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Das Ziel ist das Ziel.

Das Ziel ist das Ziel.

Volkslaufen ist immer schön. Am letzten Tag des Jahres volkszulaufen ist aber ganz besonders fein. Zumal, wenn man wie wir in diesem Jahr nicht einen einzigen anderen Volkslauf absolviert hat. Das ist blöd, kann aber schon mal passieren, wenn das Leben Haken schlägt. So habe ich zum Beispiel einen Hund, der allerlei Geschichten erfindet, um nicht mit mir laufen zu müssen, vor allem Gelenksgeschichten. Also laufe ich etwas weniger. Mein Trainingspartner ist derweil rekonvaleszent, das ist lateinisch und heißt übersetzt „sehr langsam aus gutem Grund“. Da kann man am Start großer Volksläufe schon mal ausfallen. Heute aber, beim 10 km Silvesterlauf in Frankfurt fallen wir nicht, wir stehen wie eine eins. Oder sagen wir: wie eine zwei. Wir starten nämlich von weit hinten, damit wir das Feld aufrollen können. Vielleicht auch, damit hinter uns nicht so viel Feld kommt, was uns aufrollen kann. Unser Ziel für heute ist einfach und erscheint machbar: Wir wollen nicht Letzte werden. Von uns aus können getrost 2.000 Läufer vor uns ins Ziel kommen, der 2.001ste sollte dann aber bitteschön hinter uns bleiben. Das kann man ja wohl verlangen.

An dieser Stelle sei übrigens noch einmal ausdrücklich erwähnt, dass entgegen anderslautender Meinungen der Weg NICHT das Ziel ist. Noch nie habe ich irgendwo auf dem Weg ein aufblasbares Zieltor gesehen. Auf dem Weg gibt es auch weder Zielfotos noch Medaillen. Ich halte es deshalb für völlig ausgeschlossen, dass der Weg das Ziel ist. Ich wüsste auch überhaupt nicht, warum das Ziel woanders sein sollte als im Ziel. Ich persönlich erkenne ein Ziel schon von weitem. Ziel ist, wenn schlechte Musik gespielt wird, eine Matte piept und man schauen muss, wo es etwas zu trinken gibt. Wer Weg und Ziel verwechselt, kommt außerdem nie an, weil er ja dauernd denkt, er wäre schon da. Bei einem Volkslauf ist das ausgesprochen hinderlich. Dies aber nur am Rande.

Wir stehen nun also am Start, der gleichzeitig das Ziel ist, aber man läuft trotzdem los, damit der Lauf nicht so schnell zu Ende ist. Wie so oft im Leben muss man sich erst einmal vom Ziel entfernen, bevor man es erreichen kann. Der Volkslauf ist ja überhaupt die beste Schule des Lebens. Wir sind gründlich eingelaufen, was nicht bedeutet, dass man uns zu heiß gewaschen hat, sondern dass wir ein wenig auf und ab geschlurft sind. Warm machen mussten wir uns zwar nicht, denn es ist mit 12 Grad geradezu frühlingshaft. Aber gelegentlich hilft es, dem System mitzuteilen, was gleich kommt. Obwohl das System auch so Bescheid wüsste, denn aus den Lautsprechern tönt „Eye of the tiger“ und damit ist alles klar. Bei Eye of the tiger laufe ich immer unwillkürlich los. Auch im Kaufhaus. Ich kann da gar nichts dagegen tun. Alte Konditionierung.

Ich muss auch immer sofort anstehen, wenn ich irgendwo ein Dixi-Klo sehe, auch wenn ich gar nicht muss. Das ist einfach so drin. Die Toilettensituation beim Frankfurter Silvesterlauf ist ein Desaster und das ist milde ausgedrückt. Sonst ist der Lauf von Spiridon Frankfurt ausgezeichnet organisiert, aber die Sache mit den Toiletten … Ich vermute ja schon seit vielen Jahren, dass die Anmietung eines einzigen Dixi-Häuschens so viel kostet wie die einer Stretch-Limousine mit Fahrer. Und Oben-Ohne-Hostessen. Und Jörg Pilawa. Anders ist es nicht zu erklären, dass die Häuschen derart sparsam eingesetzt werden. Ich stelle mich hinter ca. 100 Läufer, die vor 10 Häuschen stehen und sehe mich schon direkt aus dem grünen Stinkekasten starten, als mich ein freundlicher Läufer darauf hinweist, dass es jenseits der Bahngleise vier einsam gelegene Häuschen gäbe, vor denen nur fünf Läufer stünden. Als ich dort ankomme, stehen dort zwar zehn Läufer, aber das ist doch besser als hundert. Danke noch mal vielmals dem unbekannten Aufklärer.

Um 12 Uhr startet die Elite und wir sind ausnahmsweise nicht dabei, wegen der Rekonvaleszenz und dem Aufrollen des Feldes. Sonst wäre das natürlich anders. Wir starten etwa fünf Minuten später. Es fühlt sich toll an. Ich bin ein paar Jahre nicht silvestergelaufen, erinnere mich aber sofort. Man muss geradeaus, immer den anderen nach. Da, wo Menschen mit gelben Westen stehen, muss man entweder rechts oder links, je nachdem, wo die Menschen hindeuten. Wenn es bergab geht, wird es leichter, bergauf schwerer. Wenn man sehr müde wird, noch müder als ohnehin schon, ist man gleich da. Im Grunde ist das alles, was man über das Volkslaufen wissen muss und ich habe es noch parat als wäre es gestern gewesen.

Zu Beginn zieht das Feld, so dass man es ganz schlecht aufrollen kann. Stattdessen wird man selbst aufgerollt, denn das Feld zieht nicht nur, es drückt auch. Wir müssen also aufpassen, dass wir nicht versehentlich doch noch im Elitebereich landen. Zum Glück ist es hinten recht luftig, so dass man den anderen nicht ganz so kopflos hinterher trottet, wie das manchmal in der Enge der Fall sein kann. Am Anfang denke ich, wir könnten uns dem Rückwärtsläufer anschließen und versuchen, ihn durch alberne Grimassen aus dem Konzept zu bringen. Rückwärtsläufer müssen ja die ganze Zeit in unzählige verständnislose Läufergesichter gucken, was ich mir sehr verwirrend vorstelle. Hinterköpfe finde ich irgendwie entspannender. Der Rückwärtsläufer macht sich aber nichts aus Hinterköpfen und ist außerdem viel schneller als wir. Der fällt als Unterhaltungsprogramm schon mal aus.

Wir suchen uns Läufer in der Ferne, die wir zu überholen gedenken, wenn die Zeit gekommen ist. Wir wissen natürlich nicht, ob die Zeit kommt oder ob sie lieber bleibt, wo sie ist, aber wenn die Zeit kommt, würden wir an vielen Läufern vorbeiziehen, das ist sicher. Nach dem ersten Kilometer wird klar, dass wir zu schnell losgelaufen sind. Hätten wir uns mal besser an dem roten Ballon orientiert, auf dem „Schluss“ steht. Dann wäre das nicht passiert. Nun aber ist es zu spät. Wir schaffen es, gleichzeitig sehr langsam und dennoch zu schnell zu sein. Erstaunlich. Wir lassen uns ein wenig zurück fallen. Menschen, die so aussehen, als hätten sie in den letzten Tagen enorm viele Gänse, Spekulatiosen und Apfelrotköhler gegessen, fliegen wie eine Feder an uns vorbei. Greise erscheinen unscharf, weil sie uns so flugs überholen. Wir bleiben eisern und sind beim zweiten Kilometer nicht mehr zu schnell, nur noch ein ganz kleines Bisschen. Der rote Schlussballon ist aber trotzdem nicht mehr zu sehen.

Die Strecke des Frankfurter Silvesterlaufs ist heute anders als früher, irgendwie netter. Man läuft weniger durch Matsch, dafür mal hier und mal dort, plötzlich ist man sogar fast wieder im Ziel, aber dann doch nicht. Wieder so eine Lebensmetapher. Nachdem wir eine Reisegeschwindigkeit von 8 min/km erreicht haben, drücken wir auf Autopilot und können uns entspannen. Geschwindigkeit ist ein großes Wort für dieses Tempo, aber man kann damit Walker überholen und wenn man das federnden Schrittes kann, ist man ein Läufer, daran besteht kein Zweifel. Unsere größte Herausforderung ist auch gar nicht das Tempo, sondern die ungebremste Lust unserer Mitläufer, sich über alle Aspekte des Lebens einmal gründlich auszusprechen. Aber das ist am Ende des Feldes ja eigentlich immer so, da muss man nun mal durch. Dafür läuft man in einer Wattewolke der Solidarität und Eintracht. Alle sind sich einig, dass es darum geht, den roten Schlussballon so weit wie möglich hinter sich zu lassen. Die vor uns wogenden Frauen fürchten das rote Monster ebenso wie die ältere Lady mit den kindlichen Zöpfen, das junge Paar, das bereits auf der Hälfte der Strecke eine Gehpause einlegt oder der massige Mann, der akribisch seine Zeit kontrolliert. Das verbindet uns.

Wahrscheinlich denken wir auch alle daran, ob es noch Bananen geben mag, wenn wir kommen, ob die Duschen noch Wasser führen, der Kaffee noch heiß ist. Wer nie am Ende des Feldes gelaufen ist, kennt solche Gedanken nicht, für die Langsamen sind sie ganz normal. In weiser Voraussicht habe ich vor dem Start zwei der wenigen Muffins erstanden, es wäre toll, wenn es noch Kaffee dazu gäbe. Eine kleine Belohnung wäre doch schön.

Im letzten Viertel der Strecke gibt es eine kleine Wendepunktpassage und wir haben die Gelegenheit, nach dem roten Ballon Ausschau zu halten. Nichts, weit und breit. Wir werden nicht Letzte! Sagt mein Trainingspartner und es gibt tatsächlich keinen Anlass, ihm zu widersprechen. Wir brauchen also dringend eine neue Herausforderung und ich beschließe, dass wir unter 1:20 bleiben sollten. Wenn wir auf den letzten zwei Kilometern den Autopiloten drin lassen, wird das gar kein Problem. Der gut geölte Mechanismus aus Beschlussfassung und anschließender Umsetzung funktioniert tadellos. Auf dem letzten Kilometer werden wir sogar ein bisschen schneller. Die Zeit scheint jetzt auch gekommen zu sein und wir schieben uns ein paar Plätze nach vorn. Jetzt können wir das Ziel schon sehen und vor allem hören. Von weitem brüllen uns die Lautsprecher mit quietschenden Gitarrensoli an und es ist sonnenklar, was passiert sein muss. Der für die Beschallung Zuständige hat es nicht mehr ausgehalten. Zwei Stunden Eye of the tiger machen jeden mürbe. „Es sind jetzt nicht mehr so viele Menschen auf der Strecke“, wird er sich gedacht haben. „Die meisten sind längst in der Halle. Kaum einer hört noch, was ich jetzt spiele. Ich lege jetzt endlich mal etwas Richtiges auf.“ Und dann suchte er nach Musik wie „More Noise“ von den Ashtrays oder „Bumm bumm“ von The Waste oder „Hell“ von Hell. Oder wie auch immer das heißen könnte, was uns jetzt gerade um die Ohren donnert. Wir sausen ins Ziel, die Uhr stoppe ich bei 1:19:00. Freude. Ich besorge Getränke und will unbedingt auf den roten Ballon warten. Jede Minute, die zwischen uns und dem Schlusszeichen liegt, ist ein Triumph. Der Mann am Regler spielt jetzt Thunderstruck von AC/DC und verleiht dem Zieleinlauf der Gemächlichen eine derartige Dynamik und Power, dass sich jeder wie ein Sieger fühlen kann. Man kann ihn dafür nicht genug loben. Oft ist es still, wenn die Letzten kommen, keiner jubelt, im schlimmsten Fall sind die Boxen bereits abgebaut. Hier aber: Thunderstruck. Danke, Musikmann. Nach 10 Minuten kommt der Ballon. Das hat ja mal richtig gut geklappt mit dem nicht Letzte werden.

Bananen gibt es jetzt keine mehr, dafür aber heißen und köstlichen Kaffee. Und sogar die Siegerehrung kriegen wir noch mit. So kann 2017 wahrlich aufhören und ein neues Jahr beginnen. Vielleicht wieder mit dem ein oder anderen Volksläufchen. Schließlich ist das Ziel das Ziel.

 

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3Antworten um “Das Ziel ist das Ziel.”

  1. Frau Mohr Says:

    Ha! Also, dass mit der „Eye of the tiger“-Konditionierung bei dir werde ich aber beizeiten mal austesten 😉
    Ich freu‘ mich, dass du wieder gelaufen bist, ohne Schmittsche Laufberichte ist ja alles nix.

  2. Miriam Says:

    Endlich! Ich hatte die Hoffnung auf einen Laufbericht schon fast aufgegeben… Und dabei leide ich an der „Schmittschen-Konditionierung“! Immer wenn ich in Hessen bin und Schilder lese wie „Obertshausen, Rodgau-Jügesheim… kommen ungefragt in meinen Kopf Laufberichte!
    Mir gefällt die Definition von „rekonvalesezent“ sehr gut! 🙂

  3. Saffti Says:

    Das Ziel ist das Ziel – wunderbar. Ich zitiere da auch gern Mine: Das Ziel ist im Weg. Aber da das aufblasbare Zieltor nicht so zusammengesackt ist, wie ich es auch schon mal bei einem vom Winde verwehten Lauf erlebt habe, war zumindest dein Ziel diesmal nicht im Weg.


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