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Von schlafenden Bürgermeistern, bedruckten Außerirdischen.

So, Aug 20, 2006

G - N, Laufberichte, Nidderau, Nidderau06

Der Halbmarathon in Nidderau-Eichen (2006)

„Liebe Läuferinnen und Läufer, ich hoffe, dass Sie eine mit ohne Probleme verbundene Anreise hier nach Nidderau-Eichen hatten.“ Ich weiß nicht, wie es in anderen Bundesländern ist, aber es steht zu vermuten, dass die Moderationen bei hessischen Volksläufen eine deutschlandweit unerreichte Qualität haben. Wenn man sehr viel Glück hat, spricht sogar ein Bürgermeister ins pfeifende Mikro. Der Nidderauer Bürgermeister schläft allerdings wohl noch. Man kann das ja verstehen. Es ist Sonntag morgen, 8 Uhr 30. 

Dunkle Regenwolken hängen über dem kuchenduftigen Platz vor der Sporthalle. Mein Trainingspartner und ich sind optimistisch. Es wird nicht regnen, wir werden pfeilschnell sein und wir werden bald der Beschallung entkommen. Der Moderator ist ein Segen, verglichen mit dem eingelegten Musiksampler. Es läuft Bonnie Tyler. Und wenn nicht Bonnie Tyler läuft, dann läuft etwas, das klingt wie Bonnie Tyler. Vermutlich ist Bonnie Tyler Ehrenmitglied der Freiwilligen Feuerwehr Eichen, die den Lauf veranstaltet. Da kann man nichts machen.

Ich freue mich auf den Lauf. Statt zu trainieren, bin ich in den letzten Monaten eher planlos umeinandergehoppelt. Sensationelles ist also absolut nicht zu erwarten und das macht gelassen. Ich will nichts, ich muss nichts, ich darf alles. Meinem Begleiter geht es genauso, er ist verletzungsbedingt im Schongang.

Am Start stehen nette, sonnengebräunte Menschen und ein paar Außerirdische. Besonders gut gefällt mir der vom Planeten „Degussa“, ein Herr mittleren Alters und kurioser Langhaarfrisur. Auf seinem T-Shirt steht neben dem Planetennamen: „Sehen Sie, was mit Spezialchemie alles läuft.“. Das toppt sogar meine bisherigen Lieblingslaufshirts: das mit dem Aufdruck „Koch’s Meerrettich“ und das der Frankfurter Hebammen, auf dem steht „Heute hecheln wir“.

Ein weiterer Außerirdischer weist seinen Planeten nicht aus. Er trägt obenherum ein enges Triathlonshirt ohne Arm, um die Hüften allerdings ein Langarm-Fleeceshirt im Röckchenmodus und dazu ein paar schwarze Snowboardstrümpfe mit Schienbeinpolsterung. Wenn man aus dem All kommt, kann man schließlich nie so genau wissen, wo man landet. Hawaii, Sibirien – dieser Mann ist für alles gerüstet.

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Das Feld verspricht also gute Unterhaltung unterwegs und so starten alle bester Laune. Ich versuche einen 5:30er Schnitt, mein Trainingspartner weiß es noch nicht so genau und zockelt erst einmal neben mir her. Obwohl ich ungeheuer formschön laufe, wird es ihm bald zu bunt und ich muss ihn ziehen lassen. Nein, hetzen mag ich heute nicht. Wer weiß, was da noch so kommt. 

Ich. Ich weiß genau, was da noch so kommt, schließlich bin ich die Strecke schon öfter gelaufen. Sie ist wunderschön, aber nicht gerade flach. Es ist dauernd etwas los. Zack – eine Kurve, öfz – ein Anstieg, zisch – ein Bergabstück, huch – ein Kilometerschild. In Eichen gibt es die schönsten Kilometerschilder überhaupt – riesengroß, handgeschrieben und zweifarbig. Sie sehen aus, als wären sie noch aus der Zeit, als es Menschen gab, die gerne Bonnie Tyler hörten. 

Ich laufe vor mich hin und fühle mich wohl. Bei km 11 kann man es richtig rollen lassen. Kein Zweifel – die Strecke hat mich lieb. Ich erwidere die Zuneigung, in dem ich sie mit Hingabe belaufe. Und mich überhaupt nicht daran störe, als eine Dame meiner Altersklasse an mir vorbeigazellt. Verliebte sind unangreifbar. Ich schaue auf die Uhr – mein heimlicher Plan, unter 1:55 zu bleiben, sollte drin sein.

Machen wir es kurz: wenige Kilometer später arbeite ich mich wieder an die Dame heran. Und komme sogar vorbei. Davon beflügelt rasiere ich kurz vor Schluss noch den schwarzsockigen Außerirdischen. Einfach so. Ich laufe vergnügte 1:53. Das sind zwar satte sechs Minuten langsamer als letztes Jahr, aber da war ich auch eine Außerirdische vom Planeten Ehrgeiz mit 70 Wochenkilometern.

Wir mümmeln unseren Kuchen und lauschen zufrieden der Siegerehrung. Solange bis wieder zur Musik gewechselt wird und das Ehrenmitglied der Freiwilligen Feuerwehr Eichen damit beginnt, die Bierbänke leer zu singen.

[stextbox id=“grey“]Mehr zu Lauf und Veranstalter unter www.ff-eichen.de[/stextbox]

 

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