RSS

Vom Laufen und Mensch bleiben.

Do, Mrz 17, 2016

Schnipsel

Vom Laufen und Mensch bleiben.

Diesen Beitrag wollte ich eigentlich schon am 20. Oktober 2015 schreiben. Aber man glaubt immer, keine Zeit zu haben und dass andere Dinge wichtiger sind. Vielleicht habe ich auch gehofft, dass bald alles besser würde, aber das trat nicht ein. Alles wurde schlimmer. Am 20. Oktober berichtete die Facebook-Seite von laufen.de, man habe leider das Foto eines Läufers entfernen müssen. Der Läufer habe ein T-Shirt mit der Aufschrift „Refugees welcome“ getragen und wurde nun von persönlichen Anfeindungen und Hass überrollt. Wegen der Aufschrift auf einem T-Shirt, die seine Haltung repräsentiert. Der Läufer hat darum gebeten, dass das Foto entfernt wird.

Ich konnte das kaum glauben. Die Anfeindungen kamen aus der Läufer-Community. Aber Läufer würden so etwas doch nicht tun! Ich habe ein hohes Ideal vom Läufer, von Sportsgeist und Miteinander. Laufen ist ein besonderer Sport. Er ermöglicht es, ganz für sich zu bleiben, den Sport ohne Anschluss an eine Mannschaft auszuüben. Eine Ego-Sportart ist es deshalb beileibe nicht, wie ich auch hier schon einmal geschrieben habe. Das Gemeinschaftsgefühl bei Volksläufen ist groß, weil alle das gleiche Ziel teilen. Und es gibt unzählige Geschichten, bei denen Läufer anderen zu Hilfe geeilt sind und ihre eigenen Zeitziele haben liegen lassen. Läufer helfen anderen auf, wenn sie stürzen, sie bleiben bei Kollabierten bis der Rettungswagen kommt, sie leisten erste Hilfe, sie geben von ihrem Getränk ab, sie spenden Menschen Mut und Zuspruch, die sie nicht kennen. Sie stehlen nichts aus Umkleidekabinen, sie feuern die Letzten und Langsamsten an. So sind meine Läufer. Eine altmodische Verkörperung von Sportsgeist. Niemals würden solche Leute jemanden anfeinden, weil er Menschen, die in Not sind, ein Willkommen zuruft. Allerdings muss man sich wohl mit der vielleicht nicht überraschenden, aber deshalb nicht minder schmerzhaften Erkenntnis auseinandersetzen, dass sich auch unter Läufern Arschlöcher befinden können.

Refugees and migrants walking the dusty road in the rain to the reception center of Presevo, Serbia

Es gibt keinen Grund, in die Details der Politik einzusteigen, das ist gewiss auch nicht die Aufgabe dieses Blogs. Es gibt nur eines, was ich sagen will. Mein ganzes Läuferleben hindurch hat mich die Erkenntnis begleitet, mit Glück gesegnet zu sein. Das Glück laufen zu können wie, wann, wo und wie weit ich will. Laufen ist Freiheit, das Glück, gesund zu sein. Jeder Läufer, der einmal ernsthaft erkrankt war, weiß das. Diese Anwesenheit von Glück macht Laufen zu einem Lebensgefühl.

Während dieses Glück körperlich spürbar ist, bleibt ein anderes oft abstrakt. Das unverschämte Glück, in ein Land hineingeboren zu sein, in dem weder Krieg noch Hungersnot herrschen. Es ist nicht unser Verdienst, es ist purer Zufall. Wir haben Schwein gehabt, andere nicht. Wir haben nichts dazu beigetragen. Es gibt auch keinen Grund, sich etwas auf unsere Gene zu trommeln. Ob sich in unserer Ahnenreihe Mörder, Plünderer und Vergewaltiger tummeln, wissen wir nicht. Dass es in unseren Familien eine große Anzahl KZ-Aufseher gegeben haben muss, das wissen wir wohl. Es gibt keinen Grund, besonders Stolz zu sein, dass man als Deutscher geboren wurde. Nicht mehr und weniger, als wenn man Spanier wäre oder Italiener, Türke oder Syrer.

Wir mögen unser Zuhause und das zu Recht. Flüchtlinge mögen ihr Zuhause auch, aber es gibt dort keine Gegenwart und keine Zukunft für sie. Auch Deutsche waren schon auf der Flucht und darauf angewiesen, dass man sie freundlich aufnimmt. Es ist das unterste Level der Menschlichkeit, dass man jemanden, der alles verloren hat, willkommen heißt. Es gehört zum kleinen 1×1 des Menschseins. Wenn man andere deswegen anfeindet, müssen einige Verschaltungen im Oberstübchen nicht mehr richtig funktionieren. Es ist unanständig.

Läufer sind in diesen Tagen besonders gefragt, weil sie so gut integrieren können. Laufen macht uns alle gleich, aus diesem Geist speist sich das großartige Gemeinschaftsgefühl beim Marathon. Wer wir sind, woher wir kommen, was wir verdienen oder welches Auto wir fahren, ist beim Laufen egal. Mit dieser integrativen Kraft müssen wir in die Zukunft sehen. Viele Initiativen und Lauftreffs zeigen, wie es geht. So wie die Organisation CCME, für die sich der Läufer und Pfarrer Thomas W. Stephan seit Jahren engagiert. Das, was uns alle tatsächlich von den Geflüchteten unterscheidet, bringt er auf den Punkt: „Wir laufen zum Spaß – Flüchtlinge um ihr Leben.“

Thematisch dazu passend meine Leseempfehlung auf diesem Blog: Laufen ist Zukunft.

Titelbild: © wabeno – istockphoto.com

8Antworten um “Vom Laufen und Mensch bleiben.”

  1. Schauläufer Says:

    Sorry. wenn es nicht den Mainstream trifft, dass alle Probleme dieser Welt von Deutschland gelöst werden müssen. Vertreibung ist ne Sauerei, da gehe ich mit. Aber wir können nicht jede Ungerechtigkeit dieser Welt lösen. Dafür gibt es Glaube und die zugehörigen REligionen. Die christliche Welt muss auch Andersgläubigen helfen. Soweit so gut. Das ist aber eine Einbahnstraße, da es auch Religionen gibt die dafür herhalten müssen, Machtansprüche zu stellen. Auch die christliche Wertvorstellung stand in der Vergangenheit dafür. Zwischenzeitlich sind sie eher unter Artenschutz zu stellen. Wenn die Zuwanderung anhält verschieben sich diesbezüglich moralische Wertvorstellungen unserer offenen Gesellschaft und es ist zu befürchten, dass das Land in dem wir geboren wurden künftige Generationen nicht mehr ohne Angst aufwachsen können und flüchten. Wohin ist dann die Frage.
    Zürück zum Läufer. Meine Meinung. Politische Statements und Sporliche Veranstaltungen sollten getrennt bleiben. Weil sportliche Wettkämpfe dafür nicht das geeignete Medium darstellen. Ich sag nur Olympia. Die Boykotts der Nationen in der Vergangenheit per politischem Dekret haben keinem geholfen. Oder?

  2. Oliver Says:

    Lieber Schauläufer: Nein. Weder muss Deutschland alle Probleme der Welt lösen noch läuten Flüchtlinge den Untergang der westlichen Welt ein. Es wird auch keinen moralischen Werteverfall geben. Im Gegenteil: Empathie und Hilfsbereitschaft verhelfen uns eher wieder dazu, unserer kapitalistisch-geprägten Moral mal wieder einen Realitäts-Check zu verpassen und uns wieder auf christliche und wichtige Werte zu besinnen.

    Und: Angst muss ich auch nicht haben und zukünftige Generationen einzig und allein vor Aluminium-Müllhalden, Klimakatastrophe und Trinkwasserknappheit. Mit Verlaub, Du erzählst da ziemlichen Müll.

    Es geht auch anders: Lutz [1] läuft jeden Tag. Er ist hier im Ort (und im km-spiel) mit seinen 25k/Tag ein beeindruckende Gestalt. Ab und zu laufe ich mit und es kommen sogar zwischendurch Leute aus anderen Orten, um mit ihm mal „um die Talsperre“ zu rennen. Seit Monaten macht er nun laufende Deutschkurse mit Flüchtlingen. Inkl. Hilfe bei Amtsbesuchen und weiteren Tätigkeiten. Kostet nix, hilft bei der Integration und macht das Morgen besser als das Heute. Bitte mal einfach drüber nachdenken.

    [1] http://balschuweit.de/blog2/2016/03/13/rahul-oliver-bulbul-tolga-masood/

  3. Frauschmitt Says:

    Man kann es Politik nennen oder Einstellung – vom Leben ist es jedenfalls nicht zu trennen, also auch nicht vom Sport. Zumal der Sport dafür steht, die Völker zu verbinden. Sorge ist eine Sache, Anfeindung eine ganz andere. Zu uns kommt nicht der Islam, zu uns kommen Muslime. Übrigens nicht nur, sondern auch Christen, Jeziden, Hinduisten, Konfessionslose und andere. Wie sollen sich Christen fühlen, die vor dem IS geflohen sind und nun hier als islamische Bedrohung beschimpft werden? Was viele Deutsche unter „christlicher Wertvorstellung“ verstehen, kann man in Sachsen besichtigen. Selten wurde der Begriff „christlich“ mehr missbraucht. Und das von Menschen, die Jugendweihe gefeiert haben und mit dem Christentum soviel am Hut haben wie ich mit Bungee-Jumping.

  4. Schauläufer Says:

    Lieber Oliver,

    mit deiner Formulierung „Mit Verlaub, Du erzählst da ziemlichen Müll“ zeigst du mir wie tolerant du bist beim sachlichen Meinungsaustausch. Wie war das noch mit der Auslobung deiner sozialen Kompetenz an die deutsche Bevölkerung: „uns wieder auf christliche und wichtige Werte zu besinnen“. Was sind christliche Werte? Wenn es gar christliche und wichtige Werte sind. Gibt es unwichtige christliche Werte? Wie sind diese nun definiert und wer definiert. Der Staat? Die Kirche? Welche der Kirchen? Die mit dem Unfehlbaren aus Rom? Oder die Glaubensrichtung deren Gründervater sich dagegen gewehrt hat. Besteht Deutschland nur aus christlichen Werten? Gelten in Deutschland nur christliche Werte? Gelten diese eigentlich auch außerhalb Deutschland? Und so weiter… Vielleicht ist dir was aufgefallen. Mir jedenfalls ist aufgefallen, dass es dir darum ging zu sagen. Wir Deutschen sind verpflichtet so zu handeln wie wir es derzeit tun mit den einreisenden Asylbewerbern. Kritik oder andere Meinungen stören da nur. Merkelsches Basta. Schließlich gibt es so wie von dir aufgezeigt ja auch positive Fälle und damit allen claqueuren Buße getan.

  5. Oliver Says:

    Ich denke, hier ist nicht der richtige Ort zur Diskussion. Aus der Anonymität heraus zu argumentieren, kann man meines Erachtens schwerlich als sachlichen Meinungsaustausch bezeichnen. Ich halte Empathie und Hilfsbereitschaft für wichtig. Und wenn jemand seine Einstellung zur Hilfsbereitschaft auf einer öffentlichen Sportveranstaltung kundtut und dann gerichtet wird, dann glaube ich, dass hier (bei den Läufern, in Deutschland, egal wo) etwas gewaltig nicht stimmt.

  6. claudia Says:

    Hallo … kann frauschmitt und oliver nur beipflichten.
    als DDR-Jugend-geweihte kümmere ich mich seit vielen Jahren ehrenamtlich um einen Kirchpark, ohne klassisch christlich zu sein, unterstütze Flüchtlinge (ua eine Berliner Läufergruppe), will sagen, ich weiß um meine GNADE DER GLÜCKLICHEN GEBURT, und bin sehr sehr froh, nicht auf der Flucht sein zu müssen. Mein Vater war es 1945 und fand 4 Jahre später endlich eine neue Heimat in Thüringen. Meine Großeltern haben sich nie davon erholt.
    Ich bin froh, nach der Arbeit in ein friedliches Zuhause kommen zu können. Es ist nicht unbedingt normal, es ist HIER so. Ich kann vielleicht christliche Werte nicht 100prozent definieren, ich würde es alternativ menschliche Werte nennen. Wir haben über Jahrhunderte diese Kultur/diese Werte entwickelt, auf welchen zum Teil missionarischen Wegen haben wir auch begriffen.
    Wie unmenschlich der Terror ist, bekommen wir – siehe Brüssel – auch hier immer mehr zu spüren, wie muss es da sein, wo er täglich wütet. Frau Merkel kämpft um eine Lösung, und da ist ein Basta nur konsequent.

  7. Haasky Says:

    Liebe Heidi,

    ich danke dir, dass du hier wieder mal eine Verbindung hergestellt hast zwischen unserem Sport / unserer Leidenschaft und einer Einstellung, die sich an unserer Zielvorstellung von Menschlichkeit orientiert.

    Ich habe keinen Zweifel, dass jeder Kommentator deines Artikels einem Verletzten auf der Strasse ohne Ansehen von Person / Geschlecht / Religion / Herkunft ohne Zögern helfen würde. Ich sehe aber auch, dass unser Kopfkino in jedem ganz unterschiedliche Vorstellungen von der Zukunft erzeugt („moralische Wertvorstellungen unserer offenen Gesellschaft verschieben sich“ vs. „Empathie und Hilfsbereitschaft verhelfen uns dazu,…,uns wieder auf christliche Werte zu besinnen“).

    Ich weiß nicht, wohin wir kommen werden, wenn wir sehr viele Flüchtlinge aufnehmen. Ich erwarte aber, dass in Folge der Klimaveränderung noch sehr viel mehr Menschen anfangen werden, ihre Heimat zu verlassen, und hoffe, dass wir (Deutschen, Europäer, die anderen reichen Länder) genug Platz und Mitgefühl für sie finden werden. Behandeln wir sie einfach so, wie wir behandelt werden wollten, wenn wir selbst auf der Flucht wären!

    Liebe Grüße
    Wolfgang

  8. A. Kohlmann Says:

    Ganz besonders christlich ist die Angst um den Verlust der christlichen Kultur, anstatt darüber nachzudenken, dass derjenige, der wirklich Christ ist, sich um die Evangelisation kümmern sollte. Nichts einfacher als das, wenn man zu fremden Menschen fremder Religionen nicht hingehen muß, sondern sie zu uns kommen!

    Na ja, Christ zu sein oder sich deshalb Christ zu nennen, weil man Kirchensteuer zahlender Deutscher ist und der Caritas einmal im Jahr ein paar Schlechtes-Gewissen-Euros in die Totensonntagsspendenbüchse wirft, sind halt zwei paar Sandalen.

    Ich bin übrigens wegen meines österreichischen Dialektes im Kindergarten von der Leiterin dafür verprügelt worden, weil sie meinen Dialekt nicht verstand. War ein christlicher Kindergarten. Die Leiterin eine Ordensschwester. Bin trotzdem Christ – allerdings aus der Kirche ausgetreten.


Einen Kommentar schreiben