RSS

„Er muss ins Heim!“

Mi, Okt 16, 2013

Schnipsel

„Er muss ins Heim!“

Heute bin ich traurig aus dem Kino gegangen. Ich habe mir „Sein letztes Rennen“ angesehen. Traurig ist mir jetzt zu Mute – nicht wegen der Handlung des Films, sondern wegen der vertanen Chance. Das Thema des Films birgt viele Möglichkeiten und ist in unserer alternden Gesellschaft hochrelevant: Ein alter Mann will sich nicht in sein Schicksal fügen, in einem Altenheim „satt und sauber“ auf den Tod zu warten, statt dessen nimmt er sich ein großes Ziel vor – einmal noch den Berlin Marathon laufen. Auf seinem Weg dorthin liegen Verlust und Trauer und die tägliche Konfrontation mit dem Nachlassen der Kräfte.

„Sein letztes Rennen“ ist ausgestattet mit dem Personal, das man in einem solchen Film erwarten würde: Einer resoluten Pflegedienstleitung, einer Seelsorgerin, die sich besser um ihre eigene Seele sorgen sollte, einem Pfleger, der es gut meint, einer überforderten Tochter und natürlich jeder Menge resignierter Heiminsassen unterschiedlichster Charakterstruktur, die von ihrem renitenten Mitbewohner ordentlich aufgemischt werden. Das alles riecht nach Klischeefallen und es bedarf großen Fingerspitzengefühls, nicht unablässig hinein zu tappen. Man kann Klischees aber auch benutzen, sie geschickt brechen und mit den Erwartungen des Zuschauers spielen. Dies aber passiert in dem Film nicht. Jede Erwartung wird erfüllt, es gibt nicht ein einziges Mal eine unvorhergesehene Drehung, eine Überraschung, eine Wendung. Das allein wäre aber noch nicht mal das, was einen traurig werden lässt.

Das wirklich Fatale ist das Bild von alten Menschen, das hier entworfen wird. Es gleicht dem Klischeebild der Filme meiner Kindheit, in denen ältere Menschen oft betulich dargestellt wurden, gelegentlich auch irrlichternd oder garstig, aber immer ein wenig putzig und vor allem: wie eine andere Sorte Mensch, die mit der eigenen Existenz nichts zu tun hat. Alte erzählen von der Zeit als es „nichts gab“, von Krieg und Entbehrung. Die einen machte jene Zeit nachsichtig, die anderen böse. Das ist das oft bemühte Klischeebild von Alten. Mag es auch in der Vergangenheit oft mit der Realität übereingestimmt haben – die Zeiten ändern sich. Der Krieg ist nun beinahe 70 Jahre vorbei, alte Menschen tragen Jeans und uns Mittelalten rückt das Alter ganz anders näher.

Nicht nur für Läufer ist deshalb die Frage interessant, wie man im Alter mit dem Verlust von Leistungsfähigkeit umgeht, wie man seine Ziele neu definiert, körperliche Fitness erhält und gewinnt, was gesundheitlich verantwortlich ist und ob Laufen im Alter gar lächerlich sein könnte. Was Alter im Jahr 2013 und in Zukunft bedeutet und ob uns zusätzlich zum Verlust geliebter Menschen der Verlust von Selbstbestimmtheit droht. Kann man altern, vielleicht sogar zu dem Preis der Demenz, und trotzdem seine Würde bewahren? Was erhält uns im Alter am Leben, wenn wir Lebensmut verlieren?

Ein Film wie „Sein letztes Rennen“ kann solche Fragen in seiner Geschichte aufwerfen und sogar beantworten. Er hat das Potential dazu. Er hat es leider verschenkt. Sein Held Paul Averhoff (Dieter Hallervorden) ist ein Exot, ein ehemaliger Leistungssportler. Man gewinnt den Eindruck, dass es keine anderen älteren Menschen gibt, die laufen, schon gar keinen Marathon. Gleichzeitig bleibt der Film in allen Klischees stecken, schlimmer noch, er denunziert seine Figuren. Hallervorden muss weite Teile des Films in einem weißen Unterhemd verbringen, bei Wind und Wetter im Oktober ist es sein Laufoutfit. Gelegentlich darf er eine gelbe altmodische Sportjoppe darüber tragen. Das macht Averhoff putzig und bemitleidenswert und falls das nicht genügt, gibt es ja noch Hallervordens traurigen Hundeblick, der ebenfalls zur Grundausstattung gehört. Dabei macht der Kabarettist seine Sache wahrlich nicht schlecht, es ist mehr eine Frage der Regie. Es sind durchaus große Momente, die Hallervorden liefert, aus gutem Grund sind wesentliche davon bereits im Trailer verarbeitet. Leider besteht seine Hauptaufgabe aber darin, traurig dreinzuschauen und wacker vor sich hin zu laufen – da wäre mehr drin gewesen.

SeinLetztesRennen

Hallervorden bestreitet den Film weitaus tapferer und sparsamer als Katharina Lorenz als Seelsorgerin „Frau Müller“, die das depressive, altjüngferliche Mauerblümchen mit bemühter Komik zu geben versucht, was die Qualität des Films nicht eben hebt. Eine unglücklich dick aufgetragene Rolle ist es durch das Buch ohnehin. Überhaupt das Buch – wie schade ist es, dass es nicht mehr der großen Momente gibt, die zweifellos da sind – etwa wenn eine von Pauls Mitbewohnerinnen zu Beginn nach dessen „ungebührlichem“ Verhalten im Brustton der Überzeugung ruft: „Er muss ins Heim!“ Das Heim als Strafe, die Bewohner als gemaßregelte Kinder – großartig. Auch erlaubt sich der Film phantastische Tabubrüche, wie etwa den Ausbruch einer Heimbewohnerin, die „Bomben auf Engeland“ auf den Anrufbeantworter ihres Sohnes proklamiert, um endlich dessen Aufmerksamkeit zu bekommen. Oder das locker auf das Kreuz in der Kirche geworfene, verschwitzte Handtuch des Läufers Paul. Und: es darf reichlich geraucht werden! In einem deutschen Film! Allein das macht Freude.

Aber es reicht nicht, um die Defizite aufzuwiegen. Die fade gezeichneten Rollen, wie die unglückliche Tochter Birgit (trotz allem sehr beeindruckend von Heike Makatsch dargestellt), die sich eher wie eine Enkelin verhält, als die erwachsene Tochter von mindestens 80-Jährigen (Warum sich Flugbegleiterinnen luxuriöse Designwohnungen leisten können, bleibt überdies im Dunkeln). Oder Pauls Ehefrau Margot (Tanja Seibt), die vor allem lieb und betulich sein muss („Nicht streiten!“). Die Liebesgeschichte der beiden wird ohnehin im Zuckerguss ertränkt: Penetrante Geigenmusik, Naheinstellung auf sich ergreifende Hände, die Erinnerung an den ersten Kuss – hier wird nichts ausgelassen. Wer sehen will, wie beeindruckend und minimalistisch sich Liebe im Alter darstellen lässt, dem sei „Amour“ von Michael Haneke empfohlen. Es geht auch ohne Geigen und Hundeblick.

Es ist dies eben eine weitere fatale Krux des Films. Es wird nicht dem Stoff vertraut, nicht auf die Darsteller, nicht auf das deutsche Talent, spröde, aber starke Filme zu machen. Stattdessen hat man versucht, einen amerikanischen Heldenfilm zu kopieren. Das aber kann man in USA nun mal besser. Und man braucht dazu nicht bis zum Überdruss eingesetzte Geigen, Pauken und Trompeten und minutenlange Slowmotions, die einem ermöglichen, in aller Ruhe den Zahnstatus von Herrn Hallervorden zu ermitteln. Solche Peinlichkeiten aus dem Pleistozän des Films sollen Emotionen erzeugen, wirken aber nur wie eine schlimme Parodie. So geht am Ende der Film wirklich elend am Stock. Der ausladende Rührseligkeitsteppich macht aus „Sein letztes Rennen“ trotz einiger starker Bilder einen akzeptablen Film für einen ZDF-Abend – ein Kinofilm ist das nicht. Und wenn man schon erleichtert aufatmen möchte, kommt noch ein letztes Mal eine dicke Klischeekeule. Man erhebt sich schwer aus dem Kinosessel und ist eben – traurig.

8Antworten um “„Er muss ins Heim!“”

  1. Brennr.de Says:

    Ich habe den Film noch nicht gesehen, werde ich aber noch nachholen. Es kommt sicher ganz darauf an, mit welchem Anspruch man ins Kino geht. Möchte ich mit leichter Kost unterhalten werden oder wünsche ich mir einen Film mit Tiefgang? Letzteres erwarte ich aufgrund des Trailers eigentlich nicht. Daher kann ich Deiner Kritik nur bedingt zustimmen (auch wenn sie sehr schön geschrieben ist ;-)).

  2. admin Says:

    Ich denke, Du wirst überrascht sein, wie viel Tiefgang in dem Film versucht wird…
    Ich bin gespannt zu hören, wie Du’s fandst!

  3. Eddy Says:

    So, jetzt bin ich noch neugieriger auf den Film, als ich ohnehin schon war. Allerdings werde ich warten, bis ich ihn mir zuhause ansehen kann.

    Danke für die ausführliche Kritik!

  4. JustIna Says:

    Danke vielmal für den kommentar! werde mir den film vorsichtshalber nicht ansehen. bin eine laufbegeisterte altenpflegerin und mir machen die klischees im persönlichen umfeld schon sorgen… hoffe ich kann selber noch morgens vorm frühstück im altersheim noch eine runde drehen 😉 lieber gruss! Ina

  5. Miriam Says:

    Ich habe ihn gestern gesehen und kann deiner Kritik zum Teil zustimmen. Es wird wirklich so ziemlich jedes Klischee bedient. Aber leider stimmen viele dieser Klischees meiner Erfahrung nach auch so noch. Wenn man öfter in einem Altenheim ist, dann stellt man tatsächlich fest, dass das Unterhaltungsprogramm häufig wirklich dem des naheliegenden Kindergartens angepasst ist. Konzepte in denen alte Menschen durch die Erledigung von ganz normalen Alltagsangelegenheiten (putzen, kochen…)zur Aktivität eingebunden werden sind leider immer noch die Ausnahmen.
    Die Mutter meines Schwagers ist in einer Demenzwohngruppe, da wird nach so einem Konzept gelebt, dass ältere Menschen nicht „bespaßt“ werden müssen sondern auch anders aktiv sein können. Dieses Konzept trägt sich aber nur durch die aktive Mitgestaltung der Angehörigen und engagierter Pflegekräfte kommt meiner Einschätzung nach erst so nach und nach in die Gänge.

    In den klassischen Altenheimen ist meiner Erfahrung nach in den letzten Jahren da aber leider tatsächlich oft das zu finden, was in dem Film gezeigt wird. Ich habe größte Hochachtung vor den Menschen, die in diesem Bereich arbeiten. Aber es gibt sie wirklich oftmals, die Pflegekräfte und Sozialarbeiter, die so betulich und überversorgend sind, wie in dem Film dargestellt. Mag es daran liegen, dass man ein bestimmter Typ Mensch sein muss, um diesen Beruf ergreifen und mit der Hingabe meistern zu können, die wohl nötig ist. Ich kenne auch andere Beispiele, aber das sind leider wirklich Ausnahmen.

    Von daher ist für mich auch die Frage, was der Film denn auslösen sollte bzw. in mir/dem Zuschauer auslöst. Natürlich drückt er sehr deutlich (und erfolgreich) auf die Tränendrüse. Und man darf sich fragen: Will man nur Betroffenheit/Traurigkeit erzeugen oder soll danach noch was folgen? Für mich ist es schon so, dass mir einfach die Problematik nun für eine gewisse Zeit in den Kopf gerückt wurde. Das man mit den älteren Menschen in seiner Familie/Umgebung mal wieder ein bisschen bewusster umgeht und sich auch selbst hinterfragen sollte, ob man in die Klischeefalle tappt, weil man sich selbst dementsprechend verhält.
    Man hätte das Thema gewiss an eingen Stellen anders und weniger pathetisch anpacken können. Sind die rührseligsten Szenen, die ja so überdeutlich überdeutlich gezeichnet wurden nötig gewesen? Das ist eine berechtigte Frage und ich denke, dass hätte man auch anders lösen können. Ich gucke kaum fern und bin von daher nicht so ganz im Bilde, aber ich frage mich, ob es nicht tatsächlich leider so ist, dass weniger Dramatik und subtilere Darstellung des Themas die meisten Menschen heute in der seichten Fernsehwelt erreicht?

    Es spricht ja schon für sich, dass der Film bei uns z.B. nicht abends um acht gezeigt wurde sondern nur davor. Es gibt im Ruhrgebiet einige Kinos, die ihn gar nicht im Programm haben. Vielleicht hoffte durch die Klischees und das sehr deutliche Drücken auf die Tränendrüse dann doch möglichst viele Menschen für das Thema zu sensibilisieren. Zumdindest wäre das ein hoffnungsvoller Gedanke.

    Lange (Schreib-)Rede kurzer Sinn: Ja, es war an eingen Stellen des Guten zuviel, trotzdem habe ich den Kinobesuch nicht bereut. Und ich freue mich trotz der überzogenen Elemente darüber, dass überhaupt mal ein Film zu der Thematik gedreht und gezeigt wurde. In mir und den Menschen, mit denen ich den Film gestern gesehen habe hallt er noch im Kopf nach, das ist mehr, als ich von vielen Filmen sagen kann.

  6. admin Says:

    Danke Miriam, für den tollen langen Kommentar!
    Danke auch den anderen natürlich. 🙂

  7. dirad Says:

    Hätte dieser Film all die von Dir genannten Thematiken angesprochen, wäre er möglicherweise zu ueberladen gewesen.

    Es wurde halt ein Spagat zwischen ernsthafter Unterhaltung und Kommerz versucht -und das Ergebnis ist garnicht so schlecht.

  8. Sternenguckerin Says:

    Hallo!
    Ich haben den Film vor längerer Zeit im Fernsehen gesehen und fand ihn gut.
    Klar, überzeichnet und teilweise etwas dick aufgetragen, aber auch durchaus mal provokant und auch lustig.
    Ich sehe es ähnlich wie Miriam, aus hautnahen Erfahrungen mit Pflegeheimen (als Angehörige) kann ich auch sagen, dass diese Klischees eben leider keine sind, sondern traurige Realität.
    Sicher kann man es nicht verallgemeinern, aber unsere Erfahrungen waren genau so:
    Alte Menschen werden wie dusselige Kleinkinder behandelt, das Unterhaltungsprogramm ist auf niedrigstem Niveau und Sport bzw. überhaupt Bewegung ist oft ein richtiges Fremdwort.
    Selbst Menschen, die nach Unfall oder OP in der Pflegestation landen und Anspruch auf Reha mit Bewegung haben, kriegen oft nur einen (!!!) Termin mit dem Physiotherapeuten in der Woche, und das läuft dann gerne mal nach Schema F ab, zwanzig Minuten und fertig.
    Oder es fällt einfach ersatzlos aus und die Leute liegen oder sitzen (was sie eben so können) einfach mal zwei Wochen ohne extra Bewegung da herum.
    Man muss schon extrem willensstark sein, um in einem Pflegeheim nicht in nullkommanix zum Zombie zu werden.
    Selbst dort, wo das Personal liebevoll und engagiert ist: Sie sind immer zu wenige. Wir haben weinende Pflegerinnen erlebt, die vor Erschöpfung kaum noch geradeaus kucken konnten, weil sie viel zu lange Schichten machen müssen, da dauernd Unterbesetzung herrscht.
    Daher kann der Film vielleicht sogar einen Reflex auslösen, sich selbst sehr intensiv damit auseinander zu setzen, wie man mal leben möchte, wenn man Hilfe braucht.
    Weil SO will das ja niemand.


Einen Kommentar schreiben