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Die Weihnachtsweiher.

Do, Dez 27, 2012

Schnipsel

Die Weihnachtsweiher.

Weihnachten ist das Fest der Liebe. Ich liebe das Laufen und deshalb laufe ich an Weihnachten. Meistens warte ich, bis am ersten Feiertag das Frühstück in mir ein wenig durchgereicht wurde und dann schnüre ich die Schuhe. Diese anderthalb Stunden gehören nur mir allein. Ich starte in einem Wohngebiet auf schmalen Bürgersteigen, auf denen jedes Jahr etwas Granulat herumliegt, denn immer war es unlängst kalt und glatt oder hat sogar geschneit. Aber der Schnee von gestern ist bereits ein solcher, denn an Weihnachten ist es warm und nass. Zumindest oft. Aber das Granulat ist noch da und knirscht rhythmisch beim Drauftreten. Bald bin ich in einer Grünanlage und meine Erleichterung breitet sich aus wie die Maulwurfshügel auf der riesigen Rasenfläche. Endlich besteht die Chance, meine über Heiligabend zum Erliegen gekommene Verdauung vorsichtig wieder zu beleben. Natürlich soll es nicht an Ort und Stelle zum Äußersten kommen, aber es wäre schön, wenn das Gefühl verschwände, von Kopf bis Fuß mit Beton angefüllt zu sein. Es steht zu vermuten, dass der Stollen nur deshalb so heißt, weil er im Magen Gewicht und Konsistenz von unterirdischem Gestein annimmt, dem nur noch durch Bohrung oder Sprengung beizukommen ist. Laufen kann da sehr hilfreich sein.

An Weihnachten laufe ich traditionell in Köln. Deshalb streife ich jetzt am Rheinenergie Stadion entlang, das früher einfach „Müngersdorfer Stadion“ hieß, aber welches Stadion darf schon noch einfach so heißen, wie es heißt. Es muss heute heißen, wie bereits andere heißen, aber das macht dem Stadion nichts. Es steht monumental neben meinem Laufpfad herum und lässt sich von ein paar Fahnen beflattern.

Müssen heißt nicht können. Nicht an Weihnachten.

Ich bin nun zehn Minuten unterwegs und es vollziehen sich bei mir erste spannende körperliche Vorgänge. Ich bin erkältet, wie oft an Weihnachten. Der Körper weiß, wann er nicht arbeiten muss und trägt seine Erkältung deshalb rechtzeitig in den Terminkalender ein. Vermutlich freut er sich schon seit Tagen, dass er bald endlich erkältet sein darf. Für mich bedeutet das: Ich laufe nicht allein. Die Nase läuft mit. Wenn ich sitze, hat meine Nase keine rechte Lust zu laufen, aber kaum trabe ich ein paar Schritte, schließt sie sich mir an. Gemeinsam trotten wir weiter in den Grüngürtel. Hier gibt es eine schöne Laufstrecke, für die man keine besonders gute Orientierung braucht, perfekt für Besucherinnen wie mich.

Am Adenauer Weiher kann man gut beobachten, ob jemand etwas Schwimmendes zu Weihnachten geschenkt bekommen hat, was tatsächlich gelegentlich vorkommt. Von Gummibooten bis zu ferngesteuerten Kriegsschiffen habe ich hier schon alles gesehen. Drumherum stehen mindestens ein entfesseltes Kind nebst genetisch bedingter Begleitung, die „Ah!“ und „Oh!“ ruft. Heute ist am Adenauer Weiher nichts los, nur ein paar Enten schauen mich vorwurfsvoll an, weil sie fest mit mitgebrachten Geschenken gerechnet haben. Die Enten sind hier alle so. Es sei denn, es scheint die Sonne, dann gründeln sie, wahrscheinlich um den Pürzel zu bräunen. Heute aber scheint weit und breit nicht eine einzige Sonne, statt dessen beginnt es zu sprühregnen. Das ist nichts im Vergleich zu dem, wie es noch vor Stunden regnete und deshalb beschwere ich mich nicht. Es ist ja auch niemand da, bei dem ich mich beschweren könnte, außer den Enten.

Diese Ente hat einen erstaunlich langen Schatten. Also doch Sonne?

Ich laufe weiter. Meine Nase auch. Sie ist jetzt richtig warm gelaufen. Wenn man am Adenauer Weiher stur geradeaus läuft, immer so, dass man zu gleichen Teilen das Rauschen des angrenzenden Waldes und das der nahen A4 hört, kommt man zu einem weiteren Gewässer: dem Decksteiner Weiher.

Nein, sonnig kann man das nicht nennen.

Anders als der Altkanzler-Weiher ist der keine überdimensionierte Pfütze, sondern eine Wasserlandschaft, die aus zwei Monsterpfützen und einem Verbindungskanal zwischen den beiden besteht. An den schmiegen sich dieseits und jenseits des Ufers je ein Alleenweg wie Bunny-Mädchen an Hugh Hefner. Ein Traum für Läufer. Auch meine Nase fühlt sich angenehm berührt und entwickelt neue Dynamik. Ich denke inzwischen, dass der Begriff des „Hasen“ als Tempomacher aus einem Tippfehler heraus entstanden ist, der nicht korrigiert wurde. Statt „Hase“ musste es in Wahrheit „Nase“ heißen. Meine Nase läuft vor mir her und ist für das Tempo verantwortlich. Wenn sie anzieht, ziehe ich hoch.

Gemeinsam laufen wir jetzt am „Waldlabor“ vorbei, quasi einem Versuchswald. Hier wird alles Mögliche gepflanzt und dann geguckt, ob es auch schön wächst. Wahrscheinlich tun das Menschen in weißen Kitteln und Schutzbrillen. Aber heute ist ja Feiertag. Heute probieren Läufer neue Jacken aus und Omas tragen alte Jacken spazieren. Es riecht nach Familie, nach Kindern, die irgendein buntes Plastikgebilde mit oder ohne Haaren dran unter dem Arm durch Wälder tragen, was in Wäldern nichts verloren hat, wohl aber auf Gabentischen und deshalb haben die Kinder es dabei. Erwachsene erzählen sich, wie es in der Firma zugeht und warum man im nächsten Jahr die Abteilung wechseln will. Studenten erzählen vom Stress, Kinder von dicken Käfern. Es ist so ungeheuer Weihnachten. Ich laufe weiter Richtung Klettenberg bis der Weiher zu Ende ist und dann laufe ich um ihn herum und auf der anderen Seite wieder zurück. Ich trabe eher, wegen des Schnupfens, vielleicht ein 6:30er Tempo. Meine Nase ist schneller geworden, sie steuert auf einen 6er Schnitt zu und ich habe Mühe, mit zu kommen. Irgendwo am Weiher steht der Maronenmann. Jedes Jahr. Und jedes Jahr bedauere ich, kein Geld einstecken zu haben, denn Maronen sind toll. Ich tröste mich dann damit, dass ich die Maronen unterwegs ja gar nicht essen kann und zuhause schmecken sie nicht mehr. Aber ein einsamer Maronenmann mitten in einer Grünanlage hat einen Oaseneffekt und ich kann nicht umhin, mir den Genuss vorzustellen. Schnell laufe ich weiter. Meine Nase ist freudig überrascht und schießt mit einem begeisterten Schwall hinterher. Das ist gut so, es wäre schon angenehm, wenn wir zusammen ankämen. Ich will meine Nase nicht abhängen, auch wenn es verlockend erscheint, dass die Luft dann vielleicht ohne eine fest vernagelte Schleuse hinter die Augen strömen könnte. Im Augenblick ist das mit der Sauerstoffversorgung nämlich etwas mühsam. Hatschi, aber auch.

Vorne: Baum. Links: Läufer (oberirdisch). Rechts: Läufer (unterirdisch). Hinten: Stadion.

Farblich herausragend: eine echte „Landmark“ der Strecke.

Zurück über die Schienen, immer weiter Richtung Stadion. Dort jubelt es, aber das gilt nicht mir. Es ist nur der Wind, der auf tausenden von Plastiksesseln abgelagerte Jubelreste aufgewirbelt und zu mir herübergetragen hat. Ich finde, das ist eine schöne Geste, auch wenn mir der Wind den Lauf sonst eher ungemütlich gestaltet. Nach der Überquerung einer Straße komme ich am „Kölner Reit- und Fahrverein“ vorbei. Das mit dem Reiten verstehe ich. Aber was macht man in einem Fahrverein? Fährt man selbst? Lässt man einen fahren? In Köln sind viele Dinge einfach etwas anders als in Frankfurt. Und dort sind sie schon komisch.

Auch der Kölner weiß: ohne Moos nix los.

Ich laufe zurück in die Grünanlage am Wohngebiet. Hier übernehmen die Hunde wieder die Herrschaft über das Geschehen, Nachbarn plaudern über das Gegessene und das, was schon wieder im Ofen ist. Kinder rollern gelangweilt um Erwachsene herum, die unbeweglich stehen bleiben wie Lübecker Hütchen. Umso beweglicher sind die Hunde. Ich erreiche wieder den Granulat-Parcours und bemerke erst jetzt, dass das Betongefühl, die Gewissheit, ein lebendes Butterplätzchen zu sein, vollkommen verschwunden ist. Ich bin wieder eine Läuferin, zusammen mit meiner Nase sind wir sogar zwei. Es ist ein tolles Gefühl. Ich kann hineingehen, schneuzen und duschen, was beides etwa gleichlang dauert. Und dann gibt es endlich wieder was zu essen.

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4Antworten um “Die Weihnachtsweiher.”

  1. Henrik Says:

    Schöne Runde. Geschickt eingeflochten hast du deine Meinung über den üblichen Weihnachtsgeschenkewahnsinn. Die auffällig vielen Spaziergänger am ersten Feiertag sind in der Tat bemerkenswert, plötzlich „drehen“ Leute „eine Runde um den Block“ und stehen blöd im Weg, um den Feiertagsschmaus zu verdauen. Nicht zu vergessen, die süßen kleinen neuen Hunde, die ausgeführt und der Allgemeinheit präsentiert werden. Und kleine Mädchen in pinkfarbenen Jacken, die Läufern verstörende Worte hinterherrufen.

  2. Blumenmond Says:

    Hach, da bist zu meine Lauflehrlingsstrecke gelaufen. Dort sind meine ersten Kilometer zusammen gekommen. Und für mich bleibt es immer das Müngersdorfer Stadion. Danke für den schönen Weihnachtslauf.

  3. Whiteytah Says:

    Hach ja…der Weihnachtsgeschenkewahnsinn… Mir hat das Christkind unter anderem doch tatsächlich einen „Blog zum Blättern“ gebracht!!! 😉

    Danke für den schönen Laufbericht. Ich finde, die Stimmung wurde sehr treffend eingefangen und die Schilderung der vielen Begegnungen spiegelt diverse Weihnachtslauferlebnisse, die auch (und bestimmt nicht nur) ich in den letzten Tagen erdulden durfte… Es ist also scheinbar überall das Gleiche.
    Aber es ist auch immer so, dass nach Weihnachten und zum Beginn eines neuen Jahres plötzlich ganz viele Läufer/innen aus dem Boden schießen – so dass man kaum mehr geradeaus zu Laufen vermag – und wenige Wochen später sind sie wieder verschwunden und man (frau natürlich auch) hat seine (oder ihre) Lieblingsstrecken wieder für sich.
    Inwiefern sich (m)eine Nase allerdings als Tempomacherin eignet, muss ich noch ausprobieren…groß genug wäre sie ja. Vielleicht teste ich das beim nächsten Lauf einfach mal.
    In diesem Sinne wünsche ich für das neue Jahr viele schöne verletzungsfreie Lauferlebnisse, freie Strecken und vor allem Gesundheit. Danke für das Teilen der vielen schönen Erlebnisse in diesem Blog!
    Viele Grüße,
    Thomas

  4. Miriam Says:

    Hach liebe Frau Schmitt,

    Da hast du mir aus der Seele geschrieben. Fünf Jahre lang bin ich genau diese Strecke durch Köln gelaufen, als ich dort wohnte. Und sie gehört immer noch zu meinen liebsten Laufstrecken. Ab und an gönne wir uns am Wochenende eine Lauf dort und ich freue mich dann immer sehr, wieder dort zu sein.

    Danke für das Mitnehmen dorthin!

    Miriam

    P.S. Im September gibt es immer den Kölner Halbmarathon, einen beim Lauf noch wählbaren Lauf über 7,14,HM oder 28 km der in Runden um das Müngersdorfer Stadion und den Adenauer Weiher führt. Wäre das nicht mal einen Laufbericht wert?


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