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Tiergeschichten.

So, Nov 13, 2011

Bücher, Buchgeschenke

Tiergeschichten.

Kein Zweifel: Joey Kelly ist nicht nur ein Musiker mit einer kuriosen Lebensgeschichte, er ist auch ein Tier. Die sportlichen Herausforderungen, denen er sich in den letzten Jahren gestellt hat, kann nur bewältigen, wer über eine ungeheure mentale Stärke verfügt. Mich macht so etwas neugierig. Deshalb habe ich Joey Kellys „Hysterie des Körpers“ gelesen.

Der Titel – nun ja. Was nützt das schönste Buch, wenn es sich nicht verkauft. Deshalb bin ich mal nachsichtig gegenüber dieser sehr reißerischen Titelzeile. Überhaupt habe ich beschlossen, allem Sprachlichen gegenüber nachsichtig zu sein. Niemand erwartet von Joey Kelly, dass er ein großer Schriftsteller sein soll. Der Journalist Ralf Hermersdorfer hat seine Geschichte in der „Ich“-Fom aufgezeichnet und das ist aus meiner Sicht gut gelungen. Der Stil versucht, die einfache und deutliche Sprache, in der Joey spricht, einzufangen. Alles andere wäre auch albern. Zum Glück gelingt es, dabei etwas von dem unerschütterlichen Humor rüberzubringen, der Kelly eigen ist, wenn auch leider nur in Spuren.

Aufhänger und roter Faden des Buchs ist Joeys Deutschland Lauf: ein einsamer 900 km Marsch von Wilhelmshaven zur Zugspitze, bei dem der Athlet nur zu sich nehmen darf, was die Natur ihm bietet. Und das ist im September 2010 nicht eben viel. Neben reichlich unreifen Äpfeln gönnt sich Kelly unterwegs vor allem einzelne Kartoffeln, wenige Nüsse und Schnecken sowie einmal einen frisch überfahrenen Hasen. Für jemanden, der täglich etwa 50 Kilometer im strammen Marsch zurücklegt, ist das wenig Energie, vor allem viel zu wenig Eiweiß. Joey Kelly bezeichnet dieses Vorhaben darum auch als sein härtestes und schwierigstes. Wenn man weiß, dass der verrückte Ausdauerkünstler sonst auch schon mal 250 km durch die Wüste trabt oder 24 Stunden auf dem Laufband zubringt, will das etwas heißen.

Mich interessiert vor allem: was bewegt diesen Typen, was treibt ihn an? Nach dem „Warum“ frage ich nicht, diese Frage könnte man schließlich auch schon Marathonläufern stellen. Man macht es, weil es einem etwas gibt, das ist klar. Aber wer so extreme Dinge durchhält, muss etwas haben, das ihn bei der Stange hält.

Stationen einer Ultra-Sportlerkarriere

Stationen einer Ultra-Sportlerkarriere

Kelly Runs 2

Nach dem Lesen des Buches, glaube ich, Kelly besser zu verstehen. „Der Lauf meines Lebens“ ist der Untertitel des Buches. Das ist doppelsinnig gemeint. Zwischen den einzelnen Etappen des Deutschland-Laufs erzählt er aus seiner Kindheit. Was es bedeutet, ein Mitglied der Kelly-Family zu sein, lässt sich für einen Normalmenschen, der an einem Ort in einem Reihenhäuschen aufgewachsen ist, vermutlich nie ganz ermessen. Wie lebt es sich zu neunt in zwei Zimmern in einer heruntergekommenen Wohnung? Wie in einem Doppeldeckerbus? Wie erlebt man andere Kinder, wenn man nie zur Schule geht? Wie fühlt es sich für ein Kind an, kein echtes Heimatland zu haben, weil man in Spanien, Italien, USA, Irland und Deutschland aufwächst? Wie erlebt man seine Pubertät, wenn die Gemeinschaft der Familie immer vor dem einzelnen kommt? Wenn Joey Kelly erzählt, ahnt man, wie schwierig ein solches Leben gewesen sein muss. Dabei gerät er nie ins Jammern, im Gegenteil. Kelly bleibt so sachlich, wie man das angesichts der eigenen Lebensgeschichte nur kann. Es scheint, als sei er vollkommen im Reinen. Mit sich, mit dem strengen Vater, mit der Familie.

Klar wird aber auch: um diese Ausgeglichenheit zu erreichen, war es nötig, etwas eigenes zu finden. Etwas, das nichts mit dem Kelly-Kollektiv zu tun hat, etwas, das nur ihm gehört. Als kräftiger und athletischer Typ entdeckt Kelly als Teenager den Sport. Er liebt harte, körperbetonte Sportarten, wie das Kickboxen und Boxen. Schnell ist er darin erfolgreich. Er ist nicht begabter als die anderen, aber zäher. Als Kelly hält man entweder etwas aus, oder man bekommt ein Problem. Durch eine Wette mit den Geschwistern landet er beim Laufen – und überschätzt sich als junges Großmaul erst einmal selbst. Bei seinem ersten Ironman bricht er sich beim Radfahren das Schüsselbein und läuft danach trotzdem den Marathon durch, mit einer Armschlinge. Dergleichen „Tiergeschichten“ ziehen sich durch das ganze Buch. Oft laufen die Dinge nicht reibungslos, auch der Deutschland-Lauf wird ganz anders als gedacht. Am Ende schneidet Kelly die Abdeckung der Reißverschlüsse des Rucksacks ab, weil er jedes Gramm Gewicht sparen will. Die Verzweiflung ist oft groß.

Zur Abwechslung gibt es dann immer wieder witzige Anekdoten und Geschichten, die vollkommen verrückt zu sein scheinen, etwa ein wichtiges Konzert der Kelly Family unmittelbar nach einem Ironman von Joey. Das Timing, das nur durch einen blitzartigen Hubschraubershuttle gehalten werden kann, gerät so knapp, dass man auf der Bühne unter dem Sakko noch Joeys Shirt mit der Startnummer sehen kann. Während andere längst im Rheumabad liegen, hängt bei Joey die Gitarre um den Hals. Zusätzlich ist Kelly von seinem sechsundzwanzigsten Lebensjahr an der Geschäftsführer des Kelly Unternehmens, einer Gruppe, die in den 90er Jahren 24 mal auf dem Bravo-Cover zu sehen ist und die unter eigenem Label Platten herausbringt, die sich über 2 Millionen mal verkaufen. Beim Lesen bleibt mir vieles ein Rätsel. Wie managed man ohne Ausbildung ein Unternehmen? Wie kann man sich auf einen Ironman vorbereiten (bzw. auf acht ! Ironmen im Jahr), wenn man vormittags Büroarbeit macht, nachmittags im Tourbus sitzt und abends auf der Bühne steht? Nachts zwischen 12 und 2 Uhr, sagt Kelly. Klingt ungesund.

joey_kelly_hysterie_des_koerpers

Man liest fassungslos und mit Kopfschütteln, was Joey alles bewältigt und wie er nie aufgibt. Dabei etwas für das eigene Läuferleben zu lernen, ist kaum möglich und auch gar nicht Joeys Intention. Das Buch hat absolut nichts Missionarisches, es gibt keine Botschaft, keine Besserwisserei des erfahrenen Kämpfers gegenüber dem unbedarften Leser. Joey Kelly erzählt seine Geschichte, nicht mehr und nicht weniger und in meinen Augen genügt das für ein kleines Taschenbuch vollkommen. An zwei Abenden hat man das Ding durchgelesen, staunt und denkt: Respekt, Joey. Gut gemacht. Von Menschen, die mit Joey Kelly zu tun hatten, hört man, dass er alles mitbringt, was ein großer Sportsmann braucht: Fairness, Mitgefühl, Freundlichkeit, Bescheidenheit, Humor, Disziplin, Ehrgeiz und enorme Zähigkeit. Vielleicht kann man das aus dem Buch lernen. So eine Mischung ist erfolgreich.

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6Antworten um “Tiergeschichten.”

  1. Markus Says:

    Hmm, hört sich nach einem netten Buch für die kalten Winterabende vor dem knisternden Ofen an. Ich werde es mir holen. Danke für die schöne Zusammenfassung des Buchs.

  2. -timekiller- Says:

    Hallo,

    danke für die Buchbeschreibung… sehr interessant.

    Der Joey ist schon ein harter Hund, das wusste ich ja schon immer, aber manchmal fehlt Ihm vielleicht etwas an Lockerheit. Ich erinnere mich da an das letzte raabsche Turmspringen, da wirkte der Herr doch etwas verbissen, obwohl das ganze ja nun wirklich eine Spaßveranstaltung ist.

    Klar, der Spaß hört auf, wenn man durch Deutschland läuft und sich nur von platt gefahrenen Hasen ernährt.

    Grüße -timekiller-

  3. admin Says:

    Hallo timekiller,
    ich guck den Raab nicht, aber der sieht seine Spaßveranstaltungen ja auch immer mit mächtig viel Ehrgeiz. Vermutlich hat er in Kelly da den perfekten Sparringspartner gefunden. Wenn man gewohnt ist, sich immer durchzubeißen, ist es wahrscheinlich schwer, mal locker zu lassen, wenn’s um etwas sportliches geht. Ja, interessant ist das allemal. Und typisch männlich. 😉
    Grüße
    Frau Schmitt

  4. Carlo66 Says:

    Hallo,

    habe das Buch auch schon gelesen, weil mich der Sportler Joey Kelly interessiert bzw. was ihn so antreibt. Eigentlich war es mir ein wenig zuviel Geschichte der Kelly-Familie andererseits doch interessant viele Dinge zu erfahren, über die sich die Fans keine Gedanken machen. Obwohl ich kein Fan der Musik war.
    Ich habe aus dem Buch durchaus etwas mitgenommen und bei meinen langen Läufen, die ich in den letzten Wochenende in Vorbereitung auf den Honolulu-Marathon gemacht habe, habe ich oft an dieses Buch gedacht. Mein Mantra, wenn die Muskulatur bei KM 25 anfängt weh zu tun, war wirklich „Joey Kelly“ und es treibt mich immer wieder an, weiter zu laufen. Denn was ein Kelly kann, kann ich doch auch….. :-).
    Also, zur Motivation und als Weihnachtsgeschenk zu empfehlen.
    Grüße


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  1. […] so guten Texten gelesen. Man erfährt hier etwas über die “Terminologie des Laufens“, Bücher und allerhand Accessoires die man so als Läufer (nicht) braucht. Einfach “nur” […]

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