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Evita und die tätowierte Wade.

So, Aug 16, 2009

G - N, Laufberichte, Nidderau, Nidderau09

Evita und die tätowierte Wade.

Der Halbmarathon in Nidderau-Eichen (2009)

Nein, ich erkläre jetzt nicht, wo Nidderau-Eichen liegt. Wozu gibt es Google Maps? Vielleicht nur so viel: es liegt gleich bei Windecken und Erbstadt. Gell, jetzt dämmert’s. Auf jeden Fall ist es schön dort. Zumindest im Wald, den Rest kenne ich nicht so gut. Den Wald kenne ich umso besser, ich bin dort bei einem Lauf nämlich schon mal Letzte geworden. Aber das ist eine andere Geschichte.

Heute will ich nicht Letzte werden. Sonst will ich eigentlich nichts. Nur laufen. Wir melden uns an. Neben der Kasse steht ein frisches Schälchen mit Pommes. Ein ungewohnter Anblick um 8:20 Uhr am Sonntag morgen. Nidderau rüstet sich eben für alles und dazu gehört auch die kulinarische Rundumverpflegung nach dem Lauf.  Wir stürmen die Umkleiden. Normalerweise ist das der Moment, an dem man uns in Nidderau mit „Best of Volkslauf“-Musik einstimmt. Ich spitze die Ohren und warte auf Bonnie Tyler oder doch wenigstens die Spider Murphy Gang. Nichts. Doch dann wird eine CD eingelegt. „Määmry!
 Ohl älon in the Muunleit …“ Oh weh. Cats. Musical am Sonntag morgen. Sind denn so viele Homosexuelle hier? Schläfrigkeit erfasst mich. Langsam ziehe ich mich um.

Zum Glück ergreift der Moderator bald das Mikro. Das ist viel erbaulicher. Er hofft, dass alle bei dem schönen Wetter nach dem Lauf noch bleiben und „etwas verkonsumieren“.  Wenn es nicht gerade die Pommes sein müssen, kommen wir der Aufforderung sicher gerne nach. Wozu macht man denn Volksläufe, wenn nicht, um hinterher etwas zu verkonsumieren? In meinem Fall würde es sich bestimmt lohnen, mir ein T-Shirt mit der Aufschrift „I love verkonsumieren“ drucken zu lassen.  

Nidderau-Kuchen

Mein Trainingspartner ist jetzt auch fertig- gewurschtelt und wir können uns einlaufen. Doch plötzlich steht eine Dame vor uns, um uns zu fragen, ob wir unsere Startnummern von zuhause mitgebracht hätten. Ich bringe viel von zuhause mit. Kugelschreiber, Vaseline, Getränke, in Härtefällen auch Kaffee und Kuchen. Aber Startnummern? Nein. Hintergrund der Frage ist, dass die Dame mit zwei Startnummern wedelt. Unseren Startnummern. Obwohl wir sie doch schon am Bauch tragen. Offensichtlich sind die Nummern doppelt vergeben worden. Wir sind ratlos und wollen auch andere Menschen mit diesem Zustand verraut machen. Es gelingt: hinter der Kasse, dort wo die Pommes blüh’n, hat man keine Erklärung für die Doppelvergabe. Ein Fehldruck. Eine kurze Amnesie der Druckmaschine. Etwas in der Art. Weil die Dame im Gegensatz zu uns noch nicht umgezogen ist, tauschen wir freiwillig unsere Startnummern um.

Nidderau-Anmeldung

Dann, endlich, können wir uns einlaufen. Auf dem Weg Richtung Feld liegt eine tote Maus. Hier liegt immer ein totes Tier, das gehört zur Tradition. Jetzt kann also nichts mehr schiefgehen. Als wir zurückkehren, singt jemand, dass Argentinien nicht um sie weinen soll. Sie gibt sich Mühe, dass man sie auch wirklich bis Argentinien hören kann, obwohl das ja noch hinter Windecken liegt. Evita beim Volkslauf passt ungefähr so gut wie die Johannes-Passion zum Kindergeburtstag. Aber hessische Läufer am Sonntag morgen sind entspannter als jede Yoga Gruppe. Welche Musik ihre „Ei Guude!“-Rufe untermalt, ist da herzlich egal.

Nidderau-Haarstudio

Wir starten mit einer kleinen Verspätung, weil wir erst einen Zug abwarten. In Eichen ist man da umsichtig. Nichts soll die persönlichen Bestzeiten behindern. Die lassen sich freilich nur an den Vorjahren bemessen. Die hügelige Strecke taugt für keine besonderen Rekorde. Auf der Straße des Starts lehnen sich etwa 200 Läufer an Fachwerkhäuser und dehnen ihre Waden. Um ihre Heimstatt besorgte Einwohner schauen ihnen dabei aus dem Fenster zu. Der Moderator trägt sein Megaphon wie eine kostbare Handtasche und gibt den Startschuss. Es geht wenige hundert Meter durch den Ort, dann eine große Straße entlang. Der Laufweg ist hier mit Lübecker Hütchen abgesperrt. Vor mir läuft ein Paar, als er plötzlich an einem Pylon strauchelt. Es sieht aus, als ob er sich fängt, doch dann legt er einen filmreifen Sturz hin. Seine Begleiterin kommentiert das Fallen mit einem spitzen Schrei. Es war eine Unkonzentriertheit, ein unnötiger Sturz (falls es nötige geben sollte). Die Lübecker Hütchen stehen in Reih und Glied, der Veranstalter hat nichts falsch gemacht. (Ich erwähne an dieser Stelle den Begriff „Lübecker Hütchen“ übrigens so oft, weil ich festgestellt habe, dass etliche Besucher meiner Seite über diesen Suchbegriff bei Google kommen. Vielleicht komme ich so unter die Top Ten der Suchergebnisse und alle Straßenbauer werden dann zu Läufern.) Der kleine Stunt des Läufers hat mich hellwach gemacht. Stürze braucht kein Mensch.

[stextbox id=“info“ float=“true“ align=“right“ color=“696969″ bcolor=“ffdab9″ bgcolor=“f5f5f5″]Lieber auf der Couch lesen? Hier gibt’s die Druckversion als PDF.[/stextbox]

Schon bald sind wir im Wald. Die Strecke ist wunderschön, überwiegend schattig, abwechslungs- reich – und ein einziges Auf und Ab. Bis zum Schluss. Nie hat man das Schlamassel hinter sich, die nächste Steigung kommt bestimmt. Trotz des anspruchsvollen Profils wird im Feld noch viel geplaudert. Urlaubserlebnisse. Vor mir läuft ein Läufer (was sonst) mit einer tätowierten Wade. Er ist nicht übermäßig schnell und ich habe ihn bald überholt. Auf der gesamten Strecke hängen Vogelhäuschen mit Hausnummern. Vermutlich wegen der Post. Schon nach vier Kilometern gibt es etwas zu Trinken und Schwämme. Vorbildlich. Die Sonne blinzelt durch das Blätterdach, das Feld hat sich schnell weit auseinandergezogen und es ist ungeheuer friedlich. Vor mir: ein Läufer (was sonst) mit einer tätowierten Wade. Moment mal. Das hatten wir doch schon mal. Wo kommt der denn jetzt her? Und war es nicht eben die andere Wade? Ah! Kein Wunder. Ist ja auch ein anderer Läufer. Man hat das jetzt mit den Waden. Auch sonst sind sich die beiden ähnlich: blaues T-Shirt, dunkle Haare. Na gut. Überhole ich diesen eben auch. Das geht nicht ganz so leicht, aber dann doch. Jetzt bin ich beinahe allein. Weit vorne tüpfelt etwas Rotes im Grün herum. Was hinten tüpfelt, sehe ich ja nicht. Nach 10 km zeigt meine Uhr 55:55. Das ist vollkommen in Ordnung. Mehr muss bei dieser Strecke heute nicht sein. Ich schwitze wie ein Hirsch. Man könnte meinen, es wäre August.

Ich wage mir nicht vorzustellen, wie Martina jetzt unter ihrer Perücke schwitzt. Martina ist eine transsexuelle Läuferin, die noch etliche männliche Attribute besitzt, für immer besitzen wird. Zum Beispiel ihr Lungenvolumen und ihre Sauerstoffaufnahmekapazität. Veranstalter wissen deshalb oft nicht, ob das „W“-Kreuzchen auf dem Anmeldezettel wirklich gerechtfertigt ist. Ein Dilemma. Das IOC lässt seit 2004 transsexuelle Sportler zu. Im DLV scheint es noch Klärungsbedarf zu geben.  Einstweilen bin ich froh, „dass ich ein Mähähähädchen bin.“ Mit schlechten VO2max Werten, unpraktischen Muskelfasern und ganz unbrauchbaren Testosteronmengen. Das macht zwar langsam, aber man kann sich den Reifen wechseln lassen, ohne dass man als Memme gilt.

Plötzlich schnauft es hinter mir. Das ist die tätowierte Wade, ich bin ganz sicher. Na gut. Dann lauf halt vorbei. Aber nix da. Die Wade ist eine Klette. Sie bleibt hinter mir. Bergauf, bergab. Schnauft, hustet, schnieft. Ohne Wade wäre der Wald irgendwie idyllischer. Aber künstlich langsam machen mag ich jetzt auch nicht. Eine Getränkestation klärt die Situation. Ich gehe ein paar Schritte und gönne mir die winzige Ruheinsel eines Wasserbechers. Jetzt zieht die Wade an mir vorbei. Es ist die linke. Der Läufer, den ich zuerst gesehen hatte. Heute wollen mich irgendwie alle verwirren. Und wo ist der andere? Der war doch schneller. Ich sag’s ja. Tätowierten Waden kann man nicht trauen. Fortan habe ich sie wieder vor mir. In einigem Abstand, aber der wird nicht größer. Lieber eine Karotte als eine Klette: ich bleibe dran. Bis zum Schluss. Das ist anstrengend. Als ich mit 1:56:56 ins Ziel komme (schon wieder so eine hübsche Zahl), möchte ich mich am Liebsten auf der Stelle zu der toten Maus legen. Doch dann sticht mich eine Bremse, für die der Zielbereich so etwas wie ein Feinschmeckerrestaurant zu sein scheint, und ich bin wieder munter.

Nidderau-Konsum Nidderau-Zelt

Beim obligatorischen Verkonsumieren von Backwaren wird Evita durch die Siegerehrung ersetzt und ich bin froh. Über Eichen, die Strecke, meine langsam wiederkehrende Form, die Sonne und das Sein. Und mein Trainingspartner heißt seit heute Ewald. Fluch der umgetauschten, aber nicht richtig registrierten Startnummer.

 

[stextbox id=“grey“]Mehr zu Lauf und Veranstalter unter www.ff-eichen.de[/stextbox]

 

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3Antworten um “Evita und die tätowierte Wade.”

  1. Katrin Says:

    Haha! Besser kann man die Eindrücke bei so einem Volkslauf nicht wiedergeben! Ich hab sooo gelacht. Auch in Westfalen wird man mit schräger Musik malträtiert. In Bad Salzuflen gab es neulich die „Erste Allgemeine Verunsicherung“. Schön, dass man davor (ersteinmal) weglaufen konnte…

  2. Florian Says:

    Der Feuerwehrlauf steht ja in Kürze wieder an. Geht der Halbmarathon eigentlich übermehrere Runden (auf der 10 km Strecke)? Und wie ist die Strecke beschaffen? Schotter, Naturboden oder Teer?

    lg
    Florian

  3. admin Says:

    Hallo Florian,
    der HM ist ein eigener Kurs, also keine zwei Runden. Der Boden ist hauptsächlich klassischer Waldweg und im großen und ganzen sehr gut zu belaufen.


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