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Gibt’s hier was zu feiern?

Do, Mai 30, 2013

A - F, Bonames, Bonames13, Laufberichte

Gibt’s hier was zu feiern?

Jedes Jahr im Mai wachen Millionen Menschen eines donnerstags morgens auf und wissen nicht, warum sie heute nicht zur Arbeit gehen müssen. Sie wissen nur, dass Fronleichnam ist, haben aber keine Ahnung, was das bedeutet. Ich möchte es deshalb an dieser Stelle noch einmal kurz skizzieren, warum wir diesen Feiertag begehen. Vor Jahrtausenden von Jahren wurde ein Ehemann als Strafe und Frondienst für eheliches Fehlverhalten von der Gattin mehrfach um den Block gejagt. Was besonders erstaunlich ist, wenn man bedenkt, dass es damals noch keine Blocks gab. Anders als heute gab es damals aber Frühling und deshalb begann der Gatte während des Laufens stark zu transpirieren und entwickelte daher den für viele Läufer typischen Verwesungsgeruch. Leich und Leich gesellt sich ja bekanntlich gern und deshalb wurde der Läufer alsbald von vielen weiteren Läufern begleitet. Es entstand ein Menschenauflauf, der aber nicht überbacken wurde, sondern sich zu einem Volkslauf auswuchs. Damit fortan an diesem Tag allerorts Volksläufe stattfinden können, erfand man den Feiertag Fronleichnam, den Tag der büßenden, streng riechenden Männer. Wie viele Traditionen ist auch diese inzwischen aufgebrochen, nur noch selten nimmt man den Feiertagsgeruch wahr und auch Frauen sind heute Teilnehmerinnen bei Volksläufen.

Ich trete heute in Bonames an, zum 287ten Mal. Etwa. Dabei habe ich tags zuvor bis zur Fahruntüchtigkeit getrunken, möglicherweise sogar darüber hinaus. Erfahrungsgemäß führt das zur Laufuntüchtigkeit, erstaunlicherweise allerdings mit einem Tag Verzögerung. Wenn man dergleichen verspürt, kann man zuhause im Bett bleiben und sich kühle Kompressen anreichen lassen, man kann aber auch aufstehen und so tun, als wär nichts. Ich entscheide mich für Letzteres. Die Veranstaltungsörtlichkeit in Bonames ist etwas verwirrend, bis heute habe ich noch nicht begriffen, was an den dargebotenen Immobilien zu einer Schule, einer Sporthalle und/oder einem Vereinsheim gehört. Um die Verwirrung komplett zu machen, ist in der Ausschreibung auch noch vom „Haus Nidda“ die Rede. Und wieder hat man alle Optionen: Man kann darüber nachdenken, muss es aber nicht. Man kann auch einfach stumpf da rein gehen, wo alle reingehen und sich umziehen. Die Umkleideräume sind erfrischend schmutzig und stammen noch aus der Zeit als der erste Fronleichnamsläufer aufbrach, das spricht dafür, dass es sich um Schulumkleiden handelt.

Wir lungern unmotiviert herum, das macht man hier so, denn man überbrückt die Zeit, bis man zum Start trabt, der ein wenig entfernt an den Gleisen des ÖPNV liegt. Mit dem ÖPNV ist natürlich auch in Frankfurt der Öffentliche Personennahverkehr gemeint, in Abgrenzung zum ÖGNV, dem Öffentlichen Güternahverkehr, den es gar nicht gibt. Aber so viel Zeit muss sein. Ich habe mir auch angewöhnt, zu sagen: „Ich nehme den NÖPNV“ (den Nichtöffentlichen Personennahverkehr), wenn ich sagen will, dass ich mit dem Fahrrad komme. Man muss sich rechtzeitig an diese Sprache gewöhnen, sonst versteht man ja die Welt nicht mehr. Wir traben also zu den Gleisen des ÖPNV.

Dort wartet schon der Warmmacher, ein reizender Herr mit Megaphonausstattung, der traditionell ein paar Gymnastikübungen mit den Laufwilligen veranstaltet. Anders als seine Gefährtinnen der „City-Events“, die immer ein pinkfarbenes T-Shirt mit 72 Sponsoren-Logos und eine weiße Schirmmütze tragen und bei ihren Übungen von als Musik getarnten Flatulenzgeräuschen begleitet werden, die man sonst nur von peinigenden Aufenthalten an Ampeln neben einem Nissan GT-R kennt, kommt der Warmmacher recht pur daher. Seine Übungen sind auch keine Zumba-Core-Acitvate-Fatburner sondern mehr so Warmmacherdinger. Arme kreisen. Auf der Stelle hüpfen. Das verstehe sogar ich.

Bonames Volkslauf Aufwärmen

Jetzt sind wir also warm. Und das im Mai! Krass. Also laufen wir los. Die grammatikalisch zweifelhafte Frage „Was“ wir denn nun laufen wollen, haben wir uns vorher nicht erschöpfend beantwortet. (Auf die Frage: „Was willstn du laufen?“ muss auf jeden Fall eine Zahl kommen. Entweder die der Distanz, aber das ist in diesem Fall klar, oder die des Kilometerschnitts oder die der angepeilten Endzeit. Läufer fragen nicht „wie schnell“, sie fragen „was“. Dies nur als kleine Anmerkung für Nichtläufer.)

Die Strecke in Bonames (sowohl die 10er, als auch die 15er Strecke) ist ideal für die augenblickliche Wetterlage. Sollte es zu einem plötzlichen und unerwarteten Sonneneinbruch kommen, sind wir die ersten, die es bemerken. Die Strecke ist weitgehend schattenlos. Andererseits ist der Untergrund fast ausschließlich Asphalt, das bedeutet, man muss nicht durch Sümpfe waten, wie andernorts. Erstaunlicherweise ist auch die Nidda, das Flüsschen, das die Strecke teilweise säumt, nicht über die Ufer getreten, auch von dieser Seite droht kein Ungemach. Die meiste Zeit läuft das Feld durch das Feld, was eigenwillig klingt, Volksläufern aber abermals ganz natürlich vorkommt. Wir laufen heute 15 Kilometer. Weil es so schön ist. Diese Einschätzung teilen wir mit etwa 100 anderen. Warum hier in Innenstadtnähe (ÖPNV …) zu einer moderaten Startzeit (9:45 Uhr) bei besten Laufbedingungen (12 Grad) nicht mindestens die zehnfache Menge Läufer am Start steht, während sich die Menschheit bei den fiesesten Events beinahe tottrampelt, will mir nicht einleuchten. Aber es soll mir recht sein. So bleibt mehr Kuchen für uns. Aber halt, wir müssen ja erst laufen. Wo war ich? Richtig, auf der Strecke. Die verläuft so: Man läuft nördlich der Nidda nach Bad Vilbel, stellt fest, dass es dort nichts gibt, weshalb es sich zu bleiben lohnt und läuft deshalb südlich der Nidda wieder zurück.

In froher und voreiliger Erwartung des Ziels nehmen wir den ersten Kilometer gleich ein bisschen zu schnell. Aber man muss sich ja erst Mal frei laufen. Nachdem wir nun also frei sind, können wir uns einpegeln. 5:30/km ist zu schnell, 5:50/km zu langsam, so irgendwo dazwischen wäre ganz hübsch. Das entspräche etwa der feuchten Kompresse gegen die Abbauprodukte des Vorabends. Wir laufen so vor uns hin, kommentieren gelegentlich Flora und Fauna in silbensparender Kommunikation und sind zufrieden. Vor uns läuft eine Gruppe gelber T-Shirts, auf denen steht, dass man eigentlich nur zum Bäcker wollte. Och jo. Nach einer Weile nähert sich von hinten ein Schwerschrittindianer. Anders als man vermuten könnte, sind Schwerschrittindianer meist keine übergewichtigen Läufer. Im Gegenteil – Läufer mit ordentlichem Bauch und breitem Kreuz laufen oft wie ein Marshmallow auf dem Trampolin. Hagere Gesellen könnten dagegen oft mühelos Galopper des Jahres werden, ihre Schritte sind weithin hörbar. Der berühmteste Schwerschrittindianer ist der Leibhaftige, ein Läufer mit stark asymmetrischem Laufstil. Dumpf klock, dumpf klock … Wenn er hinter einem her ist, ruft man im Geiste automatisch sein Sündenregister ab. Man weiß ja nie.

Der Schwerschrittindianer nähert sich und damit der spannende Moment, wenn man den Menschen zum Schritt zu Gesicht bekommt. Er überholt uns und ist in der Tat von ziemlich durchschnittlichem Gewicht. Aber ist er wirklich schneller als wir? Wir behalten das im Auge. Den ersten Getränkestand haben wir ignoriert, aber beim zweiten, etwa auf der Hälfte der Strecke, nehmen wir mal ein Schlückchen. Schaden kann das nicht.

Außer der netten Verpflegung sorgt auch ein „Stimmungsnest“ für menschliche Wärme. Ich habe mir vorgenommen, das Wort  „Stimmungsnest“ künftig in jedem Laufbericht unterzubringen. Es gehört mit Abstand zu den dämlichsten Worten, die mir bekannt sind und Abneigung muss man ja pflegen. Im Stimmungsnest lag wohl nur ein einziges Ei, aus dem eine liebreizende Dame geschlüpft ist, die mit einem wahren Anfeuerungsorchester mühelos fünf Personen ersetzt. Es ist die einzige Anfeuerungsstation an der ganzen Strecke – aber wer braucht weitere, solange es eine solche gibt?

Vor uns laufen noch immer die Brötchengruppe und der Schwerschrittindianer in Sichtweite, das ist gut. Ich laufe das erste Mal mit einer ordentlichen GPS-Uhr, die mir ungefragt die Zwischenzeiten zuraunt, wenn ich draufgucke und ich raune sie meinem Trainingspartner neben mir weiter. So wissen wir, dass wir voll im Soll sind, das wir gar nicht haben. Nun läuft eine rosa Hose vor uns. Hat man ja jetzt. Farbige Hosen. Und man kann ja auch ruhig mal was anderes sehen als grün. Die Felder sind grün, die Bäume sind grün, die Rasenflächen sind grün, die Nidda ist … naja, mehr so braun. Hochwasserbraun. Trotzdem ist es Zeit, die rosa Hose zu überholen. Das findet die rosa Hose überhaupt nicht. Sie zieht an, als wir etwa auf gleicher Höhe sind. Dann halt nicht. So ist das eben im ÖPLV, dem Öffentlichen Personenlaufverkehr. Dann trinken wir eben was. Prost. Derweil stechen andere Läufer an uns vorbei und ihre Rücken rufen uns zu: „Lasst euch nicht demoralisieren! Wir sind 10er-Läufer, wir müssen ja schneller sein!“ Ach so. Erfrischt und erfroscht (Quak! Wo sitzt denn hier die Amphibie?) laufen wir weiter.

Es ist jetzt nur noch eine Handvoll Kilometerchen. Und wir haben eine Mission. Mit Hilfe einer zarten Beschleunigung, die aus dem Turbo der rechten Hinterbacke stammt, nehmen und passieren wir den Schwerschrittläufer, die rosa Hose und zwei der Brötchenholer. Dafür brauchen wir 5:30/km, aber die haben wir auch noch im Gepäck. Auf dem letzten Kilometer quälen wir uns ein wenig, weil es eine zackige Serpentinensteigung gibt, aber nicht sehr. Qual light, würde ich sagen. Die Serpentinen sind nicht schlimmer als der Tee, den es im Ziel gibt: ungezuckerten Hagebuttentee. Das ist ebenso gesund wie furchtbar, zwei Eigenschaften, die einem ja oft als zwei Seiten der selben Medaille begegnen. Wir trinken den Tee heldenhaft. Wir wissen ja auch, was außerdem auf uns wartet. Der beste Streuselkuchen aller Volksläufe der Region. Und eine halbe Wildschweinbratwurst zum Nachtisch. Zu deren Würze furze ich mir mit einer blähungsgeplagten Plastik-Senfflasche ein fantasievolles Muster auf die Hose. Die hat man ja jetzt ohnehin bunt. Bei alledem regnet es nicht eine einzige Minute. So müssen Volksläufe sein. Und Feiertage.

Bonames Volkslauf Kuchen

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5Antworten um “Gibt’s hier was zu feiern?”

  1. Ulrike Says:

    Danke für den tollen Bericht, ich konnte ja leiiider diesmal nicht dabei sein, weil Töchterchen es vorzog, über Happy Cadaver ein Scrabbleturnier auf Harriersand zu organisieren.
    Schattenlose Strecke und Streußelkuchen und Serpentine am Schluss – so isses!

  2. Shan Dark Says:

    „Frau Schmitt, bitte mal zur Restalkohol-Überprüfung!“ So völlig enthemmt-spinnerisch kann man nur schreiben, wenn man – nun ja. 😉 Dabei dachte ich immer, du trinkst vor Volksläufen nix, aber offenbar bist Du auch nur ein Mensch. Gut, das jetzt zu wissen.

    Ich kann übrigens aus meiner bisherigen Erfahrung mit Leichen auch mal was beitragen: ja, sie gesellen sich gern zueinander. Stimmungsnester bilden sie nur selten. Wenn dazu der passende Streuselkuchen gereicht wird.

  3. admin Says:

    Aber liebe Shan Dark, ich versichere Dir, ich war beim Schreiben stocknüchtern. 😀

  4. Tom Fedler Says:

    Besser Stocknüchtern als am Stock gehen *lol* Vielen Dank für diese Aufklärung, was Fronleichnam bedeutet :o)

    LG vom Tommi

  5. Sylvia Says:

    …. und ich wunderte mich schon, ob ich an diesem Tage einfach nur super gut gelaufen bin oder Fr. Schmitt schlecht drauf war. Ist mir noch nie passiert, dass ich bei einem Lauf die Gelegenheit hatte, an zwei Getränkestationen Fr. Schmitt „stehen“ zu lassen. Sie hat auch leider immer wieder aufgeholt und ist mir am Schluß doch noch trotz Restalkohol davon gelaufen. Vielleicht probiere ich das mit dem Alkohol beim nächsten Mal einfach auch. Es könnte sein, dass ich Die mit der rosa Hose war :-).


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