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TV-Marathon – Quälerei auf dem Sofa.

So, Apr 13, 2014

Schnipsel

TV-Marathon – Quälerei auf dem Sofa.

Mindestens 17 Millionen Deutsche laufen regelmäßig. Genug Zuschauerpotential für hochwertig gemachte Marathon-Übertragungen im Fernsehen. Aber um Quote soll es hier nicht gehen, ein Parameter, der ohnehin alles zunichte macht, wenn es um Qualität geht. Wenn ich die Zahl dennoch erwähne, dann, um meiner Verblüffung darüber Ausdruck zu geben, wie Marathonsendungen angesichts der Menge an Läufern heute aussehen und wie bescheiden die Möglichkeiten immer noch sind, Zugang zu internationalen Übertragungen zu bekommen.

In Deutschland: Wenig ist besser als nichts.

Vor 15 Jahren, als ich mit dem Laufen begann, wurden große deutsche Marathons noch in ihren Regionalsendern übertragen. NDR, WDR und hr waren dabei. Geblieben ist nur der hr, mit einer Übertragung, die seit dem Ausscheiden von Herbert Steffny gelitten hat.  Trotzdem muss man dankbar sein, dass es diese Sendung noch gibt, samt ihrem „Hinüberschalten zu den Stimmungsnestern“, bei dem versteinert wirkende Zuschauer gefragt werden, wie lange sie bereits hier stehen und wie lange sie hier noch zu stehen gedenken. Man muss froh sein über das Durchhaltevermögen des hr, der dann doch irgendwie zu ahnen scheint, dass ein Weltklasse-Event mit IAAF Gold Label, bei dem Zeiten unter 2:04 möglich sind, neben Sendungen wie „Deutsche Traktor-Legenden“ oder „Leckeres Hessen“ auch einen Programmplatz verdient hat.

Auch bei der ARD ist das Interesse am Berlin Marathon wieder erwacht, nach dem er zwischenzeitlich zum rbb verbannt wurde. Man müsste sich nur einmal vorstellen, die BBC würde den London Marathon nicht übertragen. Undenkbar.
Ein großer Unterschied zu den Übertragungen von vor 10 Jahren ist aber nicht zu bemerken. Die Technik ist noch immer stark wetterabhängig und noch immer bleibt die Regie hartnäckig auf dem Männerrennen, während sich beim Frauenrennen dramatische Entscheidungen abspielen. Oder auch umgekehrt. Und selbst im Zeitalter hausgroßer LCD-Fernseher wird in der Regel kein Splitscreen angeboten, um beides verfolgen zu können. Die BBC zeigt, was möglich ist – in der digitalen Übertragung des London Marathon lässt sich zwischen Männer- und Frauenrennen und weiterem Material hin- und herschalten. Seit Jahren. Natürlich, um dieses Argument gleich aufzugreifen, kostet Technik Geld. Aber ich wäre liebend gern bereit, dafür Geld auszugeben, wenn ich nur dürfte. Ich würde kostenpflichtige Online-Kanäle und Bezahlsender wählen, wenn ich nur die Möglichkeit hätte. Ich würde einiges zahlen, um endlich auf Eurosport verzichten zu können.

© comlize - photocase.com

© comlize – photocase.com

Internationale Übertragungen – die Eurosport-Falle.

Für internationale Übertragungen bleibt als TV-Sender nur Eurosport. Und alle Marathon-Übertragungen werden von Dirk Thiele moderiert. Wenn es ein Argument für die Rente mit 63 gäbe, dann wäre es dieser Moderator. Seit acht Jahren könnte er dann bereits im Ruhestand weilen und welch ein Segen wäre das. So aber wird man weiter und immer weiter gequält. Thiele verwechselt Läufer und verunstaltet ihre Namen, er verdreht Fakten und verbläst falsche Zahlen, er sagt Sätze wie: „Edna und Florence Kiplagat haben zwar den gleichen Namen, aber jede hat ihre ganz eigenen Interessen“. Über den Sieg von Anna Hahner, den ersten Sieg der deutschen Nachwuchsläuferin beim heutigen Wien Marathon in 2:29 sagt er nur: „Daran sieht man, dass das Feld nicht hochklassig gewesen sein kann.“ Aber das Schlimmste ist: Er ist hämisch und respektlos, und das scheinbar Wichtigste für ihn sind das Antrittsgeld, das Preisgeld, die Prämien für Rekorde. Er wird nicht müde, darüber zu berichten, welcher Läufer sich gerade „die Taschen vollgestopft“ habe, immer und immer wieder. Über das Ausscheiden von Haile Gebrselassie als Pacemaker beim London Marathon sagt er: „Da hat er sich gedacht, mein Antrittsgeld habe ich ja, da kann ich auch rausgehen.“ Das ist ungehörig, respektlos und dumm. Es ist hinlänglich bekannt, dass afrikanische Läufer durch wirtschaftlichen Wohlstand motiviert werden. Aber muss man während einer Marathonübertragung immer wieder darauf hinweisen, wer „jetzt in Kenia ein reicher Mann“ ist? Rassismus sitzt tief. Wann hören wir, wie viele Saunahütten sich finnische Skispringer von ihren Prämien geleistet haben? Wann hätte ein Fußballkommentator darüber gesprochen, dass ein Foul angesichts des Verdienstes wohl nicht so hart angehen könne? Zwischen 50.000 und 100.000 Euro ist bei großen Marathons etwa für einen Sieg drin. In einer Branche, in der man selten länger als fünf Jahre erfolgreich sein kann. Ein Wimbledon-Sieger konnte im vergangenen Jahr mit 1,88 Millionen rechnen. Wann kommt der Bus mit den Leuten, die sich brennend dafür interessieren, wie viel Wilson Kipsang für seinen Sieg bekommt? Dirk Thiele wartet stündlich darauf. Nach vielen Jahren, in denen ich Marathonveranstaltungen auf Eurosport verfolgt habe, bin ich es leid. Alle zehn Minuten eine Werbeunterbrechung mit Werbung, die IMMER irrelevant für mich ist, weil vollkommen auf männliche Sportzuschauer zugeschnitten. Reifen, Formel 1, Autos, Rasierer. Das im Jahr 2014, im digitalen Zeitalter, in dem man ja angeblich nichts mehr sehen muss, was man nicht will. Und wieder: Ich würde zahlen, um es nicht sehen zu müssen.

Die Zukunft der Übertragung: online und digital.

In den letzten Jahren bin ich immer wieder auf Livestreams ausgewichen. Universalsports, NBC, Flotrack, alles mögliche. Doch was früher kostenlos war, muss jetzt bezahlt werden, man muss immer neue Plug-ins installieren, Accounts eröffnen, Player downloaden. „Not in your country“ macht es nicht eben einfacher. Mit detektivischem Spürsinn gilt es, immer wieder neue Quellen zu finden. In einer globalisierten Welt kommt es mir ungeheuer rückständig vor, dass es nicht einfach möglich ist, bei einem TV-Sender auf die Webseite zu gehen, eine Gebühr via Paypal zu bezahlen und los geht der Livestream. Ist das hier eine gute Idee? http://cs.satellitedirect.com Ich weiß es nicht. Es ist mühsam.

Ich kann nur hoffen, dass ich das alles noch erleben werde. Dass man das zu sehen bekommt, was man möchte, auch wenn es nicht dem Interesse des durchschnittlichen RTL-Zuschauers entspricht. Dass ich dafür 1:1 zahlen kann und der Preis dafür nicht bedeutet, dass ich während einer Marathonübertragung mit 72 identischen Trailern eines Sponsors gequält werde. Oder dass ich gar etwa Nike-TV wählen muss, das dann mit der Kamera immer nur auf den Nike-Sportlern bleibt. Ich hoffe aber auch, dass ich erlebe zu sehen, was technisch möglich ist. Läufer, die von Drohnen begleitet werden statt von Motorrädern, Kameras, die ich anwählen kann, wechseln zwischen Männern und Frauen, Anwählen von Informationen über die einzelnen Läufer, Zwischenzeiten, Durchschnittsgeschwindigkeiten. Und wenn ich einen Moderator hören wollte, dann könnte ich das auch. Und vor allem wäre das dann nicht mehr Dirk Thiele. Wie herrlich wäre das.

14Antworten um “TV-Marathon – Quälerei auf dem Sofa.”

  1. Perryrhodan Says:

    Ich habe diesen Artikel förmlich verschlungen.. Super geschrieben.. Tolle Mischung aus Fakten, Ironie und eigener Meinung.. Dafür würde ich bei Gesichtsbuch ein klares gefällt mir geben 😉

    bis zum nächsten tollen Artikel

    Läuferische grüße
    Perryrhodan

  2. heimar schroeter Says:

    frauschmitt, du sprichst/schreibst mir aus den herzen. danke dafür.
    hoffentlich lesen deinen blog auch ein paar fernsehmacher.

  3. Hendrik Says:

    Bei den Eurosport-Übertragungen geht’s mir genau so wie dir – da muss man stellenweise echt den Ton abschalten, um nicht aggressiv zu werden. Von Sesselsportler Thiele ist man ja Inkompetenz und Arroganz gewohnt, aber der Spruch zu Anna Hahner heute war mal wieder ein neuer Tiefpunkt.

  4. Holger Belz Says:

    Du hast ja mit allem was zu schreibst leider so recht!
    …habe mir zwar den Stream vom ORF zum Wien-Marathon angeschaut, aber die gleichen Gedanken gehabt: viele technischen Möglichkeiten bleiben (auch beim ORF) ungenutzt – es fällt bei der Auswahl der gezeigten Sequenzen auf, dass die Regisseure einfach kein Verständnis für diesen Sport haben… aber das brauchen sie doch auch nicht: mit vergleichsweise wenig Aufwand können so drei Stunden zu unbeliebter Sendezeit (So Vormittag) gefüllt werden; günstiger ist nur noch der Fernsehgottesdienst…
    …und dem Realsatiriker Dirk Thiele bin ich letztlich sehr dankbar, war er doch der Grund, warum es mich nach Wien verschlagen hat. Und so wurde ich Zeuge dieses unglaublichen Finales mit einer grandiosen Anna Hahner! Danke Dirk!

  5. Running Anja Says:

    Vielen Dank für den tollen Bericht.
    Auch mir hat der Kommentar von Dirk Thiele zu Anna Hahners Sieg die Zornesröte ins Gesicht getrieben.

  6. Eddy Says:

    Ich bekenne, dass ich bislang nie Eurosport geschaut habe. Und wenn ich das hier so lese, dann hab ich ja auch nicht wirklich etwas verpasst…

    Bleibt zu hoffen, dass dieser Herr Thiele nun wirklich sehr bald in den Ruhestand verabschiedet wird – vielleicht nicht zuletzt durch diesen tollen Beitrag hier. Auf jeden Fall wünsch ich mir, dass er „weg“ ist, bevor ich zufällig beim zappen doch mal bei Eurosport hängen bleibe.

  7. York Says:

    na zum Glück ging es nicht nur mir so. Anstatt einen deutschen Sieg bei einem internationalen Marathon (Hahner in Wien) zu feiern, kommt dieser Spruch-geht gar nicht!
    Allerdings bist Du überhaupt nicht auf die Co-Kommentatorin Claudia Dreher eingegangen, die (nicht nur in dieser Sache) so einiges wieder in ein richtiges Licht gerückt hat und mit ihrem Erfahrungen und Fachwissen eine ganz andere Qualität als Dirk Thiele hat.

  8. ratzebine Says:

    danke frauSchmitt, und ich dachte schon ich bin blo[e|n]d weil ich den immer wieder so unerträglich finde … deswegen hab ich mir gartenbuddelei gegönnt und nur das ende ab kurz vor dem frauenfinish beim frühstücken ertragen

    auch wenn sonst marathonübertragungen meist mit den füßen scharren und einen unmittelbar danach raus in den wald rennen lassen … auf eurosport ist es mehr ab- denn anturnend 🙁

  9. MagicMike2311 Says:

    Es wird Zeit für ein Dirk Thiele Bashing. So ein respektloses und ahnungsfreies A…loch. Ich jedenfalls werde Eurosport anschreiben. Vielleicht mögen es mir ja noch ein paar Leute nachtun.

  10. Uwilo Says:

    Großartiger Artikel! Meine Frau und ich haben Sonntag morgen die Fäuste geballt, als T. wieder unseren schönen Laufsport mit seinem Gefasel in den Dreck gezogen hat. Der Mann muß weg vom Schirm, es reicht jetzt!
    Anna Hahners grandiose Leistung dermaßen abzutun, ist komplett ahnungs- und respektlos. Außerdem ist sie keine 2’29, sondern 2’28’59 gelaufen, ein Unterschied! Kann aber nur der wissen, dem das wirklich wichtig ist.
    Offenbar hat Thiele beim DDR-Fernsehen trotz aller Privilegien nicht genug bekommen und muß auch mit 72 noch die Rente aufbessern, da wird man schon mal verbittert 😉 Alles auf Prämien zu reduzieren, ist einfach nur armselig, neid- und mißgünstig.
    Er beleidigt seine eigene Regie, diskreditiert seine Co-Kommentatorin Claudia Dreher und hat null Plan. Gestern verwechselt er noch im Ziel den besten britischen Läufer mit einem Sehbehinderten.
    25 Jahre nach der Wende gehört auch dieses DDR-Fossil ins Museum. Aber bitte nicht mehr als Ton zu den geilsten Marathons der Welt. Im übrigen war er früher als Sportkomnentator anders, ich hab ihn jedenfalls oft auf DDR1 gesehen und habe ihn in besserer Erinnerung. Früher..

  11. Frauschmitt Says:

    Hallo York,
    naturgemäß ist Claudia Dreher viel qualifizierter als Thiele und sie bemüht sich oft, Dinge wieder gerade zu rücken. Aber ich finde nicht, dass sie eine gute Moderatorin ist, spannende Geschichten erzählt, Lebendigkeit reinbringt. Davon abgesehen, dass er sie mit seiner Qualligkeit dauernd überfährt. Ich weiß, manche mögen Steffny nicht so sehr. Aber er ist mein Gradmesser als Co-Kommentator. Ich mochte dieses „Ich hab ihn vorhin gesprochen, da saß er gerade beim Maisbrei und da hab ich ihn gefragt …“ Oder „Ich bin vor drei Jahren in Kenia mit ihm gelaufen …“ Da kamen immer Geschichten aus dem Nähkästchen. Er hatte einen großartigen Überblick über diese ganzen Kenianer und die gelaufenen Zeiten und faselte nie.

  12. Uwilo Says:

    Steffny ist der Beste, fachlich über jeden Zweifel erhaben und mit super Insiderwissen.
    Und er ist zu seiner Zeit schneller gelaufen, als alle deutschen Spitzenläufer heute!
    Dreher ist in der Tat eine ganz schwache Besetzung, rhetorisch dürftig.
    Und Baumann ist nun mal kein MARATHON-Experte, das merkt man auch.
    Und Thiele? Ist der jemals selber gelaufen?

  13. Alex Says:

    Ich kann Deine Sichtweise aus Läufersicht bestätigten. Da ich meine langen Läufe immer am Sonntag morgen absolviere, zeichne ich die Läufe -sofern im TV übertagen- auf. Dies hat den Vorteil, dass man die Werbung überspringen kann.

    Ich glaube wir als Läufer sollten uns da nichts vormachen. Der Laufsport ist nun mal ein Sport, der wenig Zuschauerinteresse findet. Zuschauer an der Strecke sind meist nur Angehörige oder Leute, die bei schönem Wetter sowieso in der Stadt sind. Am Fernsehen schauen sich nur Läufer die Übertragungen an. Das ist halt so. Für einen Nicht-Läufer ist das halt langweilig. Genaus so wir für mich Springreiten oder Billiard. Von daher steht Aufwand (professionelle und teure Übertragung) derzeit in keinem Verhältnis zum Nutzen (wenige Zuschauer, alle Marathonläufer eingerechnet).

  14. Thomas Says:

    Vielen Dank für den tollen Bericht.

    Kann auch nicht verstehen das stundenlang Snooker oder Dart (nichts gegen die „Sportarten“) übertragen wird ohne auf internationale Marathontermine ein zu gehen.
    Über Eurosport lässt sich nun wirklich nicht mehr sagen – schlimmer geht nimmer.
    Sogar meine Frau als Nachläufern wird bei diesen unqualifizierten Kommentaren aggresiv


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