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Wege zum Glück. Teil 2: Winken.

Do, Mai 1, 2014

Schnipsel

Wege zum Glück. Teil 2: Winken.

Als wir klein waren, haben wir dauernd gewunken. Für Fotos oder der Oma oder einfach so. Nachdem wir erst mal kapiert hatten, wie es geht, haben wir es dauernd ausprobiert, auch bei fremden Leuten im Supermarkt. Wir wollten Beachtung und Zuwendung und mit dem Winken bekamen wir das sofort. Jetzt sind wir erwachsen und wollen immer noch Beachtung und Zuwendung, aber wir winken deswegen nicht mehr. Jetzt winken wir auf Bahnsteigen und in Flughäfen. Zum Beispiel wenn jemand geht, den wir eigentlich nicht gehen lassen wollen. Wir winken hinter Absperrungen und Autos nach. Wir winken auch, wenn wir jemanden verlassen, der zu krank oder zu schwach ist, um uns zur Tür zu bringen. Fremden Menschen winken wir eigentlich nicht mehr zu, es sei denn, es sind kleine Kinder oder es ist Karneval und wir stehen auf einem Motivwagen.

© Köpenicker - Fotolia.com

© Köpenicker – Fotolia.com

Als Läufer aber haben wir die Lizenz zum Winken. Wenn wir bei Volksläufen unterwegs sind, den langen, langsameren, dann bietet sich plötzlich die Gelegenheit. Besonders, wenn wir durch Ortschaften laufen oder unter Brücken hindurch, auf denen Menschen stehen. Dann ist der Impuls wieder da, mit einem fremden Menschen eine Verbindung aufzunehmen. Im normalen Leben wäre es peinlich und es würde auch nicht gelingen. Wer winkt schon jemandem zu, der trübe aus dem Fenster guckt. Aber mit einer Startnummer auf dem Bauch sieht die Sache anders aus. Zuerst antwortet man am besten auf das Winken eines Kindes am Fenster oder auf dem Balkon, das geht am einfachsten und ist kein bisschen peinlich. Schließlich geht es ja um das Kind. Nach dieser Generalprobe kann man sich daran machen, selbst den Arm zu heben und den ersten Schritt zu wagen. Sofort ist sie wieder da, die kindliche Neugier. Ob der andere wohl zurückwinkt? Für zwei Sekunden entsteht eine Beziehung zu jemandem und in diesen zwei Sekunden werden prompt alle Erwartungen an diese Beziehung erfüllt. Wäre es doch nur bei allen Beziehungen so einfach! Ein Lächeln, ein Gruß wirkt manchmal ebenso gut wie eine Verpflegungsstelle und trägt einen über den nächsten Kilometer. Jemand hat an uns gedacht. Das genügt. So verdichtet, so schön und so hilfreich können Begegnungen sein. Ihre Bedeutung speist sich aus ihrer Vergänglichkeit.

Erwachsene haben selten Zeit und Muße, solche Begegnungen zu schätzen. Es ist nur ein scheinbarer Widerspruch, dass ausgerechnet Läufer, denen man vorwirft, unnötigerweise zu hetzen, besondere Chancen haben, den Moment zu genießen und kindliche Freuden dem Vergessen zu entreißen.

Titelbild: © bernanamoglu – Fotolia.com

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4Antworten um “Wege zum Glück. Teil 2: Winken.”

  1. Markus Says:

    Da gebe ich dir ganz dolle recht! Jetzt wo ich Vater bin lerne ich das alles auch erst wieder neu!
    Und wenn ich laufe achte ich mehr wie davor drauf Menschen zu grüßen, anzulächeln oder zumindest die Hand zu einem Gruß zu heben wenn anderes nicht mehr geht.
    Freundlichkeit steht unter Läufern wahrlich hoch im Kurs und ich hoffe dass es so bleibt!

  2. Wiesel Says:

    Wie wahr.

    @ Markus Wobei das „Grüßen“ unter Läufern schon sehr von der Strecke abhängt. Es gibt sie eben auch die chronischen Nichtgrüßer 🙂

  3. Susi Says:

    Hallo Frau Schmitt,

    ich musste so schmunzeln als ich den Artikel gelesen habe 🙂 Jedes Mal beim laufen beobachte ich andere Läufer und ihre Reaktion auf meinen „Wink“ 🙂
    Die meisten scheinen doch immer noch sehr überrascht, wenn man nett lächelt und die Hand hebt…Manche zeigen sogar gar keine Reaktion… Manchmal macht mich das sogar „sauer“, weil ich ja auch angestrengt bin und ich trotzdem 2 Sekunden meiner Zeit „opfere“… Da ist eben bei offiziellen Läufen anders, da klatscht man sogar ab … Das ist super 🙂

  4. Umami Says:

    Oh ja!
    Beim letzten Volkslauf habe ich jedem gewunken, der mir gewunken hat, oder angefeuert hat.
    Vielleicht liegt es auch daran, dass meine Mutter in meiner Kindheit immer sagte: „Hast du schonmal einen Jogger lachen sehen?“
    Ja, mich!


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