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Ein Plädoyer für die Nutzlosigkeit.

Mi, Dez 19, 2007

Nutzloses, Produkttests

Ein Plädoyer für die Nutzlosigkeit.

Über das Erbauliche an japanischen Phiten-Produkten.

Diese Geschichte beginnt mit einer Warnung: Wer sich öfter verraten und verkauft fühlt, oder belogen und betrogen, verladen und verschaukelt, getäuscht, behumpst, beschissen, verarscht und abgezockt – der sollte jetzt lieber nicht weiterlesen. Denn hier geht es um ein ganz und gar nutzloses Produkt. Nicht eines der versprochenen und beworbenen Vorteile habe ich jemals mit diesem Produkt verspürt und trotzdem habe ich seinen Kauf nie bereut.

Ich spreche von „Phiten“, den japanischen Wellnesswundern. Der Name kommt von dem griechischen Buchstaben „Phi“, der das Gleichgewicht in der Natur ausdrückt. Um Missverständnissen vorzubeugen: ich will nicht grundsätzlich ausschließen, dass die titandurchwebten Pflaster, Armbänder, Ketten oder Socken einen echten, nachweisbaren Effekt haben könnten. Es gibt viele Dinge zwischen Himmel und Erde, die ich nicht verstehe. Genau genommen verstehe ich das meiste um mich herum nicht. Ich könnte niemandem erklären, warum man in einem Polstersessel angeschnallt durch die Luft fliegen kann. Warum meine Plattensammlung in meine Hosentasche passt. Oder warum Männer sich die Haare färben. Deshalb halte ich vieles für möglich. Das Titan in Phiten-Produkten, so sagt der Hersteller, hat einen harmonisierenden Einfluss auf die bioelektrischen Prozesse des Körpers. Deshalb können sich Verspannungen lösen, bzw. sie treten gar nicht erst auf. Der Chiropraktiker Yoshihiro Hirata hat sich das einst ausgedacht und da ich weder eine Medizinerin noch sonst eine Wissenschaftlerin bin, fällt es mir leicht zu sagen: „Ja, da hatter möglicherweise Recht, der olle Hirata.“ Bewegungen sollen leichter und harmonischer auszuführen sein, ich finde das klingt super.

Phiten-1

Hätte mir das der nette Verkäufer auf der New Yorker Marathonmesse erzählt, ich hätte vermutlich noch mehr gekauft, als nur ein Hals- und ein Armband. Aber der lächelnde Asiate war nicht nur nicht des Deutschen, sondern auch nicht der englischen Sprache mächtig. Genau genommen sprach er japanisch mit einem ti-äitsch, was das Verkaufsgespräch ungemein erschwerte. Er klebte mir begeistert irgendwelche Pflaster auf die Arme und machte danach seltsame Tests mit mir. Er behängte mich inbrünstig mit Ketten und Armbändern, bis meine bioelektrischen Prozesse auf Äußerste entspannt waren. 

Unterstützt wurde die großartige Verkaufsshow durch ein verschwommenes Video, auf dem eine amerikanische Hausfrau zwei Mineralwasserflaschen anhob. Einmal unter großen Mühen und mit gerunzelter Stirn (ohne Phiten), danach befreit und beglückt strahlend (mit Phiten). Den unglaublichen Vorgang kommentierte sie selbst. 

Deutsch synchronisiert würde der Text etwa so lauten: „Ja, es ist wirklich unglaublich! Sie sollten das selbst einmal erleben, wie leicht ihre Bewegungen mit Phiten werden. Es ist einfach herrlich. Ich konnte es kaum glauben, aber sehen sie sich das an! Es geht ganz einfach. Ich bin wirklich froh darüber, dass es Phiten gibt. Es geht wirklich alles unglaublich leicht damit. Und es sieht auch noch gut aus!“ Gebannt stand ich vor dem Bildschirm. Wegen Spots dieser Art hätte ich mir beinahe einmal den „Jack LaLanne Power Juicer“ gekauft. In den dazugehörigen Spots entsaftet ein Greis im Trainingsanzug stundenlang alles, was sich nicht wehren kann. 

Während der Japaner inzwischen weitere Pflaster an mich klebte, suchte ich mir bereits Hals- und Armband in meinen Lieblingsfarben aus. Beinahe hätte ich nach der Special Edition „Takahashi“ gegriffen – mit ihr läuft die wunderbare Naoko Takahashi zur Höchstform auf. Aber für ein knallrotes Halsband war ich dann doch zu eitel. Dann doch lieber so ein unauffälliges Teil, wie das von Paula Radcliffe, die sich ebenfalls als Phiten Werbeträgerin betätigt. Auch mein Begleiter kaufte sich ein schwarzes Armband und wir lachten den ganzen Tag darüber. Wenn ich mich recht erinnere, kostete das Armband etwa 13, die Kette etwa 18 Dollar. 


[stextbox id=“info“ color=“696969″ bcolor=“f4a460″ bgcolor=“fff5ee“]Übrigens: Diesen Text gibt es auch als Podcast-Episode zum Hören. [/stextbox]

„Na, Du musst es ja dicke haben, dass Du für so einen Schrott Geld ausgibst!“ So etwas höre ich gelegentlich schon. Komischerweise nie von Alleinerzie-henden, Studenten oder Arbeitslosen, sondern immer nur von denen, die sich zur Doppelhaushälfte gerade noch eine hübsche Wohnung gekauft haben. Es ist eben eine Frage der Sichtweise. Wer 20 Euro für Esoterik-Schnickschnack ausgibt, ist selber Schuld, sagen die einen. Ich sehe das anders. Wer nur 20 Euro braucht, um zuversichtlich an den Start zu gehen, sich gleichzeitig auch noch schick und ein bisschen wie Paula Radcliffe zu fühlen, der ist fein raus.

 

Phiten-2

Phiten hat mich nicht schneller gemacht und Mineralwasserflaschen konnte ich vorher auch schon alleine heben. Aber immer wenn ich es heute trage, denke ich an Paula, an New York und daran, dass ich froh bin, eine Läuferin zu sein.

Alle Dinge haben eben immer nur den Sinn, den wir ihnen geben.

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