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Silvester (Hust) Lauf (Hust)

Silvester (Hust) Lauf (Hust)

10 km Silvesterlauf Frankfurt (2005)

Ich bin gar nicht erkältet. Das war einmal. (Schneuz) Und ist mindestens 48 Stunden her. Deswegen trete ich natürlich auch beim Silvesterlauf in Frankfurt an (Nies). 10 km laufe ich doch noch mit einem halben Nasloch. Gut, ich bin seit zwei Wochen nicht gelaufen, weil mich Fieber (Hust), Husten (Schneuz) und Schnupfen (Nies) aufs Lager gedrückt haben. Aber jetzt ist alles vorbei (Schnief).

Ich rolle mit meinem Fiat Tipo, der schon ganz zugemoost ist, weil er so wenig bewegt wird, zum Waldstadion. Auf dem Weg blüht das Moos weiter auf, denn man staut sich zum Parkplatz. Wie jedes Jahr. Oder vielleicht doch ein bisschen mehr als jedes Jahr. Viele Menschen stehen hinter ihren Autos und werfen sich in ihre frisch geschenkten Funktionsklamotten. Ich weiß natürlich, was sie noch nicht zu wissen scheinen: sie werden sich noch zweimal umziehen. Vor einem Silvesterlauf zieht man sich immer zweimal um. Die Witterung schlägt ja in Silvesterlaufgegenden schneller um als im Gebirge. Woher soll man eine Stunde vorher wissen, was man tragen wird? Spätestens bei der Befestigung der Startnummer fällt die Laufjacke dem Shirt zum Opfer. Man will das gute Teil ja nicht mit Sicherheitsnadeln akupunktieren. Ich habe dagegen ein Startnummernband. Denn ich bin eine vorausschauende, clevere Läuferin. Leider habe ich es heute morgen nicht gefunden. Ich finde es eigentlich nie, wenn ich es benutzen will. Sei`s drum.



Ich arbeite mich also mit meiner tonnenschweren Tasche (Drink für vorher, Drink für nachher, Hustenbonbons für währenddessen, Taschentücher, drei verschiedene Outfitvarianten) Richtung Stadion. Früher war das alles ganz einfach. Früher, als man noch im Waldstadion einlief und sich olympisch fühlen durfte. Jetzt sind Start und Ziel und Meldebereich jedes Jahr woanders. Ich folge der Menge und habe keine Ahnung, wo ich bin. Ich lande in einer Halle, wo hunderte Funktionsjacken um die Wette rascheln. Spontan muss ich ein wenig hüsteln (Hust, Hust, Hust).



Eigentlich bin ich mit einem Bekannten verabredet. Aber das kann ich wohl vergessen. Bei über 2000 Läufern – wie sollten wir uns da finden? Ich habe gleich gesagt: lass uns einen Treffpunkt ausmachen, aber mein Bekannter … „Na, das war ja einfach. Dich zu finden“ sagt mein Bekannter neben mir. Aber fast hätte ich recht gehabt und wir hätten uns nicht gefunden. Wir plaudern ein wenig über die neue Biografie von Paula Redcliffe, wie man eben so redet, wenn gute Freunde ein Buch geschrieben haben. Als ich schneuze, bietet mir mein Bekannter ein Nasenpflaster an. Aber ich möchte nicht, dass sich meine Nasenflügel weiten. Am Ende lösen sich wichtige Dinge in meinem Kopf und rutschen ungewollt nach draußen.



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Wir schlendern die paar Kilometerchen zum Start und reihen uns bei der Memmen-Gruppe ein. Obwohl ich praktisch (Hust) so gut wie nicht mehr erkältet bin. Der Start erfolgt in drei Blöcken und so stehen wir noch ein bisschen und schauen den Jungs im Wald beim Pinkeln zu. Eine Dame ruft verzweifelt „Wer stört?“ in die Menge. Ihre Pulsuhr zeigt einen Puls von 222 an. Ihrem Herzen traut sie soviel Techno nicht zu und nun sucht sie den infarktgefährdeten Störsender unter den Umstehenden.

Silvesterlauf

Als wir über die Startlinie wackeln, läuft eines dieser Heldenlieder von Vangelis, das bei ARD und ZDF immer läuft, wenn sich Sportler in Zeitlupe die Tränen aus den Augenwinkeln wischen. Wir passen uns an und bleiben erst mal zeitlupig. Es ist schön, so weit hinten zu sein. Niemand drängelt sich hektisch an einem vorbei – nur die Stöcke der Nordicwalker, die ihre Begeisterung durch wildes Fuchteln ausdrücken, erweisen sich als Verletzungsrisiko. Aber das ist bald vorbei und wir strömen plaudernd durch den Wald, als wäre es gar kein Wettkampf und alle anderen wären nur zufällig zur gleichen Zeit unterwegs. Bei km fünf schaue ich auf die Uhr, aber eigentlich mehr aus Gewohnheit. Die Zeit ist vollkommen gleichgültig. Obwohl ich natürlich im Grunde nicht mehr erkältet bin (rotz).



Hinter km 7 kommt der berühmte kleine Berg, der immer wieder für großes Hallo sorgt. Mein Bekannter mag Berge so gerne, dass er es schade findet, wenn man so achtlos drüber fegt. Er möchte den Anstieg mehr genießen und passt sich der Geschwindigkeit der Hirschkäfer an. Ich möchte zwar nicht so zumoosen wie mein Auto, aber etwas langsamer ist auch in Ordnung. Bald hoppeln wir wieder zusammen. Bis kurz vor Schluss nochmal ein Anstieg kommt, mit dessen Flora man sich eingehender beschäftigen möchte. So rollt man gelassen nach etwa einer Stunde ins Ziel. Inzwischen ist der Nieselregen etwas heftiger geworden und man tut gut daran, ins Warme zu kommen. Wer nicht so ein Bombenimmunsystem hat wie ich, ist da schnell erkältet. Apropos: eine Stunde lang habe ich nicht gehustet und wenig geschnieft. Dafür verhuste ich jetzt den Weg zum Tee.

In den Gängen zu den Umkleidekabinen irren nasshaarige Gestalten auf der Suche nach einer Steckdose umher, den Fön wie eine Waffe auf Neuankömmlinge gerichtet. Aber niemand hat eine Steckdose dabei, oder auch ein Stückchen Platz, wo man sich umziehen kann. Ich erledige das im Gang – seit ich angeboten habe, einer Dame die Haare trocken zu husten, kommt mir auch niemand mehr zu nahe.



In der Halle findet die obligatorische Siegerehrung statt, der ebenso obligatorisch niemand zuhört. Mein Bekannter und ich mümmeln Kaffee und Kuchen mit der gewissen Verzückung, mit der man nur nach Volksläufen Kaffee und Kuchen zu sich nehmen kann. Nichts stört. Kein Würstchengeruch, kein Lautsprecherquitschen, keine feuchtmuffigen Schuhe. Die Läufergemeinde ist eins mit sich und ihrer Umgebung.

Der Heimweg ist die reinste Freude für das Moos an meinem Auto, Schritttempo soweit das Auge reicht. Höchste Zeit für einen kleinen Hustenbonbon.

(Foto mit freundlicher Genehmigung von Spiridon Frankfurt und Elke Fieger.)

 

[stextbox id=“grey“]Mehr zu Lauf und Veranstalter gibt’s unter: www.spiridon-frankfurt.de[/stextbox]

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