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Ein Apfel in Not.

Sa, Nov 3, 2012

Schnipsel

Ein Apfel in Not.

Der New York City Marathon ist abgesagt. Endlich. Ich habe nicht mehr daran geglaubt. Noch vor ein paar Tagen, gleich nachdem Sandy durch die Stadt gefegt war, dachte ich: „Die New Yorker werden das schon schaffen. Sie haben es immer geschafft.“ Da wusste ich aber noch wenig über die Ausmaße der Katastrophe und mein Eindruck ist, dass man hier in Deutschland insgesamt wenig weiß und gesehen hat. Es gab den obligatorischen Brennpunkt der ARD und danach eher kurze Nachrichten. 40 Tote. 20 davon allein in Staten Island, dem Startpunkt des Marathons. Aber wir sind durch die Nachrichten ja viel gewohnt. Es hieß, die Laufstrecke in New York ist nicht betroffen und Läufer haben aufgeatmet. Im Wesentlichen bewegte die angemeldeten Läufer aus dem Ausland die Frage, wie man nach New York kommen soll, denn durch Sandy sind unzählige Flüge ausgefallen.

Aber heute gibt es ja nicht mehr nur die Tagesschau und die Zeitung, es gibt das Internet. Ich verfolge viele amerikanische (Läufer-)Seiten und konnte daher sehen, wie die Nachrichten immer mehr und immer verheerender wurden. Man sah, wie groß die Not ist. Noch heute, am 3. November sind 1 Million New Yorker ohne Strom, ursprünglich waren es 10 Millionen.

Eine Kältewelle rollt an und Heizöl ist knapp. 64.000 Experten wurden zusammengetrommelt, um das Stromnetz wieder herzustellen. Autos durften in Manhattan tagelang nur dann fahren, wenn sie mindestens drei Menschen transportierten. Der Öffentliche Nahverkehr war zusammengebrochen. Pendler kamen nicht zur Arbeit. Noch vier Tage nach dem Sturm warteten in Brooklyn 1.000 Leute auf einen Bus.

12 Feldküchen versorgen Stromopfer mit Nahrung und Wasser. Menschen, die ihre Wohnung und ihre Habe verloren haben, kamen in Notunterkünften und Hotels unter. Hotels, die dann für die Läufer gebraucht wurden.

Am Mittwoch gab New Yorks Bürgermeister Michael Bloomberg bekannt: Der Marathon findet statt. Rennleiterin Mary Wittenberg verglich den Lauf mit dem Marathon 2001 nach 9/11. Ein Symbol und ein Lauf, der Spenden sammelt, das sollte der Marathon 2012 werden. Ein „Race to recover“. Doch eine Naturkatastrophe ist kein Terroranschlag. Man muss niemandem etwas beweisen. Aber man muss etwas tun.

Nach der Entscheidung brach eine gigantische Protestwelle los. Die New Yorker werden „Jetzt erst recht“ sagen, wie sie das immer getan haben, mochte Bloomberg  gedacht haben. Sie dachten aber „Fuck you“. In Windeseile wurde eine Online-Petition gestartet, die Facebook-Seite des NYC Marathon wurde von kritischen Kommentaren überflutet. Eine Facebook-Initiative sammelte die Gegner des diesjährigen Marathons und viele Argumente. Ich habe viel dort gelesen und gewann den Eindruck, dass die Entscheidung falsch und unverantwortlich war. Einer der beeindruckendsten Kommentare kam von einem der Einsatzhelfer im Rettungsdienst.

In den Medien formierte sich ebenfalls die Front gegen Bloombergs Entscheidung. Scharfe Artikel erschienen zum Beispiel bei Forbes und NYPost. Und auch Läufer äußerten eine klare Meinung. Doch Bloomberg blieb unbeeindruckt. Noch am Freitag versuchte er in einer Presseerklärung deutlich zu machen, das eine habe nichts mit dem anderen zu tun und wirkte dabei wenig überzeugend. Der New York Marathon gilt als eine der größten logistischen Herausforderungen der Welt, fünf Stadtteile müssen abgesperrt, gesichert und hinterher auch wieder aufgeräumt und gesäubert werden. 12.000 Helfer sind im Einsatz. Und das soll keinen Einfluss haben auf die dringend benötigte Hilfe in zerstörten Straßen? Überschätzung der eigenen Möglichkeiten ist kein guter Ratgeber. Wie erklärt man den Aufbau von Stromaggregaten an der Strecke und für die Messe, während Bürger der Stadt im Dunkeln sitzen? Wie will man erklären, dass Helfer und Betroffene Hotels verlassen müssen, weil Läufer erwartet werden, wie vielfach berichtet?

Und dann gestern, 48 Stunden vor dem Marathon, die erlösende Absage.

Läufer sind erbost über den späten Zeitpunkt, Eliteläufer entsetzt. Zu Recht. Erbost kann man auch sein über die Erklärung. Man gewinnt den Eindruck, der Marathon müsse abgesagt werden, weil, wie immer im Internetzeitalter, ein paar Spinner aus dem Ruder laufen (tatsächlich wurden Läufer übel beschimpft) und die Sicherheit des Laufs gefährden. Ehrlich wäre dagegen gewesen zu sagen:

„Wir hatten eine sehr schwierige Entscheidung zu treffen, bei der es kein Schwarz und kein Weiß gibt. Wir haben das Für und Wider in langen Diskussionen abgewogen und versucht, eine schnelle Entscheidung zu treffen. Fachleute haben uns überzeugt, dass diese Entscheidung, die wir nach bestem Wissen und Gewissen in dem Bemühen um das Wohl aller, getroffen haben, falsch war. Es ist sehr schmerzhaft für uns, für die Stadt und für alle Läufer, dass dieser Lauf nicht stattfinden kann. Doch es wäre ungleich schmerzhafter, eine falsche Entscheidung zu verantworten. All unsere Kraft muss jetzt in die Wiederherstellung einer Normalität in allen New Yorker Stadtteilen fließen und in die Versorgung New Yorker Bürger. Der New York City Marathon ist für uns das Größte und doch gibt es Dinge, die größer und wichtiger sind. Wir bitten alle Läufer und Beteiligte um Entschuldigung und bitten euch auch darum, diesen schwierigen Weg mit uns gemeinsam zu gehen. Wir werden alles tun, um Unannehmlichkeiten abzufedern und Ausweichmöglichkeiten anzubieten.“

So bleibt ein schaler Geschmack zurück. Für die Renn-Chefin Mary Wittenberg waren die letzten Tage sicher eine harte Zeit und ich würde ihr nie unterstellen, dass sie sich leichtfertig oder gar taktisch verhalten hat. Es ist zweifellos eine sehr schwierige Entscheidung und ich möchte nicht in ihrer Haut stecken. Natürlich müssen auch wirtschaftliche Erwägungen gemacht werden, es wäre verrückt, das zu verurteilen. Manche Läuferkommentare lassen vermuten, Läufer halten sich für den Nabel der Welt und alles, was geschieht, geschieht nur, um sie zu ärgern oder abzuzocken. So einfach sind die Dinge nicht. Es gibt juristische Erwägungen und mit Schadenersatzforderungen, die Existenzen ruinieren, ist gewiss niemandem gedient. Wäre ich beim New York Marathon gemeldet gewesen, mein Frust wäre riesengroß, vielleicht auch mein Ärger über den Zeitpunkt der Absage. Aber ich würde das Geschehene bestimmt nicht auf mich persönlich beziehen.

Es ist gut so, wie es jetzt ist. Kein New York Marathon in der Geschichte des Laufs wird die Gemüter noch so lange und intensiv beschäftigen, wie der, der gar nicht statt fand.

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20Antworten um “Ein Apfel in Not.”

  1. heimar schroeter Says:

    und was ist, wenn bloomberg sein spätes ’nein‘ sauber kalkuliert hat?
    so hat er zigtausend leute in der stadt, die nicht anderes machen können als shoppen.
    und in restaurants gehen. die die auf haben, sind dazu überteuert. museen, galerien und zoo sind zu. viele ubahnen gehen noch nicht. also einkaufen. und jeder will ein souvenir. so sind die polizisten, die feuerwehrleute und die ambulanzen da wo man sie wirklich dringend braucht und die stadt hat zusätzliche einnahmen.
    hätte er früher abgesagt, wären ja viele z.hs. geblieben.

  2. sarahemily Says:

    Ich finde es schade, dass man immer nur das Negative sieht. Die Veranstalter haben vielleicht bis zuletzt gehofft, dass man das hinbekommt. Und dann irgendwann festgestellt, dass es nicht zu stemmen ist. Anstatt sich selbst zu bemitleiden, sollte man an die Menschen denken, die es wirklich hart getroffen hat. Die Freunde und Familie verloren haben. Einen Marathon kann man immer wieder laufen…

  3. admin Says:

    Heimar, ich weiß, einige glauben, dass es so war. Ich glaube das nicht. Auf der Pressekonferenz vom Donnerstag (CBS-Link im Artikel) sehe ich keinen raffinierten Taktiker sondern einen heillos überforderten Mann. Das ist mein Eindruck. Erst bestätigen und dann absagen zeugt von einem so schlechten Krisenmanagement, dass ich denke, dass sich kein Politiker so etwas freiwillig antut. Ich denke, er hat persönlich Schaden genommen und die Veranstalter auch. Wir wissen natürlich nicht welcher Druck durch Sponsoren, TV-Anstalten etc. entstanden ist. Und ob ernsthafte juristische Folgen drohen. Ich halte es für möglich, dass erst die Wasserdichtigkeit der Entscheidung juristisch geprüft werden musste und es deshalb so lange gedauert hat. Aber wegen dem Shoppen der Touristen – nein, das glaube ich nicht.

  4. admin Says:

    Du hast völlig Recht, aber der Zeitpunkt der Entscheidung ist wirklich kritikwürdig.

  5. -timekiller- Says:

    Es ist die einzig richtige Entscheidung den Marathon abzusagen. Auch wenn es etwas spät kam. Schön, dass mal wirtschaftliche Interessen hinten angestellt werden. Für diejenigen, die schon angereist sind ist das natürlich ärgerlich, aber das ist auch alles. Ich denke wer sich die Teilnahme beim New York Marathon mit allem PiPaPo leisten kann, der wird den Ausfall wirtschaftlich verkraften können. Es trifft ja hier nicht die Ärmsten.

    Einen Marathon in einem Krisengebiet zu laufen, wo Menschen Angehörige und Ihr zuhause verloren haben, hätte doch einen sehr schalen Eindruck hinterlassen.
    Da ist kein Platz für Egoismus.

    Ich denke keiner hätte so einen Marathon wirklich genießen können.

    viele Grüße
    Heimo

  6. Thomas Heim Says:

    Ich finde das absolut für richtig, dass der Lauf abgesagt wurde. Nur hätte das meiner Ansicht nach früher erfolgen könne, da es bei realistischer Betrachtung absehbar war, dass so schnell nicht alles wieder auf „normal“ gebracht weren kann. Wenn ich nach einer solchen Naturkatastrophe so und so viele Vermisste habe zeigt schon die Erfahrung aus der Vergangenheit, dass davon so und soviel nicht mehr lebend auftauchen. Da kann man nicht mal so „for fun“ einen Marathon veranstalten. Dass das natürlich tragisch für die vielen, vor allem aus Europa und von sonst wo her angereisten Athleten und auch Spitzenläufer ist, ist auch verständlich. Aber Not und Menschenleben gehen vor Fun. Schönes Wochenende.

  7. Nancy Says:

    Thank you so very, very much for caring enough to share what I and my fellow tri-state residents have been going through. I am an American who lived with my German husband in Wurzburg for 32 years. I am a runner who ran 4 marathons- the first of which was in my hometown- NYC. We just moved to New Jersey and our daughters live in our former NYC apartment. All of our lives have been terribly impacted by Sandy. Our area as too many area have been without power since Monday night and its now Saturday morning- a very cold Saturday morning. My brother is one of the thousands of experts called in to restore NYC’s infrastructure. He is staying with us because there was little chance of his getting a hotel room this weekend. Sports have defined and enriched our lives but we were aghast by Bloomberg’s decision to host the Marathon. For everything there is a time and while so many are still without the basics of creature comforts and so many have lost so much- it is not the time to host a marathon. I really appreciate your giving my friends and fellow friends back in Germany information. I hope it will sooth their disappointment knowing things here are worse then they can possibly imagine.

  8. Manu Says:

    Wir sind in New York und waren von der Absage sehr überrascht. Hätte die Absage vor einigen Tagen verstanden … Soviele Ressourcen wurden in die Messe, den Aufbau etc. bereits investiert und diese Ressourcen wären woanders sehr hilfreich gewesen.

    Ich finde es auch nicht gut, dass momentan nur auf die USA geschaut wird. Was ist mit den Zerstörungen in der Karibik? Und in Kuba soll in zwei Wochen auch ein Marathon stattfinden …

  9. Reinhard Huber Says:

    Ich gehöre zu jenen, die einmal (2009) den NYC-Marathon erleben durften.
    Ich gehöre auch zu jenen, die über das Ausmaß der Katastrophe zu wenig informiert waren, oder sich vielleicht nur oberflächlich informierten.
    Ich gehöre auch zu jenen, die meinten, eine Absage wäre nicht sinnvoll!
    Deine Zeilen haben mich eines Besseren belehrt! Vielen Dank dafür!

  10. Running Zuschi Says:

    Mit großem Interesse habe ich deinen Blogeintrag gelesen. Auch ich habe dieser Tage die Ereignisse rund um den NYC Marathon beobachtet… in einigen Punkte stimme ich dir zu, in manchen habe ich einen etwas anderen Zugang. http://runningzuschi.com/2012/11/03/new-york-city-marathon-2012-abgesagt/

    In der ganzen Diskussion wird mir persönlich:
    a.) zu viel schwarz/weiß gemalt
    und b.) Äpfel mit Birnen gemischt. Ok, es ist eine wirklich schlimme Naturkatastrophe über NY hinweggezogen. Und diese Menschen brauchen Hilfe. Doch wie ich in einem meiner beiden Blogs geschrieben habe, wird in manchen Dingen sehr kurz gedacht… Ich glaube, dass der Marathon der Stadt gut getan hätte. Wobei ich durchaus meine, dass es ein sehr abgespeckter… vielleicht sogar – back to the roots – marathon gewesen wäre. Auch nicht schlecht… oder?

    jetzt ist er abgesagt, die (Marathon)Welt und NYC wird weiter leben und vielleicht haben Entscheider wie Läufer etwas für sich mitgenommen… das wäre wohl das Wichtigste.

  11. Din Says:

    Ich weiß nicht, wie ich darüber denken würde, wenn ich nun in N.Y. auf den Lauf warten würde, aber sicher ist es für Läufer „nur“ ein Ärgernis. Selbst wenn man lange auf so eine Reise gespart hat, man hat sein Zuhause. Man weiß, wohin man zurückkehren wird.

    Ich kann mit aber kaum vorstellen, was es heißt, in der Situation zu sein, in der viele Menschen dort jetzt ausharren müssen. Ich finde die Entscheidung mehr als richtig, auch wenn sie für meinen Geschmack zu spät getroffen wurde. Man hat scheinbar bis zur letzten Sekunde gehofft, man kann einfach und umgehend zurückkehren zum Alltag. Wie Manu meint, die Ressourcen, die so verschwendet wurden, hätte man woanders besser einsetzen können.

  12. kanko Says:

    Das dieser Marathon abgesagt gehört, steht inzwischen sicherlich ausser Frage. Dies hätte aber gleich am Dienstagmorgen geschehen müssen! Derweil sind nahezu alle Läufer angereist, zum Teil unter größten Anstrengungen, auch finanzieller Natur. Die sind doch erst auf den Trichter gekommen, als es hieß: es kann gelaufen werden! Man hat aus der Ferne nun mal keinen Einblick, wie es denn nun tatsächlich aussieht. Wie kann man denn von jemanden, der mal eben so ca. 2000 Euro in den Wind geblasen hat, verlangen, sich so ohne weiteres mal lieber den ortansässigen Opfern des Hurrikans zu widmen und nicht so egoistisch zu sein? Für viele ist das ’ne Menge Geld, da ist es irgendwie anmaßend zu sagen: „Der hat aber sein Haus verloren, der ist viel schlechter dran.“ Ja stimmt, aber „viel schlechter“ beinhaltet, dass es dem, der nicht sooo mies dran ist, auch nicht gut geht! Das ist deutlich mehr als ein „Ärgernis“, was ggf. zuträfe, wenn es nur um das Laufen, nicht aber um den finanziellen Verlust ginge. Aber das darf man ja nicht sagen, da wird man gleich als gefühlloser Unmensch beschimpft. Ich kenne ein paar der betroffenen Läufer, keiner ist auch nur annähernd ein Unmensch, alle fühlen ganz ganz arg mit den New Yorkern. Sie meinen halt nur, dass es für alle Seiten besser gewesen wäre, vor 4 Tagen die Reißleine zu ziehen, und das meine ich auch!

  13. Henrik Says:

    Die Stadt mit ihrem obersten Vertreter Herrn Bloomberg und der Veranstalter haben sich maßlos über- und die Folgen dieses Sturms unterschätzt. Anstatt das einzugestehen und zu sagen, hey, sorry, wir haben einen Riesenfehler gemacht, versteckt man sich hinter „Ressourcenproblemen“. Die ersten Meldungen nach dem Tenor „New York hat es weniger schlimm als erwartet getroffen“ haben für viele Läufer das Bild der Lage verzerrt und offensichtlich auch das der Verantwortlichen. Insofern besser spät als nie, diese Absage. Danke für den einleuchtenden und fundierten Artikel, Heidi.

  14. Wolfgang Kiefer Says:

    Hallo.

    Die Absage war die einzig richtige Entschdeiung wie aber schonmehrfach beschrieben war der Zeitpunkt der Absage nicht nachvollziehbar.

    Noch schlimmer finde ich, dass die Teilnehmer zwar ein garantiertes Startrecht für den nächsten New York Marathon bekommen, das Startgeld in Höhe von 255,-€ dann aber wieder fällig wird.

    Das ist ein Schalag ins Gesicht für die Teilnehmer und in meinen Augen Abzockerei.

  15. Carlo66 Says:

    Ich finde es ein ganz schwieriges Thema, das mich und alle die mit dem Laufen um mich herum zu tun haben, das ganze Wochenende beschäftigt. Fakt ist, es war nicht möglich, eine Entscheidung zu treffen, die allen Beteiligten/Betroffenen gerecht geworden wäre. Vielleicht hätte man zumindest die Einnahmen inkl. Siegprämien als Spenden zur Verfügung stellen können.
    Wir müssen uns ganz einfach mit dem Gedanken vertraut machen, dass wenn ich mich auf so eine Reise einlasse, wir uns heutzutage ganz einfach auch mit dem Risiko beschäftigen müssen, dass uns keiner garantieren kann, dass die Veranstaltung, der Flug usw. auch tatsächlich statt findet. Das Wetter mit seinen Extremen wird uns in den nächsten Jahren immer wieder mal ein Schnippchen schlagen. Im übrigen hätte es den Läufern nichts genützt, wenn sie schon am Dienstag od. Mittwoch von der Absage erfahren hätten. Für die Läufer, die den Marathon über einen Sportreiseveranstalter o.ä. gebucht haben, die stellen sich hin und sagen, zumindest der Flug findet statt, dieses Geld ist also schon mal futsch.
    Ich bin mir auch ziemlich sicher, das so einige Läufer erst beim Marathon, wenn er denn statt gefunden hätte, zu sich gekommen wären und sich gefragt hätte, ob das so die richtige Entscheidung war, in dieser Situation zu laufen.
    Und sind wir doch mal ehrlich, das komische an uns Läufern ist ja, das der N.Y.-Marathon nächstes Jahr dadurch noch einen viel größeren Run erleben wird.

  16. Katrin May Says:

    Toller Artikel, trifft es auf den Punkt! Ich komme gerade von dort (allerdings ohne geplante NYCM-Teilnahme), heilfroh vorgestern planmäßig zurückgeflogen zu sein, bin immer noch entsetzt über das, was ich in New Jersey und New York (ja, nicht nur Manhattan!) gesehen habe und bin noch entsetzter und verständnisloser (bis auf die Enttäuschung über den späten Zeitpunkt der Absage) wie ignorant hinsichtlich der dortigen Lage sich manche Läufer aufführen. Für die Menschen vor Ort, die seit Tagen ohne Strom klarkommen müssen, denen Benzin und Lebensmittel knapp werden, die teilweise sehr viel durch den Sturm verloren haben, wäre ein Marathon heute ein Schlag ins Gesicht gewesen. Manchmal gibt es im Leben wichtigere Dinge als Laufen und Marathon -das scheint einigen Läufern leider nicht bewusst zu sein.

  17. MagicMike2311 Says:

    1. Ich denke, die Absage ist mehr als richtig und kam viel zu spät. Wertvolle Ressourcen wurden aus Profitgier für den falschen Zweck geopfert.
    2. Ich bin der felsenfesten Überzeugung, dass Mike Bloomberg ausschließlich aus wirtschaftlichen Überlegungen die Absage so lange wie möglich heraus gezögert hat. Vor seiner Wahl zum Bürgermeister hat er mit knallharten Hand einen der größten Wirtschaftsinformationsdienste der Welt geleitet, der auch seinen Namen trägt. Ich glaube, er wusste ganz genau was er tut und ich kann nur hoffen, dass ihn diese Schweinerei sein Amt kostet.

  18. admin Says:

    @Mike Da kannst Du Dich mit Heimar zusammentun (siehe erster Kommentar). 😉 Ich weiß nicht mehr, was ich glauben soll. Vielleicht habt ihr ja Recht. Deprimierend ist das. Sein Amt wird es ihn gewiss nicht kosten, den Schaden haben ja die, die es nicht zu beeinflussen haben. Und wer hört schon die Sandy-Opfer.

    Das einzig Gute ist, dass 20.000 Läufer in New York am Marathontag bei ihrem Flashmob-artigen Treffen einen schönen Lauf hatten. Viele sagen, sie hatten sehr viel Spaß dabei und sie haben die Atmosphäre sehr genossen. Eine Menge Läufer haben in Staten Island als Freiwillige geholfen und haben in der ganzen Welt ein tolles Bild abgegeben – sie haben das Vorurteil der selbstsüchtigen Läuferschar auf einem Ego-Trip mehr als widerlegt. Sie wurden gebraucht und waren zur rechten Zeit am rechten Ort. Ich bin stolz auf die Läufer, die vor Ort das Beste aus der Situation gemacht haben und jetzt trotz allem, trotz der Enttäuschung und dem finanziellen Verlust mit einem guten Gefühl nach Hause fahren und fliegen.

  19. TomWingo Says:

    Wirklich ein recht guter Artikel. Danke dafür. Es ist schön, dass hier nicht nur schwarz-weiß gemalt, sondern auch ein paar Grautöne verwendet werden.

    Dennoch kann ich Deinem Credo nicht ganz zustimmen. Zwar ist es richtig, dass NY andere Sorgen gehabt hätte wie einen Marathon, wohl auch andere wie die Shows auf dem Broadway, die schon lange wieder gezeigt werden und wie die Wahl am heutigen Tag, für die immens viel zusätzliches Personal für die Wahlbusse zur Verfügung gestellt werden konnte, aber die Absage des Marathons hilft niemandem wirklich.

    Es hätte auch eine Lösung sein können, eine „abgespeckte“ Version zu veranstalten, immerhin ist normalerweise fast die gesamte Strecke eine einhige Versorgungsstelle. Acht Stück alle fünf Kilometer hätten gereicht und die Zahl der Helfer deutlich gesenkt.

    Ich frage mich eher, warum so eine Entscheidung fällt. Will man da davon ablenken, dass die Ursachen der Krise hausgemacht sind? Die Existenz von Hurricanes in den USA ist wahrlich nicht neu, warum liegen die Stromleitungen immer über der Erde, auf Holz (!) Stelzen gestützt?

    Warum ist das amerikanische System so anfällig, dass wie vor ein paar Jahren ein Viertel Amerikas stromlos ist, weil einer irgendwo einen Fehler gemacht hat?

    Ob Bloomberg überfordert war? Ich denke auch, dass das stimmt. Aber nicht, weil er sich wegen des ja oder nein der Entscheidung gequält hat, sondern weil auf allen Seiten mächtige Interessensgruppen geschoben und gedrückt haben.

    Da waren die großen und kleinen Sponsoren des Laufs, die Fluggesellschaften, zweifellos auch der Einzelhandel, die Hotelindustrie der Stadt, da waren die NY Roadrunners, die Schadenersatzforderungen befürchten, die Stadt, die Schadenersatzforderungen befürchtet, es war schlichtweg Kapitalismus auf höchstem Niveau, etwa wie im Löwenkäfig, wenn ein großes Stück Fleisch hinter die Gitterstäbe geworfen wird.

    Auf jeden Fall hat mir dieses Stück „real life“ eines gezeigt: die Lobby der Läufer ist immens klein in Amerika, einzig zählt das Kapital.

    So schade die Absage für die Läufer also war, für die Außenbetrachtung Amerikas sprach sie Bände …
    Selbst eine verkürzte Strecke, vielleicht nur durch die grüne Lunge Manhattans, den Central Park, hätte Signalcharakter gehabt, ähnlich, wie es die Veranstalter des UTMB gemacht haben.

    Herzlichst …

    TOM

  20. admin Says:

    Danke euch allen mal an dieser Stelle für die lesenswerten Kommentare. Dass sie es sind, ist nicht selbstverständlich, gerade auch bei diesem Thema und ich weiß es sehr zu schätzen, wie ihr hier eure Meinung kund tut.


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