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Das Schneekettenmassaker.

So, Dez 19, 2010

Nützliches, Produkttests

Das Schneekettenmassaker.

Wenn es eine Flocke schneit, verspätet sich die Bahn. Bei 3-5 Flocken drehen Autofahrer durch. Bei 10 Flocken und mehr fallen Flüge aus. Doch erst ab 470 Trilliarden Flocken pro Quadratmeter wird es mit dem Laufen langsam schwierig. Vor allem, wenn der in Deutschland beliebte Wechsel aus Tauen und Frieren Eisschichten unter den Schnee mogelt.

Schnee 12-10

Als willfähriges Opfer der Werbung habe ich mir deshalb in diesem Winter im Frankfurter Laufshop ein Paar Yaktrax Pro „Schneeketten“ gegönnt. Das Pro steht für „Professional“ und das bin ich ja grundsätzlich. Es gibt noch eine poplige Variante Yaktrax, die weniger robust ist und eher zum Gehen empfohlen wird. Also keine Frage: Yaktrax Pro.

Yatrax 10

Die Schneeketten für Läufer bestehen aus einem Geflecht aus Naturkautschukbändern, das im Bereich der Sohle mit einer Stahlfeder ummantelt ist. Gelegentlich liest man, das Produkt würde übel riechen, was ich nicht bestätigen kann. Es riecht einfach nach Gummi. Noch kein Grund, Öko Test anzurufen. Pro Fuß wiegt so ein Ding etwa 70 Gramm. Nicht viel. Da man sie vermutlich zum Tempotraining ohnehin eher weniger benutzen wird, ist das Gewicht meiner Meinung nach zu vernachlässigen.

Yatrax 1

Eine genaue Anleitung, wie man die Yaktrax anlegt, liegt der Packung nicht bei. Den meisten Männern würde das sicher nie auffallen, aber ich lese Anleitungen gerne. Ich frage auch nach dem Weg. Aber das ist ein anderes Kapitel. Für Männer ist die Handhabung der Yaktrax sowieso einfacher – man braucht nämlich etwas Kraft. Schließlich steht der Kautschuk unter Spannung und da muss man schon ordentlich ziehen. So ganz schwuppdiwuppdi, wie überall geschrieben, geht das nicht von der Hand. Als erstes lege ich die Kette prompt falsch herum an, weil ich naiverweise denke, ich sollte den Schriftzug lesen können. Aber natürlich sollen ihn alle anderen lesen und sich augenblicklich auch solche Teile kaufen. Hätt ich mal nur wie ein Hersteller gedacht …

Yatrax2

Man kann die Ketten anlegen bevor oder nachdem man sich die Schuhe anzieht bzw. angezogen hat. Ich will den richtigen Sitz der Yaktrax überprüfen, ohne komplizierte gleichgewichtsgefährdernde Yogaübungen vorzunehmen, und mache es deshalb vorher. Die Schuhe sollten dazu halbwegs sauber sein – wenn einem Erdbrocken um die Ohren sausen, macht es weniger Spaß.

Ich ziehe die Schuhe an und stakse vorsichtig durch die Wohnung. Wer Parkettboden hat, sollte das besser nicht tun, wenn er nicht ein hübsches Stahlfedernmuster im Boden haben möchte. Das Gehgefühl ist nicht unangenehm und jeder Schritt macht ein metallisches Geräusch.

Im Schnee hört man davon freilich nichts mehr. Ich mache mich auf, um die Yaktrax auf einer meiner Hausstrecken zu testen. Es hat in der Nacht geschneit, es sind -2 Grad und es erwarten mich unterschiedlichste Streckenabschnitte: geräumte oder teilgeräumte Bürgersteige, eine weichgetretene dünne Schneedecke, festgetrampelte 10 Zentimeter und tiefer Schnee, der einen zum Teil bis zum Knie einsinken lässt. Dazwischen einige wenige eisige Passagen. Die Yaktrax können also zeigen, was sie können.

Yatrax 3

Ich trage Brooks Cascadia, meine Nummer 1 bei Schnee. Es sind meine festesten, robustesten Schuhe. Die erste positive Überraschung zeigt sich schon nach wenigen Metern: ich muss meinen Laufstil nicht ändern. Ich mache kurze Schritte und trete beinahe mit dem ganzen Fuß auf, das passt zum Laufen im Schnee und auch zu den Schneeketten. Ich laufe ganz normal. Auf geräumtem Bürgersteig spüre ich, dass ich eine Winzigkeit höher stehe als normal, aber nur dort. Im Schnee ist das Laufgefühl ohnehin anders und das mit dem direkten Bodenkontakt hält sich bei den kippeligen Verhältnissen auf unebenem weichem Untergrund sowieso in Grenzen.

Auf der ersten „angematschten“ Passage merke ich einen deutlichen Unterschied zum Laufen ohne Schneeketten. Ich rutsche viel weniger nach hinten oder zur Seite weg, das Laufen ist „normaler“ und damit trotz fiesen Verhältnissen nicht allzu kraftaufwendig.

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Auf dem Weg zum Mainufer sind noch wenige Menschen unterwegs gewesen, der Schnee ist teilweise sehr frisch und für Frankfurter Verhältnisse geradezu sibirisch tief. Hier können mir die Yaktrax nicht sehr viel helfen – der Fuß muss nun mal rein in den Schnee und mit kräftigem Kniehub wieder raus. Das kostet Kraft. Die Yaktrax sorgen dafür, dass das jeweilige Standbein eine sichere Position hat, mehr können sie nicht tun. Auf dem etwas flacheren Trampelpfad macht es wieder richtig Spaß – kein Wegrutschen, deutlich weniger Eiern als ohne Schneeketten.

Als ich einen kleinen Abhang hinunter flitze, denke ich endgültig, dass sich die Ausgabe von knapp 30 Euro gelohnt hat. Bergab fühle ich mich sicher und absolut trittfest. Später muss ich einen längeren Abschnitt bergauf. In Oberrad hat man jedoch den schwarzen Gürtel im Schneeräumen – jedes Stückchen Bürgersteig ist sauber gefegt. Keine Chance für einen Schneeanstieg.

Yatrax 5

Kurz vor dem Stadtwald darf ich dann doch noch im dicken Schnee bergauf laufen. Auch hier zeigen die Schneeketten ihre Stärke – ich verliere kaum Kraft durch lästiges Wegrutschen, der Fuß findet sicheren Halt. Super. Ausgedehnte Eispassagen gibt es auf meinem Weg nicht, doch ein kurzes Eisstück an einer Unterführung gibt Grund zu Optimismus – hier rutscht nichts, noch nicht mal ich.

Schnee2 12-10

Nach einer Stunde und zwanzig Minuten beende ich meinen Testlauf. Durch die Ausweichmanöver in den tiefen Schnee beim Überholen von Spaziergängern bin ich ziemlich im Eimer. Laufen im Schnee bleibt auch mit den Yaktrax ein Training von Ausdauer, Kraft und Koordination. Aber das elende Gefühl, im rutschigen weichen Schnee nicht richtig vorwärts zu kommen oder zur Seite wegzusemmeln, hatte ich kein einziges Mal. Weit und breit kein Schneekettenmassaker. Aber hätte ich deshalb auf diese wunderbare Überschrift verzichten sollen?

Yatrax 9

Mag sein, dass die Yaktrax meinem Laufstil entgegen kommen. Wer sehr vorfußbetont läuft, muss sich möglicherweise etwas umstellen, weil das Abrollgefühl ein anderes ist. Für mich war der Unterschied praktisch nicht zu spüren.

Die Vorteile nochmal auf einen Blick:

  • Sicheres und kraftsparendes Auftreten an Steigung und Gefälle
  • Kein unsicheres Eiern in sehr weichem oder matschigem Schnee
  • Trittsicherheit bei eisigen Passagen
  • Keine nennenswerte Behinderung bei Laufen auf geräumtem Asphalt

Nachteile gab es für mich keine.

Ich bin nicht sicher, ob Streusalz das Kautschuk auf Dauer nicht angreift. Deshalb machen es meine Yaktrax Pro nach dem Lauf einfach wie ich: sie gehen erst mal duschen.

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12Antworten um “Das Schneekettenmassaker.”

  1. Heike Says:

    Ja ja ja … Ich liebe die Teile seit letzten Winter schon sehr :-).
    Einzig auf Glatteis ziehe ich meine Spikies vor.

  2. Till Says:

    Die Yaktrak Pro sind super zum Laufen. Schwachstelle ist allerdings nicht das Gummi, sondern die Metall-Spiralen, die nach einiger Zeit (ein paar hundert km) brüchig werden. Wenn man nicht aufpasst, zerkrazt man sich dann ordentlich die Waden. Rost wars in meinem Fall übrigens nicht.

    Wer die Yaktraks wie Laufschuhe als Verschleißartikel sieht, wird mit ihnen zufrieden sein. Und, wenn die Alternative Laufband droht, sind sie jeden Cent wert.

  3. Sandra Says:

    Ich habe mir die Teile am Freitag bestellt. Bin schon gespannt.

  4. Kylie Says:

    Tja, ich habe sie noch nicht, dafür habe ich all die Unannehmlichkeiten, die Du erwähnst, heute gespürt: Das Rutschen, Wegknicken, Schlddern, Unsicherheitsgefühl bergab wegen Glätte – volles Programm! Ich habe für 8 km 1 Stunde 3 Minuten gebraucht, das ist erschütternd. Andererseits denke ich, das schult doch Kraft, Kondition und Leidensfähigkeit:-)
    Hmmm, mal schauen. Vielleicht nächstes Jahr. Wenn der Schnee wieder bis März liegt, stößt auch meine Leidensfähigkeit an ihre Grenzen. Liebe Grüße von
    Manu

  5. w Says:

    Ich bin am Sonntag Morgen scheinbar die gleiche Strecke (Mainufer, Oberrad, Stadtwald) gelaufen. Ohne Schneeketten. Ging auch gut.

    Solche Ketten hatte meine Oma früher…

  6. Klaus Says:

    Nach der Empfehlung hier, habe ich sie mir ebenfalls zugelegt und bin froh darüber. Die Anleitung befindet sich übrigens in der Innenseite der Verpackung.

  7. Thomas Says:

    Bin heute 8 km mit den Dingern an der Nidda entlang gelaufen und hatte nicht einmal das Gefühl zu rutschen, weder auf Schnee, Eis oder Asphalt. Mal sehen wie es nächsten Freitag bei Spiridon aussieht.

  8. Doris Says:

    Ich habe die Teile bisher zweimal benutzt und bin total begeistert. Habe sie auch an der nidda getragen, ein Läufer der mrt entgegen kam hat mich vor Eis gewarnt aber ich konnte problemlos weiterlaufen. Es war super. Die 30,00 Euro waren eine gute Ausgabe

  9. Jörg Says:

    Hallo Frau Schmitt,

    habe die Schneeketten seit gestern. Sind super.

    Liebe Grüße

    Jörg

  10. Ute Says:

    Hallo zusammen,

    meine YAKTRAX PRO haben genau 69,195 km gehalten (die krumme Summe kommt von einem Marathon :-)

    Danach ging ein Quergummi vorne kaputt und eine Stahlspirale ragt gefährlich nach vorne. Bin gottseidank beim letzten 10-er nicht gefallen.

    Habt Ihr schon ähnliche Erfahrungen gemacht? Hatte normale Trailschuhe an und bin auch nicht auf Asphalt gelaufen. Habe mal den Händler angeschrieben, ob da ein Umtausch möglich ist.

    29.90 Euro für < 70 km ist awäng teuer…..überlege mir, ICEBUGS zuzulegen. Auf meine Winterkilometer umgelegt, kommen die dann günstiger.

  11. Claudia Says:

    kann deinen bericht auch nur bstätigen, liebe FS, bin seit 31.12.2010 stolze besitzerin dieser laufgehilfen und habe sie sofort intensiv genutzt, selbiges ergebnis wie bei dir: frau konnte viel flotter rennen als vorher “mit ohne”, wo permanente ausgleitgefahr bestand. einzig eine völlig vereiste kurve brachte mich dann doch fast in die horizontale, da greifen sie durch die runden spiralen nicht, aber wenn man das erkannt hat – alles GUT! tolle sache, dem erfinder sei gedankt!!! hoffentlich halten sie länger als bei ute…

  12. Göran Says:

    Ich hab mir letzten Winter (man ist das schon lange her) die Yaktrax geholt und bin absolut begeister.
    Für mich fühlt sich das laufen mit so an, wie auf geräumter Strecke ohne.
    Allein die entgeisterten Gesichter, wenn man an Passanten vorbei heizt sind das Geld wert.


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