworren.

Seit einigen Wochen laufe ich mit meinem Hund und passe mich ihren Möglichkeiten an. Nicht, dass ich mich auch ihren Gewohnheiten anpasse und vorgefeuchtete Grasbüschel markiere. Oder versuche, Kastanienhüllen zu essen. Aber in Tempo und Streckenlänge achte ich auf sie. Sie ist ein echter Beginner. Zu viel wäre nicht gut. Als sie noch nicht lief, weil sie nach ihren Kreuzband-OPs noch nicht so weit war, machte ich es so: Früh aufstehen, Gassi gehen, dem Hund Frühstück machen, laufen gehen, duschen & Haare föhnen, selbst etwas essen, wieder Gassi gehen.

Im Sommer verschob sich das Ganze mächtig nach vorn, weil der Hund morgens seine große Gassi-Runde ging, damit es von den Temperaturen überhaupt möglich war. So schlappten wir um 6:30 Uhr los, damit ich selbst um 8 Uhr auf der Strecke sein konnte. Da war ich durch 5 km strammes Walking bereits schon hinreichend aufgewärmt. Das ist alles ganz schön zeitgesättigt. Deshalb freue ich mich, dass sie jetzt laufen kann.

Aber wie geht Laufen mit Hund überhaupt? Und wie coacht man einen Hund? Einen vorbelasteten zumal? Im Gegensatz zu mir dehnt sie sich vor dem Laufen gewissenhaft. Für das Lauf ABC konnte ich sie allerdings noch nicht begeistern und so stellt sich die Frage, wie man einen Hund aufwärmt. Wenn es nach Panini ginge, würde sie unverzüglich losrasen. Typisch Anfänger eben. So gehen wir erst einmal 5 – 10 Minuten. Dabei kann sie Grasbüschelpostings lesen und wichtige Geschäfte erledigen. Mir ist ein wenig bang vor dem Winter, denn das bedeutet für mich: 10 Minuten frieren. Im Frost trabe ich lieber gleich los.

Dann kommt mein Einsatz als Bremsläufer. Panini hat das nicht drauf mit der richtigen Renneinteilung. Hinterher, wenn wir Analyse betreiben, setzen wir uns bei einem frischen Hühnerhals zusammen und ich sage: „Panini, von einem negative split hast du einfach mehr. Hat es dich nicht neulich total motiviert, als wir auf dem Rückweg einfach so an diesem Dackel vorbeigezogen sind? Na, siehst du.“ Aber dann, beim nächsten Lauf – wieder das selbe.

Version 2

Manchmal hat sie schwere Beine. Dann laufen wir etwas langsamer. 7 min/km oder noch langsamer. Zwischendurch lege ich eine Krafteinheit ein, dann trage ich sie die Mainbrücken hoch und runter. Nicht nur, dass Treppen nicht gut für sie sind, zumindest im Sommer waren die Stufen immer übersät von Scherben. Kraft kostet es auch, wenn sie woanders hin will als ich. Ich habe sie beim Laufen immer an der Leine, in der Stadt ist das einfach sicherer. Spontane Richtungswechsel finden Fahrradfahrer überhaupt nicht gut. Und „Fuß“ laufen kann sie nicht. Obwohl sie oft neben mir her trabt, als hätten wir die letzten Jahre nichts anderes gemacht. Aber eben nicht immer. Außerdem soll sie traben, aber nicht galoppieren. Und wenn sie aufholt, galoppiert sie. Für die Arthrose ist das nichts.

Laufen mit Hund ist anders. Ich laufe meist auf Asphalt. Aber das ist nicht optimal für sie. Auf der Wiese wiederum ist sie zu sehr abgelenkt und ich hüpfe in Hundehaufen. Das ist dann nicht optimal für mich. Deshalb üben wir. Wo geht es am besten? Und wann? Braucht sie etwas zu trinken? Beim Fressen ist sie nie mäkelig, aber Wasser hätte sie gern frisches. Wenn das nach irgendetwas schmeckt, z.B. nach einer Plastik-Trinkflasche, geht das nur im äußersten Notfall. Wie oft darf sie laufen? Wie lange? Wir testen das aus und ich versuche drei mal die Woche einen Walk durch einen Lauf zu ersetzen. Zwei mal kürzer, einmal länger. Bis sie die Strecken routiniert läuft. Dann sehen wir weiter. Früher lief ich 5 km-Strecken nur als zweite Einheit am Tag. Oder um abends ein bisschen Stress abzuschütteln. Und auch das nur sehr selten. Neulich lief ich 3,9 km. Sie zuhause abzuliefern, zu füttern und dann wieder loszulaufen, das klappt einfach nicht. Es kostet enorm Zeit und irgendwann sollte ich ja auch arbeiten. Deshalb bin ich jetzt, nach 16 Jahren laufen, ein echter Laufanfänger.

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Das Ende der Unschuld. http://www.laufen-mit-frauschmitt.de/das-ende-der-unschuld/ http://www.laufen-mit-frauschmitt.de/das-ende-der-unschuld/#comments Sun, 09 Aug 2015 16:38:59 +0000 http://www.laufen-mit-frauschmitt.de/?p=4742 Heute habe ich mal wieder Runtastic benutzt. Gar nicht zum Laufen – ich war mit dem Hund im Wald und mein Orientierungsvermögen ist zum Gruseln. Damit wir nicht wie Hänsel und Gretel Brotkrumen benutzen müssen (die der Hund im Zweifelsfall selbst aufgefressen hätte), fiel mir Runtastic ein. Früher nutzte ich die App gelegentlich. Inzwischen habe ich ja eine Garmin und lass das Handy meist zuhause.

Runtastic wurde in diesen Tagen von Adidas gekauft – für 220 Millionen Euro. Damals, als ich die App nutzte, war sie einfach ein kleines nettes GPS-Tool. Heute leistet sie Enormes (zumal in der Pro-Ausführung) und ist mit Riesenschritten in die Zukunft unterwegs. Ich fühle mich sofort überrollt von dem, was ich alles kann und soll (mich anfeuern lassen, Geschichten hören, Trainingspläne nutzen ….). Zuhause bekomme ich sofort eine Mail, die mir dazu gratuliert, dass ich meine erste „Live Aktivität“ ausgeführt hätte. (Was war das früher eigentlich?) Und wiederholt werde ich aufgefordert, ich soll meine Aktivität teilen! Auf Facebook! Twitter! Mit meinen Freunden!

Ich will meine Aktivitäten eigentlich gar nicht teilen und wenn, dann auf meine Art, mit Worten und Gedanken. Nicht mit Zahlen und Daten. Aber selbst, wenn ich nicht will – ich teile sie immer. Mit Runtastic und bald auch mit Adidas. Das Teilen unserer Daten, gewollt oder ungewollt, ist das große Thema unserer Zeit. Auch wenn es herzlich wenig diskutiert wird – sieht man von Netzaktivisten und Journalisten ab. Den Durchschnittsmenschen bewegt es kaum.

Ich stelle mir vor, welche Möglichkeiten in einer Fitness-App stecken. Im Laufschuhbereich scheint der Trend zur Individualisierung zuzunehmen. Wenn jeder Mensch ein eigenes Bewegungsmuster hat, sollte auch der Schuh individuell sein. Bietet es sich da nicht an, die Laufgewohnheiten des Läufers für die Schuhauswahl hinzuzuziehen? Wie schnell, wie lange, wie oft, auf welchem Streckenprofil ist der Läufer unterwegs? Die Schuhe selbst könnten weitere Daten aufzeichnen und sie in der App lesbar machen. Schrittfrequenz, Schrittdruck, Bodenkontaktlänge, Abdruckprofil … Aufzeichnungen werden in Zukunft voraussichtlich nicht mehr unter Laborbedingungen bei speziellen Probanden gemacht, sondern in der Realität, jeden Tag, bei Tausenden von Läufern. Das Ziel wird die Perfektionierung des Equipments sein, vielleicht gar endlich! die Verletzungsfreiheit des Läufers. Wie sollte man sich das nicht wünschen?

Davon abgesehen ist das nur ein kleiner Teilbereich der Möglichkeiten. Mit der AOK Nordost bezuschusst jetzt die erste deutsche Krankenkasse den Kauf der sogenannten Wearables, die Fitness-Aktivitäten tracken. 50 Euro wird sie voraussichtlich zuzahlen, wenn Mitglieder sich einen solchen Motivator zulegen. Wer sich um Fitness bemüht, soll belohnt werden. Oder anders ausgedrückt: Der Weg ist nicht weit dazu, dass bestraft wird, wer es nicht tut. Das Absurde ist: Damit nur ein Mindestmaß an Fairness ins Spiel kommt, müsste man tatsächlich an die Daten heran. Und nicht nur an die Trainingsdaten, sondern an weit mehr. Man müsste wissen, ob die Art Fitness für das Mitglied überhaupt gesund ist. Ob er sich nicht gerade übernimmt und ein Fall für den Orthopäden wird. Man müsste wissen, ob er das richtige Schuhwerk trägt. Und streng genommen müsste man wissen, wie er genetisch aufgestellt ist. Wie er Alkohol verstoffwechselt oder Zigaretten. Ob er Allergene zu sich nimmt, die schädlich für ihn sind. Was er nach dem Training trinkt und ob er genügend Mineralien zu sich nimmt. Ob er sich fetter ernährt, als ohne Training. Es gibt kein Ende, wenn es um Daten und Informationen geht, die ein „gesundes Leben“ von einem „ungesunden“ unterscheiden. Man müsste ALLES über jemanden wissen. Die Information, dass jemand einen Fitness-Tracker nutzt, ist eine kleine, eine winzige, harmlose Information. Aber sie ist der Anfang. Ich zweifle daran, dass deutsche Datenschützer die Dynamik, die die Technik mit sich bringt, wirklich aufhalten können.

Runtastic Adidas

Plötzlich bekommt alles, was wir tun eine Bedeutung. Unser Leben wird in ein Mosaik aus winzigen Datensteinchen zerlegt. Runtastic zerlegt unseren Lauf. Früher hatten wir beim Lauf ein gutes Gefühl. Heute haben wir ein Smilie. Bei mir verwandelt sich die anfängliche Faszination für die sichtbaren Daten immer mehr in Widerwillen. Unser Sport ist der einfachste der Welt. Das war immer ein Teil seines Reizes. Man konnte einfach loslaufen. Und man musste auf seinen Körper hören und nicht zu schnell loslaufen, damit man lange durchhalten konnte. Man war oft allein auf der Strecke mit sich und diesem Gefühl. Das Gefühl, stark zu sein und schnell, das Gefühl, nicht mehr zu können, müde zu werden. Das waren unsere wichtigsten Daten, mit denen und gegen die wir gelaufen sind. Das hat etwas Archaisches und verbindet uns mit unseren Vorvätern, die liefen, um zu jagen. Wir sind noch immer wie sie, wir könnten mit ihnen um die Wette laufen. Das erdet uns. Sofern wir nicht gedopt sind, ist Laufen ein sehr ehrlicher Sport, bei dem das Equipment eine vergleichsweise untergeordnete Rolle spielt.

Vielleicht ist es das, was aus kommerzieller Sicht so unerhört ist. Jahrzehntelang konnte in Sachen Laufen – von den Schuhen abgesehen – kaum Geld verdient werden. Dazu war der Sport viel zu schlicht. Irgendwie erscheint es passend, dass mit der Technisierung im Freizeitsport auch das Hightech-Doping im Profisport das Laufen kontaminiert. Jetzt wird aufgerüstet und wir sind erst am Anfang. Und am Ende der Unschuld.

 

Titelbild © Martin Wimmer – istockphoto.de

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Das Massenphänomen. http://www.laufen-mit-frauschmitt.de/das-massenphaenomen/ http://www.laufen-mit-frauschmitt.de/das-massenphaenomen/#comments Sun, 12 Jul 2015 14:53:32 +0000 http://www.laufen-mit-frauschmitt.de/?p=4735 Jetzt ist sie wieder da, die Zeit, in der man dort ist, wo alle sind. Straßenfeste, Open Air Konzerte, Schwimmbäder – Events allerorten. Gefühlt jedes Jahr mit einem neuen Besucherrekord. Es ist hart, einen Platz zu ergattern. Auf der Wiese, an Getränkeständen, und dort, wo es zu Essen gibt. Wohl dem, der über 1,90 Meter ist, den anderen bleibt der Bellevue auf Rücken. Rücken mit Ausschnitt, breite Rücken, verschwitzte Rücken, Rücken mit Kindern obendrauf. Die Geschwindigkeit des Abends geben andere vor. Von A nach B schiebt man sich im Strom. Je später der Abend, desto mehr Alkohol fließt mit im Strom. Und mit ihm dominieren die denkbar unangenehmsten Menschen akustisch die Szenerie. Möglicherweise merkt man an meiner Beschreibung der beliebtesten Freizeitbeschäftigung im Sommer, dass sie mir ein Graus ist. Ich bin nicht so gern da, wo alle sind. Es wäre vielleicht schön dort, wenn da eben nicht alle wären, sondern, sagen wir, die Hälfte von allen.

Die meisten Menschen stören sich weniger an anderen, sie blenden sie einfach weg. Aber genau diese Menschen sind es, die mir sagen, ein Volkslauf wäre nichts für sie. Dort wären ja so viele andere und man könne gar nicht „für sich“ sein. Das ist natürlich wahr, ein Volkslauf ist meistens auch ein Volksauflauf und wer träumt schon per se davon, gemeinsam mit 40.000 Menschen irgendwo hin zu laufen. Auch hier muss man anstehen. An den Toiletten zum Beispiel. Und doch hat mich das muntere Gedrängel hier nie gestört, es sei denn die Strecke war wirklich für die Teilnehmerzahl nicht geeignet und es kam zu lästigen Engpässen.

Ein Volkslauf ist kein Volksfest, auch wenn der Spaßfaktor bei ersterem für mich deutlich höher ist. Beim Volksfest ist mir der Nächste ein Konkurrent – um Platz, um Getränke, um freie Sicht. Beim Lauf eint uns das gleiche Ziel und wir haben die gleiche Richtung. Besonders beim Marathon brauchen wir alle Geduld, die Geduld ist Teil der Verabredung, die wir mit der Strecke haben. Wir laufen los und wenn wir klug sind, lassen wir es fließen. Deshalb sind Staffelläufer beim Marathon manchmal so störend, sie teilen nicht unseren Flow, haben nicht unseren Zeithorizont. Nie haben wir Angst, irgendwo gerade etwas zu verpassen, die Performance auf Bühne B, den Magier auf Bühne 8. Es gibt nichts zu wollen beim Marathon, außer das Ziel zu erreichen und vielleicht den nächsten Getränkestand. Das macht gelassen. Man kann „für sich“ sein, inmitten der anderen. Manchmal dockt man an, kurz, wie eine Billardkugel. Ein Mini-Dialog, ein Versichern des gleichen Sinnes. Dann fließt man weiter. Niemand versucht in ein Handy schreiend einen Treffpunkt auszumachen, niemand blökt, dass man eine Alte klarmachen will. Man weiß, dass einem geholfen wird, wenn man strauchelt.

Volkslauf Masse

Als ich vor acht Jahren in New York Marathon lief, kam es bei der Abgabe der Kleiderbeutel an den Fahrzeugen zu einer bedenklichen Engstelle. Die Läufer drängten in zwei Richtungen, ein Zaun begrenzte die Menge, die bedrohlich dicht zusammengeschoben wurde. Bei einem Rockkonzert hätte ich mir in der gleichen Situation vor Angst in die Hosen gemacht. Die Läufer begegneten der Situation mit stoischer Ruhe, es gab keinen Ansatz von Panik. Einer schwang sich auf eine Erhöhung und dirigierte. Die Menge floss ab. Je größer die Anforderungen an die Strecke, desto mehr Zutrauen habe ich zum disziplinierten Sportsgeist der Läufer.

Das ist auch der Grund, weshalb der Chase Corporate Challenge für mich kein Volkslauf ist. Ich bin dort mehrfach gestartet, als es noch keine 70.000 Teilnehmer gab. Das Motto lautete „Jogging statt Mobbing“. Auf der Strecke wurde gemobbt, was das Zeug hielt. Langsame Läufer wurden gerempelt und von der Getränkestelle abgedrängt, die wiederum blieben mitten auf der Strecke stehen und legten eine Gehpause ein, weil sie nicht auf die Idee kamen, zuvor an den Rand zu laufen. In waghalsigen Manövern wurde überholt und geschnitten, zwischen parkenden Autos hervorgesprungen, Schimpfwörter flogen. Überehrgeizige Angestellte wollten ihren Chefs zeigen, was eine Harke ist. Und gerade dort treten viele an, die mir sagen: Nein, einen Marathon mit so vielen Menschen würden sie niemals laufen. Ein echtes Massenphänomen.

 

Titelbild © ZamoraA – istockphoto.com

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