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Egelsbach Reloaded

So, Aug 27, 2006

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Egelsbach Reloaded

Der Koberstädter Waldmarathon 2006 (21,1 km)

Der Koberstädter Waldmarathon ist mein Schicksal. Das stimmt zwar nicht ganz, aber es klingt gut. Tatsache ist, dass er mich zu meinem ersten Laufbericht gebracht hat. Früher wäre ich nie auf die Idee gekommen, über das Laufen schriftlich zu erzählen. Nein, Bestzeiten bin ich hier nie gelaufen, aber schön war’s jedes Mal. Und wenn man ins Ziel kommt, regnet es. Jedes Jahr. Ich weiß also in etwa, was mich erwartet.

Ich will heute mangels Trainingsehrgeiz „nur“ den Halbmarathon laufen. Ein bisschen beneide ich allerdings die Marathonläufer. Sie starten um 8 Uhr in der Früh, wenn der Wald duftet und tropft – und sie sind unter sich. 150-200 Läufer, mehr sind es nie. In diesem Feld der Zausel (siehe „Out of Egelsbach“) Marathon zu laufen ist ein besonderes Erlebnis.

Beim Halbmarathon in Egelsbach ist das etwas anderes. (Der Koberstädter Waldmarathon wird in Egelsbach gestartet – weil es Koberstadt gar nicht gibt. In Hessen findet das seltsamerweise niemand seltsam). Zum „kleinen“ Lauf kommen nämlich jedes Jahr etwa 1500 Läufer – da hat die Beschaulichkeit schnell ein Ende. Um 7:30 Uhr steht man vor leeren Toilettenkabinen mit duftig frischen Toilettenpapierrollen – um 9:30 Uhr trennen mich ganze Truppen verkniffen dreinblickender Frauen, die hektisch von einem Bein auf das andere treten, von der ersehnten Blasenentleerung.

[stextbox id=“info“ color=“696969″ bcolor=“ffdead“ bgcolor=“fffaf0″]Übrigens: Seit 2009 wird in Egelsbach auch ein 10 km-Lauf angeboten![/stextbox]

Als Stammläuferin in Egelsbach kenne ich auch die einst vom Stadionsprecher angepriesenen „wundeschönen Toilettenwagen“ und dort versuche ich noch einmal mein Glück. Es ist inzwischen 9:55 Uhr, fünf Minuten vorm Start. Auch vor dem Wagen stehen nervös tänzelnde Damen. Noch vier. Es ist 9:56 Uhr. Drei. Ich werde das erste mal in meinem Leben direkt aus einer Toilettenkabine starten. 9:57 Uhr. Ob es wohl sehr aufwändig ist, sich zu einem Mann umoperieren zu lassen? 9:58 Uhr. Oh oh. Was machen die nur so lange da drin? Endlich. Zack, zack – ich wollte, ich wäre beim Laufen auch so schnell. Und ab zum Start. Ich schiebe mich noch ein paar Meter im Feld nach vorn, da beginnt der Countdown. Mentale Stärke braucht man manchmal schon vor dem Lauf. Das war knapp.

1500 Füße tragen einen Chip über die Startmatte und es piept wie eine ganze Armee von Mikrowellen-Geräten. In meinem unmittelbaren Umkreis laufen etwa 50 Läufer und sie laufen 50 verschiedene Geschwindigkeiten. Es ist eine fürchterliche Unruhe im Feld. Da werden die Kurven abgekürzt, als würden entscheidende Zentimeter den Sieg bringen. Da wird jeder noch so schmale Spalt zum Überholen ausgenutzt und ich sorge mich etwas um die Außenspiegel der abgestellten Wagen in der Wohngegend, durch die wir laufen. Es ist ein einziges Gebremse und Hakengeschlage. Vielleicht sollte man in Egelsbach immer nur Marathon laufen. Es dauert etwa 6 Kilometer, bis sich das Feld beruhigt. Ich laufe mich frei.

Die Strecke ist schön wie immer – nur die Steigungen kommen mir langgezogener und kräftezehrender vor. Ich hätte mich gestern doch besser mal etwas ausgeruht, anstatt durch Frankfurt zu wirbeln. Jetzt ist es zu spät. „Geschenke 200 Meter“ steht plötzlich rechts auf einem Schild. Ach, stimmt gar nicht. Da war ein Ast davor. In Wirklichkeit muss es „Getränke“ heißen. Mein Gehirn fängt mal wieder an, sich seltsame Dinge zusammenzureimen.

Egelsbach_Wasser

Vor mir läuft eine Dame in dicker Parfumwolke. Mal ein bisschen schneller, mal ein bisschen langsamer als ich. Aber ich komme nicht dauerhaft vorbei. Ich sehe mich wie Paulchen Panther in einer Wolke laufen, die überall da ist, wo ich bin. Ich laufe mehr rechts, ich laufe mehr links, die Wolke will mein Freund sein. Dabei kann ich sie nicht leiden (ich kann sie nicht riechen stimmt ja leider nicht). Nur einmal bin ich ihr kurz dankbar: als der Stöhnläufer neben mir auftaucht. Der Stöhnläufer läuft immer mit freiem Oberkörper. Damit der Schweiß trotzdem aufgefangen wird, trägt er meist ein geblümtes Gästehandtuch vorne in seine Hose gestopft. Es funktioniert wohl wie die guten alten Tropfenfänger an Teekannen. Obwohl er kein T-Shirt trägt, das schlecht riechen könnte, ist der Stöhnläufer ein wahres Läuferskunk. Und wie der Name schon sagt, stöhnt er bei jedem Schritt aus vollem Herzen. Um der Bakterienzersetzungswolke zu entkommen, halte ich mich dichter an die Parfümwolke und kann den Stöhnläufer glücklich hinter mir lassen.

[stextbox id=“info“ float=“true“ align=“right“ color=“696969″ bcolor=“f4a460″ bgcolor=“f5f5f5″]Lieber auf Papier lesen? Hier gibt’s eine Druckversion als PDF.[/stextbox]

Zudem begleitet mich seit einigen Kilometern ein Läufer mit Telekom-Shirt. Irgendwie ist er immer in meiner Nähe, auch als ich beschließe, einen Becher Pepsi zu trinken und dabei ein paar Schritte zu gehen. Vier Kilometer vor dem Ziel zieht er plötzlich kräftig an und beginnt gleichzeitig mit mir zu plaudern. Ein guter Hase sei ich gewesen, sagt er, immer schön gleichmäßig, jetzt wolle er den Hasen geben und mich ins Ziel ziehen.

Das finde ich reizend. So sehr, dass ich versuche, sein Tempo mitzugehen, obwohl ich nicht mehr viele Krümel in meiner virtuellen Keksbox habe. Tatsächlich fliegen wir einen Kilometer im Gleichschritt an Läufern vorbei, die ich nie mehr zu erreichen glaubte. Es ist wunderbar. Ich fühle mich wie Sammy Korir neben Paul Tergat bei seinem Rekordlauf in Berlin. Mindestens. Doch dann kommt die Brücke. Eine letzte Steigung. Ich kann die Keksbox umdrehen und schütteln, mit feuchten Fingern die letzten Minikrümelchen aufstippen – da ist nichts mehr. Absolut nichts. Ich muss meinen Telekom-Läufer ziehen lassen. Eine Verbeugung vor seinem Edelmut.

So muss ich mich alleine vorwärts schieben und es fällt mir schwer. Aus dem Wald heraus – und dann noch einen Kilometer durch die Ortschaft, das ist immer hart. Es ist eine sonntägliche Ortschaft. Es riecht nach Fertigbratensoßen, Zwiebeln und dem Presseclub. Ich will ins Ziel. Ich will ganz viel Pepsi trinken und mir ein T-Shirt schenken lassen, wie ich schon eins habe. Und ich will nicht mehr länger überholt werden. Das ist nämlich deprimierend und ich will vor allem nicht deprimiert sein. Nur noch die letzte Runde-boing-auf der Laufbahn im Stadion-boing-die immer so schön federt-boing, boing, boing – und ich bin zuhause. Als ich mir drei Becher Pepsi hole, fängt es an zu regnen. Wie jedes Jahr in Egelsbach.

Egelsbach_Volkslauf_Kuchen

[stextbox id=“grey“]Die Veranstalterseite ist im Augenblick leider gerade in Überarbeitung: koberstaedter-marathon.de[/stextbox]

Egelsbach?

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