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Eine Legende im Bücherregal.

So, Jan 8, 2012

Bücher, Buchgeschenke

Eine Legende im Bücherregal.

Es ist wahr: Emil Zátopek ist eine Legende. Aber wie alle Legenden lebt er in der kollektiven Erinnerung als Klischee fort. Bei Emil Zátopek fällt sofort der Begriff „Tschechische Lokomotive“, jeder Läufer weiß um Zátopeks eigenwilligen Laufstil, seinen Dreifachsieg über 5.000 Meter, 10.000 Meter und den Marathon bei den Olympischen Spielen 1952 in Helsinki. Und dann gibt es da noch DEN Satz, der auf T-Shirts gedruckt, als Slogan von Laufvereinen benutzt und tausendfach zitiert, selbst schon fast eine Legende ist: „Fisch schwimmt, Vogel fliegt, Mensch läuft.“ Über die Person Emil Zátopek sagt das alles herzlich wenig.

Christopher McDougall widmet Zátopek in „Born to Run“ einen längeren Abschnitt und beschäftigt sich dabei mit seinem Charakter. Eines seiner Erfolgsgeheimnisse, stellt McDougall fest, könnte genau dieser Charakter gewesen sein. Ein durch und durch mitfühlender, freundlicher und sozial eingestellter Mensch war Zátopek, seine Ausgeglichenheit – zu diesem Schluss kommt McDougall, ermöglichte ihm, mit seinen Kräften richtig zu haushalten und sich frei von Feindseligkeiten auf das Wesentliche zu konzentrieren. In solchen Schilderungen wird das Klischeebild ein wenig gesprengt und das macht neugierig auf mehr.

Lange bin ich um das Buch „Laufen“ von Jean Echenoz herumgestrichen, einen Roman über Zátopek wollte ich eigentlich nicht lesen, viel lieber eine ordentliche Biografie. Doch in deutscher Sprache gibt es keine, und das obwohl Emil Zátopek ein bewegtes und filmreifes Leben geführt hat. Deshalb musste es eben doch der Roman sein, zumal der nur in den kleinen Ausschmückungen fiktiv wird, sich in der eigentlichen Geschichte jedoch im Wesentlichen an die Fakten hält.

Um es vorweg zu sagen: man erfährt auch hier nicht viel über die Gedanken und Gefühle Zátopeks. Das Buch ist ein kleines Bändchen, das man an einem Regentag in einem Rutsch durchlesen kann. Es lässt nicht viel Raum für innere Monologe, zumal es aus der Sicht eines unbestimmten fiktiven Zeitzeugen geschrieben ist, als würde ein alter Freund Emils berichten. Es beleuchtet aber einen Aspekt in Zátopeks Leben und Karriere besonders und allein das ist es wert, das Buch zu lesen. „Ein Sportleben in Zeiten der Diktatur“ könnte der Untertitel sein. Man erfährt, dass hier ein Läufer, der nichts anderes will, als laufen, in die Mühlen des Regimes der Tscheslowakei gerät, wie er benutzt, gegängelt, seiner Freiheit beraubt und bestraft wird. Und das, obwohl ihn die Menschen im In- und Ausland gleichermaßen verehren und er damit der Diktatur ein positives Bild zur Seite stellt. Von der Regierung wird er behandelt wie deren Eigentum. Sie bestimmt, wann er wo antreten darf und manipuliert Zátopeks Aussagen in Interviews schließlich so, dass er sich den Unmut des Auslands zuzieht und sogar ausgeladen wird.

Echenoz berichtet das alles mit ironischer Leichtigkeit. Seine Sprache ist sehr einfach und klingt manchmal ein bisschen naiv, so naiv und duldsam, wie auch Zátopek häufig dargestellt wird. Doch ein tumber Tor war der Tscheche keineswegs. Er sprach zahlreiche Fremdsprachen und war an der Welt interessiert. 1968 kletterte er auf einen sowjetischen Panzer und appellierte an die Soldaten, wieder nach Hause zu fahren. In Folge dessen ließ man ihn für lange Zeit in einem Uranbergwerk verschwinden und Strafarbeit verrichten.

Ganz nebenbei wird übrigens auch der ungeheure Trainingsfleiß Emils deutlich, bis zu 9.000 Trainingskilometer im Jahr soll er abgespult haben. Auch dazu gibt es wieder einen legendären Zátopek-Satz: „Mach’s Dir im Training schwer, dann wird es im Wettkampf leichter.“ Das Buch beschreibt den Aufstieg und den wechselhaften Ausklang seiner Karriere. Am Ende steht vor jedem Wettkampf das Unken – schafft er es noch einmal, sollte er nicht besser aufhören? Beim Lesen kommt man nicht umhin, an Haile Gebrselassie zu denken, ebenfalls längst eine Legende. Wenn Legenden sich nicht mehr auf ihre Leistung verlassen können, ist immer etwas Tragisches dabei, obwohl das natürliche Nachlassen der Leistung gar keine Tragödie ist.

Mit seinem Kameradschaftsgeist und seinem freundlichen Wesen war Zátopek ein Sportler im besten Sinn, einer der mehr Aufmerksamkeit verdient hat, als über Sprüche auf T-Shirts. Ohne jede Übertreibung kann man ihn als den größten Läufer aller Zeiten bezeichnen, den einzigen, der jemals acht (!) Rekorde gleichzeitig hielt. Als Läufer sollte man am Besten grundsätzlich alle Bücher über Zátopek kennen. Ich hoffe sehr darauf, dass dieses nur den Anfang macht und sich bald jemand um eine Biografie bemüht, die so bunt und vielseitig ist, wie es Zátopek gebührt.

Eine 49-minütige Dokumentation aus den 80er Jahren (deutsch):

Fotoquelle: Deutsche Fotothek

4Antworten um “Eine Legende im Bücherregal.”

  1. Manuela Says:

    Ich hatte auch schon überlegt dieses Buch zu lesen – danke für den Beitrag!

  2. Harald Says:

    Hallo Heidi,

    „Fisch fliegt, Vogel fliegt, Mensch läuft.“ – na ich hatte das Zitat etwas anders in Erinnerung 😉

    Gruß
    Harald

  3. admin Says:

    😀 Wenigstens einer passt auf, danke Harald. So wäre das Zitat in der Tat ein bisschen skurril. Hab’s gleich geändert.

  4. claudia Says:

    danke für deinen buchtipp! da der winter sich grad in fahrt bringt, werden sich sicher noch einige freie sonntage sich ergeben, wo man seine geschichte in kurzform auf der couch lesen kann …


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