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Das Beste zum Schluss.

Das Beste zum Schluss.

10 km Silvesterlauf Frankfurt (2009)

Zum Geburtstag gratulieren, wenn noch gar nicht Geburtstag ist, bringt Unglück. Aber wie ist das mit Silvesterlaufen, wenn noch gar nicht Silvester ist?  „Das ist prima“, sagt sich der Spiridon Frankfurt, einer der größten Laufvereine Deutschlands, „wir sind eben unserer Zeit voraus“. Der Frankfurter Silvesterlauf findet folgerichtig ein paar Tage vor Silvester statt. Am Sonntag davor, um genau zu sein. Kaum sind also die Weihnachtsknödel halbwegs verdaut, strebt man schon wieder Bestzeiten zu. „Falsch“, sagt da der Spiridon Frankfurt, „beim Silvesterlauf geht’s ums Auslaufen.“ Ich laufe am 27.12. also aus, was ja durchaus passt. Schließlich gibt es etliche Nichtläufer, die denken, Menschen, die bei -2 Grad im Laufschritt über teilweise vereiste Wege hasten, können nur nicht ganz dicht sein.

Silvesterlauf Stadion

Der Frankfurter Silvesterlauf startet an der Commerzbank Arena, die von den Altvorderen hartnäckig Waldstadion genannt wird. Die Anmeldung und das Ganze drumherum finden in der Wintersporthalle statt. Hier kann man sich einen Laufkalender für das nächste Jahr grabschen, nach bekannten Gesichtern Ausschau halten und heimlich schon mal das Kuchenangebot checken. Zunächst sind die Kinder dran. Aus dem Lautsprecher tönen unüberhörbar die Warnungen vor den glatten Stellen auf der Strecke. Wir tappeln vor uns hin (vor dem Auslaufen muss man sich erst mal einlaufen) und testen die rutschigen Partien. Ich sehe schon. Das wird ein Lauf mit einer einfallslosen Ausrede, falls man langsam war. Alle werden sich hinterher auf die rutschigen Schneeflecken berufen. Ich natürlich auch. Aber ich bin ohnehin sehr gelassen. Vor zwei Tagen hab ich noch eine große Weihnachtsrunde gedreht und 10km-Läufe sind eh nicht so meins – zu kurz und schnell.

Silvesterlauf Schild

1800 Läufer werden per Blockstart etwas entzerrt. Das macht der Spiridon Frankfurt schon seit Jahren so und das macht er gut. So können die Eliteläufer unter sich bleiben und die anderen rennen sich nicht so sehr in die Hacken (was bestimmt auch schlechtes Karma für das kommende Jahr bringen würde). Mein Trainingspartner blockstartet vor mir, aber der hat ja auch Ehrgeiz. Ich hab dagegen Weihnachtsferien. Im Block treffe ich Jörg, der vor sich hin tiefstapelt. Muskuläre Probleme und so. Voller Faszination fällt unser Blick auf einen Herrn mit Baumwollbuchse und Sweatshirt. An den Füßen trägt er Schuhe, die nur noch im weitesten Sinne als solche erkennbar sind. Das Gewebe an den Seiten ist aufgerissen, so dass seine grauen Frotteesocken sichtbar werden. Die Zehenkappe hängt in Fransen. Die Sohle sieht aus, als wäre sie bestenfalls einen halben Zentimeter dick. Hier haben wir Sneakers der Kategorie „Never change a winning shoe.“. Doll. Dabei würde es mich nicht wundern, wenn er am Arm einen neuen Garmin tragen würde. Läufer können so beknackt sein. Ich selbst würde mich ohne meine liebsten Brooks Trailschuhe nie auf die Strecke trauen.

Wir rennen los. Schon nach wenigen 100 Metern setzt sich Jörg von mir ab und nimmt seine muskulären Probleme mit. Zum Glück. Ich mag sie nicht haben. Trotz Blockstart ist es ein wenig eng. Das liegt auch daran, dass alle die schnee- und eisfreien Pfade bevorzugen und man zum Überholen zwangsläufig ins Unwegsame muss. Witsch – aua. Ausrutschen gehört hier zum Geschäft. Bei Temperaturen um null Grad bietet die Kleiderfrage immer besonders viel Unterhaltung auf der Strecke. Es gibt nämlich alles: bloße Beine und T-Shirt (sogar in meiner Zeitkategorie!) und ein Outfit, dass eher an arktische Wissenschaftler erinnert. Vor mir läuft jetzt ein Herr mit Skijacke, die so dick ist, dass er die Arme kaum am Körper führen kann. Oder ist er selbst so mollig? Ich widerstehe der Versuchung, die Dicke seiner Jacke durch Kneifen nachzuprüfen. Weiter geht’s. Bei laufreport.de wird später zu lesen sein, die Strecke sei wellig, aber die Wellen sind keine Tsunamis. Die Strecke im Stadtwald ist einigermaßen flach, von einem Hügel bei km 7 einmal abgesehen. Man kann das einfach so durchtrotteln. Hinter mir wird das Weihnachtsmenü noch einmal rekapituliert und die Angesprochene kommentiert es anerkennend. Typisch Silvesterlauf. Zwei Kilometer vor dem Ziel raffen sich merklich viele zu einer kleinen Tempoverschärfung auf. Das letzte Aufbäumen von Ehrgeiz in diesem Jahr. Da mach ich doch mit! Ich fühle mich noch frisch (das ist der entscheidende Vorteil von 10ern) und ziehe etwas an. Jetzt wäre ein Fotograf gut. Denn immer, wenn ich bisher bei einem vorbei kam, ließ der kurz vor mir die Kamera sinken. Gut, auch ein Fotograf braucht mal eine kurze Verschnaufpause – aber doch nicht, wenn ich komme! Ich laufe an ihn hin, setze mein schönstes Lächeln auf, zupple mir die Startnummer zurecht und dann – nichts. Kein Foto. Mir geht das dauernd so. Oder es setzt sich in der letzten Sekunde ein 2,50 Meter großer Flugsaurier vor mich. Oder dem Fotografen fliegt etwas ins Auge. Irgendwas ist immer. Und selbst wenn! Wenn es dann mal ein Foto von mir gibt! Reden wir nicht drüber.

Ich muss also unfotografiert zum Endspurt ansetzen. Eine Dreiergruppe hat mich überholt und zieht los. Ich schaue auf die Uhr. Wenn ich jetzt noch etwas zulegen kann, komme ich noch unter 53 Minuten rein. Pah, das ist doch für mich keine Zeit! Also los geht’s. Die Dreiergruppe kann sich schon mal warm anziehen. Obwohl – dazu kommt sie nicht mehr, so schnell, wie ich vorbei fege. Jetzt nur nicht mehr auf die Nase fallen, das gibt Abzüge in der B-Note. Und um die geht es hier schließlich. Auch ohne Fotograf. Den letzten Kilometer erledige ich in unter 5 Minuten. 52:56. Das bringt mir den 111. Frauenplatz von 506, den 28. AK Platz von 111. Bei einem Silvesterlauf muss man nicht viel tun, um noch halbwegs gut auszusehen. Im Ziel gibt es heißen Tee, der mit Besenstilen in blauen Plastikfässern angerührt wird. Und er ist köstlich.

Der Streuselkuchen aus der Hand einer sehr fröhlich lachenden Dame ist ebenfalls ausgezeichnet. Leider hat sich die Kaffeemaschine aus dem Dienst verabschiedet, bevor sie mir etwas brühen konnte.

Silvesterlauf Kuchen 2

Silvesterlauf Kuchen

Und ebenfalls leider lässt die Anlage den kämpfenden Spiridon Chef Thomas Rautenberg bei der Siegerehrung im Stich – sie fiept, als wollte sie allen Läufern zum neuen Jahr einen Tinnitus kredenzen.

 

Kinkal Roba Musa, Timo Zeiler und Jan-Philipp Starostzik auf dem Treppchen.

Kinkal Roba Musa, Timo Zeiler und Jan-Philipp Starostzik auf dem Treppchen.

 

Siegerinnen: Jenny Schulz, Veronika Ulrich und Nina Stoecker.

Siegerinnen: Jenny Schulz, Veronika Ulrich und Nina Stoecker.

Die Läufer nehmen es gelassen – wie Läufer überhaupt nach dem Laufen das meiste gelassen nehmen. Schließlich warten in vielen kleinen Gruppen schon der mitgebrachte Sekt oder Glühwein, mit dem es sich auf das neue Jahr anstoßen lässt. Am Nachmittag des 27.12. In Frankfurt ist man eben seiner Zeit voraus.

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2Antworten um “Das Beste zum Schluss.”

  1. Stefan Says:

    Liebe Frau Schmitt
    Ihr „Nummern-zuppeln“ hat gezogen
    und auch das Lächeln wurd‘ gewichtet,
    der Foto-Bann, er scheint verflogen,
    zweimal sind Sie abgelichtet.

    Die ganze Story macht echt Spaß
    und meine Lauflust, die entfacht sich,
    geben wir auch dies Jahr wieder Gas!
    …meint die SiebzehnAchtundachtzig

  2. admin Says:

    Das aber mal poetisch! Danke 🙂


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