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Von Gedächtnisschwund, Handys und Flatterhemdchen.

Von Gedächtnisschwund, Handys und Flatterhemdchen.

Der Frankfurter City-Halbmarathon (2007)

BSE ist unter Läufern besonders weit verbreitet. Nur so lässt sich erklären, dass Jahr für Jahr tausende von Läufern zu einer unglaublich öden Strecke anreisen, um dort einen Halbmarathon zu laufen. Vermutlich haben sie vergessen, dass der Frankfurter Halbmarathon im März nicht mehr im Wald stattfindet, wie früher. Sondern, dass er jetzt „Cityhalbmarathon“ heißt. Da stehen sie dann am Nordwestzentrum mit ihrem Hirnschwamm und denken – Mist. Das war ja diese Strecke! 

“City“ ist ein bisschen geschönt. Genaugenommen läuft man etwa 10 Kilometer aus einem reizlosen Vorort über eine abgesperrte Schnellstraße in die Stadt, trinkt einen Schluck, läuft eine Kurve, wundert sich, dass kein Mensch an der Strecke steht und rennt dann wieder 10 Kilometer zurück.
Aber heute war alles halb so schlimm. Denn heute gab es vorher Sonne, mittendrin Sonne und danach Sonne. Das nimmt selbst Frankfurts Schnellstraßen jeden Schrecken. Die wenigen Läufer, die kein BSE haben, können sich sicher noch erinnern, wie grauenvoll der Lauf hier sein kann, wenn es regnet. Oder schlimmer noch: windig ist.

Frankfurt_HM_Schatten

Am Start stehen etwa 748 Dixihäuschen, zumindest lässt das der Geruch, der auf die
Startblöcke einströmt, vermuten. Da die Toilettenlage in den Innenräumen stark entwicklungsbedürftig ist, muss das auch so sein. Zuerst startet die Elite, die an vorderster Front aus zartgliedrigen Dunkelhäutigen in bunten Flatterhemdchen besteht. Dann dürfen wir. Bei den ersten Auflagen des Cityhalbmarathons mussten sich die mit den Flatterhemdchen durch Engstellen in der Stadt quälen und kollidierten unweigerlich mit Laufwalküren, bei denen allein die Kopfhörer soviel wogen, wie der ganze Zartgliedrige. Das gab Ärger und so hat man sich etwas einfallen lassen. Man läuft jetzt am Nordwestzentrum eine kleine Schleife – mit Wendepunkt. Es ist so, wie es klingt: langweilig.

Frankfurt_HM_Sonne

Ich fange an, nach Ablenkung zu suchen und beschließe „Ich sehe was, was Du nicht siehst“ zu spielen. Leider spielt keiner mit und da verliert das Spiel schnell seinen Reiz. Ich sehe ja immer gleich, was ich sehe: Neongelbe Hemden, schiefgelatschte Schuhe, die neue Laufjacke von Tchibo, die alte Laufjacke von Tchibo, das Laufkapuzenshirt von Tchibo, die neuen Laufhosen von Tchibo. Auch nicht sehr aufregend. Deshalb bin ich froh, als mir unvermutet früh der erste Zartgliedrige entgegen- geschossen kommt. Ich bin noch längst nicht in der Stadt und er schon wieder auf dem Heimweg. Donnerwetter.

Frankfurt_HM_Sieger Frankfurt_HM_Siegerin

Kurz hinter dem Ortsschild Bockenheim merke ich, dass ich ziemlich schnell bin. Das ist kein Wunder, schließlich ist seit ein paar Minuten der Leibhaftige hinter mir her. Ich kann ganz deutlich seinen Pferdefuß hören. Bum Tschack, Bum Tschack. Wenig später zieht er an mir vorbei. Der Leibhaftige kommt aus Ginnheim, wie sein T-Shirt sagt, und läuft einfach nur asymmetrisch. Ich bin beruhigt und werde wieder langsamer.

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Für Frankfurter Halbmarathon-Verhältnisse ist die Zuschauerbeteiligung geradezu enorm. Am Main steht sogar St. Patrick persönlich mit einem grünen Kleeblatthut. Ich halte ihn zumindest für einen direkten Abgesandten des irischen Heiligen. Anders ist es kaum zu erklären, dass mir der kleine Hügel auf der Strecke überhaupt nichts ausmacht.

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Danach beginnt allerdings der härteste Teil: der ganze öde Weg will wieder zurückgewatzt werden. Die ein oder andere sanfte Steigung inbegriffen. Und das, wo bei mir seit Kilometer 12 die Kopfrechnung stark schwächelt. Wie soll ich so herausbekommen, ob ich meine 1:51 gut hinkriege, die ich mir vorgenommen habe? Die Dame neben mir hat es da einfacher. Sie müsste einfach nur ihren Gesprächspartner am Handy rechnen lassen, der sie gerade zuquasselt. Eindeutiger Fall von BSE.

Schmitt_FFM_HM

Also renne ich planlos vor mich hin und freue mich über jeden, den ich überholen kann. Das sind eine ganze Menge und deshalb freue ich mich auch ziemlich. Nur Läufer schaffen das Kunststück, sich zu freuen, während es ihnen zunehmend schlechter geht. Weit darf es jetzt nicht mehr sein, sonst werde ich nicht mehr dekorativ ins Ziel laufen können. Es wird hart und ich mache blöde Geräusche, die mir unter normalen Umständen peinlich wären. Aber was ist schon normal, wenn man auf einem endlosen Betonband auf ein geschlossenes Einkaufszentrum zurennt? Ich sehe das Display und ziehe die Lefzen hoch. Boah, ist das schön. Ich habe eine saubere 1:49er Zeit geschafft. So früh im Jahr ist das großartig für mich. 

Heute werde ich mich noch ein bisschen freuen – und dann werde ich das Ganze möglichst schnell vergessen. So kann ich nämlich auch im nächsten Jahr wieder völlig unbedarft beim ödesten Halbmarathon im ganze Rhein-Main Gebiet antreten.

(Bilder mit freundlicher Genehmigung von Spiridon Frankfurt, Elke Fieger, Jörg Reiss und 
Stephan Scheibel)

[stextbox id=“grey“]Mehr zum Frankfurter City-Halbmarathon gibt’s unter: www.spiridon-frankfurt.de[/stextbox]

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Ein Kommentar um “Von Gedächtnisschwund, Handys und Flatterhemdchen.”


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  1. […] von der Strecke, ungebrochen gut, was an dem typischen „Läufer-Alzheimer“ liegt (siehe auch hier). Kaum ist eine Strecke belaufen, hat man sie auch schon vergessen und mit ihr all die damit […]

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