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Mit dem Kopf durch die Watte.

Mit dem Kopf durch die Watte.

Der Halbmarathon in Stierstadt (2010)

Heute wird Volksgelaufen! ich lasse mir doch von einem dahergelaufenen Klimawandel nicht vorschreiben, wann ich zu laufen habe! Außerdem liegt der Veranstaltungsort Stierstadt im Taunus und im Taunus schneit es. Das sagen zumindest alle, die dort wohnen, die meiste Zeit des Jahres: „Also, bei uns lag heute morgen Schnee!“ Dann kann das bisschen Hitzewelle dort ja wohl nicht so schlimm sein. Als wir ankommen, sind es lächerliche 26 Grad, gemessen an den 378 Grad in meiner Wohnung in der Stadt ist das nichts. „Die Höhendifferenz ist gering“ schreibt der TV Stierstadt auf seiner Homepage und da sieht man mal wieder, wie relativ alles ist. In Wahrheit geht es ab Kilometer 7 stramm bergauf bis Kilometer 12, dann wieder runter und zwischen Kilometer 17 und 20 gibt es noch einmal eine deutliche Steigung.

Bild 3

Auf solche Kleinigkeiten kann ich aber heute keine Rücksicht nehmen. Ich muss endlich einmal wieder Halbmarathon-Kilometer unter die Füße nehmen. Der letzte war im April, danach folgte wochenlange Krankheit und eine 6-wöchige Laufpause. Was würde sich da besser eignen, als eine anspruchsvolle, weitgehend schattenlose Strecke bei 26 Grad plus? Allen Stirnrunzlern sei an dieser Stelle gesagt, dass ich Preisträgerin des goldenen Herzfrequenzmessers für vernünftiges Laufen bin. Ich werde also vorsichtig traben und nicht Gesamtsiegerin werden wie sonst. Zunächst aber muss auf Vorrat Kuchen gekauft werden, wer weiß, wie lange der später reicht. Wir laufen uns ein wenig ein und reden uns das Wetter schön. Es könnte wärmer sein (entsetzlich!) oder kälter (nicht auszudenken!). Gut, dass alles ist wie es ist.  Zum 10 Kilometer-Lauf treten heute eine Menge Läufer an, einige tun hier so, als wären sie noch vernünftiger als ich. Papperlapapp.

Nach dem Startschuss des Halben geht es ein wenig durch den Ort. Als Streckenlegasthenikerin weiß ich aber leider danach nicht mehr genau, was der Kurs wann genau bietet. Ein Teil der Strecke muss zwei Mal durchlaufen werden, das weiß ich noch. Darunter ein sensationelles Stück durch Kornfelder mit einem großartigen Blick auf die Frankfurter Skyline. Tatsächlich gibt es fast keine Waldpassagen, wenn die Sonne hier brennt, dann wird es erbarmungslos. Wie durch Zauberhand schieben sich jedoch nach dem Start ein paar Wolken vor die Sonne – die schlimmste Glut bleibt uns erspart.

Als Preisträgerin des goldenen Pappbechers für sinnvolle Trinkpausen nehme ich an jeder der Trinkstationen einen Becher Wasser zu mir – es sind mindestens fünf. Es scheint, als hätte man hier vorausschauend noch mehr Verpflegungsstellen eingerichtet als sonst. Außerdem gibt es nasse Schwämme, die ich sehr liebe. Ich laufe die ganze Strecke mit einem gelben durchlöcherten Kumpel, der immer wieder zart über mein Gesicht wischt oder mir den Nacken betupft. Ab und zu ist es ihm selbst zu heiß, dann springt er kurz in eine der bunten Wäschewannen, um mich danach erfrischt weiter zu begleiten. Der Hessische Leichtathletik Verband hat empfohlen, Volksläufe im Zweifelsfall ausfallen zu lassen, sollten die Temperaturen allzu sehr in die Höhe schießen. In Stierstadt begegnet man dem Wetter nicht nur mit zusätzlichen Wasserstationen, auch ist der Zielschluss praktisch unbegrenzt. Niemand soll hetzen müssen. Der Sprecher im Stadion hat alle ermahnt, die Bestzeitenjagd zu verschieben und langsamer zu laufen. Da es, wie gesagt, beinahe schneit, finde ich diese Vorsichtsmaßnahmen ausreichend. Die Steigungen nehme ich mit großem Respekt und tue so, als wäre dies ein einfacher Trainingslauf am Sonntag morgen. Nach 10 Kilometern zeigt meine Uhr beinahe 1:02. Das ist langsam, aber so muss es sein. Das Feld zieht sich weit auseinander, manchmal habe ich sogar das Gefühl, zu den letzten zu gehören. Als Preisträgerin des goldenen Besenwagens fürs Laufen im letzten Drittel macht mir das nichts weiter aus. Nach einer Weile regnet es ein paar nutzlose, verwirrte Tropfen, die vermutlich aus einer offenen Wolkentür gefallen sind. „Kinder, ich hab euch doch gesagt, wir regnen entweder alle oder keiner!“ Nach der himmlischen Standpauke regnet sofort keiner mehr und es bleibt weiter trocken. Mein Laufhemd ist trotz bester Funktionsqualität klitschnass und kalt und das finde ich nicht so doll, wie warm es auch immer sein mag. Aber irgendwann kommt eben selbst das coolste Hemd ins Schwitzen. Der zweite große Anstieg strengt noch einmal sehr an. Nicht, dass es weh täte, oder der Atem rasselte. Es ist mehr wie das Laufen in eine große Wattewand, in der man stecken zu bleiben droht. Eine Läuferin, mit der ich ein kleines Duell lief, überholt mich schließlich und ich habe ihr nichts entgegen zu setzen. Einige Läufer, die ich noch überholen kann, sind stehend k.o. Sie kommen kaum noch vorwärts. Am Ende, zum Sportplatz hin, muss noch eine steile Rampe genommen werden. Ich schiebe die Wattewand Zentimeter um Zentimeter. Mit bleiernen Gliedern komme ich nach 2:09 Minuten ins Ziel. Bestimmt der langsamste Halbmarathon seit 10 Jahren. Obwohl ich müde bin, merke ich den Unterschied: der Kreislauf ist völlig im Lot, es gibt keine Gänsehaut, kein Kopfkribbeln, wie ich es schon bei starker Anstrengung in hohen Temperaturen erlebt habe. Das Herz ist schnell wieder ganz ruhig und die Beine gehorchen. Ich fühle mich gut. Ich war vorsichtig und bin belohnt worden. Das macht froh. Mein Trainingspartner war deutlich zügiger und wringt sich noch immer aus, während ich als Preisträgerin des goldenen Handtuchs für schnelle Trocknung praktisch wie aus dem Ei gepellt bin. (Möglicherweise allerdings aus einem Osterei mit klebriger Füllung).

Der gebunkerte Streuselkuchen hält dem Vergleich mit dem Kuchenangebot aus Bonames nicht Stand (aber welcher Kuchen tut das schon?).

Stierstadt 2010 Kuchen

Die Erholung tut wohl und die Siegerehrung macht viel Spaß. Die Gewinner erhalten nicht nur eine Medaille oder einen Pokal und eine Urkunde, sondern eine riesige Tüte mit Läufergeschenken.

Stierstadt 2010 Siegerehrung

Das ist übrigens nur die kleine Version der Tüten.

So sehen Sieger aus.

So sehen Sieger aus.

Die riesige Tüte ist natürlich nicht voll, aber es sieht fantastisch aus, wie die Köpfe und Arme der Läufer in einem 1-Zimmer-Appartement mit Henkel verschwinden, um danach mit einer winzigen Gummibären-Tüte wieder aufzutauchen. Für die Altersklassenersten gibt es sogar Taschenrechner. Und was braucht man heutzutage dringender? Da auch mein Trainingspartner eine Tüte bekommt, werde ich Zeuge einer der schönsten Läufergeschenk-Kombinationen überhaupt: zwei Tütchen Gummibärchen (klein), ein Schweißband (Aufdruck Siemens VDO), ein Werbekugelschreiber eines Herstellers für Bankensoftware, ein Glas ungarischer Akazienhonig und eine Dose gemahlener Pfeffer (mit Preisschild 1,89 Euro).

Stierstadt Siegertüte

Während der Siegerehrung trifft mit weitem Abstand nach 3:06 Minuten der letzte Läufer ein. Er wird mit trommelndem Applaus und einem Spalier gefeiert. Es scheint, als ginge der goldene Herzfrequenzmesser für vernünftiges Laufen in diesem Jahr an ihn.

So auch.

So auch.

[stextbox id=“info“ color=“696969″ bcolor=“ffdead“ bgcolor=“f5f5f5″]Mehr zu Lauf und Veranstalter gibts hier.[/stextbox]

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11Antworten um “Mit dem Kopf durch die Watte.”

  1. Matthias Walz Says:

    Wieder mal ein wunderbarer Text. Ich verleihe Dir hiermit das goldene Diktiergerät für geniale Laufberichterstattung! Tadeeeh Tadeeeh Tadeeeh

  2. Heimar Schroeter Says:

    Der erste ‚vernuenftige‘ Laufbericht. Gratulation.

  3. Heike Says:

    Genau .. genau.. genau.
    Ich liebe deine Laufberichte

  4. w Says:

    Sehr schöner Bericht, ich war auch dabei und hab’s genauso erlebt… Es war weder flach noch kühl.

  5. sportopfer Says:

    Man fragt sich ja ein wenig, ob die Veranstalter ein bisschen Wirr von der Hitze waren als sie die Tüten zusammenstellten. Ich meine… Pfeffer?!

  6. fluffy Says:

    Schöner Bericht – aber diese Tüten sind ja urig. Pfeffer…lol

  7. Eumi Says:

    Ich habe Deine Website erst gestern entdeckt – ist rundum super!

    Und „Streckenlegasthenikerin“ – einfach nur genial!

  8. Pierle Says:

    Danke für diesen schönen Laufbericht!

    Ich konnte mir doch das ein oder andere Schmunzeln nicht verkneifen 😉

  9. Daniel1063 Says:

    Wieder einmal ein toller Bericht und schöne Fotos.
    Gruß, Daniel.

  10. Joachim Says:

    Na dann habe ich mich also doch nicht geirrt, als ich eine Dame mit mir bekanntem Namen („Ist das am Ende DIE Frau Schmitt?“) gegen 2:09 die Rampe hochsprinten gesehen und gehört habe (wurde ja jede(r) angesagt)

    Wetter war wirklich nur suboptimal (hätte schlimmer sein können, klar), nach dem Warnungen auch des Veranstalters bin ich es dieses Jahr nur langsam angegangen und habe 17 Minuten länger als sonst gebraucht :-(((

    LG

  11. Anja Says:

    Hallo,

    super klasse Bericht. Genau so habe ich mich auch gefühlt. Im nachinein kann ich echt herzhaft über diese Berichterstattung lachen, einfach super gut!!!!!


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