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Voll cross!

So, Feb 21, 2010

Fitnessgeräte, Produkttests

Voll cross!

Wenn man mit dem Laufen beginnt, will man vor allem zwei Dinge: länger laufen und schneller laufen können. Die Ultraläufer konzentrieren sich irgendwann auf das erste, und dann gibt’s da noch ein paar Verrückte, die gern hetzen und die kümmern sich dann um das zweite. Mit Bahntraining, Intervallen und anderen ungemütlichen Dingen.

Ich gehöre weder der einen noch der anderen Gruppe an. Ich gehöre zu den Lesern. Leser sind die Sorte Läufer, die einen dritten Weg gefunden haben, um sich das Laufen spannend zu erhalten: sie lesen. Laufzeitschriften, Laufberichte, Blogs, Bücher, Webseiten, einfach alles, was es über das Laufen gibt. Da findet sich nämlich dauernd etwas Neues, was man unbedingt ausprobieren muss. Das meiste mündet zugegebenermaßen in den Kauf mehr oder minder kostspieliger Produkte. Ich habe natürlich sofort das Laufgefühl im Nike Free getestet, Pulsmesser ausprobiert (und gleich wieder weggeworfen) und im Augenblick schubse ich meine schlaffen Muskeln gern in Kompressionshosen. Natürlich kann man auch beständig mit Ernährungstipps experimentieren (Möchte jemand übrigens meine angebrochene Flasche Leinöl? Schmeckt wie ein ausgepresstes Opossum.)

Leinöl

Ich habe Brottrunk als isotonisches Getränk benutzt (einen ganzen Sommer lang) habe mir vor Marathons Äpfel gerieben (führt zu Grimmen im Gekröse) und Salztabletten gelutscht (macht Duast!). Man ist mit all diesen Dingen wunderbar beschäftigt und praktisch immer motiviert. Wer läuft nicht gern bei Regen, wenn er eine neue Goretex Jacke hat? Und weil man den Camelbak mit 1 Liter Wasservorrat erst bei Hitze und einem langen Lauf so richtig zu schätzen weiß, watzt man unverdrossen bei 30 Grad 2 Stunden durch die Walachei.

brottrunk

Aber eigentlich wollte ich über all das gar nicht berichten. Sondern über einen anderen Trick, mit dem einen Laufzeitschriften zum Laufen motivieren wollen: mit dem Nichtlaufen. Das Nichtlaufen nennen die Autoren nicht etwa „faul abhängen“ oder etwas in der Art. Sie nennen es „Cross-Training“. Früher dachte ich immer, Cross-Training hätte etwas mit Cross-Laufen zu tun, diesem Wett-Schlammbaden mit anschließender Bänderdehnung, das gern im Herbst angeboten wird. Inzwischen weiß ich es besser. Ich denke, Cross-Training heißt Cross-Training, weil es immer dann angeraten ist, wenn der Trainingsplan gerade durchkreuzt wird. Durch lauffeindliches Wetter etwa, oder durch eine schmerzhafte Verletzung, die sich zwar beim Laufen, nicht aber auf dem Cross-Trainingsgerät meldet. Das verwirrende ist: es gibt Cross-Trainer, die Cross-Trainer heißen (Das sind diese Dinger, auf denen man Skilanglauf übt, nur ohne Skier. Und ohne Langlauf.). Und dann gibt es Cross-Trainer, die heißen Ergometer. Oder Fahrrad (wenn man lieber von der Stelle kommt beim Treten). Oder Stepper. Oder Rudermaschine. Ihnen allen ist gemeinsam, dass man nicht läuft, aber trotzdem etwas für die Ausdauer tut.  Das geht auch ganz ohne Gerät, zum Beispiel beim Aquajoggen. Zu meinem Leidwesen gilt „vor dem Computer sitzen“ nicht als Crosstraining, auch wenn es Leute gibt, die sagen, dass ich hierbei große Ausdauer an den Tag (und die Nacht) legen kann.

Auf jeden Fall ist Cross-Training etwas Magisches, denn man kann dafür ohne schlechtes Gewissen mal eine Laufeinheit ausfallen lassen. Motivation genug, für sich das perfekte Crosstraining zu finden. Vor Jahren habe ich mir deshalb wie 80% aller deutschen Haushalte einen Hometrainer gekauft. (Nein, er steht nicht im Schlafzimmer). Im Prinzip keine schlechte Idee. Man trampelt ein bisschen vor dem Fernsehgerät und sieht derweil die Welt draußen im Hagelsturm untergehen. Aber irgendwie muss man ganz schön lange trampeln, um sich wirklich crosstrainiert zu fühlen.

Vor einem Jahr habe ich es dann einmal wieder mit dem Fitness-Studio probiert. Auf den ersten Blick scheint die Auswahl der Ausdauer-Geräte groß. Aber dann … Vom Stepper kriege ich Waden wie ein Sumoringer. Und der Bewegungsablauf lässt mich in Windeseile vollkommen verblöden. Innerlich sehe ich mir selbst beim Steppen zu und dann kann ich keinen einzigen Schritt mehr machen. Es gibt Menschen, die beim steppen Bücher lesen, was den blöden Bewegungsablauf noch blöder macht. Auf einem Stepper bin ich mir selbst peinlich. Den Cross-Trainer (den, der so heißt) mochte ich früher eigentlich ganz gern. Das ist heute vorbei, seit ich mir mehrfach die Knie am Display angehauen habe. Niemandem, den ich kenne, ist das jemals passiert, mir dagegen öfter. Vielleicht habe ich eine spezielle Cross-Trainer-Behinderung, vielleicht haben wir uns aber auch einfach auseinander gelebt. Der Cross-Trainer und ich. Und dann gibt es da noch ein Gerät, auf das in meinem Frauenstudio nie jemand geht. Dieses Gerät war der Beginn einer wunderbaren Freundschaft. Meine Freundschaft zu einer Rudermaschine.

Offensichtlich finden die meisten Frauen das Rudern genauso blöd, wie ich den Stepper finde. Wie ich gelernt habe, gibt es aber auch eine Menge Missverständnisse über das Rudern. Zum Beispiel, dass es in erster Linie den Oberkörper trainiert. Das stimmt nicht. Kein Cross-Trainer ist so effektiv wie das Rudergerät: es trainiert 80% aller Muskeln. Ein weiteres Missverständnis ist, dass Rudern dem Rücken schadet. Wer eine Vorschädigung an der Wirbelsäule hat, sollte sicherlich einen Arzt fragen – aber das gilt im Grunde für alle Geräte. Das Spannende ist aber, dass die Rudermaschine sehr intensiv die Bauchmuskeln trainiert, da sie im Bewegungsablauf praktisch dauernd angespannt sind. Bauch- und Rückenmuskeln sind gemeinsam wichtig für eine feste Stütze – und einen guten effektiven Laufstil. Was das Rudergerät hier bietet, habe ich bei keinem anderen Ausdauergerät gefunden. Der Bewegungsablauf ist leicht zu erlernen, zumal es hier sehr gute Anleitungen im Netz gibt (falls man sich in seinem Studio nicht gut aufgehoben fühlt). Wenn man bedenkt, dass schon vor tausenden von Jahren Menschen gerudert sind, leuchtet es ein, dass der Bewegungsablauf eigentlich logisch und natürlich ist.

Wenn man nun nicht in einem Fitness-Studio Mitglied ist – kann man sich ein gutes Rudergerät für zuhause kaufen? Nachdem ich mich mit dieser Frage eine Weile beschäftigt habe, kam ich zu dem Schluss: nein. Zumindest nicht, wenn man nicht sehr tief in die Tasche greifen will. Aus gutem Grund stehen in Fitness-Studios teure Geräte, die mit Luft- oder Wasserwiderstand arbeiten. Anders ist keine weiche, schonende und fließende Bewegung möglich. Ein neues, gutes Rudergerät ist unter 1200,- kaum zu bekommen. (Da kann man mal wieder sehen, wie wunderbar preiswert der Laufsport ist). Ich habe trotzdem einen Weg gefunden, meine geliebte Rudermaschine in meine vier Wände zu schleifen. Und zwar das großartigste Gerät, das überhaupt zu haben ist: der Waterrower.

Waterrower 4

Der Waterrower unterscheidet sich von einer „normalen“ Rudermaschine in ein paar wesentlichen Punkten. Er wird in den USA in einer Manufaktur zusammengezimmert. Das Zimmern ist ganz wörtlich zu nehmen, denn der Waterrower besteht im wesentlichen aus Holz.Waterrower 8 Das macht ihn viel hübscher als andere Fitnessgeräte. Wie der Name schon sagt, arbeitet der Waterrower mit Wasser. In seinen runden geschlossenen Wassertank füllt man etwa 15-19 Liter Wasser ein, durch das beim Rudern ein Paddel gezogen wird. Deshalb fühlt sich das Rudern mit dem Waterrower sehr ähnlich an, wie das Rudern auf dem See. Und es klingt auch so. Jeder Ruderschlag, jeder Zug an den Handgriffen wird von einem Rauschen begleitet. Die Firma Waterrower hat auch eine Niederlassung in Deutschland. Und weil sie weiß, dass Rudermaschinen im Allgemeinen und ihre im Besonderen ziemlich kostenintensiv sind, hat sie sich etwas ausgedacht. Waterrower Rudermaschinen kann man mieten. Unbegrenzt lange. Bei Gefallen kann man sie später verbilligt kaufen, aber das ist ja nicht so entscheidend. Wichtig ist: wenn man die Lust verliert oder sich sonstige Gründe einstellen, das Rudern an den Nagel zu hängen, kann man das Ding wieder abholen lassen. Mindestmietlaufzeit: ½ Jahr. Die Miete kostet knappe 10 Euro in der Woche.

Davon abgesehen, dass das Rudern mit Wasser weicher, leichter und leiser vonstatten geht als bei anderen Rudergeräten, hat der Waterrower noch einen Vorteil. Er lässt sich ohne Mühe hochkant aufstellen und nimmt so nach Gebrauch kaum Platz weg. Das alles zusammen hat mich überzeugt und ich habe mir so ein Mietgerät zugelegt.

Das Ding kam mit der Post in zwei Paketen. Da das Gerät nicht niegelnagelneu ist, waren wesentliche Dinge bereits zusammengeschraubt. Wer Ikea Regale aufbauen kann, kriegt auch den Waterrower schnell zusammengebastelt. Nun ist also ein Rudermonster bei mir eingezogen und ich habe es nie bereut. Man kann sich damit vor den Fernseher setzen und vor sich hinrudern – genauso gleichförmig und entspannend, wie man es vom Laufen gewohnt ist. Waterrower 2Die Intensität bestimmt man selbst – heftig ziehen macht das Rudern schwer, locker ziehen leicht. Wie im Wasser eben. Das plätschert zwar ordentlich, ist aber mietwohnungsfreundlich. Das Hin- und Herrollen des Sitzes ist sehr leise. Die Menschen, die unter mir wohnen, beteuern jedenfalls, sich nicht gestört zu fühlen.

Für mich ist Rudern auf dem Waterrower das beste Cross-Training, das ich mir vorstellen kann. Es ist beinahe meditativ und man fühlt sich auf dem Teil durchaus souverän und nicht wie eine psychisch angeschlagene Laborratte (ein Gefühl, was sich beim Stepper durchaus einstellen kann). Das hölzerne Gerät hat außerdem gleich sowas Mondänes. Seit ich weiß, dass Steven Spielberg auch einen besitzt, fühle ich mich auch viel kreativer. Im dunklen Winter wurde mir der Wasserruderer jedenfalls zum Freund. Man rudert da schnell mal 5 – 10 km weg. Ich kann nur jedem empfehlen, das Rudern mal auszuprobieren. Man bekommt keine Schwarzenegger Schultern, aber es ist ein Anti-Wabbel für den Bauch und die Oberarme. Und das Wichtigste: man hat ein enorm beruhigtes Gewissen, wenn man mal nicht laufen kann.

Waterrower 7

Waterrower 5

 

Xeno Müller ist ein Schweizer Ruderer, der in den USA lebt – Olympiasieger und Waterrower-Fan. Er bietet Workouts für jederman (sogar Rückbildungsübungen für junge Mütter). Und NBC zeigt , wo die kleinen Waterrower herkommen.

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11Antworten um “Voll cross!”

  1. shan_dark Says:

    Prima Bericht – ich will auch a rudermachine! Aber sie passt nicht in meine Wohnung.

    Bin immer wieder erstaunt, wie Du Dinge so bildhaft und wahrheitsgetreu beschreiben kannst. Toll! Deiner These, Leinöl schmecke wie ausgepresstes Oppossum, ist nix hinzuzufügen. Es kann nur genau SO schmecken, weil ein Oppossum so riecht wie Leinöl schmeckt! Und ich muss es wissen nach 4 Wo. Neuseeland mit 70 Mio. possums.

  2. Kirsten Says:

    Hallo,
    spiele zZ auch mit dem Gedanken mir so einen Waterrower zu mieten und bin noch etwas skeptisch… welche Erfahrungen können sie denn mit diesem Programm so weitergeben? Um welches Gerät handelt es sich denn genau auf den Bildern? Esche? In welchem Zustand kam es denn an, und wie waren die Verschleißteile so? Lohnt es sich das Gerät im Anschluss zu kaufen? Hab im Internet ewig nach Erfahrungsberichten gesucht und nicht wirklich was gefunden… leider… vielleicht können sie mir ja weiterhelfen…
    Vielen Dank schon mal 🙂
    Lieben Gruß, Kirsten

  3. admin Says:

    Hallo Kirsten,
    richtig das ist „Esche“. Ich bin nach wie vor zufrieden mit dem Gerät, auch wenn ich es im Sommer wenig benutzt habe (höchstens 1 mal pro Woche). Der Zustand war perfekt als ich es bekam, Gebrauchsspuren hatte es praktisch keine, nur das Holz war natürlich schon nachgedunkelt. Ich hatte immer das Gefühl, ein neues Gerät vor mir zu haben. Verschlissen ist bis jetzt nichts. Das PC-Programm „We row“ hab ich noch nicht ausprobiert. Ob es sich lohnt, das Gerät zu kaufen, hängt natürlich davon ab, wieviel Spaß man damit hat. Ich denke, man kann es einfach versuchen, das finanzielle Risiko ist beim Mieten ja nicht groß. Wenn es nichts ist, weg damit, man opfert nur die Kaution und eben die Miete für ein halbes Jahr Mindestmietzeit (wenn ich mich recht erinnere). Ich hab es nicht bereut.

  4. Robert Says:

    Liebe Frau Schmitt,
    nachdem ich vor einigen Monaten die Voll-cross-Episode als Podcast gehört hatte ließ mich die Idee des Heim-Ruderns nicht mehr los.

    Kurzum. Seit gestern steht auch bei mir ein Waterrower. Erste Trainingseinheit heute früh absolviert. Macht Spass!

    Wie sieht es mit der Langzeit-Motivation aus? Rudern Sie noch? Das Wetter wäre ja zur Zeit sehr passend.

    Vielen Dank für ihren Podcast und sportliche Grüße aus Berlin.

    Robert

  5. admin Says:

    Hallo Robert,
    ja, ich bin noch fleißig dabei! Ich habe immer so Phasen, mal ist es mehr, mal wochenlang weniger. Freut mich, dass mein Bericht für Sie inspirierend war.
    Beste Grüße
    Frau Schmitt

  6. Wiebke Says:

    So, Frauschmitt, jetzt habe ich auch so ein Plätscherteil im Wohnzimmer stehen. Nachdem ich mein Bauchbeinepo seit ca. einem Jahr schon mithilfe der von Dir beschriebenen CD quäle und mit Deiner Bewertung total konform gehe (seufz), dachte ich, da kann ich nix falschmachen. Und siehe da: das Ding ist DER Burner! Je spannender der Film desto mehr Trainingsintensität… empfehlenswert sind Film-Epen wie Troja, da bekommt man echt Seemeilen auf den Tacho!
    Vor allem kann ich auch noch machen wenn lauf- oder bauchbeinepomäßig gar nichts mehr geht…

    Prima, danke für den Tipp!
    Wiebke

  7. Nathan Says:

    Super Bericht!
    Leider passen bei mir manche Rudergeräte ( z.B. Waterrover) nicht in meine Wohnung und konnte mir bisher keines kaufen.

    Nach etwas recherche und nach ihrem Bericht habe ich mir nun doch eines zugelegt und bin begeistert 🙂

    Liebe Grüße!

  8. Nathan Says:

    So ein Waterrover ist schon ein feines Gerät, nur leider für mich nicht möglich aufgrund des Preises.

    Gibt es irgendwo eine möglichkeit ein Waterrover gebraucht zu kaufen?

    Liebe Grüße

  9. Johannes Says:

    Danke für den wunderbar geschriebenen Bericht.
    Endlich weiß ich auch, was Cross-Training ist, hatte erst die gleiche Vermutung wie du. Gut das das jetzt geklärt ist.
    Auch die Beschreibung des WaterRowers ist gelungen. Das weckt wirklich das Interesse am Produkt. Allerdings schreckt mich der Preis immernoch ab. Vielleicht probiere ich das Gerät einmal im Laden aus. Dann kann ich mir auch ein besseres Bild davon machen.


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  2. […] Jahre schleiche ich immer wieder um das Thema Ruderergometer, zuerst las ich bei der berühtem Frau Schmitt […]

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