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Wie man vergnügt einen großen Apfel durchläuft, obwohl der Wurm drin ist. Teil 1.

Wie man vergnügt einen großen Apfel durchläuft, obwohl der Wurm drin ist. Teil 1.

Prolog: Der Continental Airlines International Friendship Run

Erst einmal das Wichtigste vorweg: beim New Yorker Frühstückslauf, einen Tag vor dem New York City Marathon, gibt es kein Frühstück. Nicht in diesem Jahr, denn in diesem Jahr ist alles anders. Die Amerikaner möchten nämlich heute herausfinden, wen sie zu den Olympischen Spielen nach Peking schicken sollen und deshalb gibt es einen Marathon vor dem Marathon. Der würde unter normalen Umständen mit der Strecke des berühmten Frühstückslaufs kollidieren, und deshalb ist der Frühstückslauf nicht nur um einiges kürzer als sonst, sondern auch kalorienärmer. Außerdem heißt er Friendship-Run. Weil er so kurz ist, wird das Freundschaften schließen zu einem wahren Speed-Dating. Aber dazu später mehr

Zunächst einmal müssen wir überhaupt zum Start kommen. Damit wir das schaffen, holen uns freundliche Menschen von Interair-Reisen vom Hotel ab und gehen mit uns zum UN-Gebäude. Nicht ohne uns vorher schwarz-rot-goldene Striche auf die Backe zu malen. Seit der Fußball-WM 2006 wissen ja sogar die Deutschen, an welchen Stellen des Körpers man überall Nationalstolz tragen kann. Auf dem Weg zum feierlichen Versammlungsort begegnen wir bereits etlichen Franzosen und Niederländern, die von überall her herbeiströmen, ebenfalls hübsch dekoriert. Die Holländer müssen sich allerdings nicht anmalen, sie tragen sowieso alle orange. Eine kleine, auf den Kopf geschnallte Windmühle räumt letzte Zweifel über die Nationalität aus

Der große Platz vor dem Gebäude der Vereinten Nationen ist dann der Sammelplatz für alle anderen würdigen Ländervertreter. Und obendrein ein Reservat für Klischees: Die Holländer sind laut, Franzosen stolz, Japanerinnen tragen kindliche Hello-Kitty-Shirts, die Deutschen ein Equipment, mit dem man auch auf den Mond fliegen kann, wohingegen die Engländerinnen am liebsten nur im BH gehen.

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Dazwischen drängeln sich Individualisten, die sich alles auf den Kopf setzen, was sich dort befestigen lässt, zum Beispiel überdimensionierte Sushis. Karnevalisten haben hier ihre helle Freude.

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Im Nu haben wir die Interair-Fahne aus den Augen verloren, aber Deutsche sind hier ohnehin überall. Während wir uns noch fragen, wann es losgeht, setzt sich die Masse in Bewegung. Da wir nur drei Kilometer vor uns haben, genießen wir jeden Schritt. Die anderen machen es genauso – es wird gejuxt und gejohlt, geflachst und geflirtet. Originelle Kostüme bekommen Komplimente aus allen Ländern. Es scheint, als löst sich ein kleines Stück der Anspannung vor dem großen Tag. Hier darf man endlich, was man sich seit Tagen versagt: laufen.

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Auf der Strecke schlägt die Stunde der Frühstückslaufkenner. Sie tragen in einer Plastiktüte etliche Volkslauf-T-Shirts mit sich, um sie mit den anderen Kennern zu tauschen. Leider habe ich kein Egelsbach-T-Shirt dabei – ich hätte es zu gern an einem strahlenden Norweger oder Brasilianer gesehen. Und wann bekommt man schon einmal ein Volkslauf-Shirt aus Hammerfest? Manches Mal verstummen Abschnitte des getüpfelten Läuferbandwurms für die eine oder andere Minute. Es passiert, wenn die bange Vorfreude plötzlich überhand nimmt. Und in allen Köpfen, in allen Sprachen die gleiche Frage auftaucht: Wie wird es sein, morgen?

Der Lauf endet so unvermittelt, wie er begann. Wir stehen irgendwo auf der Sixth Avenue und fühlen uns ein wenig unterbrochen – weiter zum Central Park dürfen wir in diesem Jahr nicht. Nur eine Stunde zuvor kam dort ein junger amerikanischer Läufer zu Tode, der sich für die Olympischen Spiele 2008 qualifizieren wollte. Aber das können wir natürlich nicht wissen, und das ist auch ganz gut so. Die letzten T-Shirts werden getauscht, Verbrüderungsfotos geschossen, Schultern geklopft und Glückwünsche gewechselt.

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Wir greifen uns ein Taxi und fahren zurück ins Hotel – in Erwartung einer vierstündigen Stadtrundfahrt, eines kräftigenden Abendessens und einer unruhigen Nacht.

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