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Guckst du laufen?

Mi, Apr 16, 2014

Schnipsel

Guckst du laufen?

Läufer sind tapfer. Sie sehen täglich der bitteren Tatsache ins Auge, dass sich niemand fürs Laufen interessiert – außer sie selbst. Und zähneknirschend bemerken sie auch, dass Marathonübertragungen wohl nicht besser möglich sind – es ist ja nur eine kleine Gruppe, die sich für monoton dahingaloppierende Dunkelhäutige erwärmt. Das ehrt die Läufer, nicht von jeder Zielgruppe kann man behaupten, dass sie sich nicht für den Nabel der Welt hält.

Aber es ist ganz müßig, die einen Interessen gegen die anderen aufzuwiegen. Würde Hotdog-Wettessen als Liveübertragung angeboten oder eine Sendung, in der besonders Dicke gegen besonders Dünne boxen, Sendungen, in denen kleinwüchsige transsexuelle Rentner Partner suchen – es würde sich eine Interessengruppe finden und sie wäre vermutlich nicht einmal klein. Deshalb nutzt die Diskussion nichts. Dass das gesendet wird, wofür es die meisten Zuschauer gibt, kann für öffentlich rechtliche Sender nicht die Prämisse sein. Auch wenn er ignoriert wird – es gibt ihn noch den Bildungsauftrag. Und sollte ein öffentlich rechtlicher Sender nicht auch das abbilden, was gesellschaftliche Relevanz hat?

„Nanana“, sagt da der Kritiker tadelnd, „überhöhst du Laufveranstaltungen da nicht ein bisschen?“ Nein, nicht die Bohne. Seit 15 Jahren nehme ich an Volksläufen teil, seit 10 Jahren schreibe ich darüber. Ich bin es gewohnt, zu beobachten. Und ich bin der festen Überzeugung, dass Laufen und die Gemeinschaft, die sich aus Lauftreffs, Vereinen und der Teilnahme an Laufveranstaltungen ergibt, ungeheuer viele Menschen stabilisiert. Viele finden in Zeiten der Veränderung zum Laufen, in Arbeitslosigkeit, Trennung, Verlust und Krankheit. Ich habe keine Zahlen parat, aber ich weiß, dass das Laufen bei unzähligen Menschen die physische und psychische Gesundheit verbessert. Längst sind sich Wissenschaftler einig, dass Bewegung gegen weit mehr Volkskrankheiten hilft als ursprünglich gedacht – von Herz-Kreislauferkrankungen über Osteoporose bis hin zu Krebs. Laufen kann in vielen Fällen eine medikamentöse Therapie gegen Depressionen ersetzen. Bewegung und lebendige Sozialkontakte sind wichtige Hilfsmittel gegen das Altern des Gehirns, das Risiko, an Demenz zu erkranken, sinkt. Es besteht kein Zweifel, dass Depressionen und Demenz zwei der ganz großen Volkskrankheiten sind, mit denen sich unsere Gesellschaft in den kommenden Jahren auseinander setzen muss. Laufen ermöglicht vielen, ihr Übergewicht zu reduzieren und ihr Risiko für viele Folgeerkrankungen zu minimieren. Vom Wohlbefinden ganz abgesehen.

© Maxisports - depositphotos.com

© Maxisports – depositphotos.com

Der Kritiker kommt jetzt aus dem Kopfschütteln nicht mehr raus. „Du willst mir doch nicht erzählen, dass Marathonlaufen besonders gesund ist.“ Nein, ist es nicht. Aber das Training dafür ist es, wie Herbert Steffny nicht müde wird, zu erzählen. Der Weg ist beim Laufen eben das Ziel. Viele nehmen sich vor, einmal im Leben einen Marathon zu laufen und das hält sie bei der Stange. Volksläufe motivieren, geben dem Training einen neuen Sinn. Oft kommt es nie zu dem angepeilten ganzen Marathon, dafür aber zu vielen halben. Soziale Bindungen entstehen durch das Laufen, Freundschaften, Liebeleien, Ehen.

„So.“ Sagt der Kritiker. „Und was, bitteschön, hat das mit einer Fernsehübertragung zu tun? Auf der Couch entstehen ja wohl keine Ehen.“ Nein (zumindest nicht durch fernsehen). Aber das Zuschauen kann auch begeistern. Am meisten an der Strecke. Aber auch auf dem Sofa. Es macht Mut. „Wenn so viele Menschen das können, kann ich das auch!“ Die Übertragung macht Lust auf Laufen (wenn sie gut gemacht ist). Sie zeigt, dass Läufer keine bekloppten Freaks sind, sondern dass jeder Läufer sein kann. Straßenläufe sind die einzige Sportveranstaltung, in der Spitzenathleten gemeinsam mit 80-Jährigen starten. Sie machen alle zu einer großen Gemeinschaft mit dem selben Ziel. Man muss nicht reich sein, nicht jung, nicht schlank. Man braucht keine Ausbildung, kein teures Equipment. Man kann gehandicapt sein. In London lief vor einigen Tagen ein Mann gemeinsam mit einem anderen, dem Spender seiner neuen Niere. So lässt sich das Leben feiern. Man kann eine Frau sein. Selbstverständlich? Im vergangenen Jahr untersagte die radikalislamische Hamas Frauen die Teilnahme am Marathon im Gazastreifen. Der erste olympische Marathon für Frauen fand erst 1984 statt. Seit fast 120 Jahren laufen Menschen den modernen Marathon – und wie hat er sich seither gewandelt. Wir können ihn heute genießen, wir dürfen es langsam angehen lassen. Wir dürfen einfach nur dabei sein, bester Laune. Eine Errungenschaft. Mit all den oben genannten Effekten für die Gesundheit.

Marathon 2

Der Marathonlauf ist übrigens auch ein Platz für Sonderlinge. Für Einsame und Verschrobene, für Seltsame und Ausgegrenzte. Sie gehen hier auf in der Menge der „Normalen“, sind dabei ohne aufzufallen, unterwegs, wie alle anderen. Unsere Gesellschaft hält nicht viele solcher Plätze parat. Der große Marathonlauf dient auch der Völkerverständigung  – Läufer bilden eine grenzüberschreitende Gemeinschaft. Darüber hinaus sind große Stadtmarathons Kultur – beim New York City Marathon spielen 100 Bands an der Strecke. Stadtviertel feiern Feste in autofreien Stunden, Nachbarn verabreden sich. Es sind Ereignisse.

Marathon 3

Der Kritiker sagt jetzt nichts mehr, schüttelt nur weiter den Kopf. Er versteht nicht, was das alles mit den ihm unbekannten Kenianern zu tun hat, die er da laufen sieht. Die, die diese Übertragungen machen sollen, verstehen es auch nicht. Und genau das ist das Problem.

9Antworten um “Guckst du laufen?”

  1. Sancho Says:

    Ich weiß nicht. Ich vermisse nichts.
    Natürlich ist Laufen eine Massenbewegung. Aber schauen Läufer auch gerne fern? Und tun sie das bei Marathonübertragungen? Aus meinem Fall weiß ich, dass das auch anders geht. Ich laufe sehr gern, bin bei Volksläufen immer gern dabei, kann aber mit einer Marathonsendung nichts anfangen.
    Man könnte argumentieren, dass dem so sei, weil sie eben schlecht sind. Nur: mir ist das noch nie aufgefallen, weil ich dafür nie lange genug hingesehen habe.

  2. Biggi Says:

    Liebe Frau Schmitt,

    ich lese echt gerne bei dir und allem was du zum Thema gesundheitliche Stabilisierung und zur sozialen Komponente des Laufens schreibst, stimme ich uneingeschränkt zu.

    Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass jemand, der selber noch nie gelaufen ist, sich von einer Marathonübertragung dazu bewegen lässt, mit dem Laufen anzufangen.
    Ich schaue gern Marathon, weil ich selbst schon bei kurzen Volksläufen mitgelaufen bin und das Feeling liebe, das so eine Massen-Laufveranstaltung in mir hervorruft, wenn ich selbst dabei bin. Wenn ich eine Marathonübertragung anschaue, dann kann ich mich in die Leute, die da mitmachen ein Stück weit reinversetzen. Aber dass so eine Übertragung jemanden der nicht läuft oder nicht sowieso schon mit dem Laufen anfangen will, flasht glaube ich nicht!

    Liebe Grüße
    Biggi

  3. Frauschmitt Says:

    Liebe Biggi,
    hab ich schon erlebt, dass es jemanden geflasht hat!

  4. Jörg Says:

    Das Problem geht ja noch viel weiter. Außer Fußball, Boxen, Formel 1 und Wintersport gibt es ja kaum andere Sportarten im Fernsehen. Ich erinnere mich an eine der seltenen Volleyballübertragungen anläßlich einer WM in einem Dritten. Da hat man im Entscheidungssatz die Übertragung für irgendein Trivialprogramm abgebrochen.
    Warum muß ich Pflichtgebühren für Programme zahlen, die es auf kommerzieller Basis ausreichend gibt?
    Andererseits warum soll die Mehrheit Gebühren für ein anspruchsvolles Programm, das den Bildungsauftrag ernst nimmt, zahlen, wenn es diese Programm doch nicht schaut. Es ist ein ziemliches Dilemma.

  5. Bernie Says:

    Laufender Konsument? Gesünder durch Sport? Motiviert durch Übertragungen?

    Ich schaue Übertragungen von Marathons gerne seit ich sie selbst laufe und irgendwie nachfühlen kann, wie es den Teilnehmern gerade geht. Am liebsten die des hr – weil’s da auch menschelt.

    Gesünder? Nun, ich schnarche nicht mehr, habe keinen Heuschnupfen mehr, keinen Bluthochdruck und keine Probleme mit dem Cholesterin mehr. Der Fußpilz ist weg und Bandscheibenvorwölbungen gehören der Vergangenheit an. Genauso wie ein Viertel meines vorherigen Gewichts.

    Motivation? Gerade WEIL es die Berichte über Kona und die Übertragung des Ironman Frankfurt (wiederum im hr) gibt, werde ich dieses Jahr das erste Mal in Roth an den Start gehen.

    Schickt die Kopfschüttler zu mir. Ich gehe gerne eine Runde laufen mit ihnen…

  6. Tom Says:

    Wir wissen alle welche macht die Medien haben! Sicher wird nicht jeder Marathon Seher auch ein Läufer werden, aber wenn sich nur ein kleiner Teil dadurch vom Sofa erhebt und zum lauftreff geht ist das Etappenziel erreicht. Ich habe vor Jahren das joggen angefangen. Anfangs kurze strecken, aber als ich mir mal einen Marathon live angesehen hatte, war es immer mein Traum selbst einen zu laufen. Mittlerweile habe ich etliche halbe und auch drei ganze Marathons hinter mir.

  7. Gretl Says:

    hm, eindeutig hm.
    Ich liebe Sport wirklich, ganz egal welchen, ich gehe gerne laufen, ich mache gern Yoga, ich stemme gern Gewichte und wenn ich die Gelegenheit habe mache ich mit, was immer mir angeboten wird. Aber ich gucke mir keinen Sport im Fernsehen an, ich finde das langweilig. Und ich denke da liegt doch die Stärke des Sports: man hat was besseres zu tun als vor der Glotze zu hängen 😉
    Es wäre sicherlich auch gut Leute dazu zu animieren, es mit Yoga zu versuchen, oder stärker zu werden – ich denke aber nicht, dass das beim dauersedierten TV-Publikum durch eine spannende Übertragung funktioniert, es würden sicherlich mehr Leute laufen oder generell Sport machen, gäbe es kein Fernsehen. Insofern bin ich für immer mehr schlechte und langweilige Übertragungen und Sendungen, je schlechter, desto mehr Menschen schalten das olle Ding aus und gehen vor die Tür.

    Ich möchte einen Rat geben: das nächste Mal, wenn ihr euch über etwas im TV ärgert, schaltet aus, atmet tief durch und macht was anderes. Ihr werdet euch hinterher freuen, eure Zeit nicht vor der Flimmerkiste verbracht zu haben 😉

  8. Linda Says:

    Gerade gucke ich den Hannover-Marathon 🙂
    Beim Zappen entdeckt und aufgrund dieses Artikels hängengeblieben.
    Ist sogar interessanter, als ich gedacht habe!


Trackbacks/Pingbacks

  1. […] kurzem erst hat Frau Schmitt eine Ode an den Laufsport verfasst. Die Ode war gut versteckt, in dem Hinweis darauf, dass mehr Marathon im Fernsehen doch zuträglich […]

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