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Alle Jahre wieder.

So, Dez 8, 2013

Artikel

Alle Jahre wieder.

Weihnachten ist der härteste Wettkampf im Jahr. Doch statt einer guten Platzierung gibt’s nur Plätzchen. Und zum Kampf mit dem inneren Schweinehund kommt der mit der äußeren Schwiegermutter. Dabei könnte alles so einfach sein.

„Driving home for Christmas“, singt Chris Rea. Von Laufen hat keiner was gesagt. So fängt es doch schon mal an. Die Weihnachtsfeiertage fordern eine mentale Stärke von uns, wie wir sie sonst bestenfalls beim Ultralauf einsetzen müssen. Auf uns wartet eine Art Quadrathlon der Mahlzeiten, jede einzelne Etappe eine besondere Herausforderung. Und obwohl wir genau wissen, was uns erwartet – trainieren lässt sich diese Härte kaum. Eine Freundin berichtete, ihre Mutter bereite jedes Jahr ein Gericht namens „Schlossgeheimnis“ zu, eine Art Auflauf mit einer Überdosis Sahne und Käse. Das „Geheimnis“ ist demnach zwar keine Überraschung, trifft die gesamte Familie jedoch alljährlich wie ein Mann mit dem Hammer. Wollte man sich als Läufer auf Mahlzeiten dieser Art vorbereiten, wäre man bald bestenfalls als Walker unterwegs. Was nicht bedeutet, dass Läufer Asketen sind. Im Gegenteil – das berühmte Runner’s High stellt sich in der Regel oft erst beim Anblick eines vollen Glases Weizenbier ein.

Am Anfang der Feiertage ist ja auch noch alles gut. Ist Weihnachten erst einmal straff durchgeplant (am 24. bei den Schwiegereltern, am 25. mittags bei Oma, nachmittags bei der Cousine, am 26. bei den Eltern), kann Entspannung eintreten. „Jetzt wird’s gemütlich!“ ruft die Mutter beim Öffnen der Tür und die Familie ergibt sich ihrem Befehl. Man isst eine Kleinigkeit, dann trinkt man, dann isst man wieder, diesmal eine größere Kleinigkeit. Dann trinkt man wieder etwas. Von der Besinnlichkeit zur Besinnungslosigkeit ist nur ein kleiner Schritt und deshalb probiert man noch den guten Roten. „Wusstet ihr, wie viele Antioxidantien im Rotwein stecken?“ „Donnerwetter.“ Noch fühlt der Läufer sich wohl. Allerdings – ein kleiner Spaziergang wäre vielleicht nicht schlecht. „Draußen ist es so ungemütlich!“ ruft die Mutter. „Außerdem gibt es gleich Kaffee.“ Das Wetter ist wie immer an Weihnachten: acht Grad, Regen.

Der Läufer probiert alle Plätzchensorten (9) und verspürt das erste Mal leichtes Unbehagen. Vielleicht eine Art Sauerstoffmangel. Der Schwager raucht Zigarre. Beim Kirchgang hat der Läufer Glück: er darf sich bewegen. Zum Auto, vom Auto zur Kirche und zurück. Besser als nichts. Danach gibt es Essen. Das Kind quengelt. Höchste Zeit für die Bescherung. Alle in der Familie wissen, dass der Läufer ein Läufer ist. Deshalb gibt es Läufergeschenke. Eine Strickmütze aus reiner Wolle. Das große Laufbuch von Steffny, das schon zuhause im Regal steht. Und auch an Innovationen wird gedacht. Die Mutter überreicht dem Läufer Kompressionsstrümpfe mit einem herzlichen Gruß von Tante Erika. Die hat sie in der Reha in Bad Salzuflen praktisch nie getragen. Läufer haben doch jetzt sowas. Die Familie nickt, der Schwager raucht. Das Kind hat seine eigenen Geschenke zerlegt und macht sich an die der anderen, die Mutter liest ihm aus dem großen Laufbuch vor. Der Läufer spürt eine leichte innere Unruhe und spült sie mit einem Absacker hinunter. Sein letzter Gedanke auf dem schwankenden Gästebett: „Morgen geh ich laufen.“

Um 8 Uhr sitzen die Eltern am Frühstückstisch und bitten um Gesellschaft. Draußen regnet es (6 Grad). Jetzt zu laufen, anstatt die selbstgemachte Marmelade der Mutter zu probieren, würde die Eltern kränken. Nicht einmal das Tragen von Erikas Strümpfen würde versöhnlich genug wirken. Der Läufer frühstückt und bricht bald danach auf zu Oma. Denn Oma hat gekocht. Der Wettkampf geht in die zweite Phase. Die innere Unruhe und der Sauerstoffmangel nehmen zu, die Lust am Selbstgebackenen, -gebräteltem, -gekelterem und –gebrauten ab. Am Ende der drei Tage hat der Läufer mehr Alkohol getrunken als beim 100-jährigen Jubiläum seines Sportvereins, unzählige Plätzchen gegessen, die man besser als „Platz“ bezeichnen würde und die Zahl der täglichen Mahlzeiten praktisch verdoppelt. Seine Ausdauerleistung im Sesselsitzen hat sich gegenüber dem Vorjahr um 2 Stunden gesteigert, sein Bedarf an menschlicher Nähe in geschlossenen Räumen ist für Monate gedeckt. Der Läufer ist sehr, sehr unleidlich. Und träumt von einem anderen Weihnachten.

© Dario Airoldi – Fotolia.com

„Na endlich“, ruft die Mutter beim Empfang. „Es regnet gerade nicht, lass uns rausgehen!“ Die Eltern schnüren ihre Walkingschuhe und entern mit der Frau des Läufers den Park.

Der Läufer bildet mit dem Kind im Babyjogger und dem Schwager die zweite Laufgruppe. Es wird viel geplaudert und der Schwager verflucht die Zigarren. Ab und zu begegnen sich die Fraktionen. Die Walker machen sich zuerst auf den Heimweg und eröffnen das Etappenduschen. Die Mutter hat selbstgemachte Limonade gemacht, an der sich alle erfrischen. Statt der Gans gibt es Karpfen. Am Abend fließt das Weizenbier. Der nächste Morgen beginnt mit einem gemeinsamen Lauf. Der Schwager kann jetzt schon schneller und beschließt, im nächsten Jahr mit dem Rauchen aufzuhören. Es regnet (8 Grad), aber das ist egal. Das Frühstück haben sich alle verdient. Der Läufer freut sich auf die Schwiegereltern, die wohnen auf dem Land und kennen die tollsten Strecken.

Die Engel fliegen, Knecht Ruprecht fährt mit der Kutsche – lasst uns laufen.

(Erschienen in der Runner’s World November 2011.)

9Antworten um “Alle Jahre wieder.”

  1. Ariana Says:

    Was für ein genialer Beitrag – ich habe genickt, geschmunzelt und wieder genickt 🙂 Besonders der Satz: Und zum Kampf mit dem inneren Schweinehund kommt der mit der äußeren Schwiegermutter., ist richtig genial!
    Liebe Grüsse
    Ariana

  2. Jörg Says:

    Wieder ein genialer Artikel und richtig lustig, wenn es nicht so traurig und wahr wäre.
    Schöne Adventszeit

    Jörg

  3. Eddy Says:

    Herrlich! Köstlich! Total genial! Ich habe herzhaft gelacht. Und ich weiß natürlich, dass man zwischen Weihnachten und Sylvester nicht zunimmt. Sonst wär mir das Lachen nämlich garantiert im Halse stecken geblieben 😉

  4. claudia Says:

    jaja, sooo wunderbar wieder auf den (wunden) Punkt getroffen, nur hab ich mittlerweile alle meine Lieben daran gewöhnt, dass ich ohne Lauferei spätestens am 26.12. derartig misslaunig und zickig werde, dass sie mich regelrecht rausschicken und muss meine kilometerchen laufen … wünsche dir schöööne und bewegte weihnachten, egal wie das wetter wird 😉
    claudia grüßt aus einem 8 grad lauwarmen, total grauen und komplett vernieselten berlin….

  5. Matthias Says:

    Wunderbar formuliert! Ich laufe übrigens an allen Weihnschtstagen stur morgens um 6 wenigstens 6 Kilometer. Man muss da ein paar Minuten ganz stark sein wenn der Wecker klingelt. Aber wenn man erst mal losgelaufen ist ist alles gut.

  6. Christiane Says:

    Oooooh! Das ist soooo wahr! Danke für diesen Loriot zur Ehre gereichenden Artikel. Ich habe mich ziemlich wiedergefunden. 🙂

    P.S. Ich kann jetzt alle Schmittcasts auswendig… 😉

  7. Frauschmitt Says:

    Jaja, mach mir nur schlechtes Gewissen wegen der Schmittcasts … 😉 Aber es kommen wieder welche im neuen Jahr. Versprochen.

  8. claudia Says:

    ja das mit neuen schmittcasts wäre super, die kann man manchmal nebenbei laufen lassen (zumindest bei einfachen jobs …) und abends zieht man sich umso lieber die laufschuhe an und dreht ein ründchen!!! und der schmittcast läuft ein bisschen im kopf mit, auch ohne „ohrpilze“ 😉


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