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Ruck ohne Hau.

So, Mrz 28, 2010

Nützliches, Produkttests

Ruck ohne Hau.

Dafür aber mit Sack: Der Weg zu einem passenden Laufrucksack ist keine Kurzstrecke. Zumindest nicht, wenn man ein Mädchen ist. Aber braucht man so ein Teil überhaupt? Und wenn ja – wozu? Ich laufe seit über 10 Jahren und bin bisher ohne einen Laufrucksack ausgekommen. Da ich nie länger als 42,2 km unterwegs war, und kaum im Berg, wo sich die Temperaturen ändern und man eine Jacke mitnehmen muss, schien mir das auch nicht nötig zu sein. Für eine Zeitlang lief ich lange Läufe mit einem Camelbak-Trinksystem, das man sich um die Hüfte schnallt. Auf Dauer war es zu sperrig und zu kompliziert in der Handhabung.

Aber manchmal stelle ich mir vor, es wäre schön, irgendwo hin zu laufen und mit der U-Bahn oder dem Bus zurück zu fahren. Ich könnte so ganz neue Strecken ausprobieren. Im Augenblick plane ich eine Städtereise. Bei einem Lauf ist da der Aktionsradius gleich viel größer. Aber wohin mit dem Stadtplan? Und dem Fotoapparat, dem Getränk und einer Jacke, falls man sich doch mal verläuft oder eine kurze Pause an einer Sehenswürdigkeit einlegen will? Kurz: ein Laufrucksack muss her. Ich will es einfach versuchen.

Bei einem kleinen Google-Bummel stoße ich auf Racelite.de Die Auswahl an Lauf- und Trinkrucksäcken ist hier wunderbar groß. Inhaber Robert Pollhammer aus Garmisch ist selbst Ultraläufer und versteht etwas von dem, was er da im Angebot hat. Als Frau erfülle ich sofort ein Klischee und  schaue nach der Optik. Laufaccessoires, die nicht hellblau sind, ziehen mich magisch an. Ich lande also beim rattenscharfen Inov-8 Race Elite 15.

inov 8 Race EliteNur 290g soll er wiegen – eine bildschöne Feder. Robert schränkt meine Begeisterung etwas ein. Für Klamotten sei das Modell in Ordnung. Ich ahne, dass Fotoapparat und Stadtplan vermutlich wild in dem Rucksack umherhüpfen. 15 Liter sind außerdem ein wenig groß. Ich bestelle den inov-8 trotzdem zur Auswahl mit. Robert hatte Recht. Der Rucksack ist zwar wirklich federleicht, besteht aber im Wesentlichen aus einer hauchdünnen Hülle. Es gibt keine Innentasche und auch keine Möglichkeit für ein Trinksystem. Das ist mir zwar nicht so wichtig, aber wer weiß, ob ich es nicht doch einmal nutzen will. Und das Wichtigste: der Rucksack lässt sich nicht auf meinen Körper anpassen. Es ist kein Damenmodell und die Träger sind zu lang und verlaufen ungünstig. Der Race Elite kommt für mich also nicht in Frage.

Das nächste Modell, dass ich mir aussuche und zur Auswahl bestelle ist der OMM Last drop 10 L.

OMM Last dopAuch hier gefällt mir die dezente Farbigkeit und er sieht klein und kompakt aus. „Vielleicht ein wenig zu klein“, befindet Robert, aber ich bin störrisch. Er ist schwarz, er ist klein, er ist leicht (ca. 300g), also muss ich ihn aufprobieren. Außerdem kostet er nur 45 Euro und kann mit einem Trinksystem ausgestattet werden. Die Lieferung bringt allerdings die Enttäuschung. Auch der OMM ist kein Frauenrucksack und passt überhaupt nicht. So sehr ich die Träger auch anziehe, er lommelt hin und her. Nach der Anprobe dieser beiden glaube ich, dass es für eine Frau mit 1,66 Meter Größe und Kleidergröße 36 keinen Sinn macht, es mit einem Männerrucksack zu versuchen. Das nächste Modell ist dann auch für Mädchen. Ganz eindeutig. Denn es hat welche Farbe? Richtig. Hellblau.

Bild 11

Die Salomon Wings 10 + 3 Vest gefällt mir eigentlich nicht. Aber sie ist nach dem Westenprinzip gearbeitet, das bedeutet, man macht vorne einfach einen Reißverschluss zu und gut ist. Das klingt, als ob der Rucksack sehr gut sitzt und nicht wackelt. Robert bestätigt meine Vermutung, teilt aber auch meine Skepsis bezüglich der universellen Einsetzbarkeit. Egal. Man muss das mal sehen. Und vielleicht ist das Blau ja in Wirklichkeit ganz dezent. Pustekuchen. Der Rucksack ist wirklich so hässlich, dass ich mich nicht überwinden könnte, ihn zu behalten. Tatsächlich sitzt er sehr gut und fest. Aber zur Anprobe habe ich nur ein T-Shirt an. Würde ich eine weite Laufjacke tragen, hätte ich ab der Taille beulende Laufjackenknödel. Der Rucksack würde aussehen wie ein Bolerojäckchen über einem Blouson. Das muss nun irgendwie doch nicht sein. Ansonsten ist der Salomon sehr gut verarbeitet, hat viele praktische Taschen. Er kostet 79,95. Der nächste Kandidat ist eine Empfehlung von Robert. Ein Damenrucksack und deshalb – richtig- in hellblau.

Golite 1

Ein Auslaufmodell und der graue, schönere ist schon weg. Es handelt sich um den Golite Rush. Seine Ausstattung überzeugt mich und deshalb versuche ich über das Blau hinweg zu sehen. Es gibt ihn in zwei Größen, je nach Rückenlänge, das finde ich sehr löblich. 510g, 11 Liter, heruntergesetzt auf 44,95. Auf dem Bild sieht er klobiger aus, als er wirklich ist, wenn man ihn auf dem Rücken trägt. Er ist der erste Kandidat, den ich in die engere Wahl nehme. Seine Träger sind angenehm gepolstert und er lässt sich gut einstellen. Besonders gefallen mir die beiden Taschen an der Vorderseite. Ich stelle mir vor, dass ich darin gut den Fotoapparat transportieren kann. Ich bepacke den Rucksack also probehalber mit einem leichten Fleece, einem kleinen Reiseführer, dem Fotoapparat und zwei kleinen Getränkefläschchen. Es würde noch einiges mehr hineinpassen, aber so ist der Rucksack schon mal angenehm gefüllt. Damit hoppele ich auf Zehenspitzen durch die Wohnung. Der Rucksack sitzt sehr gut und bewegt sich kaum. Doch ausgerechnet das, was ich so toll fand, erweist sich als Hindernis: die beiden vorderen Taschen sitzen in Taillen bzw. Nierenhöhe und das fühlt sich unangenehm an. Ich fühle mich wie in einer Schraubzwinge, selbst als ich den Gurt lockere. Golite 2Außerdem ist der Fotoapparat in der kleinen Tasche relativ schwer und fühlt sich an dieser Stelle unangenehm an. Und das Schlimmste: ich kann mit den Armen nicht frei schwingen, ohne die Taschen zu berühren. Das verstärkt das Gefühl, eingeengt zu sein und einen Ballast dabei zu haben. Und das, obwohl die Schultergurte angenehm sitzen und der Rucksack fast keine Schwingung hat. Schade.

Jetzt ruht meine ganze Hoffnung auf dem letzten Stück, dem Salomon XA 10 + 3 EXP Set W. Bei dem Namen wurde zumindest schon mal ganze Arbeit geleistet. Dieses Damenmodell ist rot und das verzeihe ich Salomon ausnahmsweise, da sie auch für Männer viele rote Modelle herstellen. Irgendjemand dort mag eben die Farbe. Und gegenüber dem Hellblau des anderen Salomon Modells ist Rot eine reine Erholung.

Ich kann es eigentlich gleich kurz machen: dieser Rucksack ist toll. Seine 10 Liter lassen sich mit einem Reißverschluss um 3 Liter erweitern. Er hat eine kleine Innentasche für Geld, Taschentücher, Riegel oder was auch immer man mitnehmen möchte. Der Reißverschluss ist wasserdicht verschweißt. Die Schultergurte sind schmal und weich und lassen sich perfekt einstellen. Der Rucksack sitzt sofort. Die Rückenseite ist so gearbeitet, dass eine Belüftung gesichert ist, der Hüftgurt ist schmal, wie überhaupt die Passform sehr schmal am Rücken liegt. Hier hat jemand wirklich an Frauen gedacht, die in der Regel kein Schwarzenegger-Kreuz haben.

Salomon

Salomon 1

Salomon 2

Auch mit diesem Rucksack laufe ich zwischen Schlafzimmer und Wohnzimmer hin und her und bin froh, dass mich niemand dabei sieht. Er sitzt sehr gut. Und doch gibt es einen Wermutstropfen: der Rucksack hat klappernde Reißverschlusszipper. Das erscheint mir völlig verrückt. Ein absolutes High-Tech-Modell, ein Wunder an Passform, hat klappernde Reißverschlüsse. Nicht alle, nur zwei, als hätte man sie vergessen. Das klingt nach einem harmlosen Fehler, aber wenn die Reißverschlüsse bei jedem Meter klappern, bedeutet das auf eine Strecke von 20 km 20.000 mal klappern. Das wirkt bei mir wie eine chinesische Wasserfolter. Ich überlege, was zu tun ist. Schließlich ziehe ich ein Stück Kordel durch den Zipper. Das hilft und ich bin erleichtert.

Salomon 4

Bevor ich es vergesse zu erwähnen: für den Preis von 75,95 ist auch eine 2-Liter Wasserblase von Source inklusive, die allein bereits ca. 20 Euro kostet.

Source

Der Testlauf.

Ich beschließe, den roten Salomon zu behalten und einen Testlauf mit ihm zu machen. Ich bepacke ihn wieder mit meiner „Musterbepackung“ und ziehe am Sonntag morgen los. Ich habe eine leichte Weste an und der Rucksack raschelt etwas an ihr herum. Daran muss ich mich erst einmal gewöhnen. Und ganz klar: der Rucksack bewegt sich. Da man ihn leider nicht mit Sofortkleber am Rücken anbringen kann, lässt sich das einfach nicht vermeiden. Doch es scheuert nichts und das ist das Wichtigste.

Ich laufe ans Mainufer und höre, wie auf dem Eisernen Steg ein Akkordeonspieler mit Migrationsvordergrund „Lambada“ spielt. Es verspricht ein guter Lauf zu werden. Es pfeift ein strenger Gegenwind und ich laufe langsam. Ein bisschen fühle ich mich, als wäre ich bei der Fremdenlegion. Laufen mit Rucksack. Komisch. Aber schon nach etwa 20 Minuten passiert es: wir werden eins, der Rucksack und ich. Zwar höre ich nach wie vor die Bewegung auf dem Rücken, aber es stört überhaupt nicht. Ich nehme ihn an, so wie sonst meinen Trinkgurt. Den Fotoapparat habe ich in eine der beiden Seitentaschen gesteckt. Ihn für ein Bild herauszufischen ist ein bisschen fummlig. Ich denke aber, dass sich mit der Zeit das Begrenzungsgummi ein wenig ausdehnen wird und man den Foto leichter herausziehen kann. Gleiches gilt für eines der beiden Trinkfläschchen, das ich in einer Außentasche transportiere.

Das Einzige, mit dem ich von Zeit zu Zeit hadere, sind die Bänder, mit denen man die Schultergurte festzieht. Ich ziehe sie durch den Hüftgurt und verstecke sie dann auf dem Rücken. Manchmal bleiben sie eine halbe Stunde dort, manchmal kriechen sie nach fünf Minuten wieder hervor und baumeln dann störend herum. Hier werde ich mir noch etwas einfallen lassen müssen. Nach knapp 2 Stunden Laufen geht ein Schauer nieder. Die Taufe für das gute Stück. Es macht ihm genauso wenig aus wie mir. Der Inhalt bleibt trocken.

Während des Laufs sehe ich einen Mann, der aussieht wie Heiner Geissler, und einen anderen, der zwei vollkommen verfettete Pinscher ausführt (ein Fall für den „Hundeprofi“). Mir begegnet ein Paar, das sich küsst und eines, das sich laut streitet. Ich treffe unzählige Läufer (keinen mit Rucksack), drei einsame Männer, die über einer Schleuse meditieren und einen sehr großen schweren Mann, der einen Rucksack der Marke „Fatboy“ trägt. Es ist ein wunderbarer Lauf, der 2 Stunden und 25 Minuten dauert. Der Rucksack behindert mich überhaupt nicht.  Wenn ich es recht bedenke, war rot eigentlich schon immer meine Lieblingsfarbe.

Ein paar Fotos vom Testlauf (ohne Rucksack)

Bei "Orange Beach" zwischen Gutleutstraße und Frankfurt Griesheim.

Bei "Orange Beach" zwischen Gutleutstraße und Frankfurt Griesheim.

"Orange Beach" erwartet offensichtlich täglich wichtige Gäste.

"Orange Beach" erwartet offensichtlich täglich wichtige Gäste.

Orange Beach - "Das zweitschönste Versteck unter der Sonne"

Orange Beach - "Das zweitschönste Versteck unter der Sonne"

Griesheimer Schleuse

Die Griesheimer Schleuse mit Blick auf Nied und Höchst

Die Historische Kläranlage Niederrad

Die Historische Kläranlage Niederrad

Am Westhafen mit dem Westhafen-Tower, "dem größten Äbbelwoi-Glas der Welt"

Am Westhafen mit dem Westhafen-Tower, "dem größten Äbbelwoi-Glas der Welt"

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11Antworten um “Ruck ohne Hau.”

  1. Marcus Says:

    Danke für die Zusammenstellung und die Schilderung der Eindrücke. Mich überrascht, dass ein Rucksack von Nathan nicht in Betracht gezogen wurde. Der erfüllt diese Aufgabe auch sehr gut.

  2. admin Says:

    Bei so einem kleinen Test ist es leider nicht möglich, alle Hersteller zu berücksichtigen. Ich bin sicher, es gibt da draußen noch viele andere gute Laufrucksäcke. Ich habe jetzt zum Beispiel gehört, der Raidlight Evolution soll sehr gut sein. http://www.racelite.de/shop:showarticle:RaidLight_EVOLUTION_2 Einen Nathan hatte ich mal in der Hand und er kam mir sehr fest und ein bisschen schwer vor. Aber wie man mit so einem Rucksack zurecht kommt, ist sicher individuell ganz verschieden. Ich freue mich jedenfalls, wenn ihr hier eure eigenen Favoriten postet.

  3. Kerstin Says:

    Ich kann den Deuter Speed Lite 10 sehr empfehlen, der kostet nur um so 35€ und ist superleicht.

  4. shan_dark Says:

    Also erstmal muss ich sagen: was für ein megatollschönes Klärwerk – Hammer! Das ist glatt mal nen Lauf nach Niederrad wert! In anderen Städten sieht so die Touristeninformation aus, aber in Niederrad das Klärwerk. **immer noch baff bin**

    Danke für die Schilderung zur Rucksackwahl. Ich konnte mitfühlen. Beim Lesen hoppelte ständig was auf meinem Rücken. Am leichtesten war bei mir auch der Salomon. Und am schönsten. Denn Blau ist was für Bübchen, nicht für Mädchen.

  5. Jörg Says:

    Das Verrückte an solchen Artikeln ist, dass man nun überlegt, ob man nicht auch so ein Teil braucht. Aber ich habe ja schon drei Hüfttaschen, die ich nie nutze.

    Trotzdem vielen Dank.

    Jörg

  6. Klausi Says:

    Habe eine Geschichte übers Joggen erwartet,aber nur pure Werbung erhalten.

  7. admin Says:

    Du hast bei einem Test von Laufrucksäcken eine Geschichte übers Joggen erwartet? Das überrascht mich. Im Übrigen wäre ich froh, Du würdest Deine Mobbing-Attacken wenigstens auf ein Laufforum beschränken und nicht hier auch noch ausleben. Danke!

  8. Angela Says:

    Hallo Frau Schmitt,

    habe mir aufgrund Deines Tests den Salomon bei racelite bestellt, gestern kam er an. Bin begeistert, danke für Deine ausführlichen Recherchen und weiterhin viel Freude am Laufen, Schreiben, was auch immer. Bin gern auf Deiner Seite.

    Liebe Grüße

    Angela aus der Rhön

  9. Tanja Says:

    Vielen Dank für den tollen Artikel und die Nachfolgenden Kommentare.

    Wollte mir aufgrund des Berichtes auch den Salomon XA 10 + 3 EXP Set w kaufen. Hab dann allerdings beschlossen, dass weder rot noch blau zu meinen lila Laufschuhen passt (warum können die sich nicht wenigstens auf eine Farbe einigen, wenn schon alles bunt sein muss???)

    Hab mir dann den Deuter Speed Lite 10 (siehe Kerstins Kommentar) genauer angesehen und bestellt. Kann das Teil auch weiterempfehlen. Da rappelt nix, sitzt perfekt, Farbe ist schlicht und er ist relativ günstig (wobei man incl. Blase auch schon bei knapp 60 Euro liegt). Habe mal ein Foto hochgeladen, da ich finde, dass das neue Model auf den Internetfotos ganz anders rüber kommt als natura: http://i53.tinypic.com/344pkdv.jpg

    Dann noch eine Anmerkung zu dem Salomon: Bist du sicher, dass es das rote Model auch als Damenmodel gibt? Oder war das ein Auslaufmodel?
    Denn z.Zt. wird dieser Rucksack als Damenmodel nur in hellblau angeboten. Das etwas höhere Herrenmodel gibt es in rot und grau.

  10. dorit Says:

    Herzlichen Dank für den schönen Bericht. Ich kann das so herrlich nachvollziehen mit dem Wackeln, Klappern, Ruckeln. Frau Schmitt, Du sprichst mir mal wieder aus der Seele. Genauso geht es mir auch mit allen möglichen Teilen, die man im Leben so benutzt.
    Mich stören manchmal sogar die verstärkten Spitzen der Schnürsenkel, wenn sie bei jedem Schritt gegen den Schuh ticken.
    Dankeschön

  11. Stephanie Says:

    Danke, Frau Schmitt.
    Ich habe gerade meinen geliebtesten Laufrucksack umgebracht und suche Nachschub. Den Salomon schaue ich mir an. Der alte war auch ein Salomon.
    Ich kenne das Problem – für Frauen unter 1,70 mit Kleidergröße 36 sind Männerrucksäcke ungeeignet.


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