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Emma und der mürrische Rücken.

Di, Apr 23, 2013

Laufberichte, O - Z, Weiltalweg

Emma und der mürrische Rücken.

Wenn Sportler nach ihrem sportlichen Auftritt interviewt werden, sagen sie immer, sie hätten alles gegeben. Das müssen sie auch, damit Kenner auf dem Sofa zuhause entrüstet „Also, wenn das alles war!“ sagen können. Sonst passt ja auch der Anschluss im Dialog nicht. Bei einem Langstreckenläufer ist das mit dem alles geben aber gar nicht so leicht. Denn er muss von Anfang an einschätzen können, was „alles“ überhaupt bedeutet. Es ist, als wollte man sich ein neues Sofa kaufen, ohne zu wissen, was auf dem Konto ist. Klar, man hat gespart, es müsste also genug drauf sein für das schicke Designersofa. Und dann wird ja auch noch in Raten gezahlt – aber wie hoch darf die Rate sein, ohne dass man sich übernimmt? So einfach ist das nicht zu sagen. Und am Ende steht man da mit der Erkenntnis, dass man doch besser mal zu Sitbö von Ikea gegriffen hätte. Als Hobby-Volksläuferin bin ich allerdings im Vorteil: Weder ein Sponsor, noch ein Veranstalter noch ein Fernsehzuschauer erwartet von mir, dass ich alles gebe. Welch ein ungeheures Glück, dass mir niemand eine fünfstellige Summe Antrittsgeld bezahlt! Nicht auszudenken! So kann ich jederzeit selbst bestimmen, ob ich heute volle Lotte alles gebe oder nur mittelalles oder vielleicht gar nur den kleinen Bruder von alles. Ich kann sogar dem Volkslauf die Tür vor der Nase zuschlagen und „Wir geben nix!“ rufen. Dann bleibe ich einfach zuhause im Bett. Aber es ist vertrackt: Immer, wenn ich irgendwo antrete, laufe ich ohne Not um mein Leben und fühle mich danach gelegentlich wie ein alter Lappen. Ein sehr alter Lappen. So ging es mir zum Beispiel letzte Woche in Nidderau Eichen. Ich bin also eben gerade so von der Lappigkeit genesen. Dieses Mal mache ich es deshalb anders.

Zum anders machen fahren wir eigens ins Weiltal, wo heute nicht nur der „Weiltalweg Landschaftsmarathon“ statt findet, sondern auch der „Weiltalweg Landschaftshalbmarathon und noch ein Kilometer drauf“, abgekürzt: 22 km-Lauf. Vor Jahren bin ich hier mal den Marathon gelaufen und weiß, dass es sich dabei eigentlich um Naherholung mit eingebautem Wettkampf handelt. Es dürfte schwierig werden, im Weiltal eine Strecke zu finden, die nicht schön und beschaulich ist. Und wellig. Denn auf und ab geht es allerdings, aber das ist im Leben ja nicht anders und deshalb vertraut. Wer hier beim 22 km-Lauf antreten will, fährt nach Weilburg zum Ziel und lässt sich danach in einem Bus zum Start nach Emmershausen schaukeln. Ein Hauch von Abenteuer. Am Start warten ein granulierter Platz und Teilnehmer-T-Shirts in einer gewagten Farbe mit gefühlten 72 Sponsoren-Logo-Aufdrucken auf mehrere hundert Läufer, die ihre mitgebrachten Taschen in schwarze Müllsäcke stopfen und hoffen dass sich dabei der Rest in der Trinkflasche nicht ins Mobiltelefon übergibt. Die Müllsäcke müssen nicht laufen, sie werden zum Ziel gefahren. Womit klar ist, woher die Bezeichnung „fauler Sack“ rührt. Die Säcke haben gegenüber den Läufern noch einen Vorteil: Sie müssen nicht aufs Klo. Wer das hier muss, sollte eine leistungsfähige Blase mitbringen, die in der Lage ist, der Wartezeit in einer längeren Schlange zu trotzen. Das ein oder andere Häuschen mehr wäre schön gewesen. Oder wenn schon nicht schön, so doch wenigstens nützlich.

Weiltalweg Landschaftsmarathon Start 1Für weitere Kritikpunkte an der Organisation muss man allerdings lange suchen und dafür haben Volksläufer keine Zeit. Sie haben es schließlich eilig. Warum eigentlich? Wir haben am Start noch keine befriedigende Antwort auf diese Frage gefunden und deshalb lassen wir es langsam angehen.

Weiltalweg Landschaftsmarathon Start 3

Weiltalweg Landschaftsmarathon Start 2Auf dem ersten Kilometer muss man das ohnehin, denn die Strecke ist schmal und die Teilnehmerzahl verhältnismäßig reichlich. No need for speed. Es wird ein wenig geplaudert, es scheint, als hätten auch die Läufer um uns herum den Schwerpunkt auf Naherholung gelegt. Gleich zu Beginn kommen ein paar Steigungen und als Pulsuhr-Neuling beobachte ich dabei ganz gebannt, was sich auf meinem Handgelenk so tut. Ich habe ja den Vergleich zu dem Alte-Lappen-Lauf letzte Woche und bin gleich begeistert. Der Puls ist deutlich niedriger und ich fühle mich viel wohler. Die Zeit der ersten Kilometer herauszubekommen, ist gar nicht so einfach, weil wir der Beschilderung vom Marathon folgen. Bald nach dem Start kommen wir am Schild für 21 km vorbei. Das verwirrt mich bereits so, dass ich mich immer wieder in intensiver Denktätigkeit wiederfinde. Und ehe ich begriffen habe, wo ich bin und wie weit ich noch laufen muss, ist schon wieder ein Kilometer vorbei und ich fange von vorne an zu überlegen. Entsprechend wirr ist der Dialog, den ich unterwegs mit meinem Trainingspartner führe. Doch tatsächlich, wir plaudern. Luft genug haben wir. Irgendwann sind wir uns sicher, dass wir einen handelsüblichen 6er Schnitt laufen, die Mutter aller Freizeitläufer-Geschwindigkeiten. Es ist ein tolles Tempo. Auch mittelbegabte, mittelalte Herrschaften können in diesem Tempo Marathon laufen, wenn sie ordentlich trainieren. Wenn sie miserabel trainieren, können sie damit einen 10er laufen. Und wenn sie ein klitzekleines Bisschen trainieren, so wie ich, dann reicht es auch für einen Halbmarathon. Wenn man einen guten Tag erwischt, kann man dabei sogar noch das ein oder andere Schlüsselblümchen mit Namen begrüßen. Und das machen wir dann auch.

Von A nach B laufen, das ist ein anderes Gefühl, als einen Rundkurs unter die Füße zu nehmen. Beim Rundkurs kommt irgendwann der Moment, bei dem man: „Ab jetzt geht’s wieder nach Hause“ sagen kann. Das ist schön. Beim A nach B laufen spürt man das vorwärts Kommen, man lässt Dörfer, Waldabschnitte, Felder hinter sich. Man wird ein laufender Vagabund. Das ist noch schöner. Zumindest, wenn die Sonne scheint, bei etwa 12 Grad, so wie jetzt. Ab und zu begleitet uns ein Fluss auf unserem Weg, ich nehme an, dass es sich um die Weil handelt. Fluss, Wald und Feld – das ist Laufen royal.

Weiltalweg LandschaftsmarathonWir warten laufend auf den ersten Marathonläufer, der nun bald an uns vorbeischießen sollte, aber zunächst einmal kommt der erste Staffelläufer. Er macht einen knusprigen und gleichzeitig fluffigen Eindruck. Ich mag es, wenn man unterwegs andere Wettbewerbe geboten kriegt und Flatterhöschen an einem vorbei sausen. Das Auge läuft ja mit. Und unterhaltsam ist es allemal. Wir zuckeln unaufhaltsam und stetig vorwärts. Ein Interregio mit Halt an allen Stationen. Man wird doch ein Becherchen Wasser nicht ausschlagen, wenn es einem so nett angeboten wird! Die ICEs können die Stationen ruhig ohne Halt passieren – wir fahren mit quietschenden Bremsen in die Bahnhöfe ein und fauchen ein wenig nach, wie die Lokomotive Emma bei Jim Knopf. So halten es auch zwei weitere Läufer, die immer vor uns laufen und uns doch oft überholen. Das liegt daran, dass sie bei den Getränkestationen scheinbar ausgiebige Picknicks einlegen. Wir lassen uns schon mächtig Zeit, aber das ist nichts gegen die beiden. Um ihre Pause später wieder aufzuholen, heizen sie regelmäßig an uns vorbei, um dann wieder abzubremsen und in unserer Sichtweite weiter zu laufen. Ein wenig stressig wirkt das schon. Aber natürlich ist auch das ein hervorragendes Unterhaltungsprogramm. Zu Beginn hat sich der männliche der beiden Läufer (der andere ist eine Dame) ein paar Mal umgedreht und dabei einen mürrischen Blick in das Feld abgesondert. Je länger der Lauf dauert und ich ihn vor mir sehe, desto mehr habe ich das Gefühl, sein ganzer Rücken ist mürrisch. Seine offene Jacke pendelt missmutig hin und her, die Schultern hängen und scheinen gleichgültig gegen die Strecke anzuarbeiten. Dieser Rücken findet den Lauf irgendwie doof. Der seiner Freundin macht dagegen einen recht optimistischen Eindruck. Er hüpft freundlich neben der verdrossenen Jacke auf und ab. Mit dieser kleinen Läuferrückentypologie kann man sich gut und gerne zwei Kilometer beschäftigen, bevor dann doch der erste Marathonläufer an uns vorbeizieht – mit einem aufrechten Rücken, der über jede Typisierung vollkommen erhaben ist. Auf seinen Verfolger müssen wir lange warten. Wir wissen: Der erste ist uneinholbar, wenn nicht etwas Unvorsehbares passiert. Ob er es auch weiß? Irgendwann läuft ein weiterer Marathonläufer an uns vorbei, der eine weiße Kappe trägt, das Schild nach hinten gedreht. Ich frage mich, wann ich je wieder eine weiße, nach hinten gedrehte Mütze sehen kann, ohne an den Attentäter vom Boston Marathon zu denken. Aber nun denke ich nicht weiter, ich laufe hier, im 6er Schnitt und selten war das so schön, so einfach und befreit wie heute.

Weiltalweg Landschaftsmarathon GetränkestelleZuschauer gibt es an der ganzen Strecke wenige, aber das fehlt hier nicht. In einem Vorgärtchen steht eine alte lächelnde Dame und ruft „Hopp, hopp, hopp“ und so doof ich diese Anfeuerung gelegentlich finde – diese Dame darf das. Es ist erkennbar freundlich und anerkennend gemeint. Irgendwo bei Weilmünster findet sich ein wahres Stimmungsnest von mindestens 10 Zuschauern. Möglicherweise handelt es sich um Patienten der angrenzenden Klinik für Psychotherapie, die sich hier ein wirksames Rezept gegen Depressionen abholen. Aus der ebenfalls anliegenden Klinik für Stimm- und Spracherkrankungen stammen sie schon mal nicht, denn sie feuern rufend an.

Der letzte kleine Bahnhof naht, wir als Interregio rollen ein. Wir könnten jetzt eine Cola trinken. Nur einen kleinen Becher. Das könnte uns beflügeln, obwohl wir doch zu Fuß und nicht auf Schwingen unterwegs sind. Wir probieren es. Schief gehen kann nichts, es sind noch etwa vier Kilometer. Gegen Ende, das wissen wir noch vom Marathon, kommen keine Steigungen mehr, der sandige Weg wird zu Asphalt. Der mürrische Rücken überholt uns wieder im Eiltempo. Plötzlich sagt eine Stimme von irgendwoher: „Hol ihn Dir. Den kriegst Du.“ Ich sehe meinen Trainingspartner an, aber der hat nicht gesprochen. Ich ignoriere die Stimme. Heute bin ich gemütlich unterwegs, kein Alter-Lappen-Lauf. Mein Puls ist ein Läufer-Traum, irgendwo zwischen 80 und 85%. Das könnte so bleiben, bis ins Ziel. Tappeln. In die Sonne blinzeln. Landschaft. Und dann, es sind kaum noch zwei Kilometer bis zum Ziel, taucht plötzlich noch einmal eine Verpflegungsstation mit Wasser auf. In meiner Eigenschaft als Emma, die Lokomotive, dampfe ich zwar etwas, aber dieser Bahnhof wird nicht mehr angefahren. Jim Knopf neben mir sieht das genauso. Der mürrische und der optimistische Rücken stoppen vor uns. In mir werden jetzt große Mengen eines Volkslauftransmitters ausgeschüttet, der alle Prozesse vollautomatisch in Gang setzt. Wir können nicht anders. Wir geben Gas. Wir hören noch, wie die Rücken wieder starten, aber wer hat schon Chancen gegen einen ICE? Auf den letzten anderthalb Kilometern packen wir aus, was wir noch haben und das ist gar nicht mal so wenig. Der 6er Schnitt zerfällt. Kurz vor dem Ziel ist der Puls bei 95%. Da soll noch einer sagen, ich hätte nicht alles gegeben.

Hernach liegen wir erst ein bisschen herum und baden in Apfelschorle, dann holen wir unsere faulen Säcke ab und nutzen die überaus komfortable Möglichkeit uns bezeltet umzuziehen. Anschließend sichten wir das üppige kulinarische Angebot, das sogar Nudelgerichte einschließt und entscheiden uns dann doch für Kuchen. Damit das Glück komplett ist. In den Stunden danach fühle ich mich schlimmstenfalls wie ein junger Lappen. Die Laufzeit von knapp 2:11 ist im Verhältnis besser als die vom Lauf letzte Woche, der zwar etwas anspruchsvoller war – aber wie groß ist der Unterschied im Wohlbefinden! Man darf eben nie zu früh alles geben. Gut Ding will Weiltal haben.

Weiltalweg Landschaftsmarathon Kuchen

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Ein Kommentar um “Emma und der mürrische Rücken.”

  1. Innez Says:

    Wie immer einfach großartig!
    Und genau die richtige Motivation, jetzt doch nochmal für ein Stündchen rauszugehen…


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