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Von verfönten Helfern, verwegenen Hasen und verdienten Früchten.

Von verfönten Helfern, verwegenen Hasen und verdienten Früchten.

Der Hugenottenlauf in Neu-Isenburg (2005)

Bestzeiten kommen nicht von ungefähr. Sie wachsen am Bestzeitenbaum. Die ersten hängen tief und man kann sie mal eben so mitnehmen. Für die nächsten muss man sich schon ein wenig strecken und schließlich hängen sie so hoch, dass man ackern muss, um sie zu pflücken. Meine Halbmarathon- bestzeit ist längst reif. Ich kann sie auch sehen, aber bisher kam ich nicht richtig ran.

Heute habe ich mir eine Leiter mitgebracht. Meine Leiter ist ein Hase. Vor zwei Wochen war der schon einmal vor mir hergehoppelt, aber aus der Bestzeit sollte irgendwie nichts werden. 



Ich bin zwar nicht Hilde Knef, die vor jedem Sockenkauf ihren Astrologen befragte, aber ich weiß trotzdem, dass die Sterne günstig stehen. Das tun sie am Tag des Hugenottenlaufs in Neu-Isenburg immer. Die Strecke ist flach, der Weg beschaulich und mit Sommerhitze ist Mitte September kaum mehr zu rechnen. Als wir in Neu-Isenburg einlaufen, sind es etwa 10 Grad. Die Helfer, die im Freien schon mal den Grill anwerfen, fönen sich gegenseitig mit einem Haartrockner warm. Die Umkleide- kabinen sind geheizt – ein sicheres Zeichen dafür, dass die Saison sich dem Ende neigt. Wenn es heute nicht klappt, werde ich ein Jahr warten müssen, um einen neuen Versuch zu starten.

Der Hase hoppelt sich warm und ich schlurpse hinterdrein.

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Wie nennt man eigentlich denjenigen, der dem Hasen hin- terherläuft? Aufgrund meiner Beinlänge und Haarfarbe fühle ich mich ein bisschen wie der Rauhhaardackel des Ober- försters, der Witterung aufnimmt. Kein sehr heroisches Bild, zugegeben. Aber wie sagt schon eine alte Oberförsterregel: unterschätze nie einen Rauhhaar- dackel. 
Am Start herrscht reges Gedränge. Über tausend Menschen tummeln sich auf der Straße stadtauswärts. Ein haarloser Mensch schiebt seine Begleiterin weiter nach vorn. „Da kann doch gar nichts passieren, Du läufst einfach dein Tempo, Püppi.“ Püppi will zwar ihr Tempo laufen, aber nicht so weit vorn. Ihrem Coach ist das herzlich egal. Mir nicht, denn als der Startschuss fällt, muss ich erst einmal an Püppi und ihren Freunden vorbei. Aber Neu-Isenburg ist wunderbar, gleich zu Anfang ist die Strecke so breit, dass nicht nur Püppi, sondern auch ich mein Tempo laufen kann.

hugenottenlauf-strecke

Die Marschtabelle lautet: erster Zehner in 50 Minuten, danach wie’s beliebt. Jawohl! Sagt der Hase und läuft kurzerhand den ersten Kilometer in 4:35. Ich erschrecke, aber nicht so sehr, wie ich vielleicht erschrecken sollte. Vielleicht aber auch nicht. Ach, was soll das Ganze. Da ist eine Strecke, dort ein Hase, hier ein Dackel und Dackel stellen ihr Tun nicht in Frage.
Es ist immer etwas los auf der Strecke, man hat zu schauen und zu tun, aber größeres Gedränge bleibt zum Glück auch im Wald aus. Wir schießen die Schneisen entlang, als gäbe es etwas zu gewinnen. Bei Kilometer 10 zeigt die Uhr 48:25. Vollkommen dackeluntypisch rufe ich dem Hasen ein herzhaftes „Ach, du Scheiße“ zu. In die Sorge darüber, dass es hart wird, mischt sich Fröhlichkeit über die locker gelaufene gute Zeit. Die Getränkestände lasse ich heute aus – das angebotene Wasser hat etwa die Temperatur des Baikalsee. 



Am Wegrand steht ein Schild, das zum Langener Waldsee führt. Ich würde gern mit dem Hasen plaudern. Weißt Du noch, würde ich gerne sagen, wie wir uns einmal verlaufen haben, als wir zum Waldsee wollten? Stattdessen sage ich „Pfffffff“. Mehr geht nicht. Wir sind auch schon 15 Kilometer unterwegs und haben inzwischen Püppis Liebhaber passiert. Wäre ich tatsächlich ein Dackel, hätte ich längst unvermittelt mitten auf dem Weg Platz genommen und wäre nur durch verschwende- rischen Einsatz von Hundekeksen zum Weiterlaufen zu bewegen gewesen. Über die restlichen Kilometer lege ich trotzdem lieber das Funktionsshirt des Schweigens. Nur eins: ich weiß jetzt, warum Paula mit dem Kopf rollt. Ich war kurz davor, mit jeder einzelnen Rippe zu rollen, um mich vorwärts zu schieben. 



Als wir im Stadtion einlaufen, schmunzelt der Hase neben mir her. Er weiß um den Lohn für seine Mühen: bei einer Stunde, zweiundvierzig Minuten und fünf Sekunden stoppe ich im Ziel meine Uhr. Das ist beinahe drei Minuten schneller, als ich jemals gelaufen bin.

Volkslauf-Neu-Isenburg

Wenig später sitze ich in einer Halle und nasche etwas Kirschstreusel. Er schmeckt wie frisch vom Bestzeitenbaum.

[stextbox id=“grey“]Mehr über Lauf und Veranstalter gibt’s unter: www.hugenottenlauf.de[/stextbox]

 

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